Review: CONTRABAND

CONTRABAND Filmkritik
KLICKEN ►mehr zum Film

Die skandinavischen Länder sind berühmt für ihre Krimis. Düster, die Hauptfiguren ebenso spannend wie die Fälle, atmosphärisch wasserdicht – harter Stoff zum Teil, der, wie sich das für gute Krimiliteratur gehört, ganze Nächte lang fesseln kann. Die Schweden Henning Mankell, Hakan Nesser und Ake Edwardson und ihre Kommissare wie Kurt Wallander, Van-Veeteren und Eric Winter gehören zum beliebtesten an Thrill und Nervenkitzel aus dem kalten Norden, und auch der Isländer Arnaldur Indriðason hat sich mit seiner Kommissar Erlendur-Reihe einen Namen über seine Heimat hinaus gemacht. Gemeinsam mit Óskar Jónasson verfasste Indriðason 2008 das Script zum Schmuggel-Thriller Reykjavík Rotterdam, der gleich fünfmal den isländischen Filmpreis Edda mit nach Hause nehmen konnte und der es in der Exportpopularität seinen literarischen Brüdern gleichtat. Hauptdarsteller war 101 Reykjavík-Regisseur Baltasar Kormákur, der nach seinem US-Debüt Inhale (2010) mit Dermot Mulroney und Diane Kruger wiederum als Verantwortlicher hinter der Kamera das Remake von Reykjavík Rotterdam anvertraut bekam. Das Script des bekanntesten isländischen Schreibers zugrunde liegend, einer der wichtigsten isländischen Regisseure, der am Original direkt beteiligt war – gute Voraussetzungen also für die US-Version Contraband, ein wenigstens brauchbarer Thriller zu sein. Gute Voraussetzungen, die der Film allesamt ersäuft…

Story

Chris Farraday gilt als Legende im Schmugglergeschäft: keine Ware, die der ausgebuffte Trickser nicht mit einfallsreichen Kniffen ins Land hätte bringen können. Mittlerweile, um nicht zu enden wie sein inhaftierter Vater, hat Chris für sich allerdings den Moment zum Rückzug aus dem hochriskanten Geschäft erkannt, lebt nun ein ruhiges Leben mit seiner Frau Kate und den beiden Söhnen und verdient den Lebensunterhalt mit seiner eigenen kleinen Sicherheitsanlagenfirma. Doch dann missachtet ausgerechnet sein Schwager Andy Chris‘ Ratschläge und lässt sich mit den falschen Leuten ein: bei einer Razzia durch den US-Zoll muss der unerfahrene Nachwuchsschmuggler Drogenware in Millionenhöhe über Bord werfen und erzürnt den aufbrausenden Kriminellen Tim Briggs, der nun nicht nur Andy, sondern auch Chris und seiner Familie droht. In die Ecke gedrängt beschließt Chris, noch ein letztes Mal ins Geschäft einzusteigen, das er so meisterlich beherrscht, tüftelt mit seinem besten Freund und langjährigem Partner, dem Bauunternehmer Sebastian Abney, einen Plan zur Einfuhr einer riesigen Ladung Falschgeld von Panama nach New Orleans aus – und ahnt noch nicht, dass sich ihm jedes nur erdenkliche Hinderniss in den Weg stellen wird, während Briggs‘ Geduld und Chris‘ Zeit immer weiter schwinden…

Der Film

New Orleans und Panama statt Reykjavík und Rotterdam, viel origineller als im Schauplatzwechsel kann Contraband seiner Remakebeschaffenheit wegen schon schwerlich sein, aber selbst wenn man das Original gesehen hat ist das Schmuggel-Setting auf hoher See und dröhnenden Frachtschiffen wohl noch kein gänzlich aufgebrauchtes. Und trotzdem eines, aus dem der Film so rein gar nichts zu machen im Stande ist. Gefahr, Zeitdruck, Anspannung, nervenaufreibende Präzisionsarbeit: alles Dinge, die in Contraband zwar vorkommen, aber nie spürbar werden, da der Film zwar aussieht, als pflüge er mit mehreren 100 Knoten durch den Golf von Mexiko, sich aber anfühlt wie eine gemütlich-tuckernde Butterfahrt im Schritttempo. Die Einführung der Figuren und des Dilemmas, dass sich durch die dumme Aktion seines Schwagers für Chris Farraday ergibt, sind so ungelungen und x-beliebig, dass der Film später machen kann, was er will: es thrillt einfach nicht. Chris ist anfangs der typische ex-criminell-turned-good-guy, der seinen Frieden auch abseits des adrenalinigen Schmuggelgeschäfts gefunden hat, stolz ist auf das, was er geleistet hat und seinen Ruf genießt, mit Frau und Kindern jedoch ein noch weit größeres Glück gefunden hat. Der aber auch nicht allzu lange zögert und zaudert, als die Vergangenheit ihm und seiner Familie Gegenwart und Zukunft bewahren muss.



