DIE TRIBUTE VON PANEM – THE HUNGER GAMES: Kritik zur Romanadaption mit Jennifer Lawrence

Kinder- und Jugendliteratur ist das neue Kinoevent: seit Harry Potter und seinem Stein der Weisen braucht jedes Filmjahr mindestens eine Adaption irgendeiner Buchreihe für die Heranwachsenden und das Klischee der „Junggebliebenen“, die richtig großen Hits im Fahrwasser des Hogwarts-Achters beschränken sich dabei auf einige wenige Hype- und Populärphänomene: Deutschland brachte Joachim Masanneks Die Wilden Kerle, in Amerika hingegen entsprang aus Stephenie Meyers Feder und unter Catherine Hardwickes armseeliger Regie ein ultrakonservativ-prüder Vampirismus, dessen Dawn bald mit dem fünften und letzten Teil gebreakt sein wird. Übergangsloser Lückenschließer ist diesmal die fünfzigjährige Suzanne Collins, bekannt geworden mit den Underland Chronicles, berühmt geworden mit der The Hunger Games-Trilogie. Die erste Verfilmung der hierzulande als Die Tribute von Panem bekannten Serie ist neben den ganzen Comicblockbustern DAS »whow, where did that came from?!«-Hypegewächs des Kinojahres 2012, der Adaption von Seabiscuit-Regisseur Gary Ross leistete ein riesiges Publikum seinen Tribut und der Film erwirtschaftete weltweit satte $685 Millionen, Tendenz mit den Sequels steigend, legt man die Erfolgskurve anderer Serien zu Grunde. Zu einem rundum gelungenen Film reichen sinnbetäubender Trommelwirbel im Vorfeld und exorbitante Gewinnsummen allein wieder einmal natürlich nicht aus…

Story

In einer dystopischen Zukunft: aus den Trümmern des durch Naturkatastrophen, Kriege und den Einfluss des Menschen weitreichend zerstörten Nordamerika hat sich vor vielen Jahrzehnten die Nation Panem erhoben. Während die diktatorische Regierung ihren Sitz im Zentrum des dekadenten Luxus errichtet hat ist der Rest des herunter gewirtschafteten Landes in zwölf Distrikte aufgeteilt. Seit der Niederschlagung deren Aufbegehrens gegen die Ausbeutung durch die Regierung werden alljährlich die sogenannten Hungerspiele veranstaltet: einerseits, um die Distrikte an die Macht der Obrigkeit zu erinnern, andererseits um ein letztes Fünkchen Hoffnung am glimmen zu halten und weitere Revolten zu verhindern werden aus jedem Distrikt je zwei Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren ausgewählt, die in einer Arena in einem erbarmungslosen Kampf auf Leben und Tod gegeneinander antreten. Zu den 74. Hungerspielen wird aus Distrikt 12 die junge Primrose Everdeen ausgewählt – zum Entsetzen ihrer älteren Schwester Katniss, die in einer Verzweiflungstat freiwillig Prims Platz einnimmt. Neben der geschickten Jägerin wird der gleichaltrige Peeta Mellark ausgelost und die beiden werden ins Kapitol transportiert, die Hauptstadt von Panem. Mit den übrigen Tributen aus den anderen Distrikten bereiten sie sich hier auf die todbringenden Spiele vor…

The Hunger Games ist eine wacklige Angelegenheit, in jederlei Hinsicht. Die Kamera wackelt und zappelt (und zwar stellenweise so sehr, als hätte Paul Greengrass Jim Carreys Mimik verschluckt), Narration und Dramaturgie stehen auf wackligem Gebein, die CGI-Effekte wackeln zwischen auffällig eiligem Weggeschwenke und –geblende und ob der höchst durchwachsenen Qualität fingernägelkauenden „draufhalten, wird schon gut geh‘n…“-Shots, die vorgestellte Welt Panems und seiner Distrikte wackelt sich durch interessante Ansätze, aber eine für Nichtkenner der Vorlage irgendwann deutlich vor den Eintaucheffekt des Films tretende Sammlung loser Fäden und illisionsraubender Erklärverweigerungen, die jede Schlüssigkeit zu nichte macht. Und so ist auch das Interesse an The Hunger Games eine wacklige Sache: das ist kein Film ohne Ambition, keiner ohne künstlerische Idee und ohne erzählerischen Anspruch – aber einer, der nicht genügend Gleitmaterial produziert, um durch sein Setting zu flutschen. The Hunger Games verhakt sich am Aufsparen von Plotpunkten und Charaktermotivationen für die Fortsetzungen und das so ungeschickt, wie es kaum einer anderen Literaturverfilmung passiert ist, denn in fast zweieinhalb Stunden ein Gesellschaftskonzept abzubilden, es in wesentlichen Teilen aber unbeantwortet im Raum stehen zu lassen – das ist alles andere, als geschicktes Storytelling. Zu oft, im Großen und Ganzen wie im kleinen speziellen bleibt die Frage stehen: wozu das alles?

