Review: LIKE CRAZY

Acht Gewinner in verschiedenen Kategorien gingen 1984 mit Auszeichnungen beim Sundance Film Festival nach Hause, die Low Budget-Produktion Old Enough mit dem wichtigsten Preis, dem „Grand Jury Prize: Dramatic“. Am 28. Januar des Jahres 2012 wurden die Teilnehmerfilme in ganzen neunundzwanzig Kategorien ausgezeichnet – längst hat sich das alljährlich in Utah abgehaltene Festival um seinen Initiator und Vorsitzenden Robert Redford vom kleinen Indie-Treffpunkt minimal budgetierter Produktionen zur medialen Extravaganza gewandelt. Der Fokus liegt zwar immer noch beim kleinen Film, aber Sundance-Gewinner sind in den letzten Jahren oft auch mitbestimmend für die Nominierungsrichtungen der ganz großen Award-Spektakel gewesen. Winter’s Bone, Precious, Frozen River oder American Splendor hießen einige Gewinner, die sich dann später bei GoldenGlobes und Oscars wiederfanden, im Gegensatz zu Siegern aus frühen Jahren wie Smooth Talk, Waiting for the Moon oder In the Soup, der 1992 Tarantinos Reservoir Dogs ausstach. Aktuell profitiert das Fantasy-Drama Beasts of the Southern Wild vom Sundance-Hype, wurde nach seiner dortigen Premiere zum Beispiel in Cannes mit der Caméra d’Or geehrt. Aaaaber, es gibt ihn dennoch weiterhin, den unter-dem-Radar-Läufer unter den Festivalgewinnern, und das ist der 2011er „Grand Jury Prize: Dramatic“-Sieger Like Crazy, ein Romantikdrama ohne jede Rummelnachwirkung, aber ganz wunderbar ungefilterter Unhollywoodlichkeit, so to speak.

Story

Die junge Britin Anna verbringt eine Zeit ihres Studiums in Los Angeles und lernt dort den angehenden Möbeldesigner Jacob kennen. Die beiden verlieben sich unmittelbar und erleben einen romantischen, rosarot und sorglos gefärbten Sommer miteinander. Keine Zukunftsängste, keine Gedanken an Probleme und Hindernisse – nur Liebe. Und ein überzogenes Studentenvisum, das Anna zum Verhängnis wird: nach einem kurzen Abstecher in die Heimat wird ihr die erneute Einreise in die USA auf unbestimmte Zeit verweigert und die erblühte tiefe Zuneigung zwischen ihr und Jacob wird jäh durch Bürokratie und Bestimmungen unterbrochen. Getrennt durch mehrere Zeitzonen und über 17.000 Meilen fällt ihr Kontakt zueinander immer sporadischer aus, Jacob kann nicht mehr als einige Tage in London verbringen, um seine mittlerweile gut laufende Möbelwerkstatt nicht zu vernachlässigen und schließlich sorgt die anhaltende Trennung sowohl bei ihm, als auch bei Anna für Neuorientierungen und Gefühlswidersprüche. Kann eine Liebe bestehen, die sich anfangs so vollkommen und endgültig anfühlte?…

Der Film

Lose inspiriert von Ereignissen im Leben von Regisseur und Co-Autor Drake Doremus und seiner Ex-Frau, der Österreicherin Desiree Pappenscheller, ist Like Crazy eine im Stil der Nouvelle Vague vorgetragene Eindruckssammlung: Anna und Jacob sind im Grunde nur Ansätze von Charakteren, in schlaglichtartigen 86 Minuten nähert sich Doremus ihnen fast ausschließlich über Emotion und Empfindung, da gibt’s kaum eine Szene, in der er ihnen in einem gefühlsmäßig eher neutral gestalteten expositorischen Rahmen begegnet, der groß Informationen freigäbe, wer diese angehende Journalistin und der Möbeldesigner eigentlich sind. Like Crazy ist fast ununterbrochen so eng am Affektzustand seiner beiden Liebenden dran, dass der Film anfangs geradezu übertrieben wirkt, wie eine Zuckerstange mit Karamel überzogen und schokostreuselverziert, die junge Liebe pulsiert und suppt ihm aus jeder Einstellung, Strandspaziergänge, ausgiebiges unter-der-Bettdecke-Gekuschel, zarte Gesten, sanftes Küssen, Zuneigungsschwüre – so unmittelbar und echt, wie sich das wohl sonst nur anfühlt, wenn einem selbst ähnliches wiederfährt, denn trotz der Süßwarenmetapher von weiter oben ist Like Crazy nicht klebrig, kein Kitschkleister. Das weitenteils von den Darstellern Anton Yelchin und Felicity Jones improvisierte Miteinander von Jacob und Anna erscheint nicht von einer pragmatischen Filmdramaturgie zusammen gezwungen, sondern wie ein für beide besonderer Teil Leben, den eher wie zufällig jemand aufgezeichnet hat, statt das da ein Team mit Kameramann, Gaffer und Regisseur abseits des Bildausschnitts zu vermuten wäre.



