Review: DER GESCHMACK VON ROST UND KNOCHEN (OT: De rouille et d’os)

Story

Alain van Versch, genannt Ali, verschlägt es mit seinem fünfjährigen Sohn Sam in die Stadt Antibes an der Côte d’Azur. Der ehemalige Box-Champion kommt bei seiner Schwester Anna unter, die sich neben ihrem mau bezahlten Kassiererinnen-Job auch um Sam zu kümmern beginnt, da Ali zu dem zurückgezogenen Jungen ein alles andere als väterliches und über die Maßen grobes Verhältnis hat. Der robuste Ali nimmt indes eine Stelle als Türsteher an und lernt durch eine Schlägerei die verletzte Stéphanie kennen. Kurze Zeit nach ihrer Begegnung erleidet die Schwertwal-Trainerin während einer Show einen folgenschweren Unfall, in Folge dessen ihr beide Unterschenkel amputiert werden müssen. Depressiv und mit ihrem Leben nahezu abgeschlossen meldet sich Stéphanie ausgerechnet bei Ali, dem es in seinem rüden und ganz und gar mitleidsfreien Pragmatismus tatsächlich gelingt, ihre Lebensgeister wieder zu erwecken. Zwischen den beiden entwickelt sich eine ungewöhnliche Freundschaft…

Der Film



Hm, ein unbekümmerter Lebenskünstler hilft einer verkümmerten Körperbehinderten auf die Sprünge? Klingt ja wie ein Abklatsch der französischen Feel Good-Publikumsgranate Ziemlich beste Freunde! Aber die Gemeinsamkeiten zwischen Jacques Audiards Der Geschmack von Rost und Knochen (oder Rust and Bone oder im Original De rouille et d’os) und Olivier Nakaches/Éric Toledanos Überraschungshit und zwischen den Leinwandpärchen Marion Cotillard/Matthias Schoenaerts und François Cluzet/Omar Sy bleiben im Groben. De rouille et d’os ist ein ungemütlicher Film voll ungemütlicher Momente, kein Crowdpleaser, kein offensiv-optimistisches »hey, alles halb wo wild!«-tragischkomisches Dramalein. Und dennoch ein Film von gewisser Schönheit, losgelöst von Betroffenheitsgesten und falscher Hoffnungsmache. Ali klaubt zu Anfang auf Zugsitzen und in Müllbehältern Essensreste für sich und Sohn Sam zusammen, ein fürsorglicher Vater ist er dennoch nicht, behandelt das Kind gleichgültig und abweisend, zieht billige Quickies seiner Verantwortung vor und lässt den ruhigen Jungen emotional im Stich, nicht nur als dieser Fragen nach seiner Mutter stellt.

Angekommen in Antibes, nur zwölf Kilometer entfernt von Cannes, kontrastiert De rouille et d’os den traumhaften Handlungsort mit der sozialen Schicht seiner Figuren, Regen- und Sturmcharaktere inmitten eines Sommer-, Sonne-, Strand-Idylls. Da schiebt sich sogar mal flippende Popsong-Chartmucke wie Katy Perrys Firework oder Lykke Lis I Follow Rivers durch den schweren Score von Alexandre Desplat. Indem Audiard in Beobachtung verharrt und nicht in Wertung verfällt (oder diese manipulativ anlegt) umgeht er zwei offensichtliche Inszenierungsfallen, De rouille et d’os ist keine Hymne an die Unterschicht und keine Klage gegen Spießer- und Luxusgesellschaften, auch wenn er manchenteils genau diese beiden Pole gegen- und ineinander presst. Kleine, beiläufige Szenen, die einfach nur die Abbildung von Lebensalltag zu sein scheinen, legen Facetten für die Nebenfiguren an, etwa wenn Ali sich im Kühlschrank seiner Schwester Anna bedient, der mit chronologisch nach überschrittenen Verfallsdaten geordneten Joghurts gefüllt ist, die sie nach der Aussortierung von der Arbeit mitbringt. Das könnte herzlich wirken, verschroben, als ein Gag über einen Spleen Annas aufgebaut sein, oder aber als ein jaulendes Armutsbildnis dienen – ist aber nichts davon, sondern einfach nur eine kleine Beobachtung, wenn auch nicht so unbedeutend, wie sie scheint.



Doch überwiegend ist De rouille et d’os beim großen, beim schweren Drama seiner beiden Hauptfiguren, zwei in sich selbst verlorene Menschen, die mit kaum einer Handlung wirklich greifbar werden, von Audiard abgeholt werden, wo sie stehen, ohne dass der Film allzu deutlich darauf einginge, wie sie dorthin gelangt sind. Hat Stéphanie sich zu früh an einen Kerl namens Simon gebunden, fehlt ihr erlebtes Leben und sieht sie keinerlei Hoffnung mehr darauf, als der Unfall ihre Beine kostet? Hat Alis Ex und die Mutter seines Kindes ihn so sehr verletzt, dass er weder zu dem Jungen, noch überhaupt mehr irgendwelche Bindungen eingehen möchte, nur mal ein gelegentlicher Fick hier und da und ansonsten selbstversessen Sport treiben, sich auf illegales Hinterhofgeboxe einlassen, um durch die Schläge und Tritte der anderen wenigstens noch irgendwas zu spüren? Deutungen, die auf der Hand liegen, die vielleicht am offensichtlichsten aus Ali und Stéphanie herausscheinen, und die dennoch völlig falsch sein können, derart offen lässt Audiard sie als Mann und Frau stehen, die, warum auch immer, zueinander finden, obwohl sie eigentlich kaum etwas voneinander haben und anfangs nichtmal wollen. Besonders Ali nicht, aus dem nie klar wird, warum er sich in Stéphanies Nähe begibt, vor dem Unfall möglicherweise, um sie abzuschleppen, ehe er in ihrer Wohnung auf Simon stößt, und nach dem Unfall? Je ne sais pas, und Ali vielleicht genauso wenig… Der lädt halt irgendwann zum Probefick ein und vögelt trotzdem andernorts weiter.

