Review: PACIFIC RIM

Story

Am 10. August 2013 erhebt sich eine kataklysmische Bedrohung aus den Tiefen des Pazifik: ein gigantisches Monster gelangt durch einen Dimensionsspalt auf die Erde und legt San Francisco in Schutt und Asche, ehe das Kaiju nach einem verzweifelten und hoffnungslosen Kampf durch einen Atomschlag vernichtet wird. Zehn Jahre später befindet sich die Menschheit im Krieg mit den grotesken Monstren und stellt ihnen schlag- und waffenkräftige Mechs entgegen, die sogenannten Jaeger, die von zwei Piloten via neuronaler Brücke gesteuert werden. Mit Hilfe der mechanischen Ungetüme scheint es tatsächlich Hoffnung im Kampf gegen die Kaiju zu geben. Raleigh Becket und sein Bruder Yancy sind die Piloten des amerikanischen Jaegers Gipsy Danger, zwei furchtlose Draufgänger, die den Kampf gegen die Bedrohung aus einer anderen Dimension mühelos aufnehmen – ehe die Kaiju auf’s verheerendste zurückschlagen. Yancy wird während einer Schlacht getötet, Gipsy Danger auseinander gerissen und die nun immer häufiger zuschlagenden und immer mächtiger werdenden Monster vernichten zu Dutzenden andere Jaeger und deren Piloten. Als die Weltregierung beschließt, das Kampfmaschinenprogramm einzustellen und stattdessen die Ressourcen lieber für den Bau einer hemisphärentrennenden Mauer zu verwenden, ist es an Marshal Stacker Pentecost, die verbliebenen Jaeger zu einem letzten Schlag gegen die Kaiju zu versammeln…

Der Film



Pacific Rim macht es wie Guillermo del Toros Comicadaption Hellboy, nicht lange so tun, als wäre die Show nicht völlig abgedreht, nicht lange eine normale Welt einführen, in die das Ungewöhnliche langsam hineinkriecht, sondern vom Start weg voll rein in ein aufgedrehtes Spektakel. Die ersten zehn Minuten des Films packen andere Filme in ihre beiden ersten Akte, die erste Monster-Attacke wird nicht mit Vorlauf aufgebaut, sie passiert nach ein paar Sekunden, in Zusammenhänge gestellt von Charlie Hunnams zähneknirchendem Off-Kommentar. Wie bei del Toro nicht unüblich muss man sich an ein paar oft genannte oder gleich lauthals gebrüllte begriffliche Absonderlichkeiten und komische Namen gewöhnen, was dem Hellboy seine Ogdru Jahad, Dimensionstore und Sammaels waren sind bei Pacific Rim Breach, Drift und Kaiju. Daran einen Link zu knüpfen ist unabdingbar, um das Geschehen auf- und annehmen zu können, sonst herrscht schnell Kopfschütteln, ungemütliches Rauskatapultieren und wenig Nachholmöglichkeit, danach noch in den Film zu finden. Gleich oder gar nicht, ein riskanter Klingenritt, der auch diemal nicht bei jedem gut gehen wird (bei mir hat’s beim Höllenjungen nicht geklappt). Ist dieses frühe balliwallihuu überstanden ballawallahallat Pacific Rim sogleich weiter mit dem, was für den einen der Reiz und für den anderen die Abschreckung an diesem ganzen Vehikel ist: Mech vs. Monster, Gipsy Danger vs. Kaiju, Raleigh und Yancy Becket vs. Knifehead.

