Review: STIRB LANGSAM 4.0 (OT: Live Free or Die Hard)

Geschichte wiederholt sich, scheinbar besonders gerne rund um Bruce Willis. Nicht nur, dass die berühmteste Figur des gebürtigen Rheinland-Pfälzers, Genreikone John McClane, wieder und wieder in terroristische Drohszenarien hineinstolpert und deren Drahtziehern mit Härte und Beharrlichkeit und unter gehörigem eigenen Blutverlust den Garaus macht, nein, für den Schauspieler Willis ist die Rückkehr zum Stehaufcop auch des öfteren eine aus dem Karrietief heraus. So praktiziert bei Stirb langsam: Jetzt erst recht, dem eine Reihe heftiger Kassenflops vorausgegangen waren, und auch im Jahr 2007, ganze zwölf Jahre nach seinem letzten Einsatz, bei Stirb langsam 4.0. Seit Anfang des neuen Jahrtausends hatte kein Willis-Film in den USA die $100 Millionen-Hürde am BoxOffice genommen, die meisten, wie etwa Hart’s War, Tears of the Sun, Hostage, 16 Blocks oder Perfect Stranger, schafften nichtmal den Karriereschnitt des Stars von $54 Millionen. Und obwohl sich Willis als einer der wenigen verbliebenen ‘80er-Jahre Actionrecken längst über dieses Image hinaus freigespielt hatte und so oder so und nach wie vor einer der populärsten Hollywoodstars überhaupt ist – hin und wieder muss eben doch der grüne Balken der deutlich längere bei der Kosten/Ertrag-Rechnung sein. Folgerichtig also auf Nummer sicher gegangen und Stirb langsam 4.0 aka Live Free or Die Hard gedreht, der sich auch gleich zum kommerziell erfolgreichsten (allerdings nicht profitabelsten) Teil des Franchise aufschwang. Unverdientermaßen, denn eine 4.0 wird auch am Ende dieser Kritik stehen.

Story

Die US-Ostküste am Vorabend des 4. Juli, dem Independence Day: gerade noch im unerwünschten Einsatz gegen den Möchtegernfreund seiner Teenagertochter wird der Cop John McClane zu einem echten Einsatz gerufen, soll den Hacker Matthew Farrell abholen und zum Verhör nach Washington D. C. chauffieren. Die Frage, warum das nicht irgendein Anfänger übernehmen könne, bleibt ihm im Halse stecken, als er und Farrell in dessen Wohnung unter schweren Beschuss genommen werden. Mit Mühe kann McClane das Computergenie retten und erfährt bald, was eigentlich los ist: eine Terroristengruppe um den ehemaligen Pentagon-Sicherheitsexperten Thomas Gabriel hat sämtliche Computernetzwerke des Landes unter ihre Kontrolle gebracht und bahnt einen sogenannten Fire-Sale an, einen Drei-Stufen-Plan zur systematischen Lahmlegung der gesamten, technikgesteuerten Infrastruktur. Mehrere Hacker haben zu diesem Zweck unwissentlich Programme und Algorithmen beigesteuert und sind mit Beginn des Angriffs ausgelöscht worden – abgesehen von Farrell. Während die Ostküste ob ausfallender Transport-, Kommunikations- und Stromnetze im Chaos zu versinken beginnt, greift ausgerechnet McClane, der analoge Old School-Cop, in den digitalen Terror ein…

Der Film

Stirb langsam 4.0 bedient sich, vom Standpunkt seiner Hauptfigur ausgehend, eines Randthemas der ersten drei (besonders des zweiten) Teile: McClane, der Fortschrittsskeptiker und –verweigerer. Schon die Möglichkeiten eines Faxgerätes sorgten in Stirb langsam 2 für ein Stirnrunzeln und sowieso ist McClane ein Instinktcharakter, einer der sich über Ahnungen und dienstgeschulte Schlussfolgerungen von A nach B kombiniert, nicht mit ratternden Datenver- und –ermittlungsmaschinen. So gesehen donnert McClane in Stirb langsam 4.0 mehr denn je in ein Szenario, das ihn intellektuell überfordert, die obligatorischen Kopfschmerzen mehr durch Begriffe wie cyber controlling, Fire-Sale, Algorithmus usw. verursacht, statt durch Fäuste, die ihm an die inszwischen kahle Birne fliegen. Die bleiben freilich auch nicht in den Taschen der Schurken stecken oder verharren auf ihren Tastaturen, doch damit kommt McClane immer noch klar, da bleibt der Steinzeit-Cop ebenbürtig. Während er an anderer Stelle geradezu bloß gestellt wird, wenn er Peilsender in Polizeiwagen, den Unterschied zwischen fehlendem Netz und der generellen Funktionalität eines Handys nicht versteht, oder die Hand über eine Webcam legt, aber das Mikrofon offen lässt.



