Review: BUFFALO SOLDIERS

BUFFALO SOLDIERS Filmkritik
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Am 25. Juli 2003 startet ein Film in vierundzwanzig amerikanischen Kinos, läuft dort genau siebzig Tage und spielt insgesamt 354,421 Dollar ein. Ein Flop unter vielen? Nicht ganz, denn im Januar 2003 lief besagte Produktion auf dem Sundance Film Festival. Siebzehn Monate nach seiner Uraufführung beim Toronto Film Festival wird der Film hier erstmals in den USA aufgeführt – und wird von einem aufgebrachten Publikum in Grund und Boden geschrieen. Der Protest gegen das Werk des australischen Regisseurs Gregor Jordan geht so weit, dass bei einer Pressekonferenz eine Frau mit einer Wasserflasche nach der Schauspielerin Anna Paquin wirft. Ist Jordans Buffalo Soldiers also ein Skandalfilm? Nein, sondern vielmehr eine bravouröse Satire auf eines der heiligsten Instrumente der Vereinigten Staaten: ihr Militär.

Story

Westdeutschland, 1989: der Mauerfall steht kurz bevor, die kommunistische Bedrohung des Kalten Krieges verendet und ein Trupp in Karlsruhe stationierter Soldaten langweilt sich in der Kaserne zu Tode. Besonders der GI Ray Elwood macht das Beste draus und betreibt Schwarzmarkhandel mit allerlei millitärischer Ausrüstung, stellt Drogen her und verkauft florierend. Als allerdings First Sergeant Lee auf dem Stützpunkt auftaucht erwächst für Ray und seine Kumpanen ein Feindbild in den eigenen Reihen. Heikel wird es, als Ray mit Lees Tochter Robyn anbandelt. Denn der knallharte Sergeant kennt keinen Spaß…

Der Film

Buffalo Soldiers macht vom Fleck weg klar, welcher Ton hier angeschlagen wird: bei einem improvisierten Football-Spiel in der Unterkunft der darbenden Soldaten kommt ein junger Rekrut ums Leben. Dieser wird anschließend aus dem Fenster geworfen, um den Angehörigen in einem pathetischen Schreiben mitzuteilen, ihr Sohn sei im Einsatz für Volk und Vaterland gefallen: beim Reparieren einer Antenne zum Schutz gegen den Feind vom Dach gestürzt. Ein paar Minuten später treibt Regisseur und Autor Jordan sein entlarvendes Spiel noch weiter, als er einen völlig zugedröhnten Panzereinsatztrupp den Auftrag nicht kapieren und den Weg nicht finden lässt – was Chaos auf dem Wochenmarkt eines kleinen Dorfes, eine explodierte Tankstelle und zwei verkohlte Soldaten zurücklässt. Jordan entwirft ein so schrulliges, wie gewieftes und unterhaltsames Szenario. Beigemengt werden grandios überzeichnete Charaktere, wie der unbeholfen-arglose Colonel Berman und der knüppelharte Sergeant Lee, die von Ed Harris und Scott Glenn genüsslich ausgelebt werden.



Antiamerikanismus und unpatriotisches Gedankengut warf man Buffalo Soldiers beim Sundance Film Festival vor und davon wollte man in einer Zeit, die noch immer von den Terroranschlägen des 11. September 2001 geprägt war (weshalb der Film auch zwei Jahre in der Warteschleife hing), selbstverständlich nichts sehen und hören. Hier sind die Uniformträger allesamt keine Strahlemänner mit Stars & Stripes im Herzen, die Jungs aus Buffalo Soldiers scheeren sich einen Dreck um Ehre und Vaterland und das einzige Ideal, dass sie vertreten, heißt Eigennutz. An ihrer Spitze Ray Elwood, mit dreistem Selbstverständnis gespielt von Joaquin Phoenix. Er hat sich für drei Jahre Army verpflichtet, um sechs Monaten Knast zu entkommen und bereut seine Entscheidung längst. Damit ist er Jordans Antwort auf tatsächliche Rekrutierungsmaßnahmen der USA, die gegen Ende des Ost/West-Konflikts Straftätern die Alternative bot, Dienst auf unbeliebten Standorten zu leisten. Elwood ist respektlos und illoyal, schleimt bei seinem Vorgesetzten Berman soviel er eben muss, hat aber auch keine Gewissensprobleme, ihn bei einem Scheingefecht, bei dem es um Bermans Beförderung geht, an den ‚Feind‘ zu verraten, um zwecks Drogenherstellung schnell genug aus dem Manöver verschwinden zu können.

