Review: LIFE OF PI: SCHIFFBRUCH MIT TIGER

Es war nur eine Randnotiz im Glamourreigen der Academy Awards 2013, als visual effects supervisor Bill Westenhofer, just ausgezeichnet für die Trickarbeit an Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger, auf die Rhythm & Hues Studios zu sprechen kam. Eh schon vom bedrohlich aufwallenden Jaws-Theme zur Eile ermahnt wurde Westenhofer in diesem Moment das Mikro ab- und schnell auf Nicole Kidman umgeschnitten. Die fand das auch nicht nett und setzte ihr bestes »ohhhhh, das Kätzchen ist vom Kratzbaum gefallen…«-Gesicht auf. Was als Betroffenheitsgeste an der Sache weit vorbei geht: R&H war die hauptverantwortliche Effektfirma bei Life of Pi und hatte zwei Wochen vor den Oscars Konkurs angemeldet, pleite durch eine nicht in Relation zu den Gewinnen der Filme stehende Bezahlung, durch zu hohe Kosten und spezifische Vertragsschwierigkeiten. Über 250 Mitarbeiter mussten entlassen werden, aber von solchen Nachrichten wollte Hollywood an seinem prachtvollsten Abend natürlich nix hören, ebensowenig von den Protesten der Branche vor den Toren des Dolby Theatres. Kein sonderlich respektvoller Umgang mit einem der heutigen (auch wenn Nostalgiker das nicht hören mögen) Kernelemente der Filmindustrie, das da eine Behandlung erfuhr und erfährt, als sei das bißchen Mausgeschubse und Tastaturengehämmer keine Leistung, egal ob dafür Tage, Nächte und Wochenenden draufgehen, um brutale Terminfristen einzuhalten und das bestmögliche Ergebnis zu liefern. Als unterstützendes wie narratives Element sind die Komponenten Visual Effects und CGI doch gar nicht mehr wegzudenken, unmöglich wäre heute manch ein Film, manch ein Drehbuch, ja allein schon eine bloße Idee, wenn’s da nicht die Digitalkünstler gäbe, die sie umzusetzen imstande sind. Wofür sinnigerweise die Romanadaption Life of Pi ein Paradebeispiel ist.

Story

Der Schriftsteller Yann Martel ist nach einem gescheiterten Buchprojekt auf der Suche nach Ideen und einer außergewöhnlichen Geschichte. In Montréal trifft er auf den indischstämmigen Piscine Molitor Patel – und der weiß tatsächlich eine der außergewöhnlichsten Geschichten zu erzählen: aufgewachsen als Sohn eines Zoodirektors im südindischen Pondicherry hat Pi seine Kindheit und Jugend zwischen Tieren und auf der Suche nach dem Glauben verbracht. Vollkommen religionsoffen und aus allen Einflüssen seine Lehren ziehend ist er bald zugleich Hindu, Christ und Muslim. Doch eines Tages erwirtschaftet der Zoo nicht mehr genügend Geld und Piscines Vater Santosh Patel beschließt, dass die Familie Indien hinter sich lassen muss. Die Tiere sollen in Amerika verkauft werden und so brechen die Patels in ein neues Leben auf. Dem ein jähes Ende gesetzt wird, als ihr Schiff in ein verheerendes Unwetter gerät und von den unbarmherzigen Mächten der Natur auf den Grund des Ozeans gerissen wird. Einzig Pi überlebt in einem Rettungsboot. Und mit ihm ein verletztes Zebra, eine Hyäne, der Orang-Utan Orange Juice – und der bengalische Tiger Richard Parker. Ohne Hoffnung auf Rettung auf dem offenen Meer beginnt ein so zermürbender wie wundersamer Überlebenskampf…

Der Film



Vor einem Jahrzehnt kam der ebenfalls gebürtige Pondicherry’ianer M. Night Shyamalan an das Projekt Life of Pi, nach ihm der Mexikaner Alfonso Cuarón, danach der Franzose Jean-Pierre Jeunet, ehe 2009 der Taiwanese Ang Lee übernahm. Eine Weltreise schon vor der ersten Klappe und schließlich an einem Punkt angelangt, an dem diese wunderbare Geschichte realisiert werden konnte: als die Tricktechnik dafür weit genug war. Ein junger, kameraunerfahrener Inder, ein Rettungsboot und ein 1,7 Millionen Gallonen Wasser fassender Tank in einer stillgelegten Flughafenhalle, das sind die spröden Eckpunkte von Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger. Und heraus kommt ein Film, der etwas selten gewordenes verströmt: pure Leinwandmagie. Der einen Bilderfantasmus beschwört, der einmal wieder vergessen lässt, was die vielen MakingOfs, Audiokommentare und Effect Reels einen über VFX-Shots gelehrt haben. Ang Lees Life of Pi ist einer dieser Filme, die ganz weit die Arme öffnen und denen man es nicht verweigern kann, in sie hinein zu gleiten und sich mitziehen zu lassen. Die ächzende Stahlkonstruktion in einer kahlen Halle wird zu einem Ozean voller Wunder, das Rettungsboot zum Revier eines krallenpeitschenden Tigers und dieser junge, kameraunerfahrene Inder, Suraj Sharma sein Name – er wird der Reiseführer einer farbenprächtgen, aussichtslosen, glaubensschenkenden und kräfteverzehrenden Erkenntnisfahrt.

