Review: DER HOBBIT: EINE UNERWARTETE REISE

There and Back Again, so der Beititel von J.R.R. Tolkiens The Hobbit und auch jener des für 2014 angesetzten Trilogieabschlusses – und ein hin und wieder zurück war auch die Produktionsgeschichte. Nach dem monumentalen Publikums-, Kritiker- und Kassenerfolg des Der Herr der Ringe-Dreiers (für mich ganz persönlich wohl in alle Ewigkeit das prägendste und überwältigendste filmische Ereignis überhaupt) lag es scheinbar nicht fern, die Schätze Tolkiens und seiner fantastischen Welt Mittelerdes weiter auszuschöpfen. Mitte der 2000er allerdings kam es zu Rechtsstreitigkeiten und einem zwischenzeitlichen Bruch zwischen Peter Jacksons und den produzierenden New Line Studios, der nach einigem Hin und Her gekittet wurde. Man wurde sich einig, den Hobbit, das Prequel zur LotR-Trilogie, als Zweiteiler zu verfilmen, mit Guillermo del Toro als Regisseur, Jackson in produzierender Funktion. Die Verzögerungsgründe allerdings türmten sich, inklusive eines wenig schmeichelhaften Gewerkschaftsaufstands in Neuseeland, woraufhin gar ein Umzug der Dreharbeiten Richtung Osteuropa zur Debatte stand. Del Toro schließlich verließ das Projekt, Jackson selbst übernahm den Regiestuhl – und wurde von einem Magengeschwür ausgebremst. Eine mühsame unexpected Journey also, die der Film bereits hinter sich gelegt hatte, bevor auch nur eine Klappe vor irgendeine Kamera gehalten worden war. Ruhe oder die reine Vorfreude auf die ersehnte Rückkehr nach Mittelerde kehrten aber auch danach nicht ein, die Jungs von Herr-der-Ringe-Film.de warfen einen besorgten bis pessimistischen Blick auf die unterschiedlichen Produktionsherangehensweisen, die Splittung des geplanten Zweiteilers in nun drei Teile sorgte für Skepsis, die Entscheidung, den Film als ersten überhaupt mit doppelter Framerate (48 statt 24 fps, mehr dazu hier) zu drehen erregt bislang überwiegend Unmut, scharfe Kritik und Zweifel am künstlerischen Zweck. Viel Rambazamba also, wie nicht anders zu erwarten rund um eine solche Megaproduktion mit weltweiter, riesiger Fanbase. Und am Ende steht dann doch ein Film – Der Hobbit: Eine unerwartete Reise.

Story

Vor vielen Jahrzehnten eroberte der Drache Smaug den Erebor, das prunkvolle Zwergenreich im Norden von Mittelerde, tötete oder vertrieb die stolze Rasse der Bergarbeiter und machte sich den unermesslichen Schatz des Königs Thrór zu eigen. Heimatlos ziehen die Zwerge seither durch die Lande. Von all dem weiß der Hobbit Bilbo Beutlin nichts, als eines Tages der Zauberer Gandalf vor seine Pforte im Auenland tritt und ihm die Teilnahme an einem Abenteuer anbietet. Ehe er sich’s versieht ist sein Haus gefüllt mit einem Dutzend Zwerge und ihrem Anführer, dem Prinzensohn Thorin Eichenschild. Ihr gewagtes Vorhaben: das geheime Eindringen in den Erebor, um den herum sich die Zeichen verdichten, dass Smaugs Feuer erloschen sein könnten. Schließlich willigt Bilbo ein, die Zwerge und Gandalf auf ihrer gefahrvollen Reise zu begleiten. Doch ihr Aufbruch bleibt auch finsteren Mächten nicht verborgen und noch ahnt niemand, nichtmal der weise Gandalf und schon gar nicht Bilbo, dass ihr Weg zum Erebor Ereignisse in Gang bringen wird, die später einmal ganz Mittelerde erschüttern sollen…