Eine wirkliche Herausforderung sind die bösen Buben in Stirb langsam 4.0 also nur dann, wenn ihn der Technikfirlefanz übertölpelt und schwupps ist das groooooße Manko des Films herausgelesen: es gibt keine echte Bedrohung. Mit Kopfschüssen hingerichtete Geiseln, zum Absturz gezwungene Passagierflugzeuge, Bombenattentate auf Kaufhäuser und Schulen – DAS ist konkreter, handfester Terror. Eine Handvoll Typen, die in einem Container Alt, Ctrl und Enter drücken und damit den Berufsverkehr lahm legen und den Strom abschalten – DAS wirkt nie erschreckend, es sei denn, man zuckt bereits im Stau oder Newsberichten über unwetterbedingt vorübergehend zusammengebrochene Energieversorgungsnetze zusammen. Das ist sicher alles unangenehm und wenig erfreulich, aber dammit, das sind letztlich ein paar großflächigere Alltagsprobleme und keine erschreckende, atemstockende »oh my god, what have they done?!«-Bedrohung. Oder zumindest fühlt es sich im Film eben nicht so an. Von verängstigt in ihren Wohnungen sitzenden Menschen spricht McClane angesichts der Lage an einer Stelle, nur zu sehen oder auch nur erahnbar ist davon nichts, alles so behauptet schlimm, allgemein und anonym, dass sich überhaupt kein Gefühl für diesen ganzen Cyberschrecken einstellen mag, keine Beklemmung angesichts dessen, wie der Mensch mittlerweile in Abhängigkeit von seiner Technik existiert.

Stirb langsam 4.0 begnügt sich, vor allem gemessen am Standart der Vorgänger, mit einer Buchhalterbedrohung und ist dabei nicht phasenweise, sondern annähernd komplett durchgehend absolut spannungsfrei. Und wenn die Terrortipper dann mal was handfestes präsentieren, nämlich die landesweit fernsehübertragene Sprengung des United States Capitol, dann ist das bloß ein in sekundenschnelle enttarnter Fake. Arrangiert von einer denkbar unentschlossenen, „bockiges Kind will’s allen mal so richtig zeigen“-Armada, die zwischen solchen witzlosen Spielereien und der kaltblütigen Liquidierung unbeteiligter Wachmänner wahllos hin- und herswitcht. Und so wenig sich Thomas Gabriel und seine Mannen ihrer Ideologie sicher zu sein scheinen, so wenig ist der Feldzug dagegen klar zuzuordnen. Der ganze Film fühlt sich schlicht nicht wie McClanes und zwingend NUR McClanes Kampf an, nie war es weniger plausibel, dass nur er allein den „safe the day“ machen kann, nie waren die Hinleitungen auf die Fährte der Terroristen mehr aus der Luft gegriffen und weniger exklusiv für McClanes Instinkt reserviert, nie war es so wenig nachvollziehbar und unbegründet, dass nicht armeenweise auf die Jagd nach den bad guys gegangen wird. Zumal Gabriel und seine Truppe es tunlichst unterlässt, mit Konsequenzen kataklysmischen Ausmaßes zu drohen, so im Sinne von »hey, wir können nicht nur mit euren Ampeln rumspielen, sondern haben auch eure Waffensysteme unter Kontrolle, also kommt uns nicht in die Quere oder ihr kassiert den big bang!«. Nichts dergleichen.



