Review: MACHETE

The stage was set, es hätte seines werden können, das Jahr 2010: Robert Rodriguez hatte sie an der Hand, DIE Fan-Amazer der vergangenen zwölf Monate. Da nahm er sich als Produzent der herbeigesehnten Weiterführung des Predator-Franchise an, die Liebhaber des außerirdischen Jägers waren begeistert und wussten den Stoff bei ihm in den richtigen Händen – und wurden von Nimród Antals Predators böse enttäuscht. Gut, die Schuld konnte man dem ungarischen Regisseur zuschustern. Das zweite dicke Projekt hingegen versprach Rodriguez pur, Scheitern ausgeschlossen. Denn WAS sollte schief gehen? Der Fake-Trailer zu Machete, produziert für das gemeinsam mit Quentin Tarantino gestemmte Grindhouse-DoubleFeature, kam fast besser an, als die dazugehörigen eigentlichen Filme, Rodriguez‘ Planet Terror und Tarantinos Death Proof. Der messerschwingende, grummelige Mexikaner, verkörpert von Edelhackfresse mit Nebendarsteller-Abo Danny Trejo, nebenbei ein Cousin von Rodriguez, sollte also seinen eigenen Film spendiert bekommen. Und erntete vom frontal-Verriss bis zur huldigenden Hymne so ziemlich alles an Resonanz – und landet krachend irgendwo in der Mitte.

Story

Machete erwischt’s hart: der mexikanische Bundesagent wird bei einem Einsatz übertölpelt, der Drogenbaron Torrez tötet seine Frau und sein Kind, Machete selbst bleibt schwer verletzt zurück. Drei Jahre später schlägt er sich als Tagelöhner auf den Straßen von Texas unweit der mexikanischen Grenze durch. Bis ihm der Geschäftsmann Michael Booth ein Angebot macht. Er zahlt Machete 150.000 Dollar, damit dieser den korrupten Senator John McLaughlin tötet, der mit harten Gesetzen gegen mexikanische Einwanderer um seine Wiederwahl kämpft. Doch erneut wird Machete verraten und Hardliner McLaughlin geht mit seiner Politik gestärkt aus dem fingierten Attentat hervor. But they just fucked with the wrong mexican. Mit der Unterstützung der Agentin Rivera von der US-Einwanderungsbehörde und dem „Netzwerk“, einer von der geheimnisvollen Shé angeführten Untergrundorganisation, die illegalen Einwanderern hilft, holt Machete zum blutigen Gegenschlag aus…

Der Film



Durch Robert Rodriguez‘ vielbeschäftigten Geist, kreisend zwischen berstigem Fun-Splatter wie From Dusk till Dawn und überkanditeltem Quatschkram wie der Spy Kids-Trilogie, spukt die Idee zu Machete nicht erst seit dem erwähnten Fake-Trailer. Seit der ersten Zusammenarbeit mit Danny Trejo, Desperado (1995), sah der Texaner im Kalifornier DEN Mann für ein »action movie[…]with a Latin flavor« mit Namen Machete. Das Grindhouse-Projekt und die Begeisterung für den Stichwaffenakrobaten gaben schließlich den letzten Schwung, um aus dem 160sekünder 105 Minuten Film zu machen. Und zugegeben: Trailer und Spots zu Machete hauten mächtig auf die dampfende Kacke und nach dutzenden Nebenrollen von Kurz- bis Showstealerauftritt gönnt man sie Trejo, die erste Hauptrolle. Und es liegt auch nicht an ihm, dass Machete hinter DEM badassig-ungezügelten Mexploitationkracher zurückbleibt, auf den man da gewettet hätte.

