Review: FREUNDSCHAFT PLUS (OT: No Strings Attached)

2010 und 2011 dürften wohl die größten Jahre in der Karriere, nein, mehr noch, im Leben der Natalie Portman (gewesen) sein. In jedem zweiten Film dabei, darunter die Marvel-Megaproduktion Thor, der Oscar und sämtliche weitere Filmpreise für ihre borderline-Performance in Darren Aronofskys Black Swan, dazu die privaten Freuden mit dem Choreographen Benjamin Millepied und der Geburt des gemeinsamen Sohnes Aleph. So komprimiert erwischt das Glück nicht jeden. Wo nun aber so viel Licht strahlt, da müssen auch irgendwo ein paar Schatten geworfen werden. Die Kontroverse um Portmans tatsächlichen Anteil an den Ballett-Einlagen in Black Swan ist so ein Schatten, die Mittelalter-Stoner-Comedy Your Highness ist so ein Schatten, denn der rasselte bei Kritikern und Publikum gnadenlos durch. Die RomCom No Strings Attached, zu deutsch Freundschaft Plus, hat allein ihrer Genrezugehörigkeit wegen einen Hauch völliger Umnachtung um sich. Portmans mitproduzierte Auflockerungsübung nach den körperlich und seelisch aufwühlenden Black Swan-Strapazen mag ihr selbst als Hilfsmittel zur Psychohygiene gedient haben – einen bedeutenderen Nutzen kann man dem Film aber wahrlich nicht zusprechen.

Story

Im frühen Teenageralter lernen sich Adam und Emma kennen und begegnen sich über die Jahre immer mal wieder in lockerer Freundschaft. Adam arbeitet schließlich als Produktionsassistent beim Fernsehen, Emma ist angehende Ärztin und standhafte Singlefrau. Wieder einmal treffen die beiden aufeinander, diesmal an einem Tiefpunkt in Adams Leben: der musste soeben erfahren, dass seine naiv-heiße Ex nun die Freundin seines Vaters ist und nach einer durchzechten Nacht und dem Versuch, irgendeine Bekannte aus seinem Handytelefonbuch von flottem ungezwungenen Sex zu überzeugen, erwacht Adam auf dem Sofa von Emmas WG. Zwar ist in der Nacht nichts gelaufen, aber als das gewünschte Vergnügen am nun folgenden Morgen doch noch stattfindet fassen die beiden einen Entschluss: Sexfreundschaft! Ohne Verpflichtungen! Ohne Gefühle! Klar, dass das nur eine Weile funktionieren kann…

Der Film



1989 stellte Rob Reiners Beziehungskomödienklassiker Harry und Sally die These auf, dass Mann und Frau nicht auf platonischer Basis miteinander befreundet sein können, ohne dass ihnen Sex in die Quere kommt. 2011 rechnen gleich zwei Filme die Gegenprobe durch und prüfen, ob’s ausschließlich mit Sex und ohne Gefühle klappt: dem Anfang des Filmjahres gestarteten Freundschaft Plus wird im September Freunde mit gewissen Vorzügen folgen, in den Hauptrollen Justin Timberlake und Natalie Portmans Black Swan-Konkurrentin Mila Kunis. Obwohl die Serie Scrubs in der Folge My Sex Buddy eigentlich und in gerade mal zwanzig Minuten bereits alles gesagt hat, besteht also noch die Hoffnung auf einen brauchbaren Film zum Thema Sexfreundschaft. Freundschaft Plus jedenfalls ist kein solcher geworden. Dem „gelingt“ es nämlich sogar, dass nicht der typegecastete und trotzdem (wie in den allermeisten Fällen) entsetzlich fehlbesetzte Ashton Kutcher sein größtes Manko ist. Mehr noch als der zukünftige Ersatz-Charlie Sheen in Two and a half Men stören die vielen lahmen Figuren und die wässrig umgesetze Prämisse.

