Review: MONEYBALL

Wenn sich jeden Montag Abend nach absolviertem Bundesligaspieltag ein paar Ex-Profis im Sportfernsehen zusammensetzen und einige Highlights der Partien vom Wochenende haarklein und mithilfe zahlreicher Computerspielereien durchdiskutieren, dann schüttelt manch einer, der schon bei der WM ’54 zu den alten Hasen gehörte, sicherlich immer mal wieder kräftig den Kopf. Da ist das Spiel so einfach, und die ziehen da Linien, markieren Abwehrketten mit Kreisen, verrücken Spieler in taktisch bessere Positionen, zeichnen Pfeile ein, wohin ein Pass im Idealfall hätte getreten werden sollen – und analysieren zu Tode, wo’s eigentlich nur darum geht, das Runde ins Eckige zu befördern. Aber: so simpel ist der Sport halt generell nicht mehr, mit Methoden von anno dunnemal leitet sich heutzutage kein Profiverein. Es werden Statistiken erhoben, Werte berechnet und es wird analysiert und analysiert und analysiert. Mit Moneyball stand das BioPic über den Einzug dieser Verfahren im Profi-Baseball seit 2004 auf der ersten Base. Basierend auf dem Sachbuch Moneyball: The Art of Winning an Unfair Game von Michael Lewis hatte zunächst Steven Soderbergh die Kamera bereits aufgestellt, ehe Capote-Regisseur Bennett Miller übernahm und ihn nach einem Script von Steven Zaillian und Aaron Sorkin schließlich 2011 ins Kino brachte: Analysetool – der Film. Oder einfach Moneyball.

Story



Billy Beane, ehemals selbst Spieler, hat sich nach einigen Jahren als Scout auf den Posten des General Managers des Major-League-Baseballteams Oakland Athletics hochgearbeitet. Alles andere, als eine leichte Aufgabe: die im Verhältnis zum Rest der Liga zahlungsschwachen A’s müssen Jahr für Jahr mit einem minimalen Etat zusehen, eine halbwegs konkurrenzfähige Mannschaft auf’s Feld zu bekommen, nachdem sie ihre wenigen Stars regelmäßig an größere Vereine verlieren. Während seine Scoutingabteilung nach altbewährten Methoden Ausschau nach geeigneten Kandidaten für die verweisten Positionen hält, versucht der einst hochtalentierte, aber gnadenlos gescheiterte Beane neue Wege zu entdecken. Bei frustrierenden Abwerbeversuchen von Spielern der Cleveland Indians lernt er den zurückhaltenden Harvard-Absolventen Peter Brand kennen und nimmt anstelle eines Pitchers den jungen Wirtschaftsanalytiker mit nach Oakland. Brand hat Methoden zur Einschätzung der Stärken und Schwächern von Spielern entwickelt, die im Baseballsport einzigartig sind und auf Basis seiner Daten stellt Beane ein Team von Außenseitern und anderswo verschmähten und unterschätzten Spielern für kleines Geld zusammen. Und nach einem katastrophalen Saisonstart und gegen den bockigen Widerstand ihres Trainers Art Howe beginnt diese Truppe plötzlich mit der längsten Siegesserie in der über einhundertjährigen Geschichte des Baseballs. Doch entscheidend ist immer nur das letzte Spiel der Saison…

