Review: PREMIUM RUSH

PREMIUM RUSH Filmkritik
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Story

Der junge Wilde Wilee ist Fahradkurier inmitten des Verkehrsmolochs New York City. Mit Herz und Seele hat er sich seinem Job verschrieben, aber auch mit einer ordentlichen Portion Waghalsigkeit, denn Wilee düst mit einem Eingangrad ohne Bremsen durch Staus, Rush Hours, enge Gassen und wenn’s sein muss im Zickzack durch den Gegenverkehr. Hauptsache, die Lieferung kommt pünktlich ans Ziel. Eines Tages soll er einen unscheinbaren kleinen Brief für Nima, die Mitbewohnerin seiner Ex-Freundin und Kollegin Vanessa, transportieren und innerhalb von kanpp anderthalb Stunden einmal quer durch Manhattan befördern. Doch noch bevor Wilee mit der Lieferung in die Pedale steigen kann spricht ihn ein seltsamer Typ an und will den Umschlag selbst an sich nehmen. Wilee folgt seinen Kurierregeln und lässt den Bittsteller stehen, wird von dem Mann aber hartnäckig verfolgt. Damit nicht genug: der Verfolger entpuppt sich als Cop und Wilee begreift, dass die Fracht in seiner Tasche heikler Natur ist. Außerdem muss er sich im Laufe des gefährlichen Ritts durch New York auch noch mit seinem großmäuligen Konkurrenten Manny und einem pflichtversessenen Fahrradpolizisten herumschlagen…

Der Film



Den Namen David Koepp hat jeder schonmal gesehen. Der steht zu lesen in Vor- und/oder Abspännen zu Blockbustern wie Jurassic Park, Mission: Impossible, Spider-Man, Angels & Demons und (zu seinen Ungunsten) Indiana Jones and the Kingdom of the Crystal Skull, an denen Koepp als Drehbuchautor partizipierte. Gemessen an US-Einnahmen von über $2 Milliarden ist der Brillenträger aus Wisconsin einer der erfolgreichsten Vertreter seiner Branche überhaupt, befindet sich unter anderem in Gesellschaft von Star Wars-Mastermind George Lucas und Visionsvisionär James Cameron. Gerne mal transferiert Koepp sein geschriebenes Wort selbst von den Seiten auf die Leinwand, raucht als Regisseur allerdings aus sehr viel schmaleren Schornsteinen. The Trigger Effect, Stir of Echoes, Ghost Town und Secret Window sind eher kleine Genrebeiträge, letzterer einzig vom damaligen Hype um Johnny Depp ein bißchen über seine Bedeutung hinaus gewachsen. Auch mit seiner jüngsten Regiearbeit Premium Rush sprengt Koepp keinen Budgetrahmen, sondern zeigt stattdessen einen (in mehrerlei Hinsicht) knackigen Zweirad-Actioner, der sich weder Reflektoren noch bei Fahrt klappernde Karten zwischen die Speichen klemmt, sondern in komprimierten anderthalb Stunden halsbrecherisch drauflos radelt und nur selten aus dem Sattel kippt.

The Whos ♫Baba O’Riley♫ klimpert los, postermotivtauglich segelt Joseph Gordon-Levitt durch die Luft, landet unsanft, eine Uhrzeiteinblendung dreht die Ereignisse um dreiundneunzig Minuten zurück und gibt Film und Hauptcharakter Gelegenheit, sich vorzustellen – gestatten, Premium Rush, die Stahlrossversion von The Fast and the Furious. An den prolligen PS-Heuler dürften David Koepp und Co-Autor John Kamps bei ihrem Script kaum zuerst oder überhaupt gedacht haben, Verwandtschaften sind aber zu erkennen. Wilees Off-Kommentar stellt nicht nur ihn als Bürojoballergiker und Adrenalinjunkie vor, sondern seinen Berufszweig außerdem als Subkultur verschworener Akrobaten des gyroskopischen Effekts. Ein Leben nach eigenen (Straßenverkehrs)Regeln, eine unterstützende, einander auffangende und, wenn’s sein muss, sich vom Asphalt kratzende Gemeinschaft. Was alles noch viel weiter hergeholt und viel weniger ernst zu nehmen klingt, als das Raser-Macker-Poser-Bitches-Beats-Tuning-Loyalty-Respect-Getue des großen Bruders mit den aufgemotzen zehn Sekunden-Boliden. Premium Rush ist, genau wie The Fast and the Furious, ein purer Kompensationsfilm, ein tempogeladener Hineinreißer in ein Milieu, ein Lebensgefühl, das überzogen und absurd wirken mag, darin aber gleichwertig eine starke Faszination abstrahlt.



