Review: DJANGO UNCHAINED

Story

Der amerikanische Süden 1858: der deutsche Zahnarzt Dr. King Schultz, seit geraumer Zeit nurmehr als Kopfgeldjäger tätig, befreit den Sklaven Django aus den Händen seiner Besitzer und tritt mit einer Bitte und dem Versprechen auf Freiheit an ihn heran. Django soll die Brittle-Brüder identifizieren, denen Schultz auf der Spur ist, und helfen, die Verbrecher zur Strecke zu bringen. Django willigt ein – und offenbart auf dem gemeinsamen Weg ein außergwöhnliches Revolvertalent, das Schultz zu fördern beschließt, nachdem die Brittles ausgeschaltet sind. Die beiden schlagen über den Winter eine blutige Schneise durch’s Land, doch Django verfolgt noch ein ganz anderes Ziel: seine Frau Broomhilda ist mittlerweile Eigentum des Plantagenbesitzers Calvin J. Candie, der auf Candyland residiert und das brutale Sklavenregime seiner Vorfahren weiterführt. Um an Candie ranzukommen geben sich Schultz und Django als interessiert am Erwerb eines Sklaven aus aus, der in Mandingo Fights antreten soll, einer Leidenschaft Candies, bei der sich Schwarze im unbewaffneten Kampf bis in den Tod prügeln. Ein geradezu lächerliches Angebot über $12.000 für einen seiner besten Kämpfer weckt schließlich Candies Aufmerksamkeit. Djangos Rachedurst und seine Liebe zu Broomhilda führen schließlich zu einem blutigen Showdown auf Candyland…

Der Film

1966, Sergio Leones Il buono, il brutto, il cattivo: Gunman Sentenza erscheint auf einer kleinen Farm, auf der Suche nach dem flüchtigen Jackson, und treibt ein Nervenspiel um Informationen mit dessen Kriegskameraden Stevens. Kaltblütig und eloquent. 2009, Quentin Tarantinos Inglourious Basterds: SS-Oberst Hans Landa unterzieht den Hof des Milchbauern LaPadite einer Inspektion, fahndet nach flüchtigen Juden und beginnt ein kaltblütiges und eloquentes Nervenspiel mit seinem Gegenüber. Diese beiden Szenen sind eines und eines der offensichtlichsten Beispiele für die Zitierfreude, das Huldigen und die Verehrung des Videothekenjunkies Tarantino für das Sub-Genre des Spaghetti Westerns. Es war natürlich nur eine Frage der Zeit, bis sich der Quasselmeister einer seiner Lieblingsreferenzen selbst zum Duell stellen würde und mit Django Unchained ist‘s nun so weit gewesen: high noon, alle raus aus dem Saloon, Tarantino hat einen Western gedreht! Einen Spaghetti Western! Oder eher einen Spaghetti Southern! Oder noch eher: einen Tarantino-Film.



Der Wurzeln des Italowesterns und seiner stärksten Auswüchse ist sich einer wie Tarantino natürlich überbewusst, Giorgio Simonelli, Sergio Corbucci, Sergio Leone, der Knoxville’ianer kommt mit seinem Django Unchained darüber nicht ins stolpern, ergänzt den nicht mehr gerade üppig bewachsenen Genrebaum aber lediglich um ein paar Äste, statt ihn neu erblühen zu lassen. Tarantino macht sich und seinem abgedrehten Kosmos den Spaghetti Western zu eigen, wie er es vorher mit Gangster Thrillern, Blaxsploitern, Eastern, Kriegsfilmen und sonstwas für weiteren Einflüssen getan hat, sein Django Unchained ist nicht klar und eindeutig in eine Kategorie zu stopfen, außer eben in die Kategorie Tarantino. Der Film ist wie Inglourious Basterds ein Prequel zu den Reservoir Dogs, zu Pulp Fiction, zu den Kill Bills. Das selbe alternative Tarantinoverse, auch wenn es nicht besonders zahlreich referenziert wird, Big Kahuna Burger werden im Wilden Süden noch nicht vertilgt und der Hint auf einen Charakter aus den „Nachfolgern“ (explizit aus Pulp Fiction) ist tatsächlich verschwindend winzig.