Der Film

Statistikwahn hin oder her: das klingt alles so sehr nach gängigem Sportdrama, dass man den ausgepumpten Schweiß der immer gleichen Genremechanismen fast schon zu schmecken meint. Aber in Wahrheit ist Bennett Millers erst zweiter Spielfilm frisch wie lange kein Film, in dem es um zu sportlichen Wettbewerbszwecken eingesetztes Rundgut geht. Da wo sonst zu dramatischen Fanfaren und SlowMo‘s Tore geschossen, Körbe geworfen, Pucks versenkt oder eben Basebälle gehittet werden blickt Moneyball abseits des Geschehens auf dem Platz in den Katakomben des Stadions in Brad Pitts Gesicht und lässt Triumpf und Niederlage fast ausschließlich darin passieren. Oder es wird geredet. Viiiiiel geredet: über Spieler, über Positionen, über Zahlen, das Für und Wider dieser oder jener Scoutingmethode, fünfzig Jahre praktische Baseballerfahrung gegen die unverständlichen und abstrakten computerisierten Methoden eines Newbies, der nie einen Ball geworfen hat und in Spielern nur Datentabellen sieht. Mal ehrlich, kann ein Film, wenn schon keine abgenudelten Muster bedienend, eigentlich noch abschreckender klingen? Niemals gab es wohl einen Sportfilm, der prozentual so wenig tatsächlich aktiv ausgeübten Sport zeigte. Aber Moneyball zeigt eben auch, welch unglaubliche Kraft ein Film aus Ruhe und Konzentration heraus entwickeln kann, aus Präzision und dem Gelingen, entgegen solch nüchterner Begriffe nicht gekünstelt zu wirken und Emotionen leise heranzuführen, statt sie mit durchgeschwungener Keule auszuteilen.



Trotz den subject matters Baseball und Sportanalyse ist Moneyball kein Film für fachspezialisiertes Randpublikum. Sofern vollkommen unkundig, muss man sich Regeln und Positionsbedeutung allerdings zusammengoogeln; großes Erklärwerk, warum zum Beispiel der Problemellbogen Scott Hatteberg ein augenscheinlich vollkommen ungeeigneter first baseman ist, nach Beanes und Brands Vorstellungen aber unbedingt dort eingesetzt werden soll, bietet Moneyball nicht. Aber der ideale Sportfilm befähigt seinen Zuschauer auch nicht zum Sachbuchverfasser seines Metiers, sondern vermittelt diesen nicht fassbaren Begriff der Faszination für das Spiel und das gelingt Miller, ohne es wirklich zu zeigen. Kurze Schnipsel aus Fernseh- oder Radioübertragungen sind immer mal wieder zu sehen und zu hören, in Flashbacks einige Ausrisse der gescheiterten Spielerkarriere Billy Beans‘, in dessen Perspektive Moneyball ansonsten bleibt: aus Aberglaube sieht der Manager sich kein Spiel seiner Mannschaft an und genau wie er nur flüchtige Eindrücke aufnimmt, lässt der Film kaum mehr als diese zu. Was ein toller Ansatz ist, da die Gefühlswelt eines Machers über Wutausbrüche und Freudenstürme hinaus in Momente einsamer Stille übersetzt wird, in Erinnerung an eigenes Scheitern und in tiefe Stiche des Zweifels und des Verzweifelns. So intim und nah an einem einzelnen Menschen nimmt man die Massenveranstaltung Sport und Spiel sonst selten wahr und so wird sie auch vor allem filmisch sonst nicht nach außen getragen: Jubel und Leid sind meist Ausdruck vieler Gesichter, in Moneyball zerfurchen und erhellen sie wie erwähnt überwiegend nur die Züge eines einzigen, nämlich Brad Pitts.