Neben technischen Spielereien (die irrwitzigen „Kamerafahrten“ durch Abgas- und Motorensysteme ersetzen hier Zooms und dynamische Map-Shots von Manhattan) bedienen sich beide Filme der Emotionsauslebung eines Grundbedürfnisses, der Freiheit. Dominic Torettos »I live my life a quarter mile at a time. Nothing else matters. For those ten seconds or less, I’m free.« und Wilees »I like to ride. Fixed gear. No brakes. Can’t stop. Don’t want to, either.« liegen nah beeinander, Lebenseinstellungen ohne Limits, kein Binden und kein Beugen an und vor Autoritäten und Gesetzen. Premium Rush, der Film, diese Subkultur der Fahradkuriere machen einfach Bock, soviel Bock, dass da ein Sequel her muss, ach was, ein ganzes Franchise um diese rasenden Reifenjongleure, umbenannt in The Bikes and the Bruises, und im fünften Teil muss Dwayne „The Rock“ Johnson drauflos drahteseln – *ähem* – okay, so weit wird’s kaum kommen und ganz unbedingtst sein muss das wohl auch nicht. Für mehr als diesen einen fun ride ist Premium Rush dann doch zu spezifisch, aber darüber hinaus vor allem zu substanzlos, obgleich die Story versucht, ihrer simplen Prämisse Komplexität beizumengen, was nicht halb so gut klappt, wie den Film einfach losrasen zu lassen. Flashbacks um die chinesische Studentin Nima und den zockenden und verschuldeten Cop Bobby Monday fransen Premium Rush aus und geben Wilees Lieferung und seinem unerbittlichen Verfolger einen Hintergrund…

…der wie Handbremse angezogen und Pedalbremse durchgetreten zugleich wirkt. Premium Rush ist gertenschlanke 87 Minuten kurz, davon hätten die Informationen aus zehn Minuten Rückblende locker in ein paar Sätzen untergebracht werden können. Koepp weicht seine Komprette unnötig auf und weder Nima noch Monday hätten diese Substantivierung benötigt, sind sie doch reine Adjektiv- und Zweckcharaktere. Das Hauptanliegen und die herausragende Qualität des Films sind die Verfolgungsjagden und Bikemanöver, diese leicht parallelweltige Darstellung der Kurierkultur, zu der sich eine stereotype und schlicht banal-langweilige Komponente von Menschenhandel, Klischeechinesen und Hawala-Finanzsystemen gesellt. Korrupte Cops erfinden das Rad sowieso nicht mehr neu. Die Flashbacks fordern also die Benutzung der Forward-Taste heraus, während der Geschwindigkeitsrausch (und das mit 50 statt 300 km/h) des restlichen Films wirkt, als wäre selbige bis zum verachtfachten Temo durchgeklickt worden. Ohne aufjohlende Motoren und spuckende Auspüffe prescht Premium Rush im Turbomodus durch seine bike chases, serviert mit der Rivalität zwischen Wilee und Manny und ihrem Gebalze um Vanessa ein wenig Vorabend-Soap-Dramaturgie und kommt dabei so augenzwinkernd-sympathisch und leichtfüßig (oder –rädrig) rüber, dass sogar krasse Logikbrüche und offensichtlichste »because the plot says so«-Excuses ins Gesamtbild passen, statt es zu trüben.



