Review: SAFE HOUSE

SAFE HOUSE Filmkritik
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Um wie vieles schlechter macht es einen Film, wenn der sich bis zur fast vollkommenen Gleichheit an älteren Filmen und Genrereferenzen orientiert? Muss man das immer zermeckern, eine Liste besserer Alternativen runterrattern und die Vorzüge des jeweiligen aktuellen Films in so einen angepappten »wenigstens…«- oder »immerhin…«-Klammersatz packen, der dann in der Nennung eines wie immer guten, gern gesehenen Schauspielers oder brauchbar umgesetzten Teilaspekts mündet? Wenn man viele Filme guckt lässt’s sich dieses »besser/schlechter als…«-Einordnen tatsächlich nur schwer vermeiden und der Action-Thriller Safe House ist geradezu prädestiniert dafür, bei dererlei Schwanzvergleicherei den kürzeren zu ziehen: die Bourne-Trilogie (welcher moderne Actionfilm muss sich an der schließlich nicht messen lassen?!), die neueren Bond-Ableger, diverse Agenten-Thriller aus den 1970ern oder ‘80ern, recht wahllos irgendein Eintrag aus der Filmographie Tony Scotts, zum Beispiel Spy Game… Alles und zum Teil bessere Alternativen zu Daniel Espinosas viertem Spielfilm. Die aber, nur weil sie es zuerst und vielleicht besser gemacht haben, aus Safe House in der Gegenrechnung eben keinen automatisch schlechten Film machen.

Story



Ein Job im südafrikanischen Kapstadt wäre für viele wohl ein wahrgewordener Traum, nicht aber für den ambitionierten Nachwuchs-CIA-Agenten Matthew Weston, der seit geschlagenen zwölf Monaten Dienst als Wächter in einem Safe House leistet, einem geheimen und sicheren Versteck zur Anhörung wichtiger Zeugen und Gefangener – nur kam von denen noch kein einziger in Matts vier Wände, in denen er gelangweilt herum sitzt und ein-, zweimal am Tag die obligatorischen Telefonate für’s Protokoll führt. Bis ein Einsatzteam plötzlich mit einem ganz besonders hochrangigen Gast an seine Tür klopft: CIA-Legende Tobin Frost, der sich vom Geheimdienst abgewandt hat und mittlerweile brisante Daten meistbietend verkauft, wird zum Schutz und zum Verhör in Kapstadt untergebracht, doch Grund zur Freude ob des prominenten Besuchs bleibt Matt keineswegs. Denn bereits kurz nach Frosts Eintreffen wird das Safe House von rücksichtslosen Söldnern auf der Jagd nach Frost gestürmt. Der Meister der Manipulation und der feldunerfahrene Novize überleben als einzige und können fliehen. Matt setzt nun alles daran, seinen Gefangenen ins nächste Safe House zu überführen – doch Frost spielt sein ganz eigenes, undurchschaubares Spiel…

Der Film

Der idealistische Neuling, vom System noch unbefleckt, seine nichtsahnende Rehaugenfreundin, der abgebrüht-desillusionierte Veteran, der Regierungsmachenschaften überdrüssig und aufbegehrend, Befehle bellende und verkniffen dreinschauende CIA-Obere in futuristischen Einsatzzentralen und ein Schnitt und eine Kamera, denen gerade in einem schweißtreibenden und wild zuckenden Exorzismus jemand die gefürchteten Dämonenzwillinge Greengrass und Hektik auszutreiben versucht. Ohne Erfolg. Sounds familiar, doesn’t it? Safe House bricht die Regeln des Agenten-/Action-Thrillers nicht, geschweige denn, dass er neue aufstellt oder in irgendeiner Form damit spielen würde. Auflockerung oder gar Ironie liegen von Espinosas Film so weit weg, wie die CIA-Zentrale in Virginia von der Außenstelle in Kapstadt. Was verpasst also jemand, der die obige Inhaltsangabe ohne großen Kombinationsaufwand zu Ende schreiben kann und der sich von den diversen Stereotypien die Freude an Filmen verleiden lässt? Einen innerhalb dieser Stereotypien konsequent runtererzählten Adrenalinausstoß, der Spannung und Tempo hoch hält und spätestens nach der Stürmung des ersten Safe House kaum mehr zur Ruhe kommt. Und ein Star Duo, bei dem der Razzie-Nominee, der letztjährige Green Lantern-Versager (argh!) und wohlmöglich zukünftige Highlander (aaaarghhh!) mehr überzeugt, als der zweifache Oscar-Preisträger.



