Review: ROCKNROLLA

ROCKNROLLA Filmkritik

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Story

Lenny Cole und seine rechte Hand Archy regieren die Londoner Unterwelt. Dies schafft Lenny auf zwei Arten: er hält seinen Geschäftspartnern dank seiner Kontakte zum Stadtrat den Rücken frei und treibt sie damit in seine Schuld – und über die selben Kontakte lässt er sie hinterrücks auflaufen. So wie die Kleinganoven One Two und Mumbles, die ein Grundstück von Lenny erwerben wollten und nun mit zwei Millionen bei ihm in der Kreide stehen. Währenddessen leiert Lenny einen Deal mit dem russischen Milliardär Omovich an, doch dessen gelangweilte Buchhalterin Stella hat andere Pläne: unwissend, um wessen Geld es geht, heuert sie One Two, Mumbles und deren Partner Handsome Bob an, um Omovichs Millionen zu klauen. Und dann gibt es da noch den Rocksänger und Junkie Johnny Quid, der gerade seinen Tod vorgetäuscht hat…

Der Film

Osteuropa ist in London eingefallen: das Beispiel Roman Abramowitsch kennt beinahe jeder, mindestens aber jeder Fussballfan. Jener Oligarch aus der Oblast Saratow, der im Jahr 2003 den FC Chelsea London kaufte und mittlerweile über 750 Millionen in die Mannschaft von der Stamford Bridge investierte. Aber die Investments der Russen allgemein beschränken sich keineswegs auf den Fussball, das Gesicht der ganzen Stadt hat sich durch ihre Geschäftstätigkeiten und Bauunternehmungen verändert. Relativ wenige Personen besitzen riesige Grundstücke und die reichen und noblen Viertel der britischen Hauptstadt erleben enorme Wertaufschwünge, während das Stadtbild fern von Big Ben- und Westminster Abbey-Romantik von Kränen und Baustellen geprägt bleibt. Und wo es um soviel Geld geht bleiben natürlich die Gangster beider Seiten nicht lange fern. Auftritt Guy Ritchie, quasi Chronist und Beobachter des Londoner Unterweltmilieus und seiner kriminellen und schrägen Machenschaften.



Wie von Ritchie gewohnt blättert er auch in RocknRolla durch sämtliche gesellschaftliche Schichten des Verbrechens, vom großen Boss zum Kleinkriminellen, vom Handlanger zum Einflussnehmer, vom korrupten Politiker zum Fluchtwagenfahrer. Und natürlich von dem, der fragt, was ein RocknRoller ist, hin zum RocknRoller selbst. Jeder versucht über die Runden zu kommen und dabei so viel für sich herauszuschlagen, wie überhaupt nur geht. Old School-Gangster Lenny Cole gelingt das am besten und ertragreichsten, er kontrolliert die Immobilien, den Stadttat und jeder der unter ihm steht und aufzumucken versucht bekommt seine Lektion erteilt. Dazu steht ein Becken mit amerikanischen Flusskrebsen bereit und die Orconectes limosus bekommen gut zu tun, als Lennys Geschäftspartner Omovich nicht nur sieben Millionen Euro in bar geklaut werden, sondern auch noch das Lieblingsgemälde des Russen verschwindet, das dieser Lenny geliehen hat.

Irgendwie stecken in all der entstehenden Verwirrung ein seinen Tod vortäuschender Rockstar, eine Gruppe Kleinkrimineller, genannt The Wild Bunch, sowie eine verführerische Buchhalterin, die vom vernünftigen Leben genug hat, mit drin. Dazu gesellen sich knüppelharte russische Schläger, ein paar verplante Musikproduzenten und Clubbetreiber und schon kann der wilde Zutatenritt Ritchies beginnen. Obwohl: ganz so wild wird es in RocknRolla gar nicht, was jedoch wohl nur jener Zuschauer feststellt, der mit dem Werk des Regisseurs vertraut ist. Dennoch, das in farbentkäftete Braun- und Ockertöne gehüllte London ist dieses Mal ein teils an vornehmeren Orten, wie dem VIP-Bereich des Webley-Stadions und noblen Tennisplätzen, und insgesamt ernster, weniger überzogen präsentiertes. Einige visuell und/oder erzählerisch einfallsreiche und überdrehte Szenen, wie jene in der die Kleinkriminellen One Two, Mumbles und Handsome Bob vor zwei scheinbar unverwüstlichen Russen flüchten, oder Lennys rechte Hand Archy seinen Leuten die richtige Ohrfeigentechnik nahe bringt, wirken dadurch zwar nicht so selbstverständlich, wie sonst von Ritchie integriert, aber deshalb nicht weniger witzig-absurd.



Insgesamt tritt der Humor in RocknRolla aber wesentlich kürzer, als in den vorangegangenen Unterweltausflügen Bube, Dame, König, GrAs und Snatch. Während die beinahe überliefen vor schrägen Charakteren und deren Marotten, die eine Figurenzeichnung komplett ersetzten, sind die Jungs und Mädels in RocknRolla weniger erinnerungswürdige Originale des Londoner Straßen-, Kneipen- und Chefsessellebens. Vielleicht auch, weil der obligatorische Off-Erzähler dieses Mal aus einer anderen Schicht kommt. Kamen in Bube, Dame, König, GrAs und Snatch die Protagonisten aus der unteren, aus der benachteiligten oder in die Ecke gedrängten Fraktion zu Wort, wird dieses Mal aus der Sicht einer höheren, unantastbareren und weniger tief persönlich in der Scheiße steckenden Figur erzählt, nämlich aus Sicht von Archy. Der berichtet nüchterner und herablassender von den Ereignissen, weniger von mittendrin und wo Alan Ford und Jason Statham in Ritchies ersten Filmen die Charaktere ziemlich genau skizzierten geht Archy Mark Strong nicht ganz so sehr auf sie ein.

