Review: CEMETERY JUNCTION

CEMETERY JUNCTION Filmkritik

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Story

Cemetery Junction, Reading, im Jahr 1973. Ein Vorort voller Fabrikarbeiter, Hausfrauen und Kriegsveteranen, mittendrin drei Jungs an der Schwelle zum Erwachsenwerden und einer unter ihnen, der plötzlich mehr vor hat: während Hilfsarbeiter Bruce und der chronisch untaugliche Snork so in den Tag hineinleben will Freddie dem Trott entkommen und heuert als Vertreter für Lebensversicherungen bei dem erfolgreichen Mr. Kendrick an. Überraschend trifft Freddie auch seine Jugendfreundin Julie wieder, Kendricks Tochter, die mit dem aalglatten Vertreter und designierten Firmenerbe Mike verlobt ist. Auch Julie möchte den vorgezeichneten Wegen eines Tages entkommen, träumt von fernen Ländern und davon, das Leben nicht länger in Cemetery Junction an sich vorbeiziehen zu lassen. Und während Freddie seine ersten Erfahrungen in einem Erwachsenenleben macht, das ihm eigentlich Wege ebnen sollte, muss er sich schon bald fragen, ob es ihm nicht vielmehr alle Türen verschließt…

Der Film

Die Welt ist klein in Cemetery Junction, in einer Zeit, in der die Zeitungen noch verkündeten, Elton John suche eine Frau. Berichte über hungernde Kinder in Afrika werden abgeschaltet, sowas ist ekelhaft am Mittagstisch, genauso wie die Dschungeltitten im National Geographic am Frühstückstisch, in die Bücherei wird sowieso höchstens zum Kacken gegangen und die Freunde Bruce und Snork haben Spaß daran, Reklameschilder mit Riesenpimmeln, Brüsten und eindeutigen Sprüchen zu verzieren. Den selben Spaß, den sie schon seit Jahren an solchen Aktionen haben und neben dem sich der ambitionierte Freddie nicht mehr so recht wohlfühlt. Klar, mit den Jungs um die Häuser ziehen, einen Trinken, Snork zusehen, wie er mit selbstentworfener Brusttätowierung und idiotischen Sprüchen die Frauen vergrault, gemeinsam mit Bruce flüchten, wenn der mal wieder eine Prügelei anzettelt und die Nacht dann halt im Kittchen verbringen – kann man alles machen, aber da muss mehr möglich sein, da muss man vom Eigenheim träumen können und da muss man sich dann halt einen Anzug überziehen, den Spott der Freunde abtun und Lebensversicherungen verkaufen.



Die Welt ist klein in Cemetery Junction und es ist eine, die man zu kennen scheint. Das britische Comedy-Duo Ricky Gervais und Stephen Merchant, die unter anderem hinter dem TV-Erfolgsformat The Office stecken, stellen im gemeinsam geschriebenen und inszenierten Cemetery Junction Welten und Lebensmodelle nebeneinander, die sich kaum deutlicher voneinander unterscheinden könnten, die sich nicht mehr noch weiter voneinander entfernen müssen, um von unüberbrückbarer Distanz getrennt zu sein. Die kreischenden Maschinen in der dreckigen Fabrikhalle, das schicke Büro des steifen Mr. Kendrick, Freddies vorurteilsbeladene und bildungsferne Unterschichtenfamilie, in der jeder redet, wie ihm und ihr die Schauze gewachsen ist, Freddies Wille zum Ausbruch, seine Freunde, so asozial wie liebgewonnen, und dann das Mädchen von damals, das von ganz anderen Orten und Taten träumt. Samt Charakterzeichnung ist das Milieu in den ersten Minuten eines, das einem, wenn nicht aus eigener Erfahrung, dann doch in ähnlicher Konstellation aus diversen anderen Coming-of-age-Dramen mit sozialkrtischem und gesellschaftssezierendem und nicht zuletzt komödiantischem Einschlag bekannt vorkommt. Wer würde beispielsweise bei der Flucht vor der Gendarmerie zu Anfang nicht an einen ins ländliche und nächtliche verlegten Trainspotting-Auftakt denken?…

…oder bei Paul, den alle Snork nennen, nicht an den typischen peinlichen Fremdschäm-Dicken, der sich in Cemetery Junction lächerlicher kaum machen könnte? Oder bei Bruce nicht an den typischen charismatischen Rebellen mit Null Respekt vor seinem Alkoholiker-Vater und Gesetzeshütern? Da reihen sich durchaus so einige Oders aneinander, sogar so viele, dass man um die Frage, warum man sich nun ausgerechnet dieses Gervais/Merchant-Produkt ansehen sollte, gar nicht herumkommt. Aus einfachem Zusammenhang entstandene Frage, einfache Antwort: weil einem ansonsten ein in ganz vielen Dingen wunderbarer Film entgehen würde. Cemetery Junction hat das Herz, die Eier und das Zwerchfell am rechten Fleck, da steckt zwar kein Wille dahinter, hier die übergroße und wichtige Geschichte zu erzählen, aber eben auch kein bißchen kaltes Kalkül, mit dem die Elemente aneinandergereiht werden. Da wird nicht permanent über den Tellerrand des Films hinweg auf irgendetwas weiterreichendes geschielt, da legt es niemand darauf an, möglichst vielen Cast- und Crewmitgliedern Oscarnominierungen zu verschaffen, da wird einfach nur ein Geschichtchen aus einer knatschigen kleinen Gegend erzählt, die sich nicht zwingend jemand von der Seele hat schreiben müssen, die, auch wenn Gervais selbst in einem Vorort von Reading aufgewachsen ist, wohl kaum der Verarbeitung persönlicher Traumata dient.



