Review: FÜR IMMER LIEBE (OT: The Vow)

Ex-Model Channing Tatum war schon mal so richtig heiß in Hollywood. Nach dem Tanzfilm Step Up dank Moves und Muskeln zum neuen Teeniefeuchtraum geworden und in den Dramen A Guide to Recognizing Your Saints mit Robert Downey Jr. und Shia LaBeouf, Stop-Loss mit Ryan Phillippe, Abbie Cornish und Joseph Gordon-Levitt, sowie Fighting nebst Terrence Howard immerhin brauchbar genug, um sich für Michael Manns Gangster-Thriller Public Enemies und die Hauptrolle im Toy-Actioner G.I. Joe zu qualifizieren – in ersterem in einer unbedeutenden Nebenrolle, bei letzterem dafür sorgend, dass der Gaga-Spaß seiner lauen Performance wegen nicht zündete, wie er hätte können. Zeitgleich zu einer Reihe von Tatum-Flops zeigten zum Beispiel der gleichaltrige Ryan Gosling oder Michael Fassbender, dass sich Schmachttauglichkeit, Coolness und dazu echtes Talent nicht ausschließen und so schien es schon wieder vorbei zu sein mit uncharming Channing, dessen dauertumber Gesichtsausdruck wohl doch nicht reichte. Denkste. Irgendwas hat Hollywood an dem Burschen und bekennenden Highschool-Legastheniker gefressen, der 2012 auf eine solche Erfolgswelle zurück schwappte, dass sogar das Dwayne Johnson/Bruce Willis-getriebene Sequel G.I. Joe: Retaliation um über ein halbes Jahr nach hinten verschoben wurde, unter anderem um Tatums ursprünglichen Cameo plus Leinwandtod auszubauen und abzuwenden. Steven Soderberghs Haywire und besonders die Überrschungskomödie 21 Jump Street und nicht zuletzt das Liebesdrama The Vow, um das es im folgenden geht, sei Dank.

Story


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Leo und Paige Collins sind jung, überglücklich verheiratet und verliebt wie am ersten Tag. Die Skulpturenkünstlerin und der Musikproduzent haben ihr kleines-großes, unkonventionelles Lebensglück bei- und miteinander gefunden – bis ein einziger Moment alles verändert. Ein schwerer Autounfall lässt bei Paige ein Schädel-Hirn-Trauma zurück, das ihr Kurzzeitgedächtnis auslöscht, weshalb sie sich an nichts und niemanden aus den vergangenen fünf Jahren ihres Lebens erinnern kann. Inklusive ihres eigenen Ehemannes, den sie vor vier Jahren kennen gelernt hat. Leo setzt fortan alles daran, in seiner Frau die Erinnerung an ihre Liebe zu wecken, doch nicht nur der frustrierende Gedächtnisverlust macht ihm zu schaffen, auch Paiges Eltern treten plötzlich wieder in ihr Leben und fordern ihre Tochter zurück, die sich nicht mehr erinnert, warum sie sich einst von ihnen abgewandt hat. Zwar willigt Paige zunächst ein, es mit Leo in der gemeinsamen Wohnung in Chicago zu versuchen, aber er bleibt ihr fremd – genau wie umgekehrt, denn auch die Paige von vor fünf Jahren ist nicht unbedingt die Frau, in die Leo sich verliebt hat…

Der Film

Für The Vow (hierzulande den Kitsch noch platter tretend mit Für immer Liebe betitelt) ließ sich das Autoren-Duo Abby Kohn und Marc Silverstein gemeinsam mit Regisseur Michael Sucsy von der wahren Geschichte des Paares Kim und Krickitt Carpenter inspirieren, die genau wie Leo und Paige durch den Umstand eines Autounfalls und eines Hirntraumas voneinander gerissen wurden und durch ihren Glauben an Jesus Christus und die vor Gott abgelegten Ehegelübte zueinander zurück fanden. Gut und schön, trotzdem besser, dass der Film das SO nicht herausposaunt, Liebesschmalz UND Glaubenspropaganda wäre dann wohl doch ein bißchen zu viel gewesen. Mit Channing Tatum und Rachel McAdams geht’s ganz irdisch zu, nicht mal von Schicksal ist da groß die Rede, sondern von besonderen Augenblicken, die in ihrer Summe einen Menschen ausmachen und wie es sich auswirkt, wenn man sich an diese Momente nicht mehr erinnern kann. Wer ist man dann und wer sind die Menschen, die einem gerade noch nahe standen und deren Gesichter man nun nicht mehr kennt, wie kann sich die Liebe gegen das Vergessen durchsetzen, wie kann man stark genug sein, den anderen in all seinen Geheimnissen und Wünschen zu kennen, während dieser selbst nicht mehr darum weiß und plötzlich nicht mehr erlebt zu haben glaubt, sie mit einem geteilt zu haben, wie geht man damit um, wenn der andere nicht mehr ist, wen man kannte und liebte? Und wie zur Hölle bringt Channing Tatum eine Frau dazu, sich ein zweites Mal in ihn zu verlieben?!