2012 scheint nicht das Jahr geschickter Informationsverwaltung zu sein (siehe The Amazing Spider-Man, Prometheus, oder zuletzt das Total Recall-Remake) und auch The Hunger Games schließt sich diesem eigentlich wenig folgenswerten Trend an, Fragen und Geheimnisse zu forcieren und darüber brutale erzählerische Mängel zu offenbaren, die sich in etwaigen Sequels möglicherweise relativieren, den Auftaktfilm aber schutzlos hängen lassen und auf ganz schmalem Grat unterwegs sind, ob sie denn nun in ihrer Verweigerungshaltung in der Beantwortung wichtiger Fragen überhaupt Interesse an der Fortsetzung der Geschichte wecken, oder es lange vor’m eigentlichen Funkensprung bereits auslöschen. Betrachtet man die Kartographie Panems nimmt das herrschende Kapitol nur einen winzigen Fleck ein, die Distrikte hingegen eine gewaltige Landmasse von der West- bis zur Ostküste. Wie genau die Regierung die Herrschaftshoheit über dieses Gebiet behält ist vollkommen unersichtlich, die Präsenz des Militärs ist scheinbar gering, mehr als ein einziges observierendes Fluggerät wird nicht gezeigt und zwar die Nahrungsknappheit in ein paar Szenen gezeigt, deren Zustandekommen auf einer von Wild bevölkerten Fläche von über 9 Millionen Quadratkilometern bleibt aber ebenso logistisches Rätsel des Films, wie die namensgebenden Hungerspiele: wie zum Mockingjay reguliert man die Nachwehen und beugt einer weiteren Revolte vor, indem man seit 74 Jahren alle zwölf Monate 24 Kinder aus der Mitte der Distriktler reißt, damit diese sich in einem inszenierten Volksbelustigungskampf bis auf den Tod bekämpfen?

Die großen Unbekannten des Films, an die sich weitere knüpfen und die es nach einem sehr stimmungsvollen Auftakt immer weiter erschweren, hinter dieser Welt die nötige Plausibilität zu entdecken. Panem, seine Zivilisationsstrukturen und die Natur der Spiele werden nicht klar umrissen und nicht ausschattiert und das ist ein Informationsmangel, der für The Hunger Games trotz seiner Quadrilogiezuarbeit eigentlich nicht optional sein dürfte: was kratzt es im zweiten Teil, wie die Hintergründe des Geschehens zu verstehen sind, wenn der erste Teil unter deren Absenz nicht funktioniert? Literarisch lässt sich das sicher so umsetzen, da kann ein Buch auf über 400 Seiten Hinweise streuen und ausschmücken, ein auf verhältnismäßig straffe 142 Minuten herunter gebrochener Film muss da schnell wenigstens ein bißchen deutlicher und konkreter werden. Dennoch ist The Hunger Games bis zum Beginn der eigentlichen Spiele ein recht guter Film, das Leben in Distrikt 12, die Dekadenz des Kapitols, die mediensatirische Vorbereitung auf die Spiele – auch hier fehlt es an einigem und trotzdem ist das veritabler Filmgenuss mit viel Bling Bling für’s Auge, verrückten Kostümen, irrer Frisurenmode und dem kräftigen Schuss Einfallslosigkeit, mit dem der gesamte Film abgeschmeckt ist, wenn es darum geht, diese optischen Spielereien mit Inhalt zu füllen. Das Sponsorensystem, das Training der Tribute, die Show-Interviews und die gesamte pompöse Inszenierung der Spiele – das wird visuell präsentiert, mehr nicht. Warum das zum Beispiel so einen Affenzirkus und Beliebtheitspush um sie herum auslöst, dass Katniss und Peeta beim gladiatorischen Einmarsch der Tribute in eine Arena einen künstlichen Feuerschweif hinter sich her ziehen – no idea. Wie ist das Ausmaß dieser ganzen Veranstaltung einzuschätzen, wie lüstern nach Mord und Tod und Unterhaltung sind diese puppesquen Bewohner des Kapitols, was sollen diese Hungerspiele eigentlich bezwecken?!?! No idea.