Wieder und wieder nimmt ein immer ramponierterer Bike Cop Wilees Fährte auf, ein den Fahrkünsten des Kuriers bemitleidenswert unterlegenes Comic Relief, an den sich Wilee aber genaugenommen wenden könnte, als Monday ihn zu einem Unfall zwingt. Doch der bis dahin identitätslose Verfolger soll eben erst später selbst als Cop offenbart werden, eben wenn das Script es vorsieht. Solche Momente gibt es viele, manche ergehen sich in puren Adrenalinnonsens, wie Wilees und Mannys Wettrennen durch den Central Park, andere verbiegen den Rahmen der Kompetenzen und Handlungsmöglichkeiten des NYPD, um den Film überhaupt am Laufen halten zu können. Aber das trägt halt seinen Teil zum Spaß bei, die rebellischen Radler finden stets einen Ausweg und sehen dabei immer knackescharf aus, neben Joseph Gordon-Levitt und der Muskelshow Wolé Parks besonders die Dominikanerin Dania Ramirez im knalleengen blauen Tank Top. Zwischen ihr und JGL herrscht aber auch ausreichend Chemie, um die steile und toughe Bikerbraut in seine todesmutigen (oder -sehnsüchtigen?) Arme zu wünschen und nicht in die aufgepumpten Parks‘, der mit Genuss einen eitlen Fatzken aus dem Lehrbuch gibt. Showstealer Michael Shannon wechselt fließend vom bedrohlich-einschüchternden in den freakig-soziopathischen Gang und kreiert hier sicherlich keinen Schurken für die Ewigkeit, sondern macht’s wie der ganze Film: mit Spaß bei der Sache.

Wertung & Fazit

Action: 4/5
Hat in den richtigen Momenten Dampf und Tempo und das mit Fahrrädern, was in seinen Möglichkeiten ziemlich gut genutzt wird. Ein paar CGI-Einlagen trüben die ansonsten tolle Stuntarbeit etwas.
Spannung: 3/5
Tritt ein paar Mal unnötigerweise die Plotbremse durch, aber wie erwähnt: hat Tempo und Dampf.
Anspruch: 0,5/5
Müht sich zu mehr Hintergrund, als dem so schnörkellosen Ansatz und weiten Teilen seiner Umsetzung gut tut. Wilees Ambivalenz zwischen Loyalität, Pflichtbewusstsein, Freiheitsdrang und todessehnsüchtiger Risiokobereitschaft hätten genügt.
Humor: 1,5/5
Schwerlich ernst zu nehmen, ohne blöd zu sein. Die meisten Sprüche sind platt, dafür sitzen Bike-Slapstick und Übertreibungen und Logikdehnungen an den richtigen Stellen.
Darsteller: 4/5
Joseph Gordon-Levitt beweist seine Starqualitäten, Michael Shannon spielt hier natürlich nicht so triumphal auf wie z.B. in Take Shelter, hat aber Spaß mit dem soziopathischen Cop. Und Dania Ramirez? Heißßßßßßßßßßß…
Regie: 3,5/5
Schade, dass Koepp sich nicht voll auf die Faszinationskraft seines Kuriermilieus einlässt und unbedingt Triadenklischees usw. mit unterbringen musste. Dafür entschädigen tolle Actionszenen.
Fazit: 7/10
The Bikes and the Bruises: der Bike-Actioner bringt die Pedale zum Qualmen, die Logik zum Ächzen und ob einiger ungelenker Plothemmer die Geduld manchmal zum Stöhnen. Trotzdem: lockerer Zweiradspaß, der auch über die kleinen Durchhängerphasen bei Laune hält.

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2 Kommentare

  1. Das ganze fasst den Film ziemlich gut zusammen.
    “Premium Rush” bietet nahezu Non-Stop-Action, die ohne die Rückblenden und vielleicht in Echtzeit spielender Handlung noch mehr Adrenalinschübe erlaubt hätte. Gerade die hanebüchene Story um diesen blöden Brief hat mir den Spaß jedoch ausgebremst, was im ziemlich missratenen Finale dann vollkommen dem Geschehen den Sinn abspricht.

    Bis dahin aber gibt es Zweirad-Action die mit JGL einfach verdammt unterhaltsam ist und mit echt vielen – besonders visuellen – Ideen überzeugt.

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