Review: BRIDESMAIDS

BRIDESMAIDS Filmkritik
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Seit Jahrzehnten wird sie von Komikern als Sprungbrett genutzt, die wöchentliche Saturday Night Live Show. Seit mittlerweile über 700 Episoden in 37 Staffeln, angefangen 1975, ist das Comedy Format auf Sendung und bot ehemaligen und aktuellen Genregrößen wie Chevy Chase, Dan Aykroyd, Bill Murray, Eddie Murphy, Mike Myers, Adam Sandler, Sarah Silverman, Will Ferrell oder Tina Fey eine erste Bühne. Große Namen, ein breites Spektrum an Talenten – Saturday Night Live ist für die US-Comedy quasi das, was die Bolzplätze Brasiliens für den Fußballmarkt sind. Auch aus der aktuellen Besetzungen streben wieder einige nach den Sphären der oben genannten Damen und Herren. Jason Sudeikis zum Beispiel, der 2011 in Hall Pass und Horrible Bosses herumblödelte. Noch bessere Karten auf fortwährende Leinwandpräsenz, und das nur eines einziges Films wegen, dürfte allerdings Kristen Wiig haben. Die spielte bislang Nebenrollen in Knocked Up, Walk Hard: The Dewey Cox Story (beide mit Beteiligung eines der momentanen Komödien-Gurus, Judd Apatow) oder Shawn Levys gelungenem Date Night, legte nun in 2011 mit ihrer ersten großen Hauptrolle in Bridesmaids aber gleich mal den erfolgreichsten nicht-SNL-bezogenen Debüt-Film eines SNL-Stars überhaupt hin (ja, sorry, ich weiß, trivialer geht’s kaum). In einem wahrscheinlichen Sequel ist Wiig zwar wohl nicht mehr dabei, der Erstling jedenfalls profitiert vor allem von ihrer herrlichen Performance.

Story

In Annies Leben rasselt gerade alles durch’s Sieb. Ihr Freund hat sie sitzen lassen, ihre kleine Bäckerei fiel der Wirtschaftskrise zum Opfer, ihr neuer Job beim Juwelier setzt ihr ständig nervende »we are so happy«-Pärchen vor die Nase und die Bettbeziehung mit Megamacho Ted bringt ihr eine erniedrigende Nacht nach der nächsten – inklusive Rausschmiss am Morgen danach. Und dann auch noch das: Annies Kindheitsfreundin Lillian, mit der sie seit ewig durch dick und dünn geht, wird heiraten. Auf dem Weg zum großen Tag lernt Trauzeugin Annie die anderen Brautjungfern kennen, unter ihnen die strahlend perfekte Helen, seit ein paar popeligen Monaten Lillians Freundin. Und ausgerechnet die beginnt nun, die Hochzeitsvorbereitungen an sich zu reißen, während die verunsicherte Annie die Freundinnen von einer Verlegenheit in die nächste stürzt. Ein best girl-battle zwischen ihr und Helen auf der Verlobungsfeier, folgenreiche Lebensmittelvergiftungen während der Anprobe und Chaos auf dem Flug zum Junggesellinnenabschied sind da nur der Anfang…

Der Film



Auch bei Bridesmaids hat Judd Apatow seine vielbeschäftigten Finger im Spiel, diesmal in der Rolle des Produzenten. Vermarktet wurde der Film allerdings mehr als feminines Gegenstück zu einem Werk des zweiten großen Machers der modernen US-Komödie, nämlich Todd Phillips‘ The Hangover. Kann natürlich nicht schaden, die Verschwägerung mit der erfolgreichsten R-Rated Comedy überhaupt einzugehen und da es sich in beiden Fällen um mainstreamiges Formelkino handelt hören die Gemeinsamkeiten auch nicht bei der Altersfreigabe auf. Trotzdem wär’s Bridesmaids gegenüber ziemlich ungerecht, würde man den Ratekumpel bei einer Runde RuckZuck mit der Beschreibung »dat is wie Hangover, nur mit Titten und Muschis und in Rosa« darauf kommen lassen wollen. Was den Brautjungfernreigen sehenswert macht ist nicht das, worin er dem Katertrip durch Touristenhochburgen gleich oder ähnlich ist, sondern das, worin er sich deutlich davon unterscheidet. Wo die beiden Hangover fast ausschließlich über ihre Prämisse funktionieren (wollen) und diese über zwei Filme breit walzen, sprich drei ungeeignete Typen mit Filmriss auf der Suche nach dem verschwundenen vierten durch möglichst viele ach so voll krass-anarcho-rekonstruierte Ereignisse zu hetzen, da bietet Bridesmaids schon etliches mehr als nur eine Grundidee.