Cemetery Junction ist ein Film mit dem obersten Anspruch zu unterhalten, sowohl seine Macher, wie selbstverständlich auch seine Seher, ergeht sich jedoch bei all seiner (um es beim Namen zu nennen, aber ohne es böse zu meinen) Unwichtigkeit nie in platter Komödie oder aufgesetztem Drama, rutscht vor allem nie ins Gleichgültige seinen Figuren gegenüber ab. Denen begegnen Gervais/Merchant jederzeit mit dem Respekt, der sie und ihre Probleme glaubwürdig macht, keine Figur wird da nur des reinen Zweckes wegen irgendwohin manövriert, um eine Einsicht oder eine Motivation über ihren Rücken passieren zu lassen. Dazu passt, dass gerade jene Rollen, die der Erkenntnislieferung dienlich sind, wie die leblos-vernachlässigte Ehefrau Mrs. Kendrick, ihr leidenschaftsloser Mann und seine rechte Hand Mike, der Zukünftige seiner Tochter, der damit das gleiche Schicksal wie ihrer Mutter blüht, mit erstklassigen Schauspielern besetzt sind, die den verhältnismäßig geringen Raum mühelos mit den nötigen Emotionen (und deren Abwesenheit) und kleinen Gesten zu füllen verstehen. Ralph Fiennes liefert als stocksteifer und in seiner Rationalität bitterböser Kendrick einen Glanzauftritt ab, ebenso wie Emily Watson, die gebeugt durch ein geisterhaftes Leben schleicht, und Matthew Goode, der mit gewiefter Kaltblütigkeit die Versicherungen an den Mann bringt und im Laufe der Story fast zu einem Abbild der Fiennes’schen Gefühlskälte wird.

Die Namen der Hauptdarsteller sind kleiner, die Leistungen hingegen nicht. Christian Cooke, Tom Hughes und Jack Doolan haben bislang kaum etwas in ihrer Filmographie stehen, zwischen den dreien stimmt aber jederzeit die Chemie, so dass man Freddie, Bruce und Snork jahrelange Verbundenheit und Zusammenhalt genauso abnimmt, wie die auftretenden Interessenverschiebungen, über die sie einander dennoch treu zu bleiben versuchen. Cooke, optisch eine Mischung aus Gael García Bernal und James Franco, ist dabei der sympathische Mittelpunkt, an dem sich die anderen Figuren ausrichten. Hughes spielt den getriebenen Bruce mit viel unterschwelliger und manchmal zu Tage tretender Wut und Energie und einer einnehmenden Großmäuligkeit, aber auch Loyalität zu seinen Freunden, von denen Doolan als Snork in seiner Schrägheit immer kurz vorm „zu viel“ steht, dessen töffelige Performance ihn aber gerade noch im liebenswürdigen Gleichgewicht halten kann. Den Kerls und vor allem Cooke zur Seite steht die bezaubernde Felicity Jones, für die es nicht viele Worte braucht: die wirkt einfach, die ist einfach wunderbar.



Toller Humor, tolle Darsteller, tolles 70ies-Flair, toller Soundtrack, toller Film: Cemetery Junction ist einer der absolut sehenswerten Unentdeckten des Jahres 2010, mit einer Geschichte ohne groß-wichtigtuerischen Belang, dafür aufrichtig und jederzeit in der richtigen Balance zwischen Witz und Ernst. Außerdem umso glaubwürdiger und unaufdringlicher dadurch, dass Gervais/Merchant einem am Ende sogar das klassische HappyEnd ersparen und, bei allem grundsatzpositiven Ausgang und auf der Hand liegender rührender Wendung, ihre Figuren lediglich in eine Möglichkeit entlassen, sie Entscheidungen treffen lassen, die gut oder schlecht ausgehen können. Also dann, Ricky Gervais und Stephen Merchant, danke für neunzig Minuten Aufenthalt in Cemetery Junction, hat Spaß gemacht, sah wunderbar aus und hat sich gut angefühlt!

Wertung & Fazit

Action: 0/5
Kein Kriterium.
Spannung: 2/5
Natürlich, der Ausgang des Films ist klar und da kommt auch keine Überraschung um’s Eck. Macht aber gar nichts, da einen jeder Handlungsstrang mit einem guten Gefühl entlässt und das Timing stimmt.
Anspruch: 2,5/5
Lebensklug, ohne schlau zu schwafeln, und umso reicher durch seine unaufdringliche Einfachheit.
Humor: 4/5
Keine ununterbrochene Gag-Kanone, stattdessen bester Brit-Humor von trockenem Biss bis ins Vulgäre. Mit ein paar wenigen Niveauschwankern, überwiegend aber bloody damn erheiternd.
Darsteller: 4,5/5
Ein tolles Ensemble, das die simple Geschichte mühelos und glaubwürdig (und sicher auch ohne bis zum Anschlag gefordert zu sein) transportiert.
Regie: 4,5/5
Gervais/Merchant hauchen einer ganz und gar nicht neuen Geschichte Herz und Seele und einfach liebenswertes Leben ein.
Fazit: 8,5/10
Nicht der lauteste, nicht der vielsagendste und nicht der wichtigste Film des Jahres 2010 – und ganz ohne irgendetwas davon sein zu wollen dennoch einer der besten. Klare Empfehlung!

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6 Kommentare

  1. Ha! Eine jener Entdeckungen, die sogar mein verfettetes Herz höher schlagen lässt. Danke sowohl für den Hinweis als auch für deine sich vor Begeisterung kaum zurückhalten könnende Besprechung!

    1. …die leider mal wieder nicht im Ansatz ausdrückt, WIE sehr begeistert mich der Film wirklich hat. Wir hatten’s ja bei Aang: ist immer irgendwie leichter zu meckern, als zu loben 😉

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