Dabei sitzt bei Freundschaft Plus jemand hinter (und in einem kurzen Cameo auch vor) der Kamera, den man in den 1980ern und frühen ‘90ern mal zu den Meistern in der maximalen Umsetzung simpler Prämissen zählen konnte: ob mit Ghostbusters (Wissenschaftler auf Geisterjagd), Twins (Arnold Schwarzenegger und Danny DeVito sind Zwillinge. Zwillinge!), Kindergarten Cop (Arnold Schwarzenegger vs. Kindergartenkinder) oder Dave (der US-Präsident hat einen liebenswerten Doppelgänger): Ivan Reitman holte genau DAS an Komödie aus den Ideen heraus, was diese eben hergaben. Das änderte sich, als die Spielfilmarbeiten ab Mitte der 90er weniger wurden, der zwar noch ganz charmante Evolution (2001) war nicht mehr als Selbstzitat und mit seiner letzten Regiearbeit vor Freundschaft Plus, My Super Ex-Girlfriend (2006), setzte Reitman seinen Karrietiefpunkt. Von dem erhebt er sich nun wieder ein Stück weit, aber höchstens bis in die Hocke. Freundschaft Plus unternimmt zwar so einiges, um seinem Originaltitel No Strings Attached in mehrerlei Hinsicht gerecht zu werden und ist auch wenigstens eine Hälfte lang ein bißchen näher an der Realität der Liebe, als an deren Märchenvorstellung, was sich vor allem in ein paar etwas frecheren, freieren und weniger schmalzgetränkten Dialogen bemerkbar macht, als sie genreüblich sind. Dennoch wird der Film seiner Idee von einem modernen Beziehungskonzept nie gerecht.



Dafür sorgen die unterdimensionierten Figuren ebenso wie das Milieu, in dem sie sich bewegen. Portmans Emma steuert zwar schon in jungen Jahren gegen feste Bindungen an (»People aren’t meant to be together forever.«), Kutchers Adam allerdings ist über die Jahre bei jeder ihrer Begegnungen von solch romantischen Gefühlen beseelt (von Kutcher ausgedrückt durch doofes Grienen), dass es bis zu deren Durchsetzung zwar die gewohnten Wirrungen und Umwege zu bewältigen gibt, aber einer romantischen Komödie aus Hollywood wird die Konvention der Romantik letztlich immer lieber sein, als die Kuriosität des Widersetzens. Drum ist Freundschaft Plus auch wieder nichts anderes, als ein schrecklich konventioneller Film, dem dieses ganze Sex Buddies-Ding nur als Ersatz für die sonstigen Hindernisse der Nichtübereinstimmung dient, die Figuren in RomComs sonst so bis zum gemeinsamen Glück zu überwinden haben. Natürlich geht es Freundschaft Plus um nichts anderes als den Moment, in dem sich das designierte Traumpaar endlich in die Arme schließt, überzeugen müssten also die Stationen bis zu diesem Zielpunkt.

Das gelingt Freundschaft Plus aber deshalb nicht, weil er seinen beiden Hauptfiguren keine nachvollziehbare Problemebene schafft. Statt beiden und vor allem Portman Gründe zu liefern, warum eine rein auf’s körperliche und sexuelle reduzierte Beziehung irgendwann nicht mehr und vor allem nicht emotional befriedigend ist, geht der Film einfach nur davon aus, dass Portmans Emma „richtigerweise“ und eben den Konventionen folgend ihre Gefühle entdecken MUSS – wie könnte man charming guy Kutcher schließlich widerstehen?! Dabei müsste der Berufsalltag einer angehenden jungen Ärztin eigentlich genügend Erschütterungspunkte bieten, um ihre Vorstellungen von Zweisamkeit ins Wanken bringen zu können und ein Bedürfsnis nach seelischer Nähe zu wecken. Stattdessen wird auch hier nur mit Kollegen angebandelt und Emmas Charakter so immer wieder ins Unbegreifliche gerückt, als wankelmütig und ignorant hingestellt, sich ohne Not etwas verwehrend, das selbstverständlich so zu sein hat. Wohl genau der Zustand, in dem sich der Logik des Films nach eine Frau zu befinden scheint, die noch nicht von den Mainstreamvorstellungen der Romantik verschluckt wurde…



