Review: BLACK SWAN

Story

Die junge, etwas eingeschüchterte, aber hochbegabte Ballerina Nina Sayers hat einen großen Traum: sie möchte die Doppelrolle des weißen und schwarzen Schwans in der Aufführung von Schwanensee tanzen. Doch nur für einen der beiden Parts ist das fragile Mädchen die Idealbesetzung, den verführerischen schwarzen Schwan traut ihr der Direktor des Ensemble, Thomas Leroy, nicht zu. Dennoch gibt er ihr schließlich die Rolle und versucht, die Leidenschaft in Nina zu wecken, die stets nur um den perfekten Tanz bemüht ist. Ganz anders die impulsive Lily, neu bei der Truppe, weniger verkrampft, tänzerisch nicht ganz so gut, aber mit dem Feuer, das Leroy sich wünscht. Unter den Forderungen des Direktors und der Konkurrenz Lilys steigert sich Nina mit fortschreitender Dauer der Proben immer weiter in einen wahnhaften Zustand, aus dem es nur eine Erlösung geben kann…

Der Film

Ein paranoides Mathematik-Genie, der Niedergang einiger Drogenabhängiger, die Suche nach dem ewigen Leben, der Existenzkampf eines abgehalfterten Ringers – und nun Zickenterror beim Ballett? Klang seltsam, was sich Regisseur Darren Aronofsky da nach seinen gefeierten Werken Pi (1998), Requiem for a Dream (2000), The Fountain (2006) und The Wrestler (2008) vorgenommen hatte, nach etwas, dass man unter dieser Prämisse schlimmstenfalls für eine RomCom mit Jennifer Lopez hätte halten können. Das ist aus Black Swan natürlich bei weitem nicht geworden, der Oscar-Kandidat ist tatsächlich wieder ein ganz typischer Aronofsky. Der kompromisslos abgefilmte physische und psychische Untergang einer labilen Seele, der Weg in den Abgrund eines getriebenen Menschen. Schwere Kost, die, auch üblich bei Aronofsky, keine Umwege geht und die sich nicht dem Anspruch verschreibt, irgendetwas Unterschwelliges an den Zuschauer zu bringen, sondern in aller Frontalität auf ihn zu inszeniert und ihn im Zweifelsfall einfach unter sich begräbt. Kaum jedermanns Sache und bei Black Swan sicher noch ausgeprägter und weniger subtil so umgesetzt, wie bei den vorigen Werken des Regisseurs.



Wer die Geschichte von Schwanensee kennt (und wer sie nicht kennt, der bekommt sie am Anfang des Films erzählt), und/oder geschult im Schaffen Aronofskys ist, für den ist der Ausgang der Geschichte eigentlich klar. Solche Geschichten enden nicht mit Blumenwiesen und Küssen und Umarmungen und es geht Aronofsky auch kein bißchen darum, den Anschein der Möglichkeit zu erwecken. Black Swan ist von Beginn an ein unheilvoller Film, ein dunkler Korridor ohne Exit-Schild und den es hinter sich zu bringen gilt, für die Protagonistin wie für den Zuschauer. Eine Zweckgemeinschaft, die Aronofsky und sein Kameramann Matthew Libatique vor allem wieder durch Unmittelbarkeit erzwingen. Der Weg vom bequemen Kinositz in die Unbehaglichkeit der Realität des Films ist bei Aronofsky ein extrem kurzer, ständig scheint man der eiligen und eifrigen Nina Sayers direkt hinterherzueilen, ihre Pirouetten in entgegengesetzter Richtung mitzudrehen.

Wie bei Randy „The Ram“ Robinson aus The Wrestler, so fühlt man sich auch Nina trotz dieser Methodik nie richtig nah, auch weil beide Geschichten in einem Milieu angesiedelt sind, das für Außenstehende nur die Fassade ist. Beim Wrestling sieht man Showkämpfe, einstudierte Choreographien von tonnenschweren Muskelmännern, beim Ballett sieht man Glitzer und Glanz, einstudierte Choreographien von grazilen Tänzern und Tänzerinnen. Man sieht Schein. Das Leben, die Welt hinter den Choreographien, hinter dem, was von außen perfekt aussehen muss, dahin folgt Aronofsky seinen Figuren und das stets direkt bis zu einem Grad, an dem man sich fragt, wie man so etwas freiwillig auf sich nehmen kann. Blutige Zehen mit gespaltenen Nägeln, knackende Knochen, krampfhaftes Abmagern, eine nur unter und durch Schmerz zu erreichende Körperbeherrschung – und im Falle von Black Swan ein unter den Auswirkungen dieser Last zerbrechender Verstand.



