Review: FAST & FURIOUS 6

Gerade erst vor ein paar Monaten schraubte A Good Day to Die Hard dem Genrethron der einstigen Actionreferenz noch ein paar mehr Halterungen raus und bestätigte eine allzu bekannte Gültigkeit: Filmreihen entwickeln sich nicht progressiv. Als Justin Lin anno 2006 zum unterbodenbelichteten The Fast and the Furious-Franchise stieß sah das nicht anders aus. Der Auftakt fünf Jahre zuvor ein unterhaltsamer, solider Racing-Actioner, ein Kompensationsfilm im prolligen pimps-poser-pussies-Milieu, das Sequel ohne Star Vin Diesel nur ein Langweiler und in Lins Debüt ging das Testosteron-Gepose zu Gunsten von Pubertäts-Gepupse drauf und die Reihe driftete voll gegen die Wand. Doch mit Diesel zurück an Bord ging’s 2009 Fast & Furious back on track – ehe 2011 sämtliche Gesetzmäßigkeiten degenerativen Sequeltums aufgehoben wurden: Fast & Furious 5 brauste als bester Actionfilm des Jahres durch’s Ziel, das Franchise hatte sich endgültig und radikal neu erfunden, seine Figuren vom street racing- in ein heist-Setting gepackt und damit vollen Erfolg. The Fast and the Furious, plötzlich die letzte große Actionreihe (neben Bond und den ganzen Comicverfilmungen), die dem Kino geblieben ist? YO, bro! Entsprechend hoch liegt nun die Latte für ein Franchise, von dem eines einst nie zu erwarten gewesen wäre, nämlich hohe Erwartungen daran. Also, wie schlägt sich Fast & Furious 6 unter diesen veränderten Bedingungen? Sehr gut, allerdings mit dem ein oder anderen „aber“…

Story

Eigentlich ist für die flüchtige Raser-Crew um Dominic Toretto und Brian O’Conner Fuß vom Gas nehmen und das Leben genießen angesagt. Nach ihrem Coup in Rio sind sie um hundert Millionen reicher und kosten rund um die Welt verteilt den Luxus dieses Umstands aus. Doch etwas fehlt den Kriminellen nach wie vor: ihr zu Hause, in das sie nach ihren Verbrechen nicht zurück können. Unterdessen macht DSS Agent Luke Hobbs Jagd auf einen extrem spezialisierten Ex-Special Forces-Soldaten namens Owen Shaw, der mit seiner Crew diebische Präzisionsarbeit quer über alle Kontinente leistet. Shaws Ziele sind dabei die Einzelteile einer High Tech-Waffe, die in den falschen Händen für ein beispielloses Chaos sorgen könnte. Mit einem unerwarteten Lockmittel wendet sich Hobbs schließlich an Toretto, um ihn und sein Team zu überreden, Shaw dingfest zu machen…

Der Film



Seit dem vierten Teil schreibt sich The Fast and the Furious eine zweite Subgenre-Bezeichnung neben das fest fixierte Car-Actioner: Revenge-(oder auch Smuggling-)Thriller, Heist-Thriller und mit Fast & Furious 6 ist die Tendenz wieder eine andere und zeigt in Richtung Agenten-Thriller. Wo im ersten Teil alles mit dem Raub von DVD-Playern begann steht mittlerweile nichts geringeres als der Weltfrieden auf dem Spiel, Teil des Plots um den neuen bad guy Owen Shaw ist ein klassischer MacGuffin, ein nicht näher erklärter Gegenstand kann in nicht näher erklärten Händen nicht näher beziffertes Unheil anrichten. Die Crew um Toretto und O’Conner muss sich nicht wie zuvor das Nötigste zusammenklauben, sondern geht mit reichlich Spionagewerkzeug und Gadgets auf die Jagd nach der gegnerischen Rasertruppe, die ihrerseits nicht minder wuchtig bestückt ist. Dererlei Merkmale, die in reinrassigeren Agenten-Actionern wie Mission: Impossible oder den Bond-Filmen natürlich noch definierter aufkommen, verbindet Fast & Furious 6 mit seinen ureigenen Serienelementen und das klappt um verschiedene Nuancen schlechter, als noch die Heist-Mechanik im direkten Vorgänger sich damit ergänzte.

