Review: IN EINER BESSEREN WELT (OT: Hævnen)

IN EINER BESSEREN WELT Hævnen Filmkritik
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Einer der in Hollywood momentan angesagtesten Importschlager: das skandinavische Kino. Oder zumindest dessen Ideen. Nordeuropäische Publikums- und Kritikerhits wie Tomas Alfredsons Horror-Drama Låt den rätte komma in (2008) und die Millennium-Trilogie aus der Feder Stieg Larssons gehen am Interesse des US-Zuschauers erstmal vorbei und bekommen dann ihre US-Konvertierung verpasst. Während Matt Reeves‘ Let Me In kommerziell trotzdem nicht begeisterte darf von David Finchers The Girl with the Dragon Tattoo wohl zumindest in dieser Hinsicht mehr erwartet werden. Das namhaftere Stars und das Hollywood-Siegel aber keinesfalls zwangsläufig die Qualität der Vorlagen halten oder gar erhöhen können bewies Jim Sheridans Brothers, 2009er-Remake von Susanne Biers Brødre (2004), in dem auch Tobey Maguire, Natalie Portman und Jake Gyllenhaal nicht darüber hinwegtäuschen, dass Komplexitätsreduktion einer der ersten Gedanken bei der Idee eines Remakes ist. Biers letztem Film bleibt dies trotz Oscar-Auszeichnung als Bester fremdsprachiger Film und ebenfalls bescheidenen Kassenzahlen in den USA hoffentlich erspart. Denn an ihrem großartigen Hævnen (dt. Titel: In einer besseren Welt) sollte sich wirklich niemand mit geringerer Ambition vergreifen…

Story

Mehrere Monate im Jahr verbringt der schwedischstämmige Arzt Anton in einem sudanesischen Flüchtlingslager, um der notleidenden Bevölkerung so gut es eben geht medizinische Versorgung zukommen zu lassen. Sein zwölfjähriger Sohn Elias leidet indes in ihrer Wahlheimat Dänemark unter dem Mobbing seiner Mitschüler, die den Jungen beleidigen und traktieren. Auch das Verhältnis zu seiner Mutter Marianne, die von Anton nicht nur geographisch getrennt lebt, ist angespannt. In Christian, der mit seinem Vater nach dem Tod der Mutter aus London zuzieht, findet Elias einen Freund. Doch die Abwesenheit und die gestörten Verhältnisse zu ihren Eltern werden zur immer größeren Schwierigkeit, denn während Elias eher Deckung vor seinen Peinigern sucht begegnet Christian der Schikane mit harten Gegenmaßnahmen, die in einer Katastrophe zu enden drohen…

Der Film



Vielleicht waren es in letzter Zeit ein paar (allzu belanglose) Hollywoodfilme zu viel bei mir, aber Susanne Biers In einer besseren Welt fühlt sich schwerer, gehaltvoller, konstruktiver und emotional komplexer und fordernder an, als das gesamte Filmjahr 2011, zumindest wenn man das harmlose Wohlfühlfilmchen The King’s Speech oder eben das Blockbustereinheitsbreigebrülle als Maßstab hernimmt. Trotz seiner leisen erzählerischen Schwächen ist In einer besseren Welt im Erlebnis überwältigend, in einzelnen Momenten vielleicht am Ende mehr, als im ganzen oder konkret in der relativ deutlichen Beantwortung seiner Fragen, dem Resultat seines Versuches, die Gewalt auf ihre Ursachen, ihr Wirken und das Durchbrechen ihres Kreislaufes zu untersuchen. Richtig ist zwar, das Bier diesem uralten, alt- und neutestamentarisch geprägtem Thema keine neuen Erkenntnisse abgewinnt und es nicht mal auf eine originelle Art bearbeitet: der einzeiligen Ursache folgt eine einzeilige Wirkung folgen einzeilige Konsequenzen. Dennoch: Bier und vor allem ihre Schauspieler tragen ihre Konflikte in einer solchen Dichte und Intensität aus, das die Fragen selbst verblasen hinter dem satt ausgeleuchteten emotionalen Kern der Figuren, denen sie sich stellen.

Was fordern Schuld und Sünde, Vergebung oder Vergeltung? Dieser Frage haben sich die Mitglieder zweier zerbrochener Familien länder- und kontinentübergreifend zu stellen, und dem wohnt von sich aus natürlich eine solch vieldiskutierte Grundsätzlichkeit inne (jeder steht schließlich beinahe mehrmals täglich vor der Entscheidung, etwas zu vergeben oder zu vergelten), dass es spannende Charaktere sein müssen, die in In einer besseren Welt vor die Wahl gestellt werden, um daraus einen packenden Film zu machen. Auch wenn Susanne Bier und Drehbuchautor Anders Thomas Jensen bei ihrer bereits vierten Zusammenarbeit (nach Elsker dig for evigt, Brødre und Efter brylluppet) den Figuren zumindest auf den ersten Blick wiederum nur einfache Antworten und Gründe mitgeben, so liefern sie für ein herausragendes Schauspielensemble doch genau die richtigen Anhaltspunkte, um das Einfache immer weiter auszudifferenzieren. Das gelingt vielen Filmen nicht mal bei einem Protagonisten, In einer besseren Welt schafft es bei sechsen. Aus den beiden Familien in den Vordergrund treten dabei Mikael Persbrandt als idealistischer Arzt Anton und William Jøhnk Nielsen als vom Tod seiner Mutter tief verstörter Christian. Nicht nur stehen sie stellvertretend für Vergebung (oder zumindest Nachgiebigkeit) und Vergeltung, sondern sie sind es auch, die mit ihrem Spiel den Zuschauer an eine Geschichte binden, die ein paar Momente zu deutlich ausformuliert, die öfter mal einen Satz zu viel artikuliert und die damit an einigen Stellen zu sehr als das Konstrukt erscheint, über dem ein Drehbuchautor gebrütet hat, statt ganz allein aus der Gefühlswelt der Figuren heraus zu funktionieren, was In einer besseren Welt eben vor allem dank Persbrandt und Nielsen mühelos gelänge.