Und obwohl (oder weil?) Tarantino sich weitenteils an den Grundformalien des Westerns ausrichtet und dabei natürlich wieder eine Unmenge an bemerkenswerten Szenen und Dialogen herausspringt, er ungewohnt geradeaus erzählt, die Schießeisen rauchen und die Pferde galoppieren lässt… er nailed das Ding diesmal einfach nicht. Da hat sich etwas verselbständigt zwischen hier und Inglourious Basterds, oder, keine Ahnung, vielleicht auch schon lange vorher: Django Unchained ist wie eine Aufführung von Tarantino-Figuren, die (ob sich ihrer selbst bewusst oder nicht) einen Tarantino-Film nachspielen, voll in Kostüm und Maske. Welch eine idiosynkratische Paraphrase! Tarantino zusehen, wie er Tarantino beim Inszenieren eines Western inszeniert. Irgendwie lässig. Irgendwie reizvoll. Irgendwie… nichts. Klingt komisch oder unsinnig? Mag sein. Ist aber genau so. Wie gewohnt gibt es einige Szenen in Django Unchained nur, weil Tarantino sie cool findet und ihm, ganz Fanboy, wahrscheinlich der Hosenknopf aufspringt, während er sie dreht. Wie zum Beispiel der Cameo-Auftritt des Original-Django Franco Nero. »‘jango. The ‘D’ is silent« »I know.« Ist Tarantinos Spaghetti Western, pardon, Southern also nicht mehr, als das 160minütige Manifest der Aufgabe vor dem eigenen Kult?



Vielleicht. Vielleicht kann man dem Kinoinhalierer Tarantino seine Auslebung, seine Huldigung, sein inszenatorisches Fantum nicht vorwerfen, diese Leidenschaft für cineastische Abseitigkeiten, denen er ihre mal mehr, mal weniger verdiente Beachtung zukommen lässt, indem seine Filme jedes Mal wahre research-Stürme auslösen, um herauszuklamüsern, was der Meister da alles referenziert hat. Vielleicht kann man es Tarantino aber vorwerfen, wenn sein heißgeliebtestes Fanobjekt er selbst ist und sein eigener schöpferischer Kosmos so stark vor das eigentliche Werk tritt, wie dies bei Django Unchained der Fall ist. To be clear: Eigenliebe scheint hier nicht zum ersten Mal bei Tarantino durch, klar ist der Typ selbstverliebt, man denke nur an seine Dankesrede bei den Academy Awards 2013, die first and foremost ihm selbst galt und nur im Nebensatz seinen Darstellern. Die Crux bei Django Unchained: noch nie stand Tarantinos Gewissheit, hier grandioses Material geschrieben zu haben, so sehr dabei im Weg, einen großartigen Film daraus zu machen. Django Unchained ist verdammt cool, verdammt gewalttätig, verdammt dialogstark, verdammt toll gespielt, verdammt virtuos gefilmt und arrangiert… and boy, this time did he know it.

Kann Tarantino-Fans (folgerichtig am meisten ihm selbst) natürlich gepflegtest Wurscht sein, beim Tarantino-Sympathisanten oder –zu-schätzen-Wisser (wie hier einer schreibt) führt soviel durch eigene Hand wundgeklopfte Schulter auch nicht gleich zum Sympathieverlust, aber doch dazu, dass sie sich zu Django Unchained nicht richtig aufbauen will, die Sympathie. Der verdient sich allenfalls eine gehörige Portion Respekt. Für das wahnsinnig geschickte Bild von Herrschaftsphantasien und aufsprengenden Fesseln, von Überlegenheitswahn und Ohnmächtigkeit im Angesicht der eruptiven Selbstverständlichkeit dieses barbarischen Rassenhasses, zu dem sich der Weiße hinreißen lässt. Wie der Blonde, Tuco und Sentenza in Leones Il buono, il brutto, il cattivo den Wirr- und Irrwegen des Bürgerkriegs begegneten durchwandern Tarantinos Figuren den Südstaatenmorast der Sklaverei, mal streift Tarantinos Blick ihn nur, mal sieht er ihn direkt an, wenn der weiße Grundbesitzer und seine zähnebleckenden Lakaien die Leibeigenen foltern, auspeitschen, sie ob ihres Ungehorsams von Hunden zerfleischen oder sie in Erdlöcher sperren lassen, sie zur puren Belustigung zu Kämpfen auf Leben und Tod antreten müssen. Abstoßend und unangenehm wird Django Unchained in solchen meist quälend gestreckten Momenten – und behält es sich dennoch vor, sein Sklaverei- und Südstaatenportrait nicht Schwarz/Weiß, sondern durchaus in Grauschattierungen darzubieten, wenn die Sklaven einander keine grundsätzliche Schicksalsbruderschaft entgegen kommen lassen und sich zum Beispiel Samuel L. Jacksons speichelleckerisch wirkendender Hausdiener als sadistischer Strippenzieher offenbart.