Fast & Furious 6 gehen weder Treibstoff noch Nachbrenner oder der Unterhaltungsmotor aus, in den ausgewalzten Actionsequenzen zündet der Film punktgenau den Turbo, dazwischen aber schleicht sich der Leerlauf nicht ein, vielmehr trampelt er direkt in die spärliche Handlung. Justin Lin und Autor Chris Morgan wollen seit ihrer Übernahme der Reihe mehr, als lediglich einen stand alone-Streifen nach dem anderen, denen ist an Kontinuität und Verbindung gelegen. Das macht hier schon der Vorspann deutlich, der durch Szenen sämtlicher fünf Vorgänger und Vin Diesels Kurzfilm Los Bandoleros führt. Und nicht ohne Augenzwinkern winkt Fast & Furious 6 zweimal deutlich in Richtung Marvel, wenn Plappermaul Roman den Hulk erwähnt und der überproportionale Agent Hobbs als samoanischer Thor im Handy eingespeichert ist. Der Comicgigant demonstriert schließlich mit seinem Cinematic Universe, wie Querverweis geht. Das ehemalige Protzschlittenspektakel verliert darüber jedoch stückweise die Klarheit und Motivstärke voriger Outings: die Verbindungen werden einigermaßen plump und trotzdem nicht ungeschickt geknüpft, nur muss Fast & Furious 6 sich an so vielen davon und dazu noch an einem immer größer werdenden Fuhrpark handlungs(ir)relevanter Charaktere abarbeiten (von denen halt nichtmal eine Handvoll die ikonographische Größe des Marvel’schen Heldenolymps besitzt), dass der Film seine Story in arg kleine Fetzchen reißen muss, um allem und jedem irgendwie gerecht zu werden.



So gnadenlos wie unplausibel werden da gleich zu Anfang mal zwei Protagonistinnen aus dem Weg gebügelt, indem sowohl Torettos neue Flamme, wie auch die frisch gebackene Mama Mia kein Problem damit haben, dass ihre Männer zur totgeglaubten großen Liebe zurückkehren, beziehungsweise sich trotz Vaterverantwortung aus ihren paradiesischen Anwesen in weitere gefährliche Machophantasienabenteuer stürzen. »Just go, I’ll keep your dinner warm and the diapers clean«. Nicht mit allen Charakteren verfährt Fast & Furious 6 dermaßen lieblos, dennoch findet der Film vom „because the plot says so“-Opening über den kleinteilig-versprengten Mittelteil nicht den rechten Flow. Toretto und co. nach dem Coup am Ende des fünften Teils für weitere waghalsige Spritztouren aufgerafft zu bekommen erweist sich als Hürdenlauf mit einigen unsauberen Hängenbleibern, es fehlt die klare Motivation, deren Ertrag jedes Risiko rechtfertigt, wenn da nicht mehr abgebrannte und in die Enge getriebene Flüchtlinge, sondern zigfache Millionäre und Gutsbesitzer an den Start gehen, teils im Namen eines Ethos, den sie nicht zwingend teilen und zur Rettung einer Frau, die sie nicht kennen.

Fast & Furious 6 bringt bekanntlich Michelle Rodriguez‘ totgeglaubte Letty zurück und let’s be honest: das raunzige tough chick mit der (selbst vom Film so benannten) irgendwie fiesen Ausstrahlung war nicht gerade DIE Sympathieträgerin der Reihe und ihre Wiederkehr mit Amnesie ist ein zugleich über- und unterkonstruierter Plotteil, dessen ganze Aufmache dann doch eher underwhelm’t. Die Rodriguez spielt’s im ununterbrochenen voll-hart-und-voll-angepisst-Ton und wirklich gefehlt hat der den Schnellen und Furiosen nicht. Ganz im Gegensatz zu einem rundum gelungenen Bösewicht, denn den bot bisher kein einziger Teil. Cast-Neuzugang Luke Evans und sein Owen Shaw sind diesbezüglich eine immense Steigerung, in den sechsten Gang schaltet aber auch er nicht hoch. Die überlegene „immer einen Schritt voraus“-bad guy-Routine geht naturgemäß mit einem Stück Willkür einher und neben den vielen Pflichten, die Fast & Furious 6 zu leisten hat, bekommt Shaw nicht viel Zeit zum Wachsen, auch wenn er rückwirkend als Überschurke des vierten Teils installiert wird. Evans’ snobistisches und rücksichtsloses Arschlochtum ist ein netter Gegensatz zu Torettors ehrenvollerem Straßenkodex, Shaw bleibt aber wohl nur ein Expendable, Herold eines sich ankündigenden zukünftigen Antagonisten von echtem Format… *hust*Statistikschinken*hust*