Stattdessen hat man den supersmarten Cyberterrorhacker am Start und der hat irgendwann ob McClanes Eingreifen keinen besseren Plan, als gegen eines der old school’sten Schurkengesetze zu verstoßen: »don’t bring the heros kids to the party«. Halbherzig back to basics, indem man McClane so eine zusätzliche persönliche Motivation spendiert, als Plot Point aber so abgeranzt, wie die Feinrippsammlung des Cops. 1993 nahm die Schwarzenegger’sche Selbstparodie Last Action Hero auch den Typus „Tochter des Helden“ auf’s Korn und vierzehn Jahre danach will Stirb langsam 4.0 das tatsächlich noch als involvierendes Element verkaufen, die teenage-aufsässige Lucy Gennaro, die mit Papa eigentlich auf Kriegsfuß steht, aber sich mit Knarre am sturen Kopf auf ihre Gene besinnt und plötzlich den Mini-McClane mit Busen, frechen Sprüchen und vorgerecktem Kinn raushängen lässt. Boah, ist das platt und so weit überholt, wie McClane vom Fortschritt. Um das grundsätzlich immer wieder zu betonen brauch’s an rockin‘ Johnnys Seite diesmal einen Sidekick, ein Gesicht für die junge Generation von Actionfilmfans. Den Part gibt Justin Long als praxisüberforderter Matthew Farrell und natürlich ist das die undankbarste Rolle des Films: der Stirb langsam-Fan erster Stunde will McClane sehen und niemand anderen, aber erst recht keinen gescheitelten Waschlappen mit Asthma und sonstigen Standartgebrechen der Sidekickbranche, der dann auch noch dem alten Recken einen von Musikgeschmack und wirrsinnigen Verschwörungstheorien erzählt. To be clear: Long nervt nicht die ganze Zeit, hat aber Szenen dabei (wie bei McClanes Versuch, ein Auto kurzzuschließen…), in denen man ihm alle Kugeln durch den Kopf gejagt wünscht, die Gabriels Mannen im Laufe des Films auf ihn abfeuern. Und das die dominante Hauptfigur neben der Programmierpussy weitenteils zum tumben Brawler degradiert wird ist auch nicht Zweck eines Stirb langsam-Films.

Long und überhaupt das Bild der Hacker sind ein weiterer Grund, aus dem man die Bedrohung durch Gabriel nicht ernst nehmen kann: chipsfressende, ungepflegte und/oder dicke, sozialphobische tausend-Gedanken-auf-einmal-Nerds, die sich ihre Wohnungen oder Zimmer bei Mutti im Keller mit allerlei Actionfiguren zustellen, schön product placement-gerecht Gears of War zocken und sich in Windeseile und zwanzig parallel geöffneten Fenstern durch alle Sicherheitsnetzwerke fummeln und somit jedes Klischee bedienen – und die anscheinend zu Tastaturterroristen werden, sobald sie wissen wie man einen Rasierer benutzt und ein Hemd zuknöpft. Ein schmaler Grat, etwas gleichzeitig zu karikieren und als nationale Gefahr höchster Stufe erscheinen zu lassen, ein Grat, auf dem Regisseur Len Wiseman ungelenk hin- und hertorkelt. Auch McClane wird zwischenzeitlich überhaupt kein Gefallen getan, wenn Stirb langsam 4.0 sich an Vergangenheitsbewältigung wagt, die Reflexionen über Heldentum sind banal und dieser Schuss Altersbitterkeit ist keine spannende neue Facette eines möglicherweise längst auserzählten Charakters, sondern wirkt höchstens wie eine Strömungsanpassung, wo doch in Zeiten von Bourne und dem Bond-Reboot Actionhelden plötzlich einen mentalen Knacks mitzubringen haben. Überhaupt, Strömungen: natürlich muss sich McClane hier auch mit einem akrobatischen Parkour-Läufer herumärgern (in der miesest aufgelösten Fightszene der ganzen Reihe…) und natürlich setzt Stirb langsam 4.0 nicht mehr ausschließlich auf Handgemachtes, sondern trickst digital dazu, wo es den Machern nötig erschien.