Es ist zu einem nicht geringen Teil die Unberechenbarkeit Tobin Frosts, die Safe House spannend hält (auch wenn am Ende der Eindruck entsteht, dass der Film dessen Pläne selbst nicht kannte), Schauspieler Denzel Washington allerdings drückt diesen Part nicht mehr als routiniert durch; hier gibt’s den Charismatiker, wie man ihn aus den diversen Tony Scott-Kollaborationen kennt und so geht die wahre Show überraschenderweise an Ryan Reynolds. Dem steht es gut, in Safe House rasen, prügeln und schießen zu dürfen, aber dabei nicht kalauern zu müssen. Reynolds Matt ist anfangs gelangweilt, später heillos überfordert und schließlich bitter entschlossen, den Job zu erledigen und während dieses pragmatischen Wandels steckt er ohne Ende Dresche ein, aber ohne vom Film zum Jammerlappen degradiert zu werden, wie zuletzt Henry Cavill in der Genreverwandtschaft The Cold Light of Day. Mit jedem Schlag und jeder Kugel in seine Richtung und je mehr Schrammen, Blutkrusten und –ergüsse sein Gesicht zeichnen scheint sich Matts Beharrlichkeit noch zu steigern und desto stärker wird Reynolds in der nicht sehr komplexen und über die Physis hinaus wenig fordernden Rolle in bester John McClane‘scher »the harder they hit, the better he becomes«-Manier. Und gehittet wird in Safe House mal richtig hart. Gegen die rabiaten Prügeleien machen selbst vergleichbare Einlagen in den Bourne– und Bond-Filmen einen ringelpiez’igen Eindruck, genau wie in den Verfolgungsjagden und Schusswechseln kann man sich hier zwar an der permanenten Wackeloptik stören, andererseits erreicht die mit ihrem voll-dabei-und-mittendrin-Gefühl bei allen Übersichtsproblemen genau das, was sie erreichn soll: man fühlt sich verfolgt, unter Beschuss und vollen Kannister in die Fresse gedroschen, wozu soll man da noch die Himmelsrichtungen zuordnen können?!

Obwohl Safe House nach kurzer Spielzeit in den Daueractionmodus umschaltet ragen einzelne Sequenzen dennoch heraus, was vor allem dem unverbrauchten Handlungsort zuzuschreiben ist. Kapstadt an sich, das Cape Town Stadium, die Townships, ein ländlich-abgelegenes Safe House, in dem ein Showdown abgebrannt wird, der in seinem build up Peter Weirs Witness nachempfunden scheint – Südafrika ist ein phantastischer Hintergrund, die verschiedenen Stationen aber auch wirklich Teil der Handlung, statt nur touristische Sehenswürdigkeit. Dazu liefert Ramin Djawadi einen sehr hörenswerten klassichen Action-Suspense-Score, der nie zu laut und überlagernd wird, stetig und unerbittlich Spannung und Anspannung aus dem Hintergrund nach vorne treibt und in atmosphärisch hochklassige Interaktion mit den farbenprächtigen Bildern und den knochenbrechend harten Fights tritt. Die Kritik an Safe House ist also nicht an die bisweilen überragend intensive Form gebunden, sondern, wer hätte es vermutet, an den dann doch zu sehr vernachlässigten Inhalt. Dafür, das Frost als nahezu beispielloser Manipulator ausgegeben wird und der Film ein gutes Stück Anlauf nimmt, um, ähnlich wie von Tom Cruise und Jamie Foxx in Collateral dargeboten, den unbedarften Neuling und den abgebrühten Überprofi in ein knisterndes Psychoduell zu treiben, ist es recht ernüchternd, dass dann der Absprung in diese Richtung nach ein paar Fehlversuchen komplett abgebrochen wird. Frost macht einige müde Vorhersagen und hält seine Karten lange verdeckt, als Moderator für Nostradamus TV empfiehlt er sich jedoch nicht, genausowenig als geistiger homo superior, letztlich läuft’s auf einfache Motive und Gewaltlösungen statt Raffinesse hinaus. Die Anklage der US- und sonstiger Geheimdienste, ihrer Korruptheit und fragwürder Methoden bleibt so bloß ein Rascheln inmitten der grollenden Actionwut.



