Review: BROTHERS

BROTHERS Filmkritik

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Story

Der Marine Captain Sam Cahill steht kurz vor seinem vierten Einsatz für Ehre und Vaterland in Afghanistan. Ein paar Tage vor dem Aufbruch holt er noch seinen Bruder Tommy ab, der gerade nach einer Haftstrafe wegen bewaffneten Raubes aus dem Gefängnis entlassen wird. Als Sam schließlich ins Kriegsgebiet aufbricht ereilt seine Frau Grace und die gemeinsamen Töchter Isabelle und Maggie kurz darauf die schreckliche Nachricht: Sams Helikopter wurde abgeschossen, er für Tod erklärt. In der Zeit der Trauer um den gefallenen Ehemann, Vater, Sohn und Bruder findet Tommy zu seinem Verantwortungsgefühl und ist fürsorglich für Grace und die Kinder da. Bis es zu einem Kuss zwischen ihm und der Frau seines Bruders kommt. Sam indes ist am Leben und muss in Afghanistan gemeinsam mit einem weiteren Soldaten die grausame Kriegsgefangenschaft ertragen – und wird zu einer Tat gezwungen, die ihn nach seiner Rettung und Rückkehr in die Heimat nicht mehr loslässt…

Der Film

Das deutsche Kinopublikum muss Geduld beweisen, sofern es an der filmischen Auseinandersetzung Amerikas mit den Anti-Terror-Kriegen im Irak und Afghanistan und deren Folgen interessiert ist. Das Oscar-prämierte Bombenentschärfer-Drama The Hurt Locker von Kathryn Bigelow kam nach seinem US-Start im Juni 2008 mit zweimonatiger Verspätung an, Oren Movermans The Messenger brauchte gar sieben Monate, ehe man seine Nachricht im Juni 2010 erhielt. Den Black Hawn schießt in dieser Hinsicht allerdings Jim Sheridans Brothers ab. Wenngleich von den genannten Filmen der in Amerika kommerziell erfolgreichste, brauchte es über ein Jahr, ehe das Remake des dänischen Brødre (2004) nun endlich auf hiesigen Leinwänden zu sehen ist. Wobei man nun, da es soweit ist, etwas ernüchtert feststellen muss, dass man ihn so wirklich dort gar nicht gebraucht hätte.



Bei Brothers sind eigentlich alle Zutaten vorhanden. Mit Jim Sheridan ein Regisseur, der mit My Left Foot (1989), The Field (1990) oder In the Name of the Father (1993) bewiesen hat, menschliche und seelische Dramen kitsch- und pathosfrei inszenieren zu können, mit Ex-Spider-Man Tobey Maguire, dem oscarnominierten Jake Gyllenhaal (Brokeback Mountain) sowie der jüngst mit Kritikerpreisen überhäuften Natalie Portman (Black Swan) eine so namhafte wie talentierte Besetzung und natürlich ein hochklassiger zugrundeliegender Originalstoff, der unter anderem den Audience Award beim Sundance Film Festival 2005 gewann und zigfach Nominierungen für den Europäischen Filmpreis und bei den dänischen Bodil Awards eingeheimst hatte. Dass Susanne Biers Brødre ein somit natürlich wenig remakebedürftiger Film ist stört eh nicht weiter, haben sich doch bereits Christopher Nolan mit Insomnia (2002) und momentan David Fincher mit The Girl with the Dragon Tattoo (2011) nur kurze Zeit nach deren Erscheinen bei skandinavischen Stoffen bedient…

