Review: COWBOYS & ALIENS

COWBOYS & ALIENS Filmkritik
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Wäre das Filmjahr 2011 nach Namen entschieden worden hätte wohl keine Produktion so sehr abgeräumt wie Cowboys & Aliens. Und damit ist nicht nur dieser catchy Titel gemeint: Steven Spielberg, Brian Grazer und Ron Howard produzieren, Lost-Showrunner Damon Lindelof und das (zugegebenermaßen hit or miss-) Blockbuster-Autoren-Duo Alex Kurtzman und Roberto Orci adaptieren die Comicvorlage, Regie führt der seit Iron Man ordentliche angesagte Jon Favreau, hinter der Kamera steht Darren Aronofskys Stammkraft Matthew Libatique – und die Hauptrollen spielen James Bond und Indiana Solo! Die im wilden Westen gegen Aliens antreten! Kuhjungs vs. Extraterrestrier! Wahnsinn! Und doch voll am Ziel vorbei gespuckt. Cowboys & Aliens floppte und recht oft war die Begründung zu hören, der Film habe die Erwartungen an seinen Titel nicht erfüllt, der, so simpel-genial-einprägsam er auch ist, natürlich nach etwas klingt, dass die calculated trash kings von The Asylum daherreihern und drum irgendwas launig-lustig-ironisch-edeltrashiges mit 163 Millionen Dollar Budget hätte werden sollen. Stattdessen ist Cowboys & Aliens ein nahezu durch und durch klassischer Western, dessen SciFi-Einschübe sich als reines schablonenhaftes Bedienen von Genremustern erweisen. Das ist vielleicht weniger, ganz sicher anders, vor allem aber auch insgesamt BESSER, als sich erwarten ließ.

Story

Arizona, 1873: mitten in der Prärie erwacht ein einsamer Cowboy ohne Erinnerung daran, wer er ist, wie er dorthin kam – und wie das seltsame metallene Armband an sein Handgelenk gelangt ist. Ziellos und verletzt landet der Fremde in dem Städtchen Absolution und gerät alsbald mit dem Gestz in Konflikt: der Sheriff erkennt in ihm den steckbrieflich gesuchten Postkutschenräuber und angeblichen Mörder Jake Lonergan und sperrt ihn ein. Doch noch bevor der mysteriöse Fremde ohne Gedächtnis abtransportiert werden kann wird Absolution von gnadenlos zuschlagenden und technologisch weit überlegenden Flugobjekten attackiert, eine Vielzahl der Bewohner von den Maschinen verschleppt und einzig das Armband Lonergans offenbart sich als wirksame Waffe. Gemeinsam mit ein paar der Übriggebliebenen, unter anderem dem knurrigen Rinderbaron und Bürgerkriegsveteran Woodrow Dolarhyde und der verschwiegenen Ella, nimmt Lonergan die Fährte der Nicht-menschlichen Eindringlinge auf…

Der Film

Cowboys & Aliens baut sich ganz ruhig auf, das Erzähltempo ist langsam, gemächlich fast, lauert auf die richtigen Momente, der Anti-Held ist schweigsam, resolut, kein Mann der Kompromisse, das Kaff Absolution ist staubig und trocken, dörrt in der Sonne Arizonas dahin, die Leute, die hier verkehren, sind edelmütig, großmäulig, unterdrückt, mächtig und einschüchternd, alle irgendein Ideal, mehr als nur einfach – kurzum: Cowboys & Aliens ist vom ersten Frame an ein ganz und gar klassischer Western, ohne hippe Genredemontage. So klassisch, wie es wohl zuletzt Kevin Costners melancholischer Open Range (2003) zu sein gewagt hat, dessen leicht sehnsüchtiger und getragener Grundstimmung Jon Favreau viel näher kommt, als irgendwelcher flippigen Blockbusteritis. Nach Comicverfilmung schaut hier erstmal nichts aus und je weiter Cowboys & Aliens den richtig großen Eintritt seines zweiten Genres nach hinten schiebt, desto größer wird der Wunsch, er würde ihn sich sparen.



Doch auch mit dem ersten richtigen Ausrufezeichensetzer der feindseeligen Außerirdischen, die Absolution bei Nacht unter Beschuss nehmen und mit ihren tentakeligen Vorrichtungen entvölkern, kippt Cowboys & Aliens nicht aus seinem rauen Klima, nutzt blaues Laserlicht, große Explosionen und die Facehugger-artigen Fluggeräte der Außeriridischen nicht, um ins große Spektakel auszubrechen. Die harten Kerle kauen einen Moment auf der Attacke rum, spucken dann aus und machen sich auf den Weg, men’s gotta do what men’s gotta do. Im Grunde sind die Besucher von oben nicht mehr als das, was Cowboys & Aliens als seinen Ersatz für die sonst üblichen Viehdiebe, Goldräuber, Hurenmörder oder sonstiges Geschurke artikuliert, nur die technische Überlegenheit variiert die Wahl ihrer Mittel, nicht aber ihre Motive. Entsprechend weit ab vom ganz großen Clou erklärt sich das Eindringen der grünhäutigen Hünen letztlich, wobei der Film (konsequenterweise, muss man sagen) eine Möglichkeit der Metaphorik auslässt, die die Vorlage auf ihren ersten Seiten recht plakativ illustriert: da werden die Eroberungstaktiken der Aliens quasi mit der Besiedlung Amerikas durch den weißen Mann gleichgesetzt, eine Symbolik, die Cowboys & Aliens durch die Deklarierung der Invasoren als lediglich auskundschaftende Vorhut vollständig umgeht.