Machete hat gerufen, alle sind gekommen. Vom Oscar-Preisträger und Weltstar, zur Klatschgazettenfüllerin, bis hin zum abgewrackten C-Movie- und vergessenen Fernsehrelikt. Dazu die üblichen Verdächtigen und Buddys aus dem Rodriguez-Universum, wie Cheech Marin und MakeUp-Meister Tom Savini. Tatsächlich weiß der Regisseur mit ihnen allen etwas anzufangen, keiner läuft da nur seines illustren Namens wegen durchs Bild. Was Machete aber zunächst mal nicht den ganz oberflächlichen Reiz raubt, dass sich hier Robert De Niro, Lindsay Lohan, Steven Seagal und Don Johnson die Szenen teilen. Plus Jessica Alba. Plus Jeff Fahey. Plus Michelle Rodriguez. Freakin‘ awesome! Aber wie gesagt, auch wenn Rodriguez dabei nicht die Geschliffenheit in der Charakterzeichnung seines Kumpels Tarantino erreicht, so veranstaltet er mit Machete doch nicht bloß ein absurdes und an in dieser Form nie zu glauben gewagtes Schaulaufen, sondern fabriziert Charaktere, die problemlos ihr eigenes SpinOff tragen könnten.



Trotzdem und deshalb: Machete macht Spaß, aber längst nicht so viel, wie er könnte und sollte. Der knarzende Einstieg mit seinen Bildstörungen, Aussetzern und Geflacker ahmt, wie schon Death Proof und Planet Terror, den Look der vor allem in den 1970ern populären Exploitern nach, die in schäbigen Grindhouse-Kinos rauf und runter gedudelt wurden. Machete will eine Geisel befreien und Drogenbaron Torrez finden, der grimmige Bundesagent pfeift drauf, dass ihn ein Vorgesetzter aufzuhalten versucht und der Film geht ab, wie man sich das vorgestellt hat: Gliedmaßen und Köpfe fliegen, die Menge gröhlt und jubelt (auf der DVD via Audiotrack übrigens zuschaltbar). Die erste nackte Chica, die Machete verrät, sich ein Handy aus der Vagina zieht, Auftritt Steven Seagal, dann der Vorspann, der die fulminante Besetzung vorstellt – die Freudenlaute nehmen kein Ende. Bis sich Machete (wohlgemerkt der Figur, nicht dem Film) ein Brocken in den Weg stellt, dem selbst er nicht gewachsen ist und den man, zumindest nicht so, als Hemmklotz nicht erwartet hätte: madre de Dios, die Story.

Machete rächt sich, tan simple como eso. Dazu ein: Mindestmaß? Maximum? Zumindest ein gewisses Maß an politisch unkorrektem Über-, Unter- oder Anbau. Eben das, was der Trailer bot, prall gefüllt mit weiteren abgedrehten Actioneinlagen und ultrabrutalen Fun-Metzeleien, ein Baum, vollgehängt mit bis zum Bersten mit Blut gefüllten Piñatas, auf die der Film nahezu ohne Unterlas eindrischt. Das konnte man erwarten. Aber so ist Machete nicht, denn der Film spart die Phasen nicht aus, in denen er minutenlang an den bunten Pappmaché-Figuren vorbeihaut, bis hin und wieder ein Treffer gelandet wird. Machetes Rachefeldzug ist ein ziemlich unentschlossenes Unternehmen, durch das er mehr stolpert, als zu agieren, während um ihn herum viel mehr Handlung stattfindet, als man gedacht hätte. Sin duda, Rodriguez‘ Inszenierung ist schlecht, ganz im Sinne der Vorbilder, und seine Figuren und deren Handlungsstränge lassen sich simplen und nach Formel abgearbeiteten Kernelementen des Films zuordnen: De Niros Senator McLaughlin, die politsatirische Überspitzung! Lindsay Lohans dauerzugedröhnte Internetnudistin April Booth, die Selbstironie! Michelle Rodriguez als tough chick Luz, das type-casting! Jessica Alba als Bundesagentin Sartana Rivera, das anti-type-casting! Steven Seagal als Oberfiesling und Don Johnson als schießwütiger Grenzvigilant, die Freakshow!



