Review: COLD BLOOD (OT: Deadfall)

Story

Während eines aufziehenden Blizzards sind die Geschwister Addison und Liza im tief verschneiten Norden Michigans nach einem Casinoraub auf der Flucht. Doch ihr Weg über die kanadische Grenze wird jäh beendet, als bei einem Unfall ihr Fahrer stirbt und Addison einen zur Hilfe eilenden Cop erschießt. Getrennt voneinander wollen sich die beiden unter erbarmungslosen Witterungsbedingungen weiter durchschlagen. Unterdessen wird Jay, ein olympischer Silbermedaillengewinner im Boxen, aus dem Gefängnis entlassen und stellt in Detroit seinen ehemaligen Coach zur Rede, der ihn um Geld betrogen hat und sich alles andere als einsichtig zeigt. Im Zuge eines Handgemenges knockt Jay den Coach aus und flieht in Panik vom Tatort. Auf seiner Fahrt trifft er auf die stark unterkühlte Liza und rettet sie vor dem immer heftigeren Schneesturm. Nichtsahnend von den Gesetzeskonflikten des anderen verlieben sich die beiden ineinander und Jay beschließt, zum Tanksgivingessen seiner Eltern aufzubrechen, die in der Nähe der Grenze leben. Doch auch Addison, eine blutige Schneise durch die Wälder schlagend, ist dorthin unterwegs…

Der Film

Was für ein Titelchaos! Der österreichische Regisseur und Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky gibt sein US-Debüt und das trägt mehr Namen, als die Star Wars-Saga ablenkungsmanövrige Arbeitstitel. Zuerst Kin (which means Verwandtschaft), dann, als ich auf Cellurizon zum ersten Mal im Mai 2011 über den Film berichtete, hieß er Blackbird, und ins Kino kam das Thriller-Drama schließlich als Deadfall. Aaaaber nicht hierzulande, in Deutschland firmiert’s unter Cold Blood, plus martialischem Beititel Kein Ausweg. Keine Gnade.. Weia. Ungleich verwirrungsfreier geht es erstaunlicherweise im Film selbst zu, der nutzt ganz klassische Settingelemente, um seinen Crime-Plot mit drei problembeladenen Familienkonstellationen zu verweben. Verlassen kann und muss sich Ruzowitzky dabei auf seine starken Darsteller und die Stimmungswirkung des bitterkalten, schneeumwehten Michigan (auch wenn’s sich eigentlich um das kanadische Québec handelt).



Kriminelle auf der Flucht gepaart mit einem „ex-con tries to do good“-Part – da ist der Variationsspielraum minimal und genaugenommen versuchen Ruzowitzky und Autor Zach Dean sich erst gar nicht an etwas Neuem. Deadfall ist eine Anordnung, an bestimmten Stellen positioniert und dann laufen gelassen. Der Film ist sehr komprimiert erzählt, über kaum achtundvierzig Stunden erstreckt sich die Handlung. Länger würden wohl die meisten nicht brauchen, um mit der hotten Olivia Wilde deeply in love zu fallen und die Parabelhaftigkeit der Geschichte verlangt auch nicht unbedingt nach mehr. Deadfall ist gespickt mit symbolischen Bezeichnungen von Engeln und Teufeln, während sich die Figuren in einer Grauzone dazwischen bewegen, die Gut- oder Bösartigkeit ihres Handelns definiert sich stets am Gegenüber: da kommt ein unschuldiger Engel in Gestalt eines Cops, will nach einem Unfall helfen und wird vom Teufel Addison erschossen, da schlägt und bedroht ein teuflischer Stiefvater seine Frau in einer abgelegenen Waldhütte und plötzlich-Engel Addison greift zum Schutz der Kinder ein.

Komplex sind diese Ausführungen über den Dualismus von Gut und Böse und deren moralisch-situative Gegenpolwahrnehmung nicht, Spannung zieht Deadfall dennoch daraus, da sie die Figur des Addison zwar von klaren Grundsätzen geprägt zeigen (»Are you going to kill me?« »No, you’re a child, and children should be protected.«), seinen Gewaltakten aber nicht ihre abschreckende Kaltblütigkeit nehmen und sein Beschützerinstikt als Teil einer psychotischen Obsession zumindest angedeutet wird: ist das mehr als nur Geschwisterliebe zwischen Addison und Liza? Ist die Abhängigkeit des Beschützers, über jemanden zu wachen, größer als die Schutzbedürftigkeit? Ist seine schützende Hand mehr ein erdrückender Schatten? Die Flucht vor dem Gesetz wird für Liza eine Flucht vor ihrer Existenz, »What’s your name?« fragt Jay, »What do you want it to be?« entgegenet sie. Ein bevormundetes Kind ist sie unter Addisons Obhut, in den Stunden weg von ihm entdeckt sie sich sebst und ein Leben fern der Autorität ihres großen Bruders.



Nicht ausschließlich deshalb, weil die wilde Wilde mehrmals knapp bekleidet bis obenrum blank auftritt (für die Damenwelt: Charlie Hunnam zeigt sich ähnlich textilfrei), ist der Part mit den sich geographisch aufeinander zu- und emotional voneinander weg bewegenden Geschwistern der ergiebigste in Deadfall. Der enttäuschte und gefühlsamputierte Grummeldad und die gütig alle Sorgen weglächelnde Mum hingegen, die Kris Kristofferson und Sissy Spacek geben, fühlen sich in ihrer Stichworthaftigkeit älter an, als es die beiden Urgesteine zusammenaddiert sind. Am vernachlässigenswertesten gerät allerdings troubled family Nummer Drei mit Kate Mara als Deputy. Ihr Sheriff-Dad Treat Williams und die Kollegen verhalten sich überbehütend, dumm und sexistisch, sie selbst kann ihrer Rolle als Cop-Küken jedoch auch nie entschlüpfen, wenn’s hart auf hart kommt bleibt doch nur der kuhäugige »where’s my daddy?«-Blick. Wirklich plausibel in seinem Verhalten wird der Sheriff indes ebenfalls nicht, denn in seiner Berufsausübung und als Vater müsste ihm wohl klar sein, wie wenig Gefallen er der Tochter erweist, wenn er sie vor versammelter Mannschaft nach ihrer Tamponade befragt.