Bridesmaids existenzberechtigt sich durch eine Story mit Gehalt, durch eine Story, die nicht bloß stolpriger Hürdenlauf bis zum nächsten Gag ist und die von Figuren lebt, die nicht in zwei Sekunden dahin gepitcht wurden, sondern in die genügend Zeit investiert wurde und für die sich der Film ausreichend Zeit nimmt, um sie aufzurichten, laufen zu lassen, ins Straucheln zu bringen, Herz und Verstand wachsen zu lassen. Das gilt natürlich vor allem für Protagonistin Annie. Während der ersten zehn, fünfzehn Minuten braucht es einen Moment der Verinnerlichung, dass sich Bridesmaids vorrangig um sie dreht und nicht um Lillian die Braut, wo es doch ein viel typischerer Handlungsweg wäre, letztere durch die Täler des Zweifels und bla und blubb bis hin zum Altar zu begleiten. Ohnehin braucht der gesamte Film seinen Moment, seine Minuten: Bridesmaids entpuppt sich als eines dieser retrospektiven Filmerlebnisse, bei dem frühe Szenen und erste Gags nachbetrachtet umso gelungener und witziger wirken, je vertrauter man mit den Figuren geworden ist. Der eröffnende, denkbar unsexy Rammelakt zwischen Annie und Machoarsch Ted zum Beispiel, das Sex and the City-light Geschnattere zwischen ihr und Lillian – das zündet zu Beginn alles noch nicht so richtig, ebensowenig das Panoramen-Recycling einiger Chicago’er Sehenswürdigkeiten, die auch Transformers 3 als Kulisse dienen (gut, letzteres mag nur dann etwas befremdlich wirken oder überhaupt irgendwie auffallen, wenn man den Robo-Clash kurz vorher gesehen hat).



Mit der Zeit, und das ist hier nicht bloß hohle Phrase, wächst einem die vom Pech verfolgte und von einem steinerweichenden Kummer vereinnahmte Annie so richtig ans Herz. Kristen Wiig, auch als Co-Autorin tätig, hat sich da eine wunderbare Rolle geschrieben, die unter anderem in den zahlreichen Fremdschämmomenten (und dies wieder im angenehmen Gegensatz zu Hangover) nicht komplett entwürdigt wird, da ihr stets drei Dinge gelassen werden: ihre liebenswerte „durchatmen und weitermachen“-Mentalität, freches Selbstbewusstsein und eine Motivation, eine die wirklich erfühlbar und nachvollziehbar ist. Annies Furcht, neben allem anderen nun noch die beste Freundin an eine zuckersüß-oberflächliche Beauty Queen zu verlieren und ihre dominosteinartig kippenden Bemühungen, dies zu verhindern – daraus zieht Bridesmaids Komik und Tragik, denn wie für eine Apatow-Produktion typisch bekommt das (seichte) Drama seinen fast gleichberechtigten Platz neben der Komödie. In dieser Kombination, die längst nicht immer aufgeht, funktioniert dann sogar ein relativ früh im Film stattfindender Anfall von Fäkal- und sonstigem Körperausscheidungshumor, der vielleicht nicht unbedingt nötig gewesen wäre und der in seiner grafischen Darstellung unschön weit geht (besonders wenn andererseits bei Bettszenen die US-as-usual-Prüderie herrscht und mit BH gesext wird). Dennoch: der Grad der von Annie verursachten Selbst- und Fremderniedrigung misst sich in dieser Szene an ihrem guten Willen im Kampf um Lillians Freundschaft, nicht an der Menge von Kacke und Kotze und so bleibt Bridesmaids in seinen derbsten Momenten menschlich.

Allerdings gleichen die minütlich steigenden Sympathiewerte für die Figuren nicht jeden Makel aus: einige Sequenzen, wie die gerade angesprochene, treibt Bridesmaids weit über ihre Pointe hinaus, als hätte TV-Regisseur und Spielfilmdebütant Paul Feig vor Aufregung das Fachvokabular vergessen und sich immer ein bißchen zu spät an’s »CUT!«-Rufen erinnert. Der entstehenden Überlange kommt die episodische Struktur des Films entgegen, in die sich als kleines Zwischenspiel der Subplot um Annie und den gutmütigen Verkehrscop Rhodes einfügt. Der wird von Chris O’Dowd dermaßen nett gespielt, dass man diesem Handlungsstrang seine Konsenzmoral verzeiht: wahres Glück findet man eben doch in den beschützenden Armen des nice guys von nebenan… Wie alle anderen Nebenfiguren gerät auch Rhodes ein wenig stichwortig, was jedoch bei ihm, den Freundinnen und Annies Mitbewohnergeschwisterpaar nicht weiter stört, da die Figuren gut funktionieren. Rose Byrne ist als Helen irgendwie bezaubernd, aber irgendwie auch abstoßend affektiert, Wendi McLendon-Covey ergänzt als ehefrustrierte MILF Rita die zarte Unschuld der frisch verheirateten Becca, gespielt von Ellie Kemper. Einzig bei Melissa McCarthy wird’s tricky: Gilmore Girls-Fans als chaotisch-resolute Küchenchefin Sookie bekannt, liefert sie hier eine völlig enthemmte Darstellung als durchgeballerte Megan ab – und gibt damit 1:1 das Zach Galifianakis-Double. Das ist nicht unbedingt schlimm, wenn auch teils arg überzogen, aber es wäre im allgemeinen schon begrüßenswert, wenn die schrägste Figur mal nicht die mit dem schlechtesten Body Mass Index wäre. Zumal Bridesmaids mit Rebel Wilson und dem leider verschenkten Little Britain-Genie Matt Lucas gleich noch zwei so Kandidaten im Fenster stehen hat.