Der Film

Salopp gesagt: ein 300seitiges Märchenbuch, mehr eine Gute-Nacht-Lektüre, erzählt also die Vorgeschichte zum mehr als vier Mal so umfangreichen Überepos der Fantasyliteratur. Wie lässt sich das nun an dessen gewaltige Filmumsetzung knüpfen? Anwort: nicht ohne ein paar unschöne Zacken in der Naht, aber insgesamt doch ganz fantastisch. Die kalten blausilbernen Farben der eröffnenden Credits weichen einem warmen Goldton, Mittlerde erstrahlt über weite (und wortwörtliche) Strecken in einem Licht und Glanz, der zu dem Zeitpunkt, an dem Die Gefährten einsetzt, längst zu verblassen begonnen hat, über den sich ein Schatten schiebt, der in Eine unerwartete Reise erst noch ein kleiner, kaum auffallender schwarzer Punkt ist, von dem aus sich langsam eine Bedrohung quer durch die Lande zu verästeln beginnt. Und auch in den End Credits macht es sich bemerkbar, dort herrscht nicht die winterliche Schwere von Enyas May It Be, nicht die tragische Bitterkeit von Emiliana Torrinis Gollum’s Song und nicht das so hoffnungsvolle wie wehmütige Abschiedsgesäusel (nicht abwertend gemeint) von Annie Lennox‘ Into the West. Nein, Neil Finns Song of the Lonely Mountain ist abenteuerlustiger, raubeiniger, ein Lagerfeuerlied mit dem Schwung einer alten Legende in sich, keine der ganz großen, die ganz Mittelerde in ihren Grundfesten erschüttert, eben eine Zwergenlegende, von J.R.R. Tolkien seinen Kindern und Enkeln erzählt, im Film vom alternden Bilbo für seinen Adoptivsohn Frodo niedergeschrieben. Das Vermächtnis eines Liebenden an einen Geliebten, nicht die kühle Wiedergabe einer allsehenden Elbenchronistin.



Was macht das aus Der Hobbit: Eine unerwartete Reise? Einen im Ton leichteren Film, nochmals begieriger nach einem Abenteuer, das dieser Bezeichnung gerecht wird, als es Die Gefährten bis zu einem bestimmten Punkt war (zur Erinnerung: auch der 2001er Trilogieauftakt war nicht vom Fleck weg ein düster-schweres Schlachtenepos). Der eine wie der andere (und überhaupt gibt es viele Parallelen zwischen Eine unerwartete Reise und Die Gefährten) startet mit einer pompösen Erzählung von vergangenen Zeiten, vom Angriff des Drachen Smaug auf den Erebor, von einem vertriebenen, heimatlosen Volk, das in der Blüte seiner Epoche stand und in Der Herr der Ringe einzig in Gimli seinen Vertreter fand. Das Zwergendutzend im Hobbit nun ist zunächst dennoch hauptverantwortlich für’s Leichtherzigere des Films, ihr Einfallen in’s geordnete Leben Bilbo Beutlins eine reine Comedynummer, durch die Martin Freeman wie die spießige Gouvernante durch’s Tollhaus taumelt. Da wird gesungen, mit Geschirr geklimpert und gekracht, die Vorratskammer geplündert, der Teppich und das geklöppelte Deckchen besudelt – ehe das verspätete Eintreffen Thorin Eichenschilds für einen Anflug von Angespanntheit sorgt. Thorin, vom Stolz, aber auch der Sturrheit seines Volkes und seiner Sippe beseelt, und vom Willen, den Erebor zurück zu erobern.

Peter Jackson lässt diesem zwar langen, aber keine Minute zu langen Auftakt die Zeit, die er braucht. Es gelingt zugegebenermaßen nicht, die Zwerge im einzelnen großartig zu charakterisieren, abgesehen von Thorin nimmt man sie halt als Gruppe wahr, weniger als individuelle Figuren, und trotzdem sät der Film hier das Feld, von dem er später erntet: die Zwerge sind ein bedingungslos zusammengehöriger Haufen, der sich dem Feiern wie dem Kämpfen gemeinsam hingibt, eine Gruppe, in die es für Bilbo zunächst kaum einen Spalt breit einen Zugang gibt. Es ist ein wunderbarer Auftakt, ideal um wieder nach Mittelerde zurück zu finden und es um einen Teil seiner mannigfaltigen Kultur erweitert zu sehen, eben jene der Zwerge, nachdem (oder bevor) sich die Der Herr der Ringe-Trilogie ausführlich den Hobbits, Elben und Menschen widmet. Erst nach dem Aufbruch der Gruppe fällt Eine unerwartete Reise etwas aus dem Takt. Der Teil der Handlung, der Radagast den Braunen umfasst, einen wirren Zauselzauberer in engem Kontakt mit der Tierwelt Mittelerdes, fügt sich am wenigsten rund ins Gesamtbild ein, auch sein Turbokanninchenschlitten ist eine Unze zuviel CGI-Zinnober. Genauso ist die Begegnung mit einem gefräßigen Trotteltrolltrio in Tempo und Timing nicht optimal gelöst und wäre (auch wenn Kenner der Vorlage wohl gestöhnt hätten) vielleicht sogar eher was für den zu erwartenden Extended Cut gewesen.