Allerdings verkommen der Film und seine Actionszenen nicht zur reinen CGI-Schlacht, der praktische Effekt scheint zumindest als Grundgerüst Vorrang zu haben und bis auf ein paar Ausnahmen (die Szene im Tunnel, in der sich Autos um und über McClane und Farrell hinweg überschlagen…) fehlt es den großen Krawumm-Sequenzen von Stirb langsam 4.0 durchaus nicht an Qualität. Der Shootout zu Anfang ist recht stark, die Verfolgungsjagden zumindest okay, der via Polizeiauto vom Himmel geholte Hubschrauber mag zwar physikalische und logistische Gesetze ebenso in den Wind schießen, dennoch ist das prinzipiell ein gelungener McClane-Moment. Auch die weiteren Gefechte, unter anderem mit der kampfkundigen Maggie Q, gehen für sich genommen absolut klar, das ist grundsolide bis ziemlich gute Action – die nur, im Gegensatz zu ihren Vorgängern, in einem gnadenlos langweiligen Kontext stattfindet. Und die es zum Schluss natürlich und dann auch mit der Computerzugabe übertreibt, wenn McClane mit einem Truck gegen Kampfjet antritt. Das sieht dann eher nach Optimus Prime vs. Megatron aus. Daran schließt sich eine finale Konfrontation mit Gabriel an, die sogar den recht schwachen Klimax des direkten Vorgängers weit untertrifft. Und dann ist Stirb langsam 4.0 nach zwei unaufregenden Stunden zu Ende, statt Blut- und Schweißbad fühlt man sich wie nach einem Spa-Aufenthalt. Auch aufgrund der vollzogenen Rating-Trimmung. Wo in früheren Teilen satt der Lebenssaft aus Schusswunden hervorborst und ein »fuck« und sonstige Fluchwörter sich ans nächste reihten bleibt Teil Vier selbst bei schwerstem MG-Feuer relativ sauber, McClanes Kippenkonsum hat sich auf Null gesenkt und seine Catchphrase »Yippee-ki-yay, Motherfu…« wird durch den Lärm eines Pistolenschusses um ihre letzte Silbe gebracht. Dies wurde erst in einem späteren Unrated-Cut mittels nachträglich geänderten Dialogen und eingefügtem CGI-Blut korrigiert – auch so eine moderne Vorgehensweise, mit der ein John McClane nichts anzufangen wüsste und lieber nochmal die VHS-Kasetten mit den alten Filmen einlegen würde…

Wertung & Fazit

Action: 3,5/5
Spannung: 1/5
Anspruch: 0/5
Humor: 0,5/5
Darsteller: 3/5
Regie: 2/5
Fazit: 4/10
Rammt den Mythos McClane und Stirb langsam nicht komplett durch die Wand und fügt ihm rückwirkend auch keinen ernsthaften Schaden zu, ergänzt ihn aber auch lediglich durch einen spannungsarmen und letztlich überflüssigen Aufguss. Wäre als reiner Cyber-Thriller mit Will Smith oder so wahrscheinlich besser gewesen.

Mehr zum Film

IMDb Link moviepilot Link

Liken/Teilen

4 Kommentare

  1. Von mir gabs damals fast doppelt so viele Punkte. *Ahem* Als Fortsetzung einer unsterblichen Actionreihe versagt der Film (..) Als eigenständiger Actionfilm ist er jedoch ziemlich gelungen (…) Die Szenen sind technisch auf höchstem Niveau, gut choreographiert und mit witzigen Dialogen unterlegt. (…) Wer mit Die Hard-Nostalgie ins Kino geht, läuft Gefahr, enttäuscht zu werden. Wer auf Action steht, wird hervorragend unterhalten.

    1. Joa, das ist annähernd wortgenau das, was ich aus dem Gedächtnis über den Film geschrieben hätte. Aber irgendwie hat’s beim dritten Mal überhaupt nicht mehr gezündet zwischen mir und Die Hard 4, vielleicht der Unmittelbarkeit zur Sichtungsnähe der anderen Teile geschuldet.

  2. Ich habe mich so über den geänderten McClane-Charakter und seine ungewohnten Verhaltensweisen geärgert, dass mir nie aufgefallen ist, dass er in Teil 4 tatsächlich einen Job erledigt, den er nie im Alleingang erledigen müsste. Danke für diesen Hinweis! Herrlich wie man manchmal den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht. Interessant aber auch, dass Dich völlig andere Punkte am Film stören als mich, um am Ende auf eine ähnliche Punktzahl zu kommen. 🙂

    1. Ja, das ist mir alles erst so richtig deutlich geworden, nachdem ich die vier am Stück gesehen habe. Vielleicht ist mit den Jahren auch das Kritikerauge schärfer geworden, keine Ahnung 😉 Mich hat sogar noch ein bißchen mehr als oben erwähnt gestört, nur wurd die Kritik schon so elendig lang und manches fiele in den Spoilerbereich, wahrscheinlich hätten wir da aber noch ein paar Überschneidungen.

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

code