Neben Letty the Letdown und dem schurkischen Shaw kommen auch die big player des Franchise diesmal nicht voll auf Touren. Vin Diesel hat bleifrei getankt und lungert lange Phasen des Films nur gedankenversunken neben Autos rum. Seine Broziehung zu Paul Walker steht still, während dessen Ex-Cop O’Conner ohne Jordana Brewster an der Seite noch seltener in Schwung kommt. Dwayne Johnson, der sogar im Weitwinkel eingefangen die halbe Leinwand ausfüllt, ist zum Stichworte und Sprüche bellen mal da und dann wieder nicht, bekommt eine reichlich blöde Episode an der Seite von Chris ‘Ludacris’ Bridges, der sich seinerseits meistens mit Tyrese Gibson balgt, während Gina Carano und Gal Gadot die Frauenquote hochhalten, Gadot aber eigentlich nur dazu taugt, von Sung Kang gerettet zu werden, dem ansonsten keine nachvollziehbare Aufgabe zufällt. Die Crew ist ein mittlerweile ausreichend prägnanter Haufen, das Mit- und Gegeneinander gut positioniert, nur gibt es für sie einfach nicht genug zu tun. Zusammengefasst: der Gewaltenteilung in Fast & Furious 6 fehlen die donnernden Zündungen in der Dynamik, der spritzende Witz oder bloß der Mut, ein paar Figuren einfach zu Hause zu lassen und mehr auf die Schultern derer zu laden, die auf den Postern nach wie vor ganz vorne stehen.

Aber die TÜV-Plakette hat natürlich noch ’ne zweite Seite: obwohl die im Zuge der Intentionen der Reihe gefragten Archetypen in der sechsten Dröhnung nicht voll durchtreten, so ist Fast & Furious 6 doch wie gehabt ein Brett, wenn hier Reifen zu rollen beginnen. Die erste große Verfolgungsjagd durch London, bei der Shaws Crew andere Autos über ihre Entenschnabelfahrzeuge springen lässt, später der Pre-Showdown mit Panzer und Brücken und der eigentliche Showdown mit Frachtflugzeug: alles geil. Überragende Stuntarbeit, mit vielen praktischen Lösungen, statt computergenerierter Ausreden und Entschuldigungen. Da wird der Kinosaal wieder zum Hubraum umfunktioniert und Fast & Furious 6 packt alles aus, was so möglich und unmöglich scheint. Doch auch hier gibt es im Gegensatz zum Asphalt wegwalzenden Vorgänger ein „aber“: der großstädtische Haupthandlungsort London und ein karger spanischer Landstrich, der im dritten Akt aufgesucht wird, sind keine so fabelhafte und unverbrauchte Kulisse, wie es zuvor Rio de Janeiro war. Dunkler, dreckiger, wolkenverhangener, von exotischen Schauplätzen weitenteils in Hinterhöfe und Nächtlichkeit verlegt – da fehlt einer der Hauptreize von Fast & Furious 5 leider so sehr, wie es zu befürchten stand. Außerdem: obwohl es natürlich nicht lohnt, sich an logistischen und physikalischen Vergehen aufzuhalten, so nimmt der physische Unrealismus doch langsam schmerzliche Ausmaße an, eben weil es NICHT schmerzt: egal, wie heftig sich auf die Fresse geprügelt wird, außer kaum auszumachenden Beulen bleibt kein sichtbarer Schaden zurück. Da sollte Saw-Schöpfer James Wan, der demnächst das Regielenkrad von Lin übernimmt, ruhig wieder mehr Kratzer in den Körperlack reißen und den Unverwundbarkeitschrom stärker zerdellen. Helden müssen auch mal bluten. Das „schaffen“ schließlich sogar PG13-/FSK12-Superhelden, siehe Iron Man 3.