Abzüge gibt’s für Deadfall, da keiner der drei Familienstränge über seine Grundzüge hinaus geht, keiner erreicht das Zentrum seines Konflikts. Dementsprechend fällt dann auch der pay off des alles-kommt-zusammen-Finales aus, das hält nur einen Bruchteil der Spannung seines Aufbaus. Der zuvor so faszinierend-besonnene Eric Bana wird zu einem typischen psych out-Drohgebärden-bad guy, der beiläufige Alltäglichkeit in eine nicht alltägliche Situation zu zwingen versucht und höflich das Thanksgiving-Festmahl lobt, wie es diabolische Schurken seines Schlages halt tun. Nur ging da von Bana bis dahin etwas aus, das mehr versprochen hat: als Mischung aus Schutzengel und Teufel hätte er als der Betrachter dieser gesamtbildlich an einem Tisch vereinten family values-Dilemmata etwas moralisch grauzonig übergeordnetes vertreten, die Situation psychologischer beherrschen können, als eine superiore Instanz in dieser geplanten Anordnung, denn irgendwie scheint genau das in seinem Charakter zu schlummern – doch dafür ist das Script dann doch entweder nicht clever, oder nicht mutig genug und Banas Überlegenheit bleibt auf die Knarre in seiner Hand reduziert.



Gelungen ist Deadfall dennoch, pragmatisch, schroff und in ein tiefes Stimmungsbett versunken, mit ein paar überraschend brutalen und blutigen Einlagen und tadellosen Schauspielleistungen. Olivia Wilde (In Time, Cowboys & Aliens) zeigt mehr als nur Talent zum Tragen spärlicher Bekleidung, der abgebrühte Eric Bana (Star Trek, Hulk) bekäme auf seinem Trip durch die weiße Wildnis die neunzig Minuten auch allein geschultert, springt ohne großes Ächzen in den „kalter Killer-Antiheld“-Spagat aus verabscheuungswürdiger Reu- und Rücksichtslosigkeit und einem nachvollziehbar-benickenswerten code of conduct. Son of Anarchy Charlie Hunnam wird vermutlich demnächst dank Guillermo del Toros Pacific Rim richtig durchstarten und erweist sich hier als der bessere Channing Tatum: Hunnam sieht dem Populärminimalmimiker ähnlich, ein bißchen ähnlich klingen sogar die Namen, nur was die Anzahl der möglichen Gesichtsausdrücke und deren Aussagefähigkeit angeht, da ist Hunnam mindestens zweihundert Seiten im Schauspielratgeber voraus. Kate Mara, Treat Williams, Kris Kristofferson und Sissy Spacek müssen mit viel kürzer gefassten Figuren auskommen, füllen selbige aber ordentlich aus.

Wertung & Fazit

Action: 2/5
Verfolgungsjagden auf Schneemobilen und ein paar Schusswechsel und Schlägereien. Gut dosiert.
Spannung: 3,5/5
Wird bis zum unvermeidlichen finalen Aufeinandertreffen stark aufgebaut – und pufft dann ein bißchen in sich zusammen.
Anspruch: 2/5
Sehr konstruiert und komprimiert, darin aber durchaus wirkungsvoll und zumindest in einem der Handlungsteile mit einer gewissen Tiefgründigkeit.
Humor: 0/5
Kein Kriterium.
Darsteller: 4,5/5
Sichern dem Film schon allein eine Wertung über’m Durchschnitt. Ambivalente Rollen und Schauspieler, die man gerne darin sieht.
Regie: 3,5/5
Stefan Ruzowitzky erfindet weder den Thriller noch das Drama neu und reichert es nicht mal mit einer entscheidenden Einzigartigkeit an – doch sein Film ist straight, schön gefilmt und seine Mechanismen wirkungsvoll einsetzend.
Fazit: 7,5/10
Kein über jedes Maß hinaus ragender, aber innerhalb seiner Maße effektiv umgesetzter Natur-Eisfach-Thriller mit sehenswerten Schauspielleistungen und dem Problem, seine Familienzwistdreifaltigkeit innerhalb von schlanken neunzig Minuten nicht zur vollen Entfaltung bringen zu können.

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3 Kommentare

  1. Wunder über Wunder gehen wir tatsächlich mal (beinahe) konform was einen Film und dessen Wertung betrifft – unglaublich. Die Kritik hat mir natürlich auch wieder richtig gut gefallen, vor allem der Abschnitt über die unterschiedlichen Filmtitel – so genau habe ich mich damit nämlich nicht auseinandergesetzt und es ist schon echt witzig, welche Stilblüten sowas manchmal hervorbringt. Der martialische deutsche Untertitel “Kein Ausweg. Keine Gnade.” toppt das allerdings um Längen…

    1. Diesen Titelwahnsinn hab ich ja quasi hautnah miterlebt, da ich schon zuvor über den Film berichtet hatte (vor ganzen zwei Jahren erstmals) und mich jedes Mal wieder auf’s neue gewundert habe, um welchen Film es sich wohl handelt und dann feststellen durfte: ach, dieser eine, der mal so und so hieß 😉

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