Sein Dasein als Remake ist aber tatsächlich nicht Brothers‘ Schwierigkeit. Die Heimkehrerthematik war schon im Original keine neue, ebensowenig die Frau zwischen zwei Männern vor kriegerischem Hintergrund, da gibt’s Rambo und The Deer Hunter und Pearl Harbor und… Doch obwohl Regisseur Sheridan viele Fallen gekonnt umkurvt (er amerikanisiert die Geschichte nicht zu sehr, er überdramatisiert sie nicht, er nimmt keine politische Haltung an, schon gar keine der barschen Entrüstung) versenkt er seinen Film durch eine viel zu banale erste Hälfte. Es ist gut, dass Sheridan und Drehbuchautor David Benioff nicht mit Pathos um sich schmeißen und eine leise Geschichte nicht unnötig laut aufdrehen wollen, aber zur völligen Entemotionalisierung dessen, was hinter dem Leisen, dem Stillen an Bedeutung, an Schwere spürbar sein sollte, dazu hätten sie es nicht kommen lassen dürfen. Wenn Maguires Captain Sam Cahill nach Afghanistan aufbricht wird die Geschichte der Daheimgebliebenen zu einer seltsam unnatürlichen und gehetzten Mischung aus lapidarer Resozialisierungs-Rührseeligkeit, abgechmacktem Humor und Vater/nutzloser Sohn-Konflikten, deren Dialoge man glaubt mitsprechen zu können.



Natürlich weint Grace Cahill, als sie vom Tod ihres Mannes erfährt. Aber irgendwie tut sie das deshalb, weil man das in solchen Momenten in solchen Filmen eben tut und weil es der Schauspielerin Natalie Portman ins Drehbuch geschrieben wurde. Natürlich haben der Nichtsnutz Tommy und sein Vietnamveteranenvater ihre Differenzen und natürlich möchte Tommy, dass sein Dad genauso stolz auf ihn ist, wie er es auf Sam ist. Dafür kann sich Jake Gyllenhaal einen fünf-Tage-Bart wachsen und ein paar Tattoos aufmalen lassen, spannender wird seine Beziehung zum zackigen Sam Shepard dadurch nicht. Natürlich kann man ein Drama wie Brothers mit Humor auflockern, es dadurch sogar an Gewicht gewinnen lassen. Aber wenn davon eh schon nichts spürbar ist wirken dicke Kerle in Unterwäsche wie ein fehlgegriffener Akkord, wenn man davor und danach das harte Schicksal des verschleppten Cahill miterleiden soll. Es bleibt alles irgendwie fern, das Gefühlsleben der Witwe, jenes des sich aufraffen wollenden Bruders, als blende Sheridan während der mehrmonatigen Gefangenschaft Cahills immer in den unpassenden und falschen Momenten zu seiner Familie, denn wenn nicht kurz um ihn geweint wird findet sich nach der ersten Trauer kaum noch ein Ausdruck für den Verlust des Ehemannes, des Vaters, des Bruders, des Sohnes. Brothers wird insgesamt zu einem dieser komischen Filme, die einen nie den Eindruck und das Wissen verlieren lassen, dass man da Schauspielern zusieht, wie sie ihre Rollen (nach)spielen. Das machen sie nicht zwangsläufig schlecht, aber es ist eben offensichtlich so.

Wie sein Original, so ist auch Brothers zwar letztlich gar nicht zuerst oder überhaupt ein Film über eine trauernde Witwe, einen Bruder auf dem Weg zur Besserung, eine Annäherung der beiden oder einen Vater/Sohn-Konflikt. Brothers ist ein Film über einen Heimkehrer, der Schreckliches erleiden und selbst tun musste und daraufhin am Alltag, an seiner Familie, an den Menschen die er liebt und die ihn lieben zu scheitern droht. Tatsächlich entwickelt Brothers erst mit der Rückkehr Cahills in die Heimat und durch die starke Leistung Maguires Intensität und Spannung. Dem schmächtigen Tobey glaubt man zwar nicht, dass er zu Schulzeiten ein prima Quarterback gewesen sein soll, und statt als Captain wäre er sicher als einfacher Private glaubwürdiger gewesen, doch davon ab ist sein Spiel in Gefangenschaft wie in scheinbarer Freiheit überzeugend. Die Stoik, mit der er sich und seinen Mitgefangenen zur Ruhe gemahnen will, die Verwirrtheit am eigenen Esstisch, als er einen Witz der Tochter nicht versteht und die Momente des Aus- und Zusammenbruchs. Das sind die besten Szenen in Brothers und zu denen tragen neben Maguire maßgeblich die neun- und elfjährigen Taylor Grace Geare und Bailee Madison bei, die als einzige etwas Natürliches mitbringen und damit die einzigen sind, die wirklich berührend vermitteln, dass da über das bloße nach Außen getragene auch etwas in den Figuren vorgeht.