Life of Pi, eine Rückkehr zum staunend er- und durchlebten, statt schnöde wegkonsumierten Wunder Film. Und das mit gleich drei heiklen Hürden: Wasser und Tiere, zwei unkalkulierbare Faktoren, die so manchem Studioboss die Nachtruhe abspenstig machten und heute von der Tricktechnik zumindest dressiert wurden – und Religion. Bevor der Schiffbruch mit Tiger sein Titelversprechen einlöst geben Ang Lee und Scriptwriter David Magee der Yann Martel-Adaption die Zeit, eine kleine philosophische Lehre über drei der großen Glaubensrichtungen zu sein, den Hinduismus, das Christentum und den Islam. Wobei, „Lehre“ ist mal das ganz falsche Wort. Der Film (und natürlich auch seine Vorlage) legt ein Verständnis von Glauben dar und vereint in der Figur des Piscine Molitor Patel den denkbar rationalsten Begriff, den ein Glaubensgedanke nur haben kann und dessen Fehlen das eine doch vom anderen trennt: Offenheit. Esoterischer Quatsch? Nein, exoterisches Begreifbarmachen einer Gottzuwendung, einem Suchen nach Glaube und seinen Ausprägungen: Halt, wenn alles verloren scheint, Anklage, wenn alles verloren ist, und die Frage nach dem Grund für all den Verlust. Life of Pi geht unaufdringlich, auf angenehme Weise damit um, dass sein Hauptcharakter die Antworten im Glauben sucht, ist ja schließlich auch nichts grundsätzlich verkehrtes dran und die Sache an sich kann wenig dafür, zu welchen Zwecken und Taten ihr Name missbraucht wird. Life of Pi jedenfalls lässt den Glauben als etwas hoffnungsvolles erleben, ohne ihn in irgendeiner Ausprägung als spirituelles Ultimativum zu zelebrieren, ohne ihn unhinterfragt als Leitlehre zu beknien. Er bleibt eine Möglichkeit. Ein Weg. Oder einfach nur die bessere Geschichte.



Wenngleich also nie dominant und nur manchmal mit der Keule in den Film gekloppt, sondern meist fein darin eingeflochten, stiehlt der Glaubensaspekt einem wesentlichen anderen Teil der Handlung ein wenig den Platz: die Besonderheit, als Zoodirektorsohn zwischen Gehägen und einer paradisischen Wunderwelt der Tiere aufzuwachsen und generell der familäre Teil kommen gegenüber der Vorlage zu kurz. Der Handlung und Pi als Charakter fehlen dadurch zwar nicht die ganz entscheidenden Merkmale, aber allein der herrlichen Ansichten des Zoos und seiner animalischen Bewohner wegen hätten sich ein paar Szenen mehr mit Pi inmitten dieser Pracht gelohnt, hätten zudem ein paar späteren Sequenzen etwas Nährboden hinzugefügt, wie beispielsweise der schrittweisen Gefügigmachung des Tigers Richard Parker. Selbige geht später, sobald das beklemmend-beeindruckend inszenierte Schiffsunglück überstanden ist, vielleicht ein bißchen flott von der Hand, wobei eine Übereile ansonsten gar kein Merkmal von Life of Pi ist. Ohne viele Worte, aber in ungemein kraftvollen, gar visionären Bildern fangen Lee und sein Oscar-gekrönter Kameramann Claudio Miranda (Oblivion) Pis 227tägige Odyssee mit Tiger ein, tosende Naturgewalten und irreale Phänome und Mirakel irgendwo auf den Weiten des pazifischen Ozeans. Getragen vom jungen Suraj Sharma und einem CGI-Geschöpf, das natürlich eine besondere Form der Überzeugungskraft leisten muss, da es eben nicht formwandelnder Roboter oder Fantasykreatur ist.