Obwohl auch Like Crazy die Liebe ins Verhältnis zu einer relativierenden Maßeinheit (Entfernung) setzt erklärt der Film das stärkste aller Gefühle nicht zum Konzeptbegriff, wie es zwei andere zuletzt hier besprochene Romanzen taten, nämlich One Day (Zeit) und The Vow (Vergessen). Der überbordende Reigen des positiv Emotionalen vom Beginn des Films folgt zwar selbstverständlich einem narrativen Kniff (the higher they fly, the harder they fall), doch verzichtet Like Crazy nicht nur auf eine gelackte Erscheinung und setzt sein Viertelmillionenbudget mit preisgünstiger Handkamera um, sondern erleichtert sich ebenso um die halbe Stunde überflüssigen Subgeplottes, mit dem sich Liebesfilme sonst so herumplagen: alles, was über Jacob und Anna hinaus geht, ihre Eltern, ihre Jobs, ihre Freunde, spielt nur eine ganz unscheinbare Rolle im Erzählwerk des Films, statt aus diesen üblichen Fixpunkten »Mehr Drama, Baby!« zu beschwören. Keine vogeligen best buddies, herrische Väter oder Karrierestolpersteine jenseits echter Problemwelten – Like Crazy schafft’s ohne solch belanglosen Ballast. Wenn auch nicht ganz ohne ein paar bekannte Momente: Annas Genusstrinkereltern sind ein bißchen fremdschämig in ihrer Offenheit, Jacob fühlt sich außen vor, als er erstmals gemeinsam mit Anna und ihren schnattrigen Freundinnen loszieht, und noch so einige Kleinigkeiten, die dann doch eher das Standartvokabular des romantsichen Films nachsprechen.

Jenes Standartvokabular ist aber nicht die Muttersprache des Films, die rauscht mal und mal wispert sie durch schöne und bittere Augenblicke während der vier Jahre, in denen Jacob und Anna zunächst mit vollem Tempo aufeinander geprallt sind, um sich dann langsam voneinander zu entfernen, nicht nur geographisch. Der Schritt zurück, der nach den ersten glücksbeseelten Monaten den Blick auf andere Dinge lenkt, andere Bedürfnisse offenbart, wenn es nicht mehr genügt, sich in verbale Zuckerwatte zu wickeln. Und sie trotzdem wissen, oder glauben zu wissen, dass sie zueinander gehören. Ohne in’s Depridrama umzuschlagen wird Like Crazy bitterer mit der Zeit, wenn das blumige ihrer Worte verwelkt und Jacobs und Annas Gespräche sich um Eifersucht drehen, Misstrauen, all die Dinge, dir irgendwann dazu stoßen. Wie für die beiden, so bleiben auch für den Film die Affären Jacobs mit seiner Mitarbeiterin Samantha und Annas mit ihrem Nachbarn Simon nur nebensächlich, nicht mehr als die Ersatzbefriedigung ihrer Nähebedürfnisse, die der Liebe eine weitere Facette abgewinnen: es gibt immer jemanden, der verletzt zurück bleibt. Was Jacob und Anna am Ende bleibt ist kaum minder plötzlich und unbestimmt als das, wovon sie zu Anfang erfasst wurden und wenn Like Crazy stoppt, dann nicht mit Fanfaren und Glückseeligkeit, sondern einer leisen und schmerzlichen Erkenntnis, dass das Leben die eigenen Wünsche daran manchmal überholt.