Die Auseinandersetzung zwischen Metall und Alienfleisch nimmt ein böses Ende für Yancy und Gipsy, ist leinwanderschütternd gigantisch und lädt sich leider ein Begeisterungs-Downgrade auf die Festplatte, das der Film nicht ausgemerzt bekommt: der mehrere tausend Tonnen schwere Clash of the Titans schafft es, diese hydraulisch angetriebene und anatomische Wucht in umfangberstende Bilder und Sounds zu übersetzen, wählt dafür aber Methoden, die ihn an anderer Stelle seines Ausmaßes berauben: es ist wie bei der Bay’schen Transformers-Materialschlacht, Pacific Rim will die Masse seiner Ungetüme unmittelbar einfangen und verzichtet dafür auf Übersicht. Ein paar mehr Weitwinkel, eine Raum- und Übersichtsgefühl schaffende Totale hier und da, die Kamera nicht ständig direkt zwischen den Kontrahenten positioniert – das hätte noch mehr Wirkung erzielt. Zumal die Macher ihren überragenden Effekten nur selten Tageslichttauglichkeit zutrauen, der High Noon zwischen Jaegern und Kaijus wird überwiegend um mindestens zwölf Stunden nach hinten verlegt und findet bei strömendem Regen im Meer statt. Nacht und Unwetter sind beliebte Elemente, um das Drama und die Epik einer Auseinandersetzung zu unterstreichen, aber jedes der großen Action Set Pieces auf diese Art zu gestalten trotzdem keine ganz glückliche Entscheidung. Schäumende Wassermassen von unten, prasselnde von oben, der unsichere Lichtstrahl eines Helikopters, der Showdown gleich komplett unter Wasser: bißchen viel Badeanstalt…



Aber dennoch: Pacific Rim wickelt einem ordentlich die Locken ab, wenn der Film in die Vollen geht, die kreischenden und schnaufenden Gewalten und der blanke, kindische Bock darauf, dass sich Monster und Mechs die Fressen polieren, sich Gliedmaßen abtrennen, mit Säure rumätzen, die Eingeweide aus den Leibern reißen und alles mögliche mehr; das hat der Gigantenkreaturenfilm in solcher Form noch nicht geboten. Guillermo del Toro hantiert hier nicht viel mit Subtext rum, die Figuren und die Geschichte von Pacific Rim sind klar im Angesicht der drohenden Apokalypse gestrickt und werden nicht zu irgendwas hoch metaphorisiert, auch wenn es ganz winzige Ankläge in gewisse Richtungen gibt, als zum Beispiel kurz mal jemand erwähnt, dass erst die schwindende Ozonschicht und die Umweltverschmutzung den Kaiju die passende Atmosphäre für ihre Invasion geschaffen haben. Aber ansonsten wird die Prämisse so simpel umgesetzt, wie sie eben ist, und verdammt: das ist in diesem Fall auch genau richtig so. Keiner muss mehr Shakespeare’esque Dramen vortragen oder tiefenpsychologische Entwicklungen durchlaufen, wenn es nur noch auf die eine Frage ankommt: die oder wir… Die Charaktere genügen dem vollkommen, jeder wird in einen entsprechenden Kontext zum Unheil gesetzt, in den meisten Fällen dadurch, jemanden an den Kaiju-Krieg verloren zu haben. Um was anderes mehr soll es der jungen Mako Mori gehen, die vom Kaiju Onibaba zur Waisin gemacht wurde, als um den Beweis ihrer Tauglichkeit, sich dafür zu rächen?

Pacific Rim ist auf Charakter- und Storyseite nicht unterentwickelt und nicht vernachlässigt, sondern klar und folgerichtig. Die Dialoge und Ansprachen sind kurz und bündig, weil niemand mehr als das wichtigste sagen muss. Die Figuren nehmen ihrerseits Rollen an, weil sie sich vor dem turmhohen Grauen, das dem Pazifik entsteigt, an etwas klammern müssen, um ihm begegnen zu können. Das vermeidet nicht Klischees, im Gegenteil, es forciert sogar ihre Ausprägung, aber es ist nichts anderes anzunehmen, als das Autor Travis Beacham und Guillermo del Toro ihre Charakterzeichnung genau SO gewollt haben und nicht, dass sie keine Mühen darauf verwendet hätten. Klar ist, dass sich Pacific Rim zwischendrin in seinen Konjunktionen und Konflikten seeeeehr bekannt anfühlt und hinter Charlie Hunnam, Idris Elba und Rinko Kikuchi vor allem die B-Reihe der Schauspieler bloß Plotfüllerfunktionen vertrautester Art einnimmt, wie etwa der arschige australische Jaeger-Pilot Chuck Hansen und auch die seltsam frisierten Russen, die Cherno Alpha steuern und reichlich karikaturesk anmuten und genau wie die chinesischen Crimson Typhoon-Drillinge ansonsten ohne Persönlichkeit bleiben. Klar ist aber auch, dass es zwischen einer belanglosen, lieblos hingeklatschten oder schlecht erzählten Story und einer mit deutlicher narrativer Zielführung einen Unterschied gibt, ebenso wie zwischen infantilen Rudimentärcharakteren und solchen in territorialer Position innerhalb dieses Start-Weg-Ziel-Rasters. Da entscheidet dann die Umsetzung und die gelingt del Toro.