Die brisante Liste, die Frost zu Anfang in seinen Besitz bringt, bleibt in ihrer Bedeutung nicht verschwiegen, ist aber doch eher ein MacGuffin der langweiligeren Sorte. Das entweder Vera Farmiga als CIA-Einsatzleiterin oder Brendan Gleeson als Matts Mentor auf dieser Liste stehen ist fast schon anhand ihrer Besetzung, mindestens aber der Rollenanlegung klar, da wird ein bißchen mit der kalten Analytikerin und dem kumpeligen Fürsprecher jongliert, von denen einer sich als Drahtzieher des ganzen Dilemmas offenbaren wird. Die Frage ist nur, wann der Film diese Erwartungshaltung erfüllt und dann flucht man entweder über den ol‘ irish bastard oder die dirty bitch. Safe House hat zudem im Nachheinein betrachtet ein kleines strukturelles Problem, das während des Films aber nicht besonders schwer ins Gewicht fällt: das sich wiederholende Muster, dass eine vermeintlich sichere Zuflucht stets ganz kurz vor’m entspannten Zurücklehnen aufgebrochen und gestürmt wird ist ein mitreißender, aber eben dennoch ein konstuierter Kniff. Festzuhalten bleibt, dass Safe House ein bockharter Film ist, der seinen Mangel an Frische überwiegend mühelos durch Rasanz und Intensität niederschreit und zwar keine physikalisch/logisch korrekte, aber handgemachte Dampframmenaction rausknallt. Mit einem unterforderten und einem im Kugel- und Fäustehagel aufblühenden Star, bedarfsgerechter Story und Charakterzeichnung und einer famos eingefangenen Kulisse, die eigentlich der dritte Hauptdarsteller ist.

Wertung & Fazit

Action: 4,5/5
Passt, wackelt und hat kaum Luft nach oben. Richtig schmerzhafter hand-to-hand combat, bleiüberfrachtete Schießereien und blechbeschädigende Verfolgungsjagden. Rockt auch mit (und wegen!) des Übersichtsmangels ganz erheblich.
Spannung: 3/5
Die Figur des Tobin Frost bleibt lange undurchsichtig, das Tempo wird zwischendurch nur für wenige Minuten gedrosselt, die diversen Klarheiten in den Abläufen, Twists und Auflösungen sind zwar nicht schön, aber verschmerzbar.
Anspruch: 0,5/5
Uhhhh, böse Geheimdienste! Plakative Kritik, dennoch, wie in der Waterboarding-Szene, teils ganz effektiv eingesetzt, aber insgesamt für’s Auge, weniger für’s Hirn.
Humor: 0/5
Hat hier nichts, aber auch mal wirklich rein gar nichts zu melden.
Darsteller: 4/5
Die Latte liegt zugegebenermaßen nicht sonderlich hoch, aber: Ryan Reynolds’ beste Action-Leistung! Von Co-Star Denzel Washington eher eine routinierte solche; Vera Farmiga, Brendan Gleeson, Sam Shepard und Robert Patrick verdienen sich kaum mehr als Anwesenheitspunkte.
Regie: 3,5/5
Vielleicht eine Actionszene weniger und dafür ein psychologischer Kniff mehr, vielleicht ein bißchen mehr Zugriff auf eigene Ideen und etwas weniger auf abgegriffene Genre-Stereotypen: das US-Debüt des chilenischen Schweden Daniél Espinosa wäre ein RICHTIG bemerkenswertes geworden.
Fazit: 7,5/10
Wer von Post-Bourne shaky cam Action-Thrillern die Nase voll hat: nicht ansehen! Wer noch genau EINEN davon vertragen kann: dann diesen hier!

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2 Kommentare

  1. 😀 Du hast sogar 0,5 Punkte mehr gegeben als ich 😉

    Ich mochte den Film aber auch irgendwie. War, wie du schon sagst, nichts weltbewegendes, aber dafür das ich Müll erwartet hatte, wurde ich dann doch sehr gut unterhalten. Alles in allem schon ein Film, den man sich mal anschauen kann. Und ich gebe dir Recht, Washington stand hier nicht so stark wie seiner Zeit noch in “Training Day”.

    1. Ja, Müll hatte ich eigentlich auch erwartet und gemessen daran war der sogar ziemlich klasse! Washington reißt’s halt im unter Scott antrainierten Sparmodus runter, aber es reicht 😉

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