Das ist so sehr durchschaubar und bemüht konzeptionell, wie es dennoch Bock macht. Como he dicho, Rodriguez macht etwas aus diesen Figuren, deren Akteure auch allesamt wissen, was es hier zu tun gibt: overacten, underacten, cool und/oder heiß aussehen, knochentrockene Sprüche raushauen und ordentlich auf Hart machen. Da wird sogar eine Jessica Alba locker, die sonst immer krampfhaft so tut, als würde sie versuchen zu schauspielern. Aber die Vielzahl an Charakteren, von denen besonders Alba, De Niro und Jeff Fahey als windiger Booth eine Menge Screentime bekommen, reißen nicht nur das Tempo des Films ordentlich nach unten. Es stellt sich auch die Frage: was ist mit Machete? Machete wäre, um mal ein Wort zu benutzen, das so gar nicht in den Kontext des tatsächlichen Films passt, vielleicht sogar aufregender geworden, wenn er eben nicht dazu verpflichtet wäre, zuvorderst dem wortkargen Mexikaner eine Bühne bieten zu müssen. Klar, Danny Trejo haut ein paar grantige Oneliner raus, zweckentfremdet einen Dünndarm, nackte Weiber hängen sich ihm an den Hals, gegen Ende legt er seinen spektakulären Minigun/Motorrad-Stunt hin – aber die richtig großen Momente, die richtig bedeutenden Auseinandersetzungen mano-a-mano, an denen mangelt es Machete über das Material hinaus, das Rodriguez bereits in Trailer und Spots gepackt hat. Ausgerechnet für seine Titelfigur hat Rodriguez nicht genügend parat, um dem Mythos, von dem sie im Film allgegenwärtig umweht wird, gerecht zu werden.

Machete ist der wrong mexican to fuck with, aber auch der wrong mexican to star in a movie. Indiana Jones ohne Indiana Jones? Undenkbar. Der Terminator ohne den Terminator? Undenkbar. Shaft ohne Shaft? Undenkbar. Machete ohne Machete? Vorstellbar. Dann wäre Robert Rodriguez‘ Film wahrscheinlich einer über die Widerstandkämpferin Michelle Rodriguez (HOT ohne Ende, vor allem später in ihrem Shé-Outfit), eine mexikanisch-stämmige Bundesagentin Jessica Alba im Zwiespalt, einen rechts außen hardlinernden Politikerbastard Robert De Niro und noch ein bißchen Brimborium drumherum geworden und hätte so wohl irgendwie auch Spaß gemacht. Die Titelfigur wird für den Film letztlich zum Fluch, zum nicht eingelösten Versprechen. Dazu geben die Deleted Scenes auf der DVD einen passenden Kommentar ab: in über elf Minuten ist Machete darin nur für Sekundenbruchteile zu sehen, alles andere hätte den weiteren Figuren noch mehr Raum gegönnt. Für die vermeintlichen Nebendarsteller (und für noch mehr, als im Film vorkommenen, zum Beispiel Rose McGowan als Killerin Boots McCoy), hatte Rodriguez Ideen, für Machete fiel ihm eben nur ein Aufsehen erregender, dreckscooler Trailer ein. Selbst der Endkampf zwischen Trejo und Seagal, eigentlich prädestiniert für eine großgestige letzte Auseinandersetzung zweier Todfeinde, wirkt höchstens drangeklatscht, da man Machete vorher halt nicht EINEN der zahlreichen Hauptbösewichte hat zerschnetzeln lassen und er noch irgendetwas zu tun bekommen musste. Den Rest erledigen mit viel denkwürdigeren Auftritten die erwähnte (damn hot!) Rodriguez und Lindsay Lohan im Nonnengewand.