Whatever. Das ist vielleicht alles viel zu viel in einen Film hinein theoretisiert, der in der Praxis nur der gemeinsamen „Samstag Abend Arm in Arm auf der Couch lümmeln“-Unterhaltung dienen will. Aber auch das gelingt Freundschaft Plus nicht sonderlich gut, dafür schleppt er sich zu tempoarm durch seine einhundertvier Minuten und kippt viel zu schnell und ohne Wirkung in einen melodramatischen Ton, wenn das Nicht-Pärchen mit seinem fuck for fun-Ansatz nicht mehr weiterkommt, die Blicke sehnsüchtig und die Worte bedeutungsschwer werden. Besonders in der zweiten Hälfte wäre es von Nöten, dass der Film gute Nebenfiguren besäße, die die Schwermütigkeit auflockern und den Spaß an der Story aufrecht erhalten, wenn diese schon einen Dramaeinschlag bietet, den sie nicht tragen kann. Kevin Kline als Adams unkeuscher Papa, ein Cary Elwes mit Gesichtshaartarnung als Arzt, an den sich Portman aus irgendwelchen Gründen immer mal wieder heran geilt, Greta Gerwig und Lake Bell als Arbeitskolleginnen von Emma und Adam – tolle Namen und gemeinsam mit vielen weiteren angerissen Charakteren kaum Nutzen. Dazu Jake M. Johnson, der als fader Sidekick Sätze absondert, an deren Ende man nicht weiß wie sie angefangen haben und Chris ‘Ludacris’ Bridges, der irgendwie genervt davon wirkt, dass die Typen hier nicht halb so cool wie die Jungs sind, mit denen er in Fast and Furious Five rumhängt.

Ein paar müde Konter, die die MPAA sogleich zum R-Rating veranlassten, setzt Freundschaft Plus gegen den Druck der family friendly-RomCom-Konventionen, wie z.B. nackte Hintern, Gruppenmenstruation, die anale Stimulation eines heterosexuellen Mannes und den leicht pornösen Ton der ersten Hälfte (»Can I finger you?«, »We’re sluts, Emma! We’re dirty dirty sluts!«), das alles wirkt aber zu mindestens gleichen Teilen so unge- wie erzwungen. Natalie Portman merkt man die Erleichterung und die Freude über das freie Drauflosspielen nach der Black Swan-Tortur an, ihre dem Genre erst trotzende, dann völlig hörige Rolle wertet das aber nur minimal auf. Ashton Kutcher gibt ihre Zapfsäule mit dem Charme einer solchen, mit so wenig Ausstrahlung, so wenig Überzeugungskraft, der Bursche könnte einem Ertrinkenden kein Land verkaufen. So ist dann auch Freundschaft Plus wieder nur ein krampfhaft gen HappyEnd und „korrekter“ Moralvorstellung gedrängtes Einerlei der kleinen Gefühle und Pseudoprobleme nach Maßstab einer Hollywoodproduktion, wo man dank berühmtem Soap-Darsteller-Vater ausgesorgt hat und junge Ärztinnen sich mehr mit Kollegen im Ruheraum als mit Patienten im OP beschäftigen.

Wertung & Fazit

Action: 0/5
Kein Kriterium.
Spannung:0,5/5
Ist vom Genre nicht zu erwarten und dem entsprechend auch nicht geboten.
Anspruch: 0/5
Nope.
Humor: 0,5/5
Gut am Humor: trotz kräftiger Ausdrücke wird’s nicht allzu zotig und ein, zwei gute Gags finden sich hier und da. Schlecht am Humor: da ist insgesamt einfach viel zu wenig.
Darsteller: 1,5/5
Keine Chemie zwischen den Hauptdarstellern, und das ist natürlich schon der Genickbruch für eine RomCom. Dazu viel Namhaftes in viel zu vielen Rollen ohne Nutzen oder Persönlichkeit.
Regie: 1/5
Hach, Ivan Reitman… Wo ist es geblieben, dein Gespür für Tempo und Timing und für die Umsetzung einer simpel-genialen Prämisse? Statt es den ganzen Dugans, Apatows und Phillips’ von heute einfach nochmal zu zeigen… Schade.
Fazit: 2/10
Will erst ganz anders sein und ist dann doch nur wieder mehr vom selben: überwiegend charme- und espritfreie Vulgär-RomCom, die einem der besten Comedy-Regisseure der 80er/90er einen weiteren schmucklosen Kranz auf’s Karrieregrab legt.

Mehr zum Film

IMDb Link moviepilot Link

4 Kommentare

  1. 😀 Gute Review, die ich irgendwie auch nicht anders erwartet hätte. Ich finde, dass so fast jeder Film mit Ashton Kutcher ne Nullnummer ist (außer vielleicht “Butterfly Effect”).

    1. Danke 🙂 Ja, Butterfly Effect ist tatsächlich DIE eine rühmliche Ausnahme in Kutchers Vita des Grauens… Das ist auch der einzige Film, bei dem ich den Kelso in ihm vergessen kann 😉

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

code