Doch spätestens, wenn die unerwartete Reise nach leicht holprigem Weg dorthin in Bruchtal Halt macht, ist alles wieder da, dieses unvergleichliche Gefühl für eine einzigartig tief ausgestaltete Welt, das Jackson vor elf Jahren weckte und das seine Arbeit als so herausragend unter den Fantasyfilmen macht, diese umarmende visuelle Überwältigung, ohne ausschließlich darauf zu setzen, diese (so abgedroschen es auch klingen mag) pure Leinwandmagie. Immer fließender eingearbeitet die Fäden, die sich zur großen Der Herr der Ringe-Saga verbinden werden, vieles noch nur angedeutet, wie die Erweckung des Hexenkönigs von Angmar, Fürst der Nazgûl. Wie Die Gefährten geht auch Eine unerwartete Reise nach dem Aufenthalt im Elbenreich in die Vollen, manches Mal weniger plausibel (warum genau schlagen sich diese Steinriesen eigentlich gegenseitig die Schädel ein?), manchmal ein bißchen arg wildwasserbahnartig und nicht immer ganz originär (bei Pirates of the Caribbean zugeschaut, Mr. Jackson?) – aber wie meint Gandalf bereits zu Anfang zu Bilbo: »All good stories deserve embellishment.« Eine unerwartete Reise jagt durch ein nun wahrlich furioses Fantasyabenteuer mit dickwanstigen Ork-Königen und ganzen Hundertschaften der missgestalteten Untergrundbewohner und setzt zwischendrin ein beinahe suspenseartiges Highlight, wenn Bilbo in den Tiefen der Orkhöhlen auf Gollum trifft, einmal mehr phänomenal dargeboten von Andy Serkis. Und natürlich spielt dabei so ein gewisses kleines Ding eine nicht unwichtige Rolle, preciousss…

Was Der Hobbit: Eine unerwartete Reise trotz der (vermeintlich) leichteren und kleineren Geschichte fehlt, ist ein größeres Böses. Die Allgegenwart Saurons und vor allem die direktere Bedrohung durch die Nazgûl in Die Gefährten findet hier keine annähernd gleichwertige Entsprechung, dafür genügt Albino-Ork Azog mit seinen Wargreitern nicht, während der finstere Nekromant erstmal nur ein Gerücht, eine böse Ahnung und der Drache Smaug nach dem Auftakt ein schlummerndes Übel bleibt. Selbstverständlich wird vieles für die beiden folgenden Teile aufgespart, aber größtenteils lediglich Ork-Variationen (von denen hier auch einige wesentlich „lockerer“ als gewohnt drauf sind) und deren Weggemetzel ist für die in vielerlei anderer Hinsicht deutlich zu kurzen drei Stunden Laufzeit doch recht wenig, zumal außerdem diese kleinen bits and pieces fehlen, die in der Der Herr der Ringe-Trilogie die emotionale Ebene bedient haben. Kleine Szenen wie jene zwischen Frodo und Sam (»If I take one more step, it’ll be the farthest away from home I’ve ever been.«) sind rar in Eine unerwartete Reise, meist müssen die vertrauten und herzerwärmend schönen Klänge Howard Shores und seine wiederkehrenden Themen einsetzen, um einem Moment eine besondere Regung mitzugeben.