Mehr, als diesen beiden gefühls- und gliedmaßamputierten Menschen zu folgen, verlangt der Film nicht, mehr tut er selbst nicht. Jedes Mal, wenn man sich gerade Fragen zu stellen beginnt wie »Warum misshandelt dieses Arschloch seinen Sohn?« oder »Warum braucht sie unbedingt ihn?«, dann stellt sich einem De rouille et d’os nickend zur Seite und meint nur: »Ja, warum eigentlich?« Audiard ist kein Regisseur auf der Suche nach Antworten, wo doch gerade der Beziehungsfilm immer auf der Suche danach ist, wer bin ich, was will ich, wie finde ich mein Glück und die Liebe… De rouille et d’os ist nicht aus auf den Fang nach Sinn und der Lehre des Zueinanderfindens und Beianderseins, der Film wagt es, die Charaktere fortwährend voneinander weg zu treiben und sie dennoch in einer nüchternen Unweigerlichkeit aneinander zu binden, bis da ein gegenseitiges Begreifen, ein Verstehen einsetzt, von dem man als Zuschauer keine Ahnung haben muss, denn Audiard hat doch gänzlich klarer, als viele andere Filmemacher verstanden: niemand ist diese beiden Figuren, außer sie selbst. Niemandem muss aufgebürdet werden, sie nachempfinden zu können. Man ist im Leben öfter ratlos, als das man etwas versteht, und gerade Filme zum Thema Liebe scheitern in ihrer Formelhaftigkeit, ihren Absolutismen und Vorhersagbarkeiten eben meistens genau daran, dieses Bild umkehren zu wollen oder zumindest zu meinen, es zu können.



De rouille et d’os ist dennoch ergreifend in genau den richtigen wenigen Momenten, in denen Audiards Beobachtungen ihre Ebene mit den Figuren teilen. Als Stéphanie im Krankenhaus ohne Beine erwacht hat man von ihr bis dahin nichts gesehen, außer diese komische Episode mit den blutigen Nachwirkungen einer Discoprügelei und etwas von ihrer Arbeit während einer Show im Marineland, doch die Szene und ihre Bedeutung sind dermaßen heftig, Marion Cotillards Reaktion dermaßen erschütternd, dass dieses wenige an Teilhabe genügt, um den Schicksalsschlag als solchen erfühlen zu können. Um erahnen zu können, wie das Gewicht dieser Tragik sie nach unten reißt. Dafür muss man Stéphanie nicht gut, nicht besser und eigentlich überhaupt nicht kennen, selbst wenn De rouille et d’os mit dieser Szene beginnen würde säße der Einschlag. Einschlag, sowieso das richtige Stichwort, denn genau das ist es, was der Film landet, einen emotionalen Einschlag, ohne dass er die Gefühlswelten zu subtilisieren versucht, ohne dass er Oberflächlichkeiten glaubt, verneinen und vermeiden zu müssen und dabei nur umso angestrengter wirken würde. Roh ist De rouille et d’os, ungemütlich, in gleich mehrere Richtungen offen bleibend, ob aus gewissen Entscheidungen der Figuren am Ende nicht der ganz große Knall folgt. Das ist fesselndes Drama, ohne sich selbst zu fesseln, eine eruptive Beobachtungskette mit vielen Ausbrüchen, phantastisch gefilmt, überragend gespielt.

Wertung & Fazit

Action: 0/5
Kein Kriterium.
Spannung: 3/5
Audiard legt vieles an, woraus unweigerlich ein brutaler Ausbruch erfolgen könnte und hält so die Spannung einer ganz und gar nicht gewöhnlichen Liebesgeschichte.
Anspruch: 4/5
Ein bißchen Sozialportrait und -kritik, ganz viel menschliches Drama ohne viel falsches Getue, ohne Allgemeinplätze einfach nur abzulaufen.
Humor: 0/5
Manchmal, aber nicht durchgehend bleischwer, nie aber heiter oder witzig.
Darsteller: 5/5
Marion Cotillard und Matthias Schoenaerts spielen herausragend und schön europäisch ohne Scheu vor emotionaler und wortwörtlicher Nacktheit.
Regie: 4,5/5
Ganz stark, Monsieur Audiard. Erfindet die Räder des Dramas nicht neu, setzt aber selbst Klischees noch gekonnt und treffend ein.
Fazit: 9/10
Nicht unbedingt emotional alles über den Haufen reißendes oder tagelang nachwirkendes Drama, aber ein spröder und doch ganz eigenartig schöner Film mit tollen Schauspielern.

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Ein Kommentar

  1. Da wurde er wieder im Herz getroffen, der Romantiker 🙂

    Fand den Film gut, aber mehr dann auch nicht. Zwei kaputte Menschen, die sich weniger kaputt fühlen, wenn sie in der Gesellschaft anderer kaputter Menschen sind. Kennt man zur Genüge, war hier nicht unbedingt schlecht, aber auch nicht wirklich erinnerungswürdig. Ungemütlichkeit hat sich bei mir selbst nicht eingestellt, aber dafür fehlte wohl schlicht der emotionale Einschlag.

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