Daneben spielen Natalie Portman und Jake Gyllenhaal fast und Sam Shepard überhaupt keine Rolle mehr, kaum in beutendem Maße wird der Einfluss Sams, nicht im Verlust, nicht in der Überwindung, nicht in seiner überraschenden Rückkkehr, auf sie spürbar. Um die volle Wucht seines Aufpralles in eine Welt, die glaubte, ihn verloren zu haben, deutlich zu machen, hat der Film bis dahin zu vieles versäumt und so bleibt zum Beispiel die ganze Tragik der Figur Tommy auf der Strecke und das ist nicht dadurch zu rechtfertigen, dass Brothers vor allem von einem Heimkehrer handelt. Zu dem gehören eben auch jene, zu denen er heimkehrt. Doch deren (Innen)Leben streift der Film höchstens und das viele Ausgesparte, das viele Unerwähnte ist kein zu Recht abgeworfener Ballast, sondern etwas der Geschichte allzu fühlbar Entrissenes, ohne das sie nun wirkungslos zurückbleibt, wie ein Gewehr ohne Ladung.

Wertung & Fazit

Action: 0,5/5
Kein Kriegsfilm mit viel direkt passierendem Krieg, aber auch nicht ganz ohne.
Spannung: 2/5
Nervenzerreißendes muss ein solcher Film nicht zuvorderst bieten, ein intensives Erlebnis dürfte es jedoch sein. Das ist Brothers aber nur in ein paar wenigen Momenten.
Anspruch: 2,5/5
Über das nach Außen getragene geht der Film kaum in die Tiefe seiner Figuren, obwohl sich da eigentlich so vieles abspielen müsste. Das verbirgt sich aber nicht hinter Subtilität, sondern ist schlicht nicht da.
Humor: 0,5/5
Zu viel versuchter und an vielen Stellen deplatzierter Humor, einzig die beiden Mädchen können mit ihrer ehrlichen Art für passend getimte Lacher sorgen.
Darsteller: 4/5
Maguire und die beiden Jungdarstellerinnen machen einen sehr guten, Portman und Gyllenhaal immerhin noch einen guten Job. Nur kommt ihnen der Film dabei kaum entgegen.
Regie: 2/5
Vor Brothers hat Jim Sheridan das 50 Cent-Gepose Get Rich or Die Tryin’ inszeniert. Im Vergleich dazu ein klarer Anstieg. Ansonsten bleibt der Ire weit unter Form.
Fazit: 4,5/10
Ein Drama, das in der ersten Hälfte nicht genügend Schwere und Bedeutung aufbaut, um die emotionale Wucht der zweiten Hälfte transportieren zu können.

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3 Kommentare

  1. Pingback: Brothers (Film)
  2. Der Film ist wesentlich schwächer als das Original. Ich bin schon geneigt zu sagen, dass er für ein – pardon – dümmeres Publikum gemacht wurde. Klingt gemein, aber das ist der erste Eindruck bei mir gewesen. Aber die beiden Hauptdarsteller könnten tatsächlich Brüder sein! ^^

    1. Klingt vielleicht gemein, ist aber im wesentlichen auch nicht ganz falsch. Ohne das Original gesehen zu haben kann ich mir nicht vorstellen, das selbiges ähnlich plakativ ist, wie dieser hier zumindest teilweise daher kommt

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