Der Hobbit: Eine unerwartete Reise ersteigt nicht die schier unerreichbaren Höhen der Der Herr der Ringe-Trilogie und dies wird ihm auch mit The Desolation of Smaug und There and Back Again nicht gelingen, wie könnte es auch? Das ändert aber rein gar nichts daran, dass Peter Jackson hier den besten Fantasyfilm seit der Rückkehr des Königs abliefert und mit seiner zweiten Mittelerde-Trilogie, sofern nicht alles mögliche schief- oder die Welt untergeht, eine wunderbare Ergänzung zur ersten schaffen wird. Der Auftakt mag einige kleine bis mittlere Schwierigkeiten haben, und dennoch: als Fan und wie ich als jemand, der die bisherigen Filme mit aller nur erdenklichen Leidenschaft verehrt, ist das schnell vergessen, wenn es sich Herz und Gedanken nur allzu gern wieder für drei Stunden in Mittelerde bequem machen. Und sie war schon wieder zu spüren, direkt nach der letzten Szene, diese Sehnsucht nach der Fortsetzung, die Revitalisierung eines Gefühls von vor zehn Jahren. Alles ist wieder wie es damals war, die filmische Qualität nicht besser, aber die Empfindung von neuem aufgeflammt. Und DAS ist wohl tatasächlich mehr, als man sich von Der Hobbit: Eine unerwartete Reise hätte wünschen können.

Wertung & Fazit

Action: 4/5
Anfangs beschauliche Butterfahrt, später Achterbahn mit Halteverbot. Tolle Fantasyaction, wenn auch ähnliche Augenöffner und Einzigartigkeiten fehlen, wie sie die LotR-Trilogie zuhauf bot.
Spannung: 2,5/5
In vielerlei Hinsicht: Prequel halt. Man weiß halt, wem trotz aller Gefahren nüscht passiert. Nach gemütlichem Auftakt ist aber dennoch ordentlich Zug im Geschehen. Zuviel, bisweilen.
Anspruch: 3/5
Erreicht nicht die Komplexität der Der Herr der Ringe-Trilogie, die Charaktere sind vielzähliger und kürzer gefasst, die ruhigen emotionalen Momente deutlich sparsamer.
Humor: 2/5
Der Zwergenslapstick wird nicht unbedingt jedem schmecken, nimmt aber auch nicht Überhand. Im Großen und Ganzen doch mit einer angemessenen und gut platzierten Humorportion.
Darsteller: 5/5
Ian McKellen ist großartig wie gewohnt, Martin Freeman ein herrlicher Bilbo, Richard Armitage das Highlight unter der grob gezeichneten Zwergenschar und die interessanteste Figur des Films.
Regie: 4,5/5
Peter Jackson bringt Mittelerde zurück auf die Leinwand und bis auf ein paar erzählerische Holprigkeiten hat er nichts verlernt.
Fazit: 9/10
Mittelerde, wie es singt und schlachtet: Der Hobbit erreicht nicht die Perfektion der Der Herr der Ringe-Trilogie und bildet dennoch den Auftakt einer tollen und herzlich willkommenen Ergänzug zum größten aller Fantasy-Epen.

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9 Kommentare

  1. Mal wieder eine wunderbare und sehr ausführliche Kritik, die ich in letzter Zeit, wie ich feststellte, viel zu selten lese und kommentiere.

    Dass er bei dir so gut wegkommt, überrascht mich dann doch etwas. Nachdem ich den Film gesehen habe, waren die Augen zwar auch noch riesengroß. Mit der Zeit fallen mir aber doch einige Defizite auf, die so eine gute Wertung dann doch nicht zulässt.
    Hast du den Film eigentlich auch im neuen 3D gesehen?

    1. Danke 😉
      In herkömmlichem 3D gesehen, HFR ist frühestens zur Zweitsichtung angesagt, einfach um’s mal gesehen zu haben.
      Einen Zacken objektiver betrachtet ist der Film vielleicht kein 9er, aber Objektivität halte ich ja sowieso für kein zwingend einhaltenswertes Kriterium einer Filmkritik. Bei mir spricht hier ganz klar das Herz mit, und das hängt an der LotR-Trilogie, wie an nichts anderem (selbstverständlich rein auf Filme bezogen). Und dieses Besondere habe zumindest ich auch im Hobbit wieder entdeckt, wie beschrieben nicht ganz so perfekt und rund, aber von meinem Empfinden her war es wieder da 😉

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