Der reichert seine (nicht unsere, sondern seine) Welt im Schatten der Kaiju-Bedrohung mit vielen Querhin- und -verweisen an, von denen nicht alle große Bedeutung für den Film gewinnen und deren ausgeprägtester Part sich in eine recht schräge Zwischenepisode rund um den Kaiju-Fanboy Dr. Newton Geiszler, seinen zahlenbesessenen Partner Dr. Hermann Gottlieb und den Kaijuorgane-Schwarzmarktboss Hannibal Chau ausweitet. Hier wird man den Eindruck des reinen Fanservice nicht ganz los, der del Toro-Fan erwartet in einem del Toro-Film den del Toro-Stammschauspieler Ron Perlman. Dessen Auftritt passt so gar nicht zur Stimmung des Films und passt genau deswegen irgendwie doch, del Toro lässt Details einer Welt durchscheinen, die von andersdimensionalen Monstren heimgesucht wird, hinausgehend über den Aspekt der Bekämpfung. So wird in Hong Kong das Skelett eines Kaiju in der Architektur der Stadt verarbeitet und mit den Überresten der Viecher erblüht ein kurrioser Handelsmarkt. Eine nette Dreingabe zur Vertiefung der Welt an den Fransen und losen Enden der eigentlichen Geschichte, die sich nicht ganz sauber in deren Hauptteil einpasst, aber sich auch nicht komplett unzugehörig darstellt.

Obwohl Figuren, Story und die Welt drumherum also nicht die Schwäche von Pacific Rim sind, ist er trotzdem ein staunend, jedoch kein im permanenten Mitfieberwahn verfolgter Film. Man mag es kaum fassen, aber ausgerechnet DIESER Film mit seinen gigantomastastischen Schauwerten verstößt ein paar Mal, und definitiv zu seinem Nachteil, gegen das »show, don’t tell«-Mantra. Das Prequelcomic Pacific Rim: Geschichten aus dem Jahr Null empfiehlt sich definitiv als Zusatzlektüre, arbeitet und visualisiert im Rahmen seiner Möglichkeiten einiges aus, was der Film nebenher oder gar nicht erwähnt. Der sechs Tage währende Kampf gegen Trespasser, das erste aller Kaijus in San Fransisco, endet in einem Atomschlag gegen das Ungetüm, und auch die zweite Attacke auf den Philippinen kann erst durch nukleares Waffenarsenal eingedemmt werden, was der Film so konkret weder erwähnt noch zeigt und drum eher unterverdeutlicht, wie schlimm es eigentlich steht, wenn bis zur Initialisierung des Jaeger-Programms einzig derart verheerende atomare Grenzmaßnahmen eine Wirkung zeigten. Auch die Vernichtung mehrerer Jaeger nimmt Pacific Rim nicht ins Bild und durch seine Verdichtung auf die Hauptstory um Raleigh Becket fehlen einige Teile zum Gesamtbild des Ausmaßes des Kaiju-Krieges, es bleibt alles ein bißchen undeutlich, wie schlimm es nun eigentlich warum steht und Pacific Rim denkt sein Szenario diesbezüglich nicht fertig, ohne die gezeichnete und von Beacham geschriebene Vorgeschichte als Ergänzung sogar noch weniger. Die beinahe noch interessantere Geschichte des »wie konnte es soweit kommen?« in all ihrer Drastik verlegt der Film also leider größtenteils Offscreen.