Geschichte und Charaktere steigern sich in Buffalo Soldiers bis ins Groteske, etwa wenn Sergeant Lee aus Verärgerung über ein Date seiner Tochter mit Elwood am nächsten Tag dessen Auto von der Einheit zu Schrott ballern lässt. Oder die Colonels Berman und Marshall um die Gunst eines Generals balgen. Dabei sind die Protagonisten aber keinesfalls vor Konsequenzen geschützt, denn der Film ist ganz und gar kein reines Lustspiel. So wandelt sich der Ton von der lockeren Satire hin zu einer gewissen Härte, der Absurdität und der pechschwarze Humor aber stets vorstehen. Unaufdringlich und harmonisch integriert Jordan auch die Lovestory zwischen Elwood und Robyn, die es trotz ihres gestrengen Vaters auch nicht wirklich mit Regeltreue hat. Phoenix und Anna Paquin harmonieren, wie der gesamte Cast, ausgezeichnet. Gegen Ende, wenn in Berlin die Mauer fällt, pusht sich Buffalo Soldier in einen bizarren Schlussakt, wie er böser und abgründiger kaum sein könnte. »Unter friedlichen Umständen fällt der kriegerische Mensch über sich selbst her« zitiert Elwood den Philosophen Nitsche und landet damit den endgültigen Stiefeltritt im Schritt der ehrenhaften Army.



Buffalo Soldiers ist ein grenz-genialer und schreiend aufsässiger Trip, der sich für den Spott, den er auf seine Ziele verteilt, nie auf die eigene Schulter klopft und so nicht zur bloßen Gegenrichtungspropaganda zu den Reaktionen, die er hervorgerufen hat, verkommt. Solche Schläge gegen falschen Stolz sind im Zuge eines anderen Settings stets beliebt, Jordan ist es zu verdanken, dass er den zugrundeliegenden Roman von Robert O’Connor nur auf der Zeitebene angepasst hat (das Buch spielt kurz nach dem Vietnamkrieg in Mannheim). Besonders zu Anfang brüllend komisch und im weiteren Verlauf sogar auf einer moralischen Ebene absolut spannend, schauspielerisch hochwertig und treffsicher inszeniert, ist Buffalo Soldiers ein großkalibriges Geschoss, das in fast jedem Punkt einen Volltreffer setzt, neben der optischen Güte auch dank eines ungewöhnlichen, sparsam eingesetzten Scores. Ein unvoreingenommen und fern jeder Engstirnigkeit betrachtet großartiger Film.

Wertung

Fazit: 9/10

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6 Kommentare

  1. Vielen Dank für den Tipp, hatte noch nie was von dem Film gehört und werde ihn jetzt bestimmt sichten. Besonders interessant da ich aus Karlsruhe komme 🙂

  2. Einer der vielen Grunde warum ich deine Arbeit so schätze! Da kommt man auf Filme die im Mainstream meistens untergehen! Danke für den Tip

  3. Ich kannte den Film nur unter dem deutschen Titel, habe die Kopfzeile überlesen und während der Lektüre des Reviews hat mich so langsam das Gefühl beschlichen, hey, den kennste doch. :p Ich hielt ihn allerdings für älter. Stimmt, mit Seitenhieben aufs Militär hat man’s in Amerika in diesem Jahrtausend nicht leicht. (Übrigens höchst interessant, wenn man da mal die öffentliche Stimmung der Sechziger als Maßstab anlegt.) Ist natürlich auch nur ein Anzeichen für die Qualität des Films, der in dieser Hinsicht durchaus “M*A*S*H” Konkurrenz macht und meiner Ansicht nach deutlic bissiger ist als letzterer. (Wobei man auch das wieder am Zeitgeist messen muss.) Empfehlenswert.

    1. “M*A*S*H” war nie so meins, aber so oder so ist “Buffalo Soldiers” für mich DAS Beispiel, wie man Militärsatire macht. So bissig, wie es sich z.B. “The Men who stare at Goats” dann doch nicht getraut hat, um mal ‘n aktuelleres Beispiel aufzugreifen. Der Wirbel um den Film war seinerzeit natürlich schreiend lächerlich, zumal es darin ja noch nicht mal um ein (aus 2003er Sicht) “gegenwärtiges” Militär geht und überhaupt… Aber wie du sagst, ist ein Anzeichen für die Qualität des Films. Auf den Schlips getreten fühlt man sich halt nur, wenn’s auch wirklich weh tut 😉

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