Wohl und Wehe der Männer auf dem Spielfeld hingegen sind dem Film nicht wichtig, obwohl Beane und seine menschliche Kalkulationsmaschine Brand sich eine vermeintliche Truppe von Überalterten, Gescheiterten, Halbinvaliden und Losern zusammenstellen zelebriert Moneyball keine ausgiebigen from zero to hero-Momente. Bis auf wenige persönliche Szenen sind die Spieler das Material, dass Beane und Brand in ihnen sehen, ihre Namen nur wichtig für die, die sie auf die Trikots sticken müssen und wenn Beane sie in auktionsartigen Konferenzschaltungen im Tausch an andere Vereine verschachert. Das Feuern und über die Köpfe hinweg entschiedenes Verschieben von eigenen Spielern zu anderen Teams, in andere Städte und Staaten nutzt der Film gar für comedic purpose, wenn der scheue Frischling Brand vom unsentimentalen Beane im korrekten Entlassen unterwiesen wird. Zwar stellen sich nach vielen Fehlschlägen die Erfolge der Truppe erst ein, als Beane seine Grundsätze von völlig unpersönlichem Umgang mit den Spielern ein wenig lockert, Moneyball ist aber sicher keine Lehrpredigt über mehr Menschlichkeit und Wärme im kalten Geschäft des Profisports. Und auch keine über family matters most, obwohl sich das ebenfalls anböte: wie so viele (Anti-)Helden des Sportfilms ist auch Billy Beane ein geschiedener Vater, die Beziehung zur Tochter ein bißchen klischee’ig, das alles wird aber nicht allzu weit ins Feld geschlagen und sorgt für einen rührend-melancholischen Ausklang des Films.



»If we win, on our budget, with this team… we’ll have changed the game. And that’s what I want. I want it to mean something.« Brad Pitt pflegt in der Rolle des als Spieler gescheiterten und als Manager mit aller Leidenschaft für den außergewöhnlichen Triumpf einer neuen Art des Spiels kämpfende Billy Beane einige Manierismen (was der Mann auf der Leinwand an Fressalien verschlingt könnte gleich mehrere Suppenküchen über den Winter bringen), das Schauspiel des Megastars ist gewohnt stark: Beane ist kein Highlight Character wie Fight Club-Gründer Tyler Durden, der rückwärts alternde Benjamin Button oder Inglourious Basterd Aldo Raine, keine Figur, die schon ihrer ganzen Anlage wegen „besonders“ ist, aber mit einem solchen Status und derart vielen Leinwandikonen im Repertoire ist’s wunderbar zu sehen, wie Pitt auch jemanden Normales, der Außergwöhnliches leistet, mitreißend spielt. Dass die füllige Ulknudel Jonah Hill daneben besteht, ist schon überraschender, aber Oscar- und GoldenGlobe-Nominierungen hat auch er sich verdient. Nominiert und ausgezeichnet wurde Moneyball generell reichlich, wobei aber irgendwie alle Mychael Dannas erstklassigen Score überhört zu haben scheinen. Der drängt sich nie auf, ist tatsächlich über weite Strecken des Films auch gar nicht da, sorgt in den passenden Momenten durch sein Anklingen und wieder Verstummen mit für die Kraft, die Moneyball entwickelt. Also von wegen abschreckend: ein Sportfilm voller Theorie, basierend auf einem abstrakten Statistikkonzept namens Sabermetrics, ist in der Praxis mit das beste Genrewerk seit langem.

Wertung & Fazit

Action: 0/5
Kein Kriterium.
Spannung: 1/5
Ruhig und dialoglastig erzählt, nie so reißerisch oder pathetisch, wie es Sportfilme für gewöhnlich sind. Sicher kein Thriller, aber genausowenig langweilig, mit einer Kraft, die sich aus der Ruhe entwickelt.
Anspruch: 3/5
Sport im allgemeinen und Baseball speziell als tabellengenerierte Wissenschaft, das ist schon nicht ohne. Aber auch der Drama-Part um Billy Beans persönliches Trauma wird angenehm subtil ausgespielt.
Humor: 0,5/5
Die Methoden der knorrigen alten Scouts im Konferenzraum, Billys Einsatz beim Spielerkauf, Brands geistige Überlegenheit und gleichzeitige kindliche Verunsicherung – das ist schon für ein paar Schmunzler gut.
Darsteller: 5/5
Brad Pitt und Jonah Hill sind toll als dynamisches Duo der Tabellenkalkulation, Philip Seymour Hoffman, Robin Wright und Chris Pratt unterstützen ihre Two Men Show überzeugend.
Regie: 4,5/5
Mit einem Script von Steven Zaillian und einem der momentan besten Dialogschreiber, Aaron Sorkin, sollte wohl so ziemlich jeder Regisseur der Welt einen mindestens guten Film auf die Leinwand bekommen. Bennett Miller schafft einen sehr guten.
Fazit: 8,5/10
»How can you not get romantic about baseball?« fragt Billy Beane und nach Moneyball fallen einem da wirklich nicht viele Gründe ein. Ungewöhnlicher, aber großartiger und kraftvoller Sportfilm und weit mehr, als so ein typischer „you can win if you want“-Botschaftsträger.