Die Spiele selbst jedoch sind es dann, die The Hunger Games erschlaffen lassen. Wie gesagt, auch das Vorspiel bleibt vieles schuldig, deutet aber auch einiges an, dass sich in der Arena aufzulösen verspricht. Und dann rennen halt 24 Kids durch den Wald. Bockstark und überraschend heftig noch der Eintritt auf das Kampfesgelände, wo gleich die ersten Kehlen durchschnitten und Leiber aufgeschlitzt werden, danach aber… Statt Hauptfigur Katniss übernehmen hier ganz andere Protagonisten die Führung, nämlich Gevatter coincidence und sein Zögling, das verwunderte »…wait, what?«. [ACHTUNG, Spoilertendenz voraus!]Warum sich einige der Kids zusammenschließen obwohl die Spiele nur einen Sieger vorsehen, oder warum sich der Außenseiter Peeta mit den arroganten Karrieros (Teens, die sich ihr Leben lang gezielt auf die Spiele vorbereiten) gegen Katniss verbündet und warum das später zwischen den beiden keine Rolle mehr spielt, das sind einige der größeren Unstimmigkeiten. Eine weitere ergibt sich aus dem Eingreifen der Spielemacher. Diese inszenieren das Treiben nach ihrem Willen und im Sinne der größtmöglichen Publikumsbefriedigung, ändern kurzfristig Regeln, manipulieren die Umwelt, um Duelle zu erzwingen oder mit mutierten Monstren zu verschärfen. Das raubt den Hungerspielen allerdings völlig ihren rohen Gedanken, jede Intensität und echte Dramatik vor der inszenierten, und es ist ein weiterer Konzeptmakel in der Welt des Films: die Kinder aus den Distrikten werden nicht bloß zum Todeskampf gezwungen, ihr Überleben entscheidet noch dazu die Obrigkeit aktiv mit – und seit 74 Jahren hält DAS das Volk vom Aufstand ab? Zumindest bis die kurz vor Stillstand passive Katniss kommt und eigentlich nichts entscheidendes tut, um für Aufruhr zu sorgen?[Spoiler Ende]

The Hunger Games mag in Kenntnis der Vorlage ein überzeugenderer Film sein, bleibt aber viel zu viel von seiner Welt schuldig, um zu überzeugen, wenn man sich die vielen Lücken nicht selbst füllen kann. Der Film beginnt gut, zerfällt aber mit Beginn der titelgebenden Spiele, denen es zualleroberst an Spannung fehlt und die unzulängliche Mittel wählen, um diese zu erzeugen. Das Konzept Panems bleibt nebulös, setzt keinen gekonnten Rahmen, innerhalb dessen die Story und ihr Fortlauf die nötige Bedeutung gewinnen, der Film wirkt teils planlos im Umgang mit einzelnen Plotpoints, unausgereift und wie nicht zu Ende gedacht, was ja bei einer bereits abgeschlossenen Buchvorlage eigentlich nicht der Fall sein kann. Passendes Ausmaß und richtige Akzente in ihrer Welt wussten etwa die Potter-Filme bereits zu setzen, als Autorin Joanne K. Rowling noch mitten im Schreiben der letzten zwei, drei Bände der Reihe steckte, The Hunger Games-Erfinderin Suzanne Collins, Mitschreiberin des Scripts, scheint da weniger Können im Schwerpunktsetzen beim Transfer von Seite zu Zelluloidstreifen zu besitzen. Hörenswerte Musik von T-Bone Burnett und James Newton Howard sowie eine beachtliche Jennifer Lawrence als Katniss Everdeen sind dauerhafte Pluspunkte gegenüber miesem CGI und (egal wie grell geschminkt) farblosen Nebendarstellern und fehlender Dramatik inklusive einem unerhört antiklimaktischen Finale. Die Ahnung, dass mehr in The Hunger Games steckt, erwacht immer mal wieder – umso ärgerlicher, dass der Film meint, es sich vollstumfänglich für die Sequels aufsparen zu müssen.

Wertung & Fazit

Action: 1.5/5

Der Film lässt sich viel Zeit (ohne wirklich viel zu erzählen), die Action während der Spiele gerät unspektakulär, alles andere als optimal gefilmt und unter den schlechten Effekten leidend.

Spannung: 1.5/5

Trotz Mängeln baut sich in der Vorbereitung zu den Spielen Spannung auf, die sich in deren Beginn entlädt – und dann verraucht.

Anspruch: 1/5

Der Film greift in allen Belangen zu kurz, das Portrait der Welt ist unschlüssig, die Figuren eindimensional, Medienschelte und Gesellschaftskritik bleiben oberflächlich.

Humor: 0/5

Eher pessimistischer Ton.

Darsteller: 4/5

Jennifer Lawrence rettet die Darstellerehre und über Strecken auch den Film. Starke Leistung. Um den Nachwuchsstar herum bleibt’s farblos, trotz bekannter Namen und Gesichter.

Regie: 2/5

Gary Ross’ Inszenierung scheint eher auf dem Wikipedia-Artikel zur Romanvorlage, denn auf selbiger zu basieren, Stilmittel wie Wackelkamera geraten allzu zweckmäßig und heterogen.

Film: 4/10

Die Lust auf mehr hält sich in Grenzen: unrunder Auftakt der Panem-Reihe, dessen erzählerische Versäumnisse die Sequels vielleicht ausgleichen, dem Film als solchen aber erstmal gehörigen Schaden zufügen.

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3 Kommentare

  1. Da dachte ich wirklich, ich käme mal mit einer kontroversen Review um die Ecke indem ich den Tributen eine schlechte Wertung verpasse und was machst du, gibst einfach noch einen halben Punkt weniger als ich – und ich steh wieder als softer Gutmensch da, na toll!

    War natürlich Spaß und du hast tatsächlich noch einige Kritikpunkte mehr genannt, die mir gar nicht so störend aufgefallen sind, so dass deine Wertung durchaus gerechtfertigt ist! 😉

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