Cowboys & Aliens weicht also nicht von seinem Pfad ab, ein Wildwest-Abenteuer alter Schule zu servieren, bedient sich in einzelnen Momenten aber auch gerne mal beim Parallelkosmos eines Star Wars (bekanntermaßen wiederum durchsetzt von Western-Elementen), oder selbst Der Herr der Ringe darf mal kurz durchschimmern. Auf deren erzählerische Epik haben es Favreau und sein Autoren-Quintett natürlich nicht abgesehen und so sind die entwendeten Mini-Twists mehr ein leise ironischer Anklang, der sein Wirken allein schon der Anwesenheit Harrison Fords wegen nicht verfehlt. Der macht hier nicht nur endlich mal etwas im Action/Adventure-Bereich, das sein fortgeschrittenes Alter nicht permanent zu leugnen versucht, sondern außerdem sowohl als eigenständige Rolle, wie auch im Kontext des eigenen Fames funktioniert, eben weil es mit einer gewissen, lächelnd zur Kenntnis genommenen Ehrerbietung an die vergangenen Großtaten einer Leinwandlegende erinnern lässt. Der verschmitzte Grummler steht Ford nach wie vor gut und wird in Cowboys & Aliens weder zynisch zerflückt, noch parodiert, sondern fein ironisiert, samt Han Solo-Gedächtnismoment.



Wo er dem eigentlichen Helden Luke Skywalker einst die Show stahl darf Ford in Cowboys & Aliens allerdings in Würde hinter Daniel Craig zurück treten. Die rough/toughe Präsenz des einst so herrlich voreingenommen als Weichei verschrieenen Briten könnte sich kaum natürlicher für einen wortkargen Revolverträger eignen, Craigs steinharte Blicke unter seinem Hut hervor hätten im Duell mit dem Clint Eastwood aus den 1960ern wohl die Leinwand zum Splittern gebracht. Jake Lonergan ist dabei für sich keine so wahnsinnig spannende Figur, der Gedächtnisverlust eine bis kurz vor’s Reißen abgenutzte Saite, auch besitzt der Charakter nicht die Ambivalenz, die zum Beispiel Eastwoods Blonden aus Il buono, il brutto, il cattivo zu einer solchen Ikone des Genres machte – aber Craig bringt nicht nur die gegerbte Charakterfresse mit, sondern gleichermaßen so viel unbrechbare Coolness und dennoch innere Verletzlichkeit, das das wenig lüftenswerte Geheimnis um seine Identität genug Grundinteresse weckt. Hach, und was soll das Geschwafel: der harte Kerl macht einfach Laune *rotzhochziehundausspuck*, so einfach ist das!

Dagegen sammelt Olivia Wilde weiterhin und wie in Tron: Legacy und In Time lediglich Deko-Trophäen: bezaubernd schöne Frau, die aber oft und auch in Cowboys & Aliens nur zum plot device herunter objektiviert wird und deren persönlicher Character Twist einer ist, der einen nach der wunderbar wohligen Zeit bis dahin aus dem Film zu reißen droht. Da entsteht dem Genremix dann doch mal kurz das falsche Mischverhältnis und wenn einem gerade kein Anfall spontaner Taub- und Blindheit darüber hinweg hilfen will muss der Film sich darauf verlassen, dass man ihm bis dahin wohlwollend genug gesonnen ist, um dieses Zwischenspiel der kitschigen Übernatürlichkeit zu ignorieren (was bei mir nach kurzer Schrecksekunde gut geklappt hat). Eine etwas ähnliche Taktik gehört auch während des Showdowns angewandt, der dann doch ein eher unbeholfener Clash der Gegensatzwelten von Cowboys und Aliens ist und dessen emotionale Wegpunkte für die Schlusspointe der diversen Nebenfiguren sekündlich vorausahnbar sind (natürlich setzt der zuvor schusswaffenunbegabte Sallonbesitzer im richtigen Moment zum entscheidenen Kopfschuss an usw…). Aber klassische Strukturen einerseits als Stärke von Cowboys & Aliens anzusehen, ihrer Konsequenz hier aber mit Meckern zu kommen, wäre ja Eigenverrat.