Aber ganz vorne im Fenster steht schließlich Kristen Wiig und die macht das so famos, dass man manchen Szenen schon wieder gerne länger zusieht, als das eigentlich lustig ist. Ihre Freundschaft zur herzlichen Maya Rudolph, die ebenfalls dem Schmelztiegel Saturday Night Live entstiegen ist, bleibt als treibende Kraft stets präsent, auch wenn Rudolph in der zweiten Hälfte auf deutlich weniger Screentime kommt. Gerade angesichts dessen hätte Bridesmaids hier und da eine Verschlankung um ein paar Minuten nicht geschadet. Aber ob nun als gen zwei Stunden-Marke gestreckter Film der er ist, oder als knackiger 90minüter, was ihm noch besser gestanden hätte: mehr Vergnügen als mit Bridesmaids wird man im Kinojahr 2011 kaum finden. Vermutlich nix für die Comedy-Ewigkeit, aber mit reichlich Material für jeden Jahresrückblick und für irgendwelche omminösen Kategorien bei den MTV Movies Awards, Best Plane Outburst, Best „shitting on the street while probe-wearing your wedding dress“-Moment, oder sowas.

Wertung & Fazit

Action: 0,5/5
Einige Momente physischer Komödie, aber eigentlich natürlich kein wirkliches Kriterium für ‘ne reine Komödie.
Spannung: 1/5
Bridesmaids bietet keine „echte“ Spannung, sondern nur in sofern welche, dass man auf die nächste von Annie verschuldete Peinlichkeit „gespannt“ ist.
Anspruch: 0,5/5
Teils ist Bridesmaids weit überzeichnet, aber die Probleme, die Hauptfigur Annie wälzt, sind tatsächlich mal welche mit Grund und Hintergedanke.
Humor: 4/5
Kein ständies aus dem Sessel kippen vor Lachen, aber viele Szenen voll herrlich komischer mindestens-Schmunzel-Einlagen. Einige Gags zünden erst retrospektiv, manche auch gar nicht, aber insgesamt eine beeindruckend hohe Dichte wirklich lustiger Einlagen.
Darsteller: 4,5/5
Die alte Laier vom bestens aufeinander eingestimmtem Ensemble perfekt vorgeführt. Kristen Wiig mit toller Performance.
Regie: 3,5/5
Paul Feig trennt sich zu spät von manchen Szenen, liefert ansonsten aber eine mindestens überdurchschnittliche Comedy-Regie. Auch dank eines sehr entgegenkommend-spritzigen Scripts
Fazit: 8/10
Who would have guessed: was als Östrogen-Hangover verkauft wurde ist tatsächlich die wohl beste Komödie des Kinojahres 2011. Zündet nicht vom Start weg, ist ein bißchen überlang, aber insgesamt ein schmackhaftes Vergnügen mit umwerfender Hauptdarstellerin.

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6 Kommentare

  1. Mhm… diese Szene im Brautgeschäft werde ich dem Film wohl immer sehr übel nehmen. Das war einfach zu viel für meinen Geschmack. (Haha: Geschmack! Grrr!). Wo mir der Film aber dann doch gefallen hat, waren die gemeinsamen Szenen von Kristen Wiig und Chris O’Dowd; und dort vor allem der Versuch von Wiig seine Aufmerksam im Auto zu bekommen. Da sah man dann ihre SNL-Herkunft. Die Sex-Szene mit Jon Ham am Anfang fand ich auch lustig (Kristen Wiig klingt beim Sex also wie ein Affe). Aber Melissa McCarthy z. B. spielte so dermaßen Over the Top, dass ich daran echt keine Freude hatte. Das fand ich einfach nur dämmlich.

    1. Ja, die Szene im Brautgeschäft… daran (aus)scheiden sich verständlicherweise die Geister. Mir hätten da auch ein paar mehr Andeutungen und ein bißchen weniger Konkretes gereicht, wobei Wiig das auch in der Szene toll macht, als sie vorzutäuschen versucht, dass es ihr gut geht. Und die von dir erwähnte Szene mit dem Auto war wirklich richtig groß. Bei McCarthy sag ich ja, es wäre schön und ‘ne Abwechslung, wenn Hollywood seine Pfundsleute mal wieder ein bißchen mehr down to earth holen würde. Aber Galifianakis & co. haben da was losgetreten, das wohl schwer aufzuhalten ist…

    1. Pffff, als ob für mein Geschreibsel irgendwer Geld zahlen würde… 😉
      Nö, war einfach, auch zu meiner eigenen Überraschung, ‘ne wirklich gelungene Komödie.

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