Aber was Pacific Rim Onscreen anbietet ist natürlich trotzdem teuerstes Augen- und Ohrenfutter, mit zwei Highlightsequenzen, die das ganze sonstige Kinojahr 2013 unter sich niederwalzen: einmal Mako Moris Tokyo-Erinnerung, die sie während ihrer neuralen Verbindung mit Raleigh nachlebt und in der sie als kleines Mädchen vor dem Gebäude niederreißenden Onibaba flüchtet – und dann die Schlacht zwischen Gipsy Danger und den Kaijus Leatherback und Otachi vor, in und über Hong Kong. HIER fährt Pacific Rim einen granatogantischen Exzess ab, wie er überwältigender nicht mehr zu inszenieren ist, mit Bildern, wie sie höher und breiter nicht sein können. Jeder Faustschlag (»Elbow Rocket!«), jeder fleischzerfetzende Schuss aus Gipsys Plasmakanone wird zum bejubelten Fest der innerlichen Ereiferung und wenn die scheinbar erd- und seegebundenen Kaiju in Gestalt Otachis plötzlich leinwandsprengende Schwingen ausbreiten und den Mech bis raus aus der Erdumlaufbahn zerren… Was soll einem da noch an Kritik, an Gemecker, an ein paar Versäumnissen einfallen, die Pacific Rim sich leistet?! Das ist einfach nur geil. Das ist Kino. Das sind die gigantischsten Bilder des Jahres, das ist eine herrliche, ursprünglich-reine Faszination und Begeisterung und tricktechnische Auslastung, wie sie besser und mehr im Wohle solcher Erlebniszustände nicht eingesetzt sein kann.

Wertung & Fazit

Action: 4,5/5
Es fehlt bisweilen etwas an Übersicht und durch das ewige „im Meer bei Nacht und Regen“ etwas die Abwechslung – aber dennoch sind die Fights Mech vs. Monster von einer solchen gigantischen Wucht, dass es einfach nur zum Abfeiern einlädt.
Spannung: 2/5
Pacific Rim lässt tatsächlich auch mal wichtige (oder zumindest nicht vollkommen unbedeutende) Charaktere sterben, was ein paar Überrschungsmomente ermöglicht, aber dennoch keine Hochspannung garantiert, zumal der Kaiju/Menschheit-Konflikt nicht voll ausformuliert vorgetragen wird.
Anspruch: 0,5/5
So wahnsinnig viel mehr als irrsinnig gewaltige Megamonsterkloppe ist Pacific Rim nicht, seine Schlichtheit ist aber nicht mit Dummheit oder Uncleverness zu verwechseln. Das Konzept der neuralen Verbindung böte mehr Tiefgang an, wird aber nur angerissen.
Humor: 2/5
Die Geschichte nimmt ihre Bedrohung ernst und präsentiert sich trotzdem als anfeuerungswürdiges Fun-Spektakel, wenn sich das Gekloppe von allen Leinen los reißt.
Darsteller: 3/5
Charlie Hunnam ist ein kerniger Typ, Idris Elba eine Autorität, Rinko Kikuchi trägt’s immer mal wieder in Richtung Cosplay-Fanboy-Feuchttraum – insgesamt im Rahmen dessen, was neben hochhaushohen Ungetümen möglich ist, alles in Ordnung und prägnant genug besetzt.
Regie: 4/5
Guillermo del Toro huldigt seinem eigenen Fantum und zelebriert einen Kaiju-/Mecha-Hybriden nach eigener Fasson, diesmal ohne viel Subtext, aber mit sichtlicher Liebe für die Materie.
Fazit: 8/10
Pacific Rim hat ein paar Schwächen und dennoch ist das Ding ein absolutes Brett. Nicht mehr, als man nach den gigantomastastischen Trailern erwarten konnte, vielleicht manchenteils sogar eher ein bißchen weniger, weil eben auch die Action nicht ganz ohne Mängel ist – aber der pure Spaß am Monstergekloppe bügelt die ohnehin nicht allzu schwerwiegenden Schnitzer aus. (Zugegeben, mit weniger Bock auf das Spektakel und außerhalb eines riesigen Kinosaals vielleicht auch nur 6/10 ;))

Mehr zum Film

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