Darren Aronofsky ist kein Regisseur, der seine Schauspieler mit sanfter Hand führt oder zu ihren Figuren hingeleitet. Aronofsky bevorzugt es, seine Schauspieler vor der Kamera zu zerstören, sie in ein blindes Vertrauensverhältnis zu bewegen, um ihm das Abfilmen totaler Selbstaufgabe zu ermöglichen. So handhabte er es mit Jared Leto und Ellen Burstyn bei Requeim for a Dream, mit Mickey Rourke bei The Wrestler und nun auch mit Natalie Portman, der man diesen Akt der Zurschaustellung kaum zugetraut hätte. Doch wie ihre Vorgänger, so opfert auch sie sich komplett dieser Figur und für diese Figur, lässt jedes bißchen Natalie Portman, jedes bißchen Image hinter sich. Portman wird wohl in dieser Award-Season so ziemlich jeden Darstellerinnenpreis abstauben und verdient sich diesen Triumpfzug besonders dadurch, dass man hier eben keine sich quälende Darstellerin mit »I wanted to try something different“-Attitüde wahrnimmt, sondern ausschließlich diese sich quälende Ballerina, aus der sich Dinge hervorzukämpfen versuchen, denen sie nicht gewachsen ist. Das transportiert Portman in jedem Moment, ob von Schmerz oder Zweifeln, sexueller Begierde oder Unterdrückung, unbedingtem Willen und Schatten des Versagens geplagt.

Daneben leisten Vincent Cassel als trizender Direktor, Mila Kunis als heißspornige Lily und Barbara Hershey als Ninas besorgte Mutter im Grunde nur Zuliefererdienste, allerdings verlässliche und hochwertige solche. Gerade Barbara Hershey strahlt etwas derart einschüchterndes aus, dass ihr Anblick und ihre Art immer wieder erschaudern lässt. So oder so ähnlich muss wohl Norman Bates‘ Mama zu Lebzeiten gewesen sein. Kunis liefert in Black Swan bislang klar ihren darstellerischen Karrierehöhepunkt, Cassel trumpft mit gewohnt verschlagenem Charme auf. Doch nicht auf alles kann Black Swan sich so sicher stützen, wie auf seine Darsteller. Das direkte Geradeaus des Darren Aronofsky birgt immer auch die Gefahr, dass mit der Zeit die Wirkung des Films nachlässt, freilich ohne völlig zu verpuffen. Aber die Intensität der ersten zwei Drittel kann Black Swan im letzten Drittel nicht mehr aufrecht erhalten, zumal der fortschreitende Wahnsinn Ninas mit abgedroschenen Mitteln propagiert wird. Sich bewegende Bilder, Spiegelbilder mit Eigenleben und eine Mordszene, deren Konsequenzen an die schwarze Komödie Immer Ärger mit Bernie(1989) denken lässt, hätten auch ausbleiben können. Auch manch kreischender Soundeffekt und die an den entsprechenden Stellen zu dramatischer Lautstärke aufgeblähte Schwanensee-Musik nutzt sich ab und stellt manche Szene unnötig ins Schaufenster.