Obwohl er es weniger durchgeknallt und in gewisser Hinsicht sogar mit leichter Bitterkeit hinsichtlich der „Übernahme“ Londons, seiner Fassade und seiner Unterwelt von außen zugehen lässt, ist RocknRolla natürlich dennoch alles andere, als ein schweres Gangster-Drama. Mit dem glatzköpfig-sonnenbebrillten Tom Wilkinson als Lenny und dem Wild Bunch, bei dem sich One Two Gerard Butler als einziger Nixblicker der Gruppe plötzlich mit der Homosexualität seines besten Kumpels Handsome Bob konfrontiert sieht und sich dabei als ziemlicher Phobiker erweist, sowie den schier unkaputtbaren, ihre Narben vergleichenden Russen Alex Kovas und Mario Woszcycki bietet der Film immernoch allerlei schräg-unterhaltsamen Kram. Ritchie packt ein paar „bei der Stange“-Halter in die Story, etwa die lange im Geheimen bleibende Identität eines Verräters, der beinahe jeden Beteiligten schon einmal hinter Gitter gebracht hat und der sich weiterhin in ihren Kreisen bewegt.



RocknRolla kommt nicht so dreckig direkt aus den Londoner Hinterhöfen und Gassen auf die Leinwand/den Bildschirm gerotzt, wie Ritchies genialer Erstling Bube, Dame, König, GrAs (1998) und RocknRolla ist nicht so überzeichnet und nah am Grotesken wie der noch einen Tick bessere Snatch (2000). Trotzdem liefert der Brite auch hier wieder eine verzwickte, kurzweilige Story, die zwar auch aufgrund ihres ernsteren Tons kein besonders hohes Grundtempo anschlägt, mit Rocksoundtrack und von einigen Montagen und wendungsreichen Ideen angetrieben aber auch nie völlig stehen bleibt, Ritchie findet stets eine neue Ecke zum Abbiegen und bleibt nicht im Kreisverkehr hängen. Sein Ensemble gefällt dieses Mal nicht durch möglichst prägnant-permanent-durchgeknallte bis irre-wahnwitzig-sadistische Charakterzüge, nicht mal der Junkie und titelgebende RocknRolla Johnny Quid, gespielt von Toby Kebbell, wird besonders weit oben angelegt. Trotzdem ist darstellerisch rein gar nichts an RocknRolla auszusetzen, jedes der wichtigeren Cast-Mitglieder bekommt seinen Moment, ob die ruhige, gänzlich unaufgeregte Bedrohlichkeit, die von Karel Roden als Omovich ausgeht, Butlers Tanzeinlage mit der unterkühlten Thandie Newton, oder die kleine, an Coolness nicht zu überbietende Gesangsnummer von Mark Strong in einem Tonstudio.

Wertung & Fazit

Fazit: 8/10

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8 Kommentare

  1. Für eine abschließende Bewertung muss ich ihn wohl noch mal sehen, beim ersten Mal habe ich einen Punkt weniger gegeben, stimme dir aber im Grunde (mal wieder :-D) in allen Punkten zu. Klar, Ritchie hat es mit “Lock, Stock …” und dem “einen Tick” schlechteren “Snatch” schon besser gemacht, aber er kann es immer noch. Auch nach Madonna. 😉

  2. Im Grunde stimme ich der Besprechung zu, nur die Bewertung fällt mir dann deutlich zu hoch aus, genau gesagt um zwei Punkte.

    Ritchie scheint sich leider nicht weiterzuentwickeln, zumindest nicht was diesen Typus von Filmen angeht. RocknRolla ist von daher nur bedingt zu empfehlen, man sollte da schon lieber mal seine Erstlingswerke gesehen haben, die zwar auch nicht ohne Macken sind aber wenigstens klar machen, warum der Brite mancherorts so vergöttert wird.

    Dass Richtie auf dem absteigenden Ast unterwegs ist beweist auch sein zuletzt erschienener Sherlock Holmes. Einfach nur traurig wenn ich an das vergeudete Potenzial denke.

    1. Zugegeben, ein bißchen “Fanboy” steckt schon in der Bewertung 😉
      Allerdings halte ich “RocknRolla” für gar nicht sooo wenig vorwärts- oder gar rückwärts entwickelt im Vergleich zu Ritchies ersten. Gerade das gegenwärtige Geschehen Londons bindet er hier sehr viel stärker mit ein, statt die Stadt ‘nur’ als Kulisse zu nutzen. Davon abgesehen wie gesagt: ich steh einfach auf dieses Londoner Gangster-Setting!
      Und “Sherlock Holmes” fand ich stark, der hat bei mir ebenfalls und wie ich finde verdiente 8 Punkte bekommen!

  3. Ich glaube, ich muss eine Bestellung unter dem Motto Guy Ritchie abschicken, damit ich seine Gangsterkomödien mal genauer in Augenschein nehmen kann (Snatch liegt auch schon einige Jahre zurück).

    1. Ich rate sehr dazu. “RocknRolla” kam ja insgesamt eher durchwachsen an im Vergleich zu seinen Ersten, aber ich steh einfach auf dieses Londoner Gangster-Setting und wer da auch nur ein bißchen mit anfangen kann macht mit dem Ritchie-Komplettpaket nix falsch

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