Objektiver betrachtet mag Cowboys & Aliens vielleicht keine 8 Punkte wert sein, aber Objektivität ist nunmal kein zum Nutzen einer Filmbewertung nachweisbar vorhandenes Organ, da zählen Bauch und Herz und die sagen im Falle von Jon Favreaus SciFi-Western ganz klar: cooles Ding! Mit Sam Rockwell, Paul Dano, dem Kurgan Clancy Brown und Keith Carradine auch neben Craig und Ford stark besetzt, tricktechnisch sauber, ohne das fiese Weltraumgezüchte und seine Gerätschaften überzuspektualisieren. Favreau verlässt sich mehr auf den Reiz der Weite und der breiten Panoramen, auf die Zugkraft der knochenharten Kerle und auf ihren Weg durch die Widrigkeit eines noch fortschrittsfreien Landes im gerechten, aber nicht heroisch aufgeplusterten Kampf gegen ein Böses. Das ein Böses hier trotz außeriridischer Herkunft bloß einen Stellvertreterposten einnimmt und der SciFi-Einschlag von kaum geringerer Nutzkraft für die klassischen Wild West-Sets und –Plotpoints sein könnte mag für Alien-Fans ein wenig enttäuschend sein – Westernliebhaber indes bekommen von Cowboys & Aliens vermutlich eine Menge Wünsche mehr erfüllt, als man sich an das Genre überhaupt noch zu richten traut.

Wertung & Fazit

Action: 3/5
Prügeleien, Shootouts, Lasergeballer – alles dabei, aber nix besonders spektakulär, etwas schlappbrüstiger Showdown. Dafür bei verhältnismäßig niedriger Altersfreigabe von recht knackiger Härte.
Spannung: 1/5
Auch ohne Genreerfahrung bis ins Detail vorhersagbar, einfach weil die Kausalketten der Story und Charaktere mit ganz einfachem Knoten geknüpft sind. Dennoch kein gähnender Langweiler.
Anspruch: 0/5
Come on… Es mag am klassichen Western und ebensolchen Motiven orientiert sein, aber es sind letztlich Cowboys, die gegen Aliens kämpfen… Zudem verzichtet der Film auf die how-the-west-was-won-Metapher der Vorlage.
Humor: 0,5/5
Craigs rabiate Art sorgt manchmal für Lacher; neben leiser Ironie nimmt sich Cowboys & Aliens ansonsten ziemlich ernst – was, engegen vieler anderslautender Meinungen, nicht verkehrt ist.
Darsteller: 4,5/5
Daniel Craig gibt einen der härtesten und coolsten Sattelschwinger seit langem, Harrison Ford ist Indiana Jones ist Han Solo ist Harrison Ford, toller supporting cast, nur die Wilde verblasst.
Regie: 4/5
Wie schon bei den Iron Man-Filmen ist Jon Favreaus starke Seite nicht unbedingt die Action, sondern Charakterarrangements. Und sein Ansatz, das potenziell abgehobene Spektakel als erdigen Classic Western zu inszenieren, geht überwiegend auf.
Fazit: 8/10
Viel weniger Trash Fest und viel mehr klassischer Western, als der Titel es vermuten lässt: Cowboys & Aliens bedient sich reichlich bei bekannten Genremotiven, wie auch bei anderen, ähem, „Vorbildern“ von Der Herr der Ringe bis Star Wars – und schafft’s dennoch als „etwas anderer“ Western ziemlich gut zu funktionieren.

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4 Kommentare

  1. Interessant ist aber schon, wie sehr Comic und Film doch von einander abweichen. Was, wie Favreau mir selbst erzählt hat, daran gelegen hat, dass der Comic nur ein Plan mit Titel war und Hollywood sofort zugeschlagen hat.

    Ich fand den Film aber tatsächlich sehr witzig. Wenn Robert Downey Jr. wie geplant mitgemacht hätte, wäre der sicherlich auch sehr viel komischer geworden. Mit Craig wird ja tatsächlich ein ganz guter Western draus.

    1. Hab die Graphic Novel bisher nur angelesen, aber da werden die Unterschiede bereits stark deutlich. Ich seh mal zu, dass ich die fertig gelesen bekomme, bis sie in die Hände des Verlosungsgewinners geht 😉

      Das es zunächst nur ‘ne Idee war (oder eben noch nichtmal das, sondern bloß der Titel) und das ganze seit gut 15 Jahren durch Hollywood geistert hat mir heute Wikipedia auch erzählt ;P

      Das Downey jr. die Rolle nicht genommen hat finde ich gut. Bei aller Wertschätzung, aber der gute Mann muss auch nicht alles spielen und Craig passt einfach besser, zumindest zu der Richtung, die der Film nun final eingeschlagen hat.

  2. Ich glaube mich schreckt dieser Mangel an Humor etwas. Etwas Selbstironie würde ich mir bei so einem Clash der Genres schon erwarten.

    1. Hatte ich auch gedacht, kam dann aber sehr schnell sehr gut mit der Art des Films klar. Das muss nicht allgemein so gelten (viele sehen’s ja auch als deutlichen Negativpunkt), aber versuch’s ruhig einfach mal 😉

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