Black Swan ist ein unangenehmer Film. Kein einziger Moment, in dem er einem nicht Unbehagen bereitet, keiner der kargen, dunklen, kalten Schauplätze wirkt auch nur im entferntesten einladend, in keiner Sekunde fühlt man sich beim Anblick dieses Films wohl. Aronofsky inszeniert einen düsteren Alptraum, erlebt durch die Augen eines anderen Menschen und erst gegen Ende, wenn seine Schockeffekte allzu plakativ werden, wird man aus dessen Tiefen heraufgezehrt und es beginnen einem die Augenlider zu flattern. Dann häufen sich die Momente, die sich anfühlen wie kurz vorm Aufwachen, die einen daran zu erinnern beginnen, dass alles nur ein Traum ist und in denen die Illusion des Films nicht aufrecht erhalten werden kann. Und wenn man schließlich vom tosenden Applaus des Abspanns entgültig aufgeweckt wird ist man froh, Black Swan hinter sich zu haben. Vorläufig zumindest. Denn Eindruck hinterlässt der schwarze Schwan. Vor allem, da Darren Aronofsky, seien seine Methoden teils platt und offensichtlich wie sie wollen, eine elementare Sache bedenkt, die das Horror-Genre (auch wenn der Film diesem natürlich nicht zuvorderst angehört) vor lauter Folterei und „alles muss gezeigt werden“-Mentalität vernachlässigt oder vergessen hat: das, was in den Gedanken des Zuschauers passiert.

Wertung & Fazit

Action: 0,5/5
Nicht im klassischen Sinne, aber zumindest den virtuos gefilmten Ballett-Szenen könnte man dieses Attribut durchaus andichten.
Spannung: 4/5
Es ist klar, worauf Black Swan zusteuert. Dennoch ist der Film von hoher Intensität und allein durch das ständige Gefühl des Unbehagens entsteht zumindest eine innere Spannung, die sich erst gegen Ende lockert.
Anspruch: 3/5
Fraglos ist Black Swan nicht DAS Paradebeispiel eines tiefenpsychologisch vollends ausgeleuchteten Films, dennoch liegt in der direkten Darstellung des Wahns kein völlig verkehrter Ansatz.
Humor: 0/5
Ballett ist nicht zum Lachen.
Darsteller: 5/5
Natalie Portman ist das unbestreitbare Highlight des Films, der übrige Cast liefert überzeugend die nötige Unterstützung.
Regie: 4,5/5
Darren Aronofsky bügelt einen abermals ziemlich platt und lässt einen ausgelaugt zurück, auch wenn es hier und da ein leiserer Ton vielleicht (noch) besser getroffen hätte.
Fazit: 8/10
Gefrierend kalter, teils grotesker und verstörender Trip, am Abgrund entlang und dann direkt hinab…

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25 Kommentare

  1. Pingback: Black Swan (Film)
  2. Mal abgesehen von dem ganzen Medienrummel ist der Film OK! Keine Frage alle Hauptfiguren, insbesondere Ms. Portmann, waren klasse besetzt und haben Glanzleistungen abgelegt! Jedoch sollte der Zuschauer “nur” geschockt werden! Dazu wurde zu Tabu-themen gegriffen wie Selbstbefriedigung, Lesben-Sex, Boarderline, usw! Die Sensationsgeilheit der Menschen wurde ausgenutzt, Natürlich wirft dass im Nachhinein geschwätz auf! Aber ganz ehrlich fand ich persönlich das Inhaltlich nicht so dolle! Und man sollte sich nicht von der tollen Kameraführung, den Großartigen Schauspielern oder der perfekt angepassten Musik in die Irre leiten lassen, dass hat nichts mit dem Inhalt zu tun! Dass einzige was mir an der Geschichte gefallen hat ist wie sie aufgebaut wurde –  Spannung steigt mit jeder Minute! Doch trotzdem bin ich der Meinung dass nur durch die Senationslust der Menschen hier ein Kassenknaller entstanden ist! 
    Uiii die ritzt sich, masturbiert und wird von ner Ballerina geleckt! –  Tschuldigung, aber da werden selbst die Affen aufmerksam!!    