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8 Kommentare

  1. Bei mir gab es 1,5 Punkte weniger, weil mir der Film zu wenig am Material war. Hätte mir einen stärkeren Fokus auf die Sabermetrics bzw Theorie gewünscht (schließlich war das das Interessanteste am ganzen Film) und dafür weniger dieser 0815-Familienstory, wo Single-Papa der Größte ist usw. Diesen ganzen überzogenen US-Kinomurks, den Spielberg und Co. zum Markenzeichen erhoben haben. Helden mit Kanten kennt Hollywood gar nicht (allenfalls den Comedian und Rorschach in WATCHMEN). Den Schlussakt in Boston hätte man sich auch sparen können. Alles in allem hätte der Film sehr viel besser sein dürfen, aber war auch so ganz nett.

    1. Na immerhin 😉
      Das vieles ein bißchen glatt oder an der Oberfläche abgehandelt wurde ist sicher nicht ganz falsch, das hat bei mir letztlich auch mindestens einen halben Punkt gekostet. Die Familienstory fand ich aber z.B. ganz ok, die Ex und der Neue waren nicht zu präsent oder überzeichnet und die Papa/Tochter-Beziehung war schon ganz süß und hat mich am Schluss (quasi über’s Autoradio) wirklich berührt. Und ich habe sowieso nicht so viel dagegen, wenn Kids ihren Papa für den Größten halten 😉
      Davon ab fand ich Beane aber auch nicht soooo kantenfrei dargestellt, sein wenig zimperlicher Umgang mit den Spielern zum Beispiel. Und wenn der echte Beane halt nichts abgründigeres hergibt: warum es dann hineinzwingen und wohlmöglich ‘ne halbgare Läuterungsgeschichte daraus ableiten?

    2. Meinte auch nicht, dass man ihn künstlich zum Arschloch machen soll, aber durch die geschnittenen Szenen mit seiner neuen Freundin erweckt der Film einfach so ein Gefühl von “Allein-daheim-hat-nur-seine-Tochter-und-den-Job” und das wirkte mir irgendwie zu aufgesetzt. Die Tochter hätte die Geschichte nicht gebraucht, um zu funktionieren m.E.
      Und der nicht zimperliche Umgang mit Spielern ist ja in der US-Sportbranche Gang und Gebe, somit nicht “wenig zimperlich”, sondern eher “normal” 😉

    3. Sicher, aber üblicherweise sind’s doch eher irgendwelche geldgeierigen Funktionäre, fiese Coaches oder gegnerische Klubs, die solche Praktiken vorleben und weniger der “Held” des Films.
      Die geschnittenen Szenen hab ich mir noch gar nicht angesehen, aber die Disc steckt auch schon wieder im Umschlag… Aber auf mich wirkte das trotzdem nicht so, oder zumindest habe ich es nicht als aufgesetzt wahrgenommen. Die eigentliche Geschichte hätte den Familienkram sicher nicht gebraucht, aber ich hatte das bei Pitts erstem Besuch bei Ex und neuem Freund viel schlimmer erwartet, so nach dem entfremdete-Tochter-und abwesender-Vater-nähern-sich-wieder-an-Prinzip, da fand ich’s so wie’s stattdessen war, wie gesagt, schon ok. Und die Schlussszene rechtfertigt den Papa/Tochter-Strang für mich sowieso, fand ich halt sehr berührend 😉

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