Like Crazy ist kein Film der Superlative, erzählt nicht die schönste, nicht die traurigste oder dramatischste Liebesgeschichte aller Zeiten – und ist berührender, als die meisten Filme, die genau das versuchen. Like Crazy, das sind zeitlose 86 Minuten, unprätentiös genug, sich nicht an aktuellen Strömen aufzuhalten, weder filmisch noch erzählerisch (Annas Einreisestrapazen werden nicht zur Post-9/11-Parabel,…). Anton Yelchin, mit J. J. Abrams‘ Star Trek und Terminator Salvation schon zwei (zumindest namentlich) ganz dicke Einträge in der Filmographie stehen, und die wie immer wunderbare Felicity Jones, neben dem Film selbst in Sundance mit dem Dramatic Special Jury Prize for Breakout Performance ausgezeichnet (ein paar Jahre zu spät…), sind als Paar jederzeit vollkommen glaubhaft, die Kamera oft und lange auf ihren Gesichtern, die vor Lebensfreude sprudelnd wie von Verzweiflung verzerrt das ganze Gefühlsspektrum des Films transportieren. Der größte Name auf der Besetzungsliste ist wohl spätestens seit diesem Jahr der von The Hunger Games-leading lady Jennifer Lawrence, die genau wie der Twilight-erfahrene Charlie Bewley, sowie Alex Kingston und Oliver Muirhead als Annas Eltern nur wenig Screentime bekommt. Selbige für Yelchin und Jones zu reservieren ist aber nur zu verständlich.

♫Tell me everything that happened,
Tell me everything you saw.
They had lights inside their eyes…
They had lights inside their eyes…
Did you see the closing window,
Did you hear the slamming door?
They moved forward and my heart died…
They moved forward and my heart died…
Please, please tell me what they looked like,
Did they seem afraid of you?
They were kids that I once knew…
They were kids that I once knew…

I can say it, but you won’t you believe me.
You say you do, but you don’t deceive me.
It’s hard to know they’re out there,
It’s hard to know that you still care.
I can say it, but you won’t you believe me.
You say you do, but you don’t deceive me.
Dead hearts are everywhere!
Dead hearts are everywhere!♫

Wertung & Fazit

Action: 0/5
Kein Kriterium.
Spannung: 1/5
Im Grunde kein Kriterium, leise und ohne jede falsche Dramatik erzählt.
Anspruch: 3,5/5
Nicht die wichtigste und bedeutendste Liebesgeschichte aller Zeiten, aber zumindest eine der „echtesten“, die man in den letzten Jahren so zu sehen bekommen hat.
Humor: 0,5/5
Kein Rumgekalauere, stiller Humor, wenn überhaupt.
Darsteller: 4,5/5
Anton Yelchin und Felicity Jones spielen ein Paar ohne aufgesetzte Allüren, und wer sich die wunderbare Britin nicht spätestens nach diesem Film dick auf den Zettel schreibt, der liest hier im Foyer nicht genau genug mit.
Regie: 4,5/5
Indie-Filmer Drake Doremus inszeniert weder einen typischen Indie-Film, noch eine Roamnze nach Hollywood-ABC. Sein Ansatz ist eine direktere und unmittelbarere Gefühlsbebilderung in wunderschön bis tieftragisch.
Fazit: 8,5/10
The beauty and the bitterness of love: wunderbar ungefiltertes und unmittelbares emotion sharing mit zwei wunderbar ungekünstelten Hauptdarstellern.

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4 Kommentare

  1. Zwei wunderbare Hauptdarsteller, die einen auf eine Achterbahn der Gefühle mitnehmen. Eine schön gezeichnete Geschichte!

  2. Da sieht man mal wieder: Für mich einer der schlechtesten Filme des Jahres. Aber ich bin auch kein FJ-Fan(boy). Berührend war hier – zumindest für mich – gar nichts. Allenfalls, als endlich der Abspann einsetzte.

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