Wie bei Inglourious Basterds findet Tarantino in Christoph Waltz seinen Darsteller, beziehungsweise seine Figur, die gegen den Strom der Zeit alterniert. Waltz‘ Oscar-prämierter Schurke Hans Landa war kein unbedingter Loyalist der Nazi-Ideologie, Waltz‘ wiederum Oscar-prämierter Kopfgeldjäger Dr. King Schultz ist alles andere als ein Befürworter der Sklaverei und je tiefer er in deren menschenverachtende Wucherungen vordringt, desto mehr wird Schultz von Abgestoßenheit befallen, aus der es für die Figur keinen Ausweg mehr gibt, egal, wie überlegen und außen vor Schultz zunächst aufgebaut wurde. Wenn Leonardo DiCaprio als aufschneiderischer Monsieur Calvin J. Candie anhand eines Totenschädels die übermäßige Gefügigkeit des Afrikaners auf einer medizinisch-wissenschaftlichen Ebene zu erklären sucht bleibt selbst der redegewandte Schultz sprachlos und erschlagen von einer solch ermattend rechtfertigungspolitischen Genugtuung. Bezeichnend, dass Schultz, der Zahnarzt, in Candie auf die einzige (?) Figur des Films mit schlechten Zähnen trifft. Joa. Das ist schon alles brilliant ausgetüftelt und wie unzählige Szenen in Django Unchained ebenso brilliant vorgetragen, von Waltz, von DiCaprio, von Jackson, von Foxx… Waltz‘ „dem Eskimo den Kühlschrank verkaufen“-Eloquenz, DiCaprios großmännisches Getue zur Verschleierung von Unbildung und –sicherheit, Jacksons linkische Diabolik, Foxx‘ posenreiche Coolness, Szenen wie die Lächerlichmachung eines frühen Auswuchses, einer Vorstufe des Ku-Klux-Klan, die direkt aus den Glanztagen der Bullyparade stammen könnte… Das ist schon alles nicht ohne. Aber: Tarantino nailed es im Gesamten diesmal einfach nicht.

Wertung & Fazit

Action: 2,5/5
Einige heftige, blutsudelnde Shooutouts.
Spannung: 2,5/5
Wie meist bei Tarantino: in Einzelmomenten auf Spannungsspitzen getrieben, ansonsten viel Erzählfluss ohne solche Ausbrüche.
Anspruch: 2,5/5
Die ungloriosen unehelichen Kinder skalpierten sich durch die Tarantino-Alternative des Zweiten Weltkriegs, Django sprengt seine Ketten vor dem Hintergrund einer Tarantino-alternativen Südstaatensklaverei. Mit anderen Worten: nicht zuerst auf historische Akkuratesse bedacht, sondern auf die Verdickung eines Stimmungsbildes.
Humor: 1,5/5
Trotz des Themas durchaus vorhanden, allein Waltz’ überlegene Gesprächsführung ist köstlich.
Darsteller: 5/5
Die gewohnte Hochform unter Tarantino. Ob’s Waltz’ zweiten Oscar wert war… nun ja. Trotzdem unwegdiskutierbar starke Leistungen, zumindest vom leading Quartett.
Regie: 3,5/5
Tarantino im Kreisverkehr. Natürlich voller Dialogwucht, natürlich voll toller Szenen und inszenatorischer Kniffe und dennoch haftet dem allen ein so starker Geruch von Selbstbeweihräucherung an, dass man das nur respektieren, nicht aber offenen Armes lieben kann (wie Tarantino selbst es tut).
Fazit: 7/10
Django Unchained ist ein guter Film, ein eigenversessener Tarantino und als Western höchstens bedeutungslos, kein Genre Prime wie Il buono, il brutto, il cattivo, C’era una volta il West oder seine direkteren Bedienbilder, halt Django, Il grande silenzio und so weiter…

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6 Kommentare

  1. Für mich hat er es gerade bei diesem Film mal wieder total getroffen…

    Er hat mir deutlich mehr Spaß gemacht als etwa Inglorious Basterds, ob der Film wirklich besser war weiß ich nicht.

    Das mag aber auch daran liegen, dass ich dieses Mal das erste Mal wirklich bewusst die ganzen Referenzen in einem Tarantino Film gesehen habe, da das Westerngenre wohl das einzige ist, wo ich wirklich die ganzen Klassiker kenne 😉

    Wo hast du denn eine Beziehung zu Pulp Fiction gesehen? die ist mir wohl entgangen…

    Es gab allerdings eine zu Kill Bill 2 (Beatrix war dort in dem Grab von Paula Schultz begraben). Und das Mit Shaft fand ich auch sehr lustig und passend…

    1. Auf einem der Steckbriefe wird ein Gangmitglied namens Crazy Craig Koons aufgeführt, das ist ein Vorfahre von Christopher Walkens Charakter aus Pulp Fiction 😉

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