Altbekanntes Prinzip, von dem Contraband sich nicht abnabelt, sondern jedes Kabel dazu steckt, für das Anschlüsse vorhanden sind. Der erst unbedacht handelnde und dann hilfebedürftige Schwager, die schutzbedürftige Familie, doppelt spielender bester Freund, sadistisch-überdrehter Gegner und ein raffinierter Plan, der sobald sein Knoten am Schluss platzt allen gibt, was sie verdienen. Gute Entertainer können selbst den altbekanntesten Viervierteltakter noch als schmissigen Evergreen verkaufen, Contraband aber ist eher das filmgewordene Gefühl, dass man als Juror bei DSDS empfinden muss, wenn da zum zigsten Mal am gleichen Tag ein stimmschwacher Krächzvogel Robbie Williams‘ Angels schmettert. Spannung und Tempo, die der Film vorgaukelt, entspringen einer Verkettung hanebüchener Zufälle, die eine saubere Plotentwicklung vollständig ersetzen und dazu gesellt sich eine reichliche Portion konstruierter Dummheit: jeder baut hier ständig irgendeinen Mist, der Chris die Lage erschwert, niemand (den Superschmuggler selbst eingeschlossen) beweist Handlungsfähig- und –fertigkeiten, so dass Contraband teils wirkt, als hätten die New Kids einen Frachter gekapert und würden Ocean’s Eleven nachspielen, wozu hier und da auch das Niveau der deutschen Synchro passt, die eine Anspielung auf The Birdcage schonmal mit Homo-Puff übersetzt…

Auf Grund läuft Contraband aber an Land: die Episode in Panama Stadt, wo Chris auf den Möchtegern-crime lord Gonzalo trifft und in der sich wieder ein Zufall an den nächsten kettet, eine Blödheit die vorherige jagt, ist ein denkbar überflüssiger Storystrecker mit lärmend unnötiger Ballerszene. Da die bei einem Mittelsmann angeforderten Blüten nichts taugen muss Chris gezwungenermaßen bei einem Transporterüberfall mitmischen, den Gonzalo anscheinend mit weißer Kreide auf einem Papiertaschentuch ausgetüftelt hat, so stümperhaft und inkompetent, wie dessen Durchführung abläuft. Keineswegs besser läuft’s in New Orleans: der nie als Bedrohung ernst zu nehmende Briggs wird ungeduldig und bedroht Chris‘ Familie; die undankbarste Rolle fällt dabei Ben Foster zu, der viel Fähigkeit zum verräterisch-hinterhältigen best buddy besitzt, siehe James Mangolds Spät-Western-Meisterstück 3:10 to Yuma, in Contraband aber die halbgar tragisch servierten Züge seiner Figur mit einer dermaßen bedauerlich schwachen Motivation und plötzlich völlig emotionsgestörten Obsessionspsychose ausgestattet bekommt, dass man’s bei aller Offensichtlichkeit kaum glauben mag, wenn sich sein Charakter dann tatsächlich als Verräter und heimlicher Bewunderer von Chris‘ Frau Kate enttarnt.



Ihr Fähnchen auf einem weiteren Gipfel der Lächerlichkeit hisst Kate Beckinsale. Optisch downgepimpt, um im harten Männermilieu von New Orleans nicht gar so fehlplatziert zu wirken, wird die schlag- und trittkräftige Underworld-Actrice in Contraband bloß von einer Kopfverletzung zur nächsten geschubst und darf am Telefon ihren Chris nach Hause jammern. Aber dem muss halt noch so lange dies und das und sonst noch was schief gehen, bis der Film auf über einhundert Minuten gebläht hat, was vielleicht eine ordentliche halbe Stunde abgegeben hätte. Hauptdarsteller Mark Wahlberg muss sich somit nach dem Planet of the Apes-Remake, M. Night Shyamalans The Happening und der misslungenen Game-Adaption Max Payne die nächste richtig schlimme Gurke anheften lassen, unternimmt selbst aber auch nichts dagegen. In einem Film voller Arschlöcher und Unsympathen ist sein Chris ebenfalls unsympathisch und arschig, wodurch nur noch egaler wird, ob er’s nun rechtzeitig nach Hause schafft oder nicht.

Wertung & Fazit

Action: 1,5/5
Mehr Heist-Krimi als Action-Thriller und wenn mal Action, dann schwach präsentiert.
Spannung: 1/5
Zu schlechte Figuren, zu miese Plotentwicklung, um Spannung zu erzeugen.
Anspruch: 0/5
Zwar in einigen Aspekten bemüht realistisch gehalten, nur nicht da, wo es wirklich drauf ankäme.
Humor: 0/5
Nichts zu vermelden.
Darsteller: 2/5
Die Namen machen durchaus was her, die Leistungen eher nicht, was vor allem an den unsympathischen Charakteren liegt, aber eben auch daran, dass hier jeder im tretfaulen Leerlauf agiert.
Regie: 1,5/5
Baltasar Kormákur tut sich keinen Gefallen damit, von der Hauptrolle im Original zum Regiestuhl des Remakes zu wechseln.
Fazit: 3/10
Gerade noch so, dass es aushaltbar ist: Contraband ist ein richtig schwacher Heist-Thriller, bei dem nix thrillt, alles vorhersehbar und so zufällig-daherkonstruiert, wie letztlich vollkommen egal ist. Ein paar nette Aufnahmen von Panama sorgen wenigstens für etwas Abwechslung.

Mehr zum Film

IMDb Link moviepilot Link

Liken/Teilen

3 Kommentare

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

code