  3. NEIN NEIN NEIN
    WARUM ?
    ganz klar, weil dieser FIlm ein schlechte 1:1 Kopie von FIGHT CLUB ist.
    wenn es FIGHT Club nicht gegeben hätte, wäre BLACK SWAN ein verdammt guter FIlm, aber FIGHT Club ist nicht nur cooler, fetter, komplexer, intelligenter, (vorallem) tiefgängiger also BLACK SWAN, sondern hätte anstelle dieses Plagiates soviele OSKAR-Nominierungen erhalten sollen

    FAZIT: dieser Film ist ein möchtegern Fight Club-Film für Mädchen, nur ist das Original , fetter rasanter, moderner wirkender (und das im Jahre 1999), durchdachter, cleverer, brutaler, eben einfach besser

    Wäre ich David Fincher, würde ich für solch Dreistigkeit an Diebstahl und deren daraus auch noch resultierenden Lobgesänge vor Wut im Kreis springen

  4. Darren Aronofsky ist wirklich Grund genug, sich einen Film anzugucken. Enttäuscht hat mich noch keiner von ihm und das war auch bei Black Swan nicht der Fall – und Montag gucke ich ihn nochmal, juchu!

  5. Da wir bei “The Fountain”, “The Wrestler” und, glaube ich, auch bei “Requiem” auf einer Linie liegen, könnte das hier ebenfalls der Fall sein. Den Kinobesuch spare ich mir aber. Aronofsky ist was für den DVD-Player, ohne Popcornrascheln und andere Störgeräusche, ganz zu schweigen von Gesellschaft.

    1. Kann ich nach meinen bei Black Swan gemachten Erfahrungen nur bestätigen. Oh Mann, diese kichernde Tanten zehn, zwölf Plätze neben mir, was haben die bloß für einen Film gesehen?!?

    1. Gar nicht soooo absurd, hab die Tage schonmal irgendwo einen Vergleich der beiden Filme gelesen und da gibt’s durchaus ein paar Parallelen. Hab so zwanzig Minuten vor Schluss tatsächlich auch gedacht: oh Mann, das könnte direkt auf den Fight Club-Twist zusteuern. Biegt ja dann zum Glück doch noch an etwas anderer Stelle ab

  6. Bin wirklich sehr gespannt. Requiem… fand ich sehr gelungen, Fountain furchtbar langweilig und The Wrestler zwar gut aber bei weitem nicht so perfekt, wie der Hype um den Film versprach. Ich gehe eigentlich wider besseren Wissens in den Film, da ich a) mit Ballett überhaupt nichts anfangen kann und b) Natalie Portman furchtbar uninteressant finde, bleibt abzuwarten, ob sich meine Meinung ihr gegenüber ändert.

    1. Abgesehen davon, dass ich The Fountain großartig finde (wobei bei dem die Meinugen ja eh meilenweit auseinandergehen) und ich die Portman mag, ging’s mir ansonsten ähnlich. The Wrestler wurde dem Hype wirklich nicht ganz gerecht (Black Swan auch nicht vollends), Ballett ist auch nicht meins, was auch zur gewissen Unlust auf den Film trotz hoher Erwartungen führte. Wenn Portman dich allerdings hier nicht überzeugen kann, dann wahrscheinlich nie mehr 😉

    1. Weil Black Swan letztlich wohl zu den Filmen gehört, die man dieses Jahr gesehen haben sollte und ich innerhalb der nächsten zwei, drei Wochen nur gestern Zeit hatte, ihn mir anzusehen. Und danach läuft der wahrscheinlich nur noch zu Unzeiten in irgendwelchen winzigen Sälen

  7. Komme auch gerade aus dem Kino und bin immer noch total geplättet. Mich hat der Film echt vom Hocker gerissen. Nach “The Fountain” und “The Wrestler” nun mal wieder etwas psychotischer und paranoider. Reicht zwar tatsächlich nicht an die Sogkraft eines “Requiem for a Dream”, aber es reicht um mehr als nur bleibende Eindrücke zu hinterlassen.

    Unbedingt sehenswert!!!

  8. Selbst in meinem hinterwäldlerischen Käseblatt, dessen Filkritiker sich gross vorkommt, weil er nur alle Jubeljahre mal einen Film lobt, erhielt “Black Swan” fünf von fünf möglichen Punkten (während “The Fountain”, hier stimme ich ihm zu, als Absturz bezeichnet wurde). – In wenigen Tagen gedenke ich festzustellen, ob dauerkichernde Weibsen tatsächlich zu einem Abzug von zwei Punkten zu führen vermögen… 😉

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