Richard Parker, der bengalische Tiger, eine Meisterleistung der CGI-Künstler. Seine Lebendigkeit, die Bedrohung durch seine Anwesenheit, der langsame körperliche Schwund des mächtigen Tieres, all das steht nie in Zweifel. Das vorsichtige und dann wieder aggresive Umeinanderher zwischen ihm und Pi, der Revierkampf um das Boot, das ist so aufregend, witzig und spannend, wie die Zweckgemeinschaft irgendwann berührend und tränenziehend ist, ohne dass Lee Kitschmomente abphrasieren müsste. Ganz ganz großes Emotionskino in erhaben-überwältigenden Bildern, show don’t tell in Vollendung. Bis die Geschichte, die Reise von Pi und Richard Parker ihr Ziel erreicht. Life of Pi (ohne zuviel zu verraten) endet auf eine Wendung der Ereignisse, die eine Wendung ist oder auch nicht. Hier überlässt Lee es Worten und einem Gesicht, einen tiefen Schatten auf die zuvor bunte Pracht zu werfen und ob das für einen visuell so starken Film genügt ist schwierig zu entscheiden. Ich muss sagen: die „Bilder“ des Buches fand ich in diesem Fall kraftvoller, mit einem viel härteren Ruck am Gesamteindruck der Geschichte reißend, als die Worte des Films. Aber Lee sieht seinen Film und Martels Roman in einem lichtumfluteten Reigen des Staunens und der Hoffnung und das ist auch völlig in Ordnung, der Schlussnote wohnt dennoch mindestens ein Hauch von Bitterkeit inne, die Wunder erfahren ein stückweit ihre Entzauberung und der Abgrund, in den Pi geblickt hat, ist tiefer als das Meer, auf dem er überlebt hat.



Mit dem Ende, was seine Umsetzung angeht, bin ich also nicht vollumfänglich glücklich (oder unglücklich, je nach dem, welches Empfinden man daraus zieht 😉 ), ansonsten bleibt keine eigene Vorstellung übrig, in der Life of Pi besser hätte adaptiert sein können. Die Rahmenhandlung mit dem Autoren auf der Suche nach einer Geschichte und dem erwachsenen Pi ist ein recht abgenudelter Erzählkniff, wird aber vom zurückgenommenen Rafe Spall und besonders dem umwerfenden Irrfan Khan ähnlich mühelos getragen, wie Suraj Sharma und Richard Parker den Hauptteil des Films stemmen. Gerade an Khan hängt in der Rückbetrachtung der Ereignisse das volle gefühlsbeladene Gewicht der Story und wie er hier den traurigsten und bewegendsten Moment seiner unfassbaren Reise in der Gegenwart spiegelt – schlicht herzzerreißend. Also dann, um es mit den abgewandelten Worten von Douglas Adams zu beschließen: »So long, Ang Lee, and thanks for all the fish. And the tiger. Und alles andere.«

Wertung & Fazit

Action: 2/5
Keine Explosionen und Schießereien, aber immer wieder beeindruckende und mitreißende Mensch-gegen-Natur-Momente.
Spannung: 3/5
Auch in Kenntnis der Vorlage keine Sekunde langweilig.
Anspruch: 4/5
Atheisten mögen hier Krämpfe kriegen, aber der Glaubensaspekt und die Gottessuche sind ohne missionierenden Fingerzeig in die Handlung gearbeitet und bieten eine Vielfältigkeit an Deutungsansätzen, die den Film viel spannender machen, als es klug oder nötig wäre, ihn als Esogewäsch abzutun.
Humor: 1/5
Hat immer mal Gelegenheit für einen Schmunzler.
Darsteller: 5/5
Ausgezeichnet. Schauspieldebütant und Philosophiestudent Suraj Sharma kann man kaum genug loben, Irrfan Khan versprüht eine einnehmende Güte und Wärme.
Regie: 5/5
Ang Lees zweiter Regie-Oscar nach Brokeback Mountain ist wohlverdient. Eine Bildermagie, die sich nie in sich verliert oder bloß optischer Popanz ist. Über seine Entscheidung, was die Umsetzung des Endes angeht, kann man geteilter Meinung sein, richtiggehend „falsch“ liegt er damit aber auch nicht.
Fazit: 9/10
Gib Ang Lee ein $120 Millionen-Budget und der Mann liefert dir einen der bezauberndsten und emotionsdominiertesten Effektfilme überhaupt. SO setzt man herausragende Tricktechnik im Sinne einer aufregenden, fesselnden und wundervollen Geschichte ein. Toller Roman, ebenso toller Film, nach dem die Tanks mit der Tränenflüssigkeit Auffüllbedarf haben.

Mehr zum Film

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