Um es etwas mehr am Beispiel auszurichten: In einer besseren Welt hat seine besten, nachhaltigsten und stärksten Phasen, wenn er nicht zu deutlich daran denkt, dass ihm jemand zusieht. Wenn Christian und Elias auf das Dach eines Silos steigen und Christian anmerkt, wie weit es von da aus nach unten geht, ist ein überdeutlicher Hinweis gestreut. Oder wenn in Afrika immer wieder von einem Big Man die Rede ist, der schwangeren Frauen die Leiber aufschlitzt und ein Assistent Antons einen Verletzten, der mit Truck und bewaffneten Männern ins Camp kommt, nochmal verbal als eben dieses Monster entlarvt, dann will In einer besseren Welt immer so ein bißchen einen Satz zu sehr, dass er verstanden, dass seine Konflikte, Parabeln und Botschaften transparent bleiben. Das der Film hier aber trotzdem noch mit einer Wertung ganz knapp unter der Höchstnote rausgeht liegt zum einen daran, dass diese allzu offensichtlich bis in die hinterletzte Hirnzelle des Publikums gerichteten Momente selten sind – und dass sie jedesmal herausragend aufgelöst werden, wie eben jene Sequenz mit dem Big Man, die in einen der eindringlichsten Augenblicke des Films mündet. Und solche sind letztlich sowieso in der Mehrzahl.

Durch den Wechsel zwischen Dänemark und Darfur zieht einen In einer besseren Welt immer wieder etwas unangenehm aus der Stimmung heraus, die am einen Ort gerade geschaffen wurde, obwohl er die großen mit den scheinbar kleinen Sünden spiegelt wirkt er manchmal wie zwei Filme, die nicht ganz sauber ineinandergreifen. Das allerdings ist aus der Sicht Antons schon wieder nachvollziehbar, denn auch dessen Welten, die eine, in der er helfen kann, als Freund und Retter gefeiert wird und die andere, in der er fehlt, an die er die Bindung verliert, greifen nicht ineinander und wo er in der einen seine idealistischen und pazifistischen Motive gegenüber einem handgreiflichen Mechaniker noch vor seinem Sohn und Christian rechtfertigen kann beginnen sie ihn anderswo zu verfolgen, als er den Big Man zu behandeln beschließt. Mikael Persbrandt, hierzulande aus der Krimireihe Kommissar Beck bekannt und demnächst in Peter Jacksons The Hobbit zu sehen, macht aus diesem selbstlosen Gutmenschen einen Mann voller innerer Brüche, spielt mit einer durchdringenden Ruhe und nie ins großgestike ausufernden Präsenz, dass seine Performance allein ein Erlebnis ist, da er gleichzeitig an die im deutschen Titel gewünschte bessere Welt glauben lässt und er doch ein Synonym für die individuelle Unmöglichkeit dieses Wunsches ist.



In einer besseren Welt jedenfalls erfüllt annähernd alle Wünsche, die man an einen großartigen Film stellen kann. Aber selbst wenn man mit den abgehandelten Themen nichts (mehr) anfangen kann und schon alles für gesagt und gesehen hält, selbst wenn einem wunderschöne Landschaftskompositionen nicht zusagen, selbst wenn man die elegische Musik mit ihrem Lisa Gerrard-Einschlag nicht mehr hören kann, selbst wenn man der Inszenierung ihre wenigen Schwächen härter anrechnet, selbst wenn man In einer besseren Welt nicht in 9,5er Wertungssphähren hieven mag, so bietet Susanne Biers Film wenigstens doch eine unumstößliche Erlebnispflicht: seine Darsteller. Neben Persbrandt und dem jungen William Jøhnk Nielsen, dessen geradezu verstörend gutes Spiel nur ganz selten in einen Damian-look-a-like-Wettbewerb abdriftet, überzeugen Trine Dyrholm, Markus Rygaard und Ulrich Thomsen nicht weniger, in einer kleineren Rolle gibt es dazu noch den Kultdänen Kim Bodnia.

Wertung & Fazit

Action: 0,5/5
Spannung: 4/5
Anspruch: 4/5
Humor: 0,5/5
Darsteller: 5/5
Regie: 4,5/5
Fazit: 9,5/10
Fantastisches Drama voll bedrückender Schwere und poetischer Schönheit, getragen von überragenden Schauspielleistungen. ACHTUNG Hollywood, diesmal bitte KEIN REMAKE!

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2 Kommentare

    1. Die sollte man einplanen, ja!
      Und die sonst vorherrschende Zurückhaltung ist ja in letzter Zeit auch nur der etwas unglücklichen Filmauswahl geschuldet, nicht dem Willen, sich mit Wohlwollen zurückhalten zu wollen 😉

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