Schluss ist noch lange nicht mit The Fast and the Furious, noch während der End Credits setzt eine kurze Szene nicht nur eine entscheidende Verbindung zum dritten Teil (in der Chronologie nach den Nummern Vier bis Sechs angesiedelt), sondern gewährt noch dazu einen verheißungsvollen Blick in Richtung Fast & Furious 7, der laut Diesel Auftakt einer neuen Trilogie sein soll und die Reihe wiedermal in eine vollkommen andere Richtung *ähem* transportiert. Alles voll in Ordnung, just keep bringing‘ em! Dennoch muss das Franchise aufpassen. Nur mit Knöpfchendrückerei ihrer Trademarks, immer abgefahreneren Actionsequenzen und zurückkehrenden Charakteren, des Verwaltens deren schierer Menge und einem immer weiter verzweigten Aufbauschens der eigenen Mythologie wird’s auch dann kein Selbstläufer, wenn die Einflüsse anderer Genregattungen wechseln, das offenbart Fast & Furious 6 (Stichwort Selbstzweck). Dem sechsten Teil geht über all dies etwas der Charme, die Kernthematik und das Auge für seine wichtigsten Protagonisten verloren.

Wertung & Fazit

Action: 4,5/5
Nicht das absolute Überbrett, das Teil Fünf vor zwei Jahren war, vor allem weil London als Kulisse zu beliebig und schlicht langweilig rüberkommt. Dennoch: in Sachen Stunts und Abgefahrenheitsgrad ist die Reihe mittlerweile outstanding.
Spannung: 2/5
Die Jagd nach dem HighTech-Chip ist komplett irrelevant, auch lässt das Tempo diesmal phasenweise ganz schön nach.
Anspruch: 0/5
Nö.
Humor: 1/5
Die Oneliner sind gewohnt hohl und waren trotzdem schon spaßiger, insgesamt fühlt das Ding sich wesentlicher rauer an als der Vorgänger, auch aufgrund recht unangebracht hoher Zahlen an zivilen Opfern.
Darsteller: 3/5
Das inszwischen riesige Ensemble wird nicht mehr so gut ausgewogen präsentiert, zu wenig verteilt sich auf zu viele Schultern und die Hauptprotagonisten verschwinden bisweilen für längere Phasen aus dem Handlungszentrum des Films, während andere Charaktere diesmal nur dabei zu sein scheinen, um am Ende kontinuitätsgerecht zu sterben.
Regie: 4/5
Ein Schritt zurück im Umgang mit herausragenden Action-Pieces und der richtigen Charaktermischung.
Fazit: 7,5/10
Fast & Furious 6 ist wieder brettfettes Actionkino, aber im Gegensatz zum fast perfekten direkten Vorgänger mit ein paar stärker ins Gewicht fallenden Einschränkungen. Der Film findet schwerlich zu seinem Flow, besonders der Mittelteil versprenkelt sich in Redundanzen, zu viele Figuren, zu viele Querverweise. Der finale Akt haut dafür nochmal alles raus, bzw. runter. Teil Sieben kann kommen, sollte aber wieder ein bißchen sorgfältiger und klarer vorgetragen werden.

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5 Kommentare

  1. Ja, ich hoffe auch, dass man es im nächsten Teil wieder etwas gediegener angeht… vor allem was den ganzen “Ocean’s Eleven”-Flair angeht. Das passt mir persönlich gar nicht. Dafür war der Film aber wieder einmal ein guter Action-Kracher… und ich sage es gern noch einmal: Der Fight Carano-Rodriguez war mein persönliches Highlight 😉

    1. War too much diesmal mit Figuren und Querverweisen, keine Frage. Ich wünsch mir viel mehr Fokus auf Diesel, Walker und Johnson im nächsten Teil. Und natürlich den ultra bad ass’igen Glatzkopfbösewicht, der sich da am Ende schön spektakulär ankündigt 😉
      Und der Carano-Rodriguez-Fight… muss ja zugeben, davon hatte ich mir mehr versprochen, besonders die Fortsetzung im Flugzeug war schon ziemlich weak. Allerdings auch wiederum kein Wunder, wenn da 36 Leute am Showdown partizipieren…

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