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In etwa um all dies geht es in The Vow, womit der rosarotgeblümte Teppich samt kleiner Beistelltischchen mit Schmalzgebäck natürlich bereit gestellt ist, um geraden Weges in duftende Bäder großer Gefühle, Gesten und Liebesschwüre zu führen. Allerdings: so richtig wagt sich der Film nicht auf dieses plüschige Geläuf und das erweist sich als Vor- und Nachteil zugleich. Als Vorteil, weil man auch als Romantikdiabetiker an The Vow nicht den Zuckertod stirbt, als Nachteil, weil man während der gesamten Laufzeit mehr mit der Idee, mehr mit den theoretischen Fragen der Geschichte leidet, als mit den Figuren. Was für einen Liebesfilm kein kompletter Genickbruch sein muss, aber die Entfernung ein paar wichtiger Organe bedeutet. Rachel McAdams und ja, auch Mimikantipode Channing Tatum spielen sympathisch und wirken nicht wie Diktiergeräte, die einfach nur wiedergeben, was Drehbuchzeilen draufgesprochen haben, das sieht schon nach Liebenden aus und auch nach Schmerz und Verzweiflung, wenn trotz aller Mühen die Rädchen in Paiges Kopf nicht mehr ineinandergreifen wollen. Aber: statt eines leiseren, eindringlicheren Wehklagens verfällt McAdams meist in ein unangenehm-hochfrequentes, emotionszersplitterndes Gekiekse bis hin zur Kreisch- oder Heulattacke, während Tatums Gedächtniswiedererweckungsversuchen und dem „Kampf“ gegen Paiges Eltern und um ihre Identität die Argumente pro seiner selbst eigentlich zu fehlen scheinen, da immer wieder im selben Kreisverkehr steckend: »She should be with us.« »No, she should go with me.« Und so weiter…

Auch weil da vieles so immergleich klingt ist The Vow ein gutes Teil zu lang und kommt sehr schleppend ins Rollen, Szenen wie jene, in denen Paige sich in der plötzlich unbekannten Innenstadt Chicagos verläuft und in ihrer Not ihre Mutter anruft hätten ihre geistige Hilf- und Orientierungslosigkeit und den Drang nach Bekanntem viel nachdrücklicher betonen können, wenn sie in der für sie nur behaupteten gemeinsamen Wohnung nicht zurecht gekommen wäre. Auch der Subplot um Leos Karriere als Musikproduzent leistet keinesfalls einen unverzichtbaren Beitrag zum Film, der aber immerhin mit der Zeit aus dem fast einschläfernden Singsang der ersten halben Stunde heraus findet und der die zweite Ebene des voneinander fortgerissenen Traumpaares gut ausspielt: nicht nur Paige sieht in Leo nicht mehr den Mann ihres Herzens, auch er muss feststellen, dass die High Society-Schnepfe, die seine Frau irgendwann vor ihrer Begegnung einmal war, auch nicht wirklich sein Ding ist. Da wird auf Parties banal mit alten Freundinnen rumgegackert und die sonst so freigeistig-forsche Künstlerin, die ganz ungeniert ihre Hände in ihren Arbeitsmaterialien versenkt, ist plötzlich (wieder) voll etepetete. Und zu allem Überfluss schlägt ihr Herz in Richtung eines anderen Mannes, für den nach Stand ihres Gedächtnisses mit ihr verlobten Jeremy. So nimmt The Vow doch noch ein bißchen an Tiefe und Tragik zu und poor Leo kann einem in seinen vergeblichen Mühen schon Leid tun.


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Geschmälert wird das Ganze andererseits wieder von betulich-biederem Humor und der Einfallsarmut, mit der Paiges altes ihrem Leo bekannten neuen Leben entgegen gestellt wird, zumal ein derart krasser Lifestylebruch und –wandel innerhalb des vom Film gesteckten Zeitraums und in den Details ihrer Veränderung auch nicht so ganz plausibel erscheint, wer wird schon gleich von einer Hackbratenliebhaberin zur Vegetarierin, nur weil man von den Eltern enttäuscht wurde?! Heraus kommt mit The Vow letztlich eine Kitschbombe, die viel weniger klebrig und auch nicht so unumstößlich nach Zahlen gemalt ist, wie es Liebesfilme meist sind, dennoch bleiben die mitreißenden Gefühlsstürme aus; da gäbe es zig Momente, bei denen man sich eigentlich die Augen aus dem Kopf heulen müsste, wenn denn bei Tatum bloß sein verbaler Wandel zwischen Liebesschwüren und street credibility-Slang nicht so unpassend wäre, wenn McAdams mal nicht in diesen unangenehmen Pfeifkesselton verfallen würde und wenn es denn mal ein paar Gründe mehr geben würde, dieses Paar einander in die Arme zu wünschen, als nur den, dass das wohl halt so sein soll. Hätten ja nicht gleich Gott und sein Sohnemann sein müssen…

Wertung & Fazit

Action: 0/5
Kein Kritierium.
Spannung: 0,5/5
Beginnt sehr schleppend, mit viel Wiederholung und ein paar ganz süßen Flashbacks auf die Anfänge des Liebesglücks, dessen Wiederaufkeimen am Ende natürlich klar ist.
Anspruch: 1/5
Über die Theorie der Ausgangslage kann man sich mehr Gedanken machen, als es die Praxis des Films umsetzt.
Humor: 0,5/5
Überwiegend sehr krampfige Angelegenheit.
Darsteller: 3/5
Rachel McAdams und Channing Tatum machen das neben den Mängeln ihrer Figuren schon ganz gut, ebenso Sam Neill und Jessica Lange.
Regie: 2,5/5
Ordentlich, insgesamt.
Fazit: 4,5/10
Nicht Fisch, nicht Fleisch und auch kein vollwertiges vegetarisches Ersatzprodukt. The Vow kann man sich trotz aller Mängel schmerzfrei mal ansehen, aber genügen würde statt 100 Minuten Film wohl auch ein kurzer Newsbericht über das Paar, auf dem das Ganze basiert.

Mehr zum Film

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