Wertung & Fazit

Action: 2,5/5
Machete kracht. Aber nicht so sehr, wie erwartet. Die total überdrehten Actionszenen gehen schnell in gleichförmige Metzeleien über, die aber immer noch Laune machen. Der Showdown allerdings ist schwach und ohne Höhepunkt.
Spannung: 0,5/5
Machete lahmt. Nach der Eröffnung geht dem Film nahezu komplett das Tempo verloren und zieht nur zwischendurch und dann auch nur für sehr kurze Zeit wieder an.
Anspruch: 0/5
Machete ansprucht nicht. Überraschend viel Story und die ist gar nicht mal soooo doof, aber natürlich trotzdem total überzogen.
Humor: 1,5/5
Machete guckt grummelig. Klar, zwischendurch immer wieder für’n Schmunzler gut, aber wie bei so vielem am Film: weniger als erwartet.
Darsteller: 3/5
Machete spielt nicht, Danny Trejo auch nicht. Präsenz macht’s aus und das trifft so auch auf den Rest des illustren Casts zu. Die Formel geht aber durchaus auf.
Regie: 2,5/5
Machetes Inszenierung rumpelt. Das Konzept des fehlerhaften ist natürlich kein Kritikpunkt an Rodriguez’ entsprechend fehlerhafter Regie; das ihm für seine hochstilisierte Titelfigur nix einfällt hingegen schon.
Fazit: 5,5/10
This is Machete. Auf eine Art einfallsfrei, wie man es nicht erwartet hätte und dementsprechend enttäuschend ausgefallen. Ist auch so nicht schlecht, aber auch kein Granatenspektakel.

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14 Kommentare

  1. Pingback: Machete (Film)
  2. Prima Review!
    Bis dato konnte ich gar nicht mal sagen, was ich an Machete so halbgar fand, aber nun gehen mir die Augen auf.
    Hauptfigur weg und stattdessen Michelle Rodriguez eine Revolution anzetteln lassen, das wäre top gewesen. 😉

  3. Also, ich habe nichts anderes erwartet und war von der Story sogar noch positiv überrascht. Ob mir der Film bei einer Zweitsichtung zu Hause noch mal so viel Spaß machen würde, wie in einem voll besetzten Kinosaal voller Filmanhänger, wage ich aber zu bezweifeln.
    Trotz unserer unterschiedlicher Einschätzungen, eine sehr schöne Review 😉

    1. Danke.
      Allein des Audiotracks mit den Zuschauerreaktionen wegen gehe ich mal davon aus, dass er mir in entsprechender Begleitung auch besser gefallen hatte. Das ist eben irgendwie auch ein Gemeinschaftsfilm und -erlebnis, ein Happening, wenn man so will 😉

    1. Darum geht’s nicht. Entscheidend ist das Racheelement. Und das ist in diesen Film sehr “dünn” ausgefallen. (Ja, ich hab den im Kino gesehen, und das tut mir nicht leid! 😀 ) Die BluRay wird den Weg in mein Regal finden. 😉

  4. Schließe mich der eher enttäuschenden Stimmung an. Ich glaube der Film wäre um einiges besser gewesen, wenn er so fortgesetzt worden wäre, wie die ersten 10 Minuten begonnen haben.

    Wenn man Exploitation Kino machen möchte, dann auch richtig!

  5. Schöner Artikel. Ich freue mich ja, noch jemanden gefunden zu haben, der nicht so vollkommen von “Machete” begeistert ist, wie scheinbar alle anderen. Mir war Danny Trejo damals dann auch eine Nummer zu viel und genau wie du hätte mir Michelle Rodriguez vollkommen ausgereicht 😉

    Es gibt zwar ein paar witzige Ideen, aber ich hatte damals auch gehofft, dass der Film irgendwie ne Nummer besser sein würde. Da gefiel mir “Planet Terror” ja wesentlich besser. Und dass Leute wie De Niro und Co. mitgespielt haben, rettet den Film für mich auch nicht wirklich.

    1. Genau: das Ding Shé nennen, Michelle Rodriguez’ Rolle entsprechend ausbauen und vielleicht wär’s dann ‘n besserer Film geworden. Mit Planet Terror kann ich ihn nicht vergleichen, den hab ich immer noch nicht gesehen

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