Review: SUPER 8

SUPER 8 Filmkritik
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Die Kleinstadt Lillian, Ohio, im Jahr 1979: der vierzehnjährige Joe Lamb verliert seine Mutter bei einem tragischen Fabrikunfall, das Verhältnis zu seinem Vater, dem Deputy Jackson, ist von dessen Abwesenheit und mangelnder Fürsorge geprägt. Schutz, aber auch eine neue Herausforderung findet Joe im Kreis seiner Freunde, die für ein lokales Festival mit viel Enthusiasmus und einer Super-8-Kamera einen Zombiefilm drehen wollen. Zu Joes Freude gelingt es Regisseur Charles, die unnahbar scheinende Alice für eine Rolle zu gewinnen, doch während nächtlicher Dreharbeiten am Bahnhof passiert das Unfassbare: ein Güterzug wird von einem Pick-Up Truck aus den Gleisen geworfen und richtet ein gewaltiges Chaos an. Noch in der selben Nacht rückt die US Army an und in den Tagen darauf beginnen in Lillian seltsame Dinge vor sich zu gehen. Die Tiere verschwinden aus der Kleinstadt, es kommt zu seltsamen Stromausfällen und auch Einwohner verschwinden spurlos. Während sie ihren Film fertigzustellen versuchen wird Joe und seinen Freunden klar: etwas Unvorstellbares ist aus dem Zug entkommen…

Der Film

Neben dem, dass er wohl der geschickteste unter den aktuellen Filmschaffenden im Umgang mit den modernen Medien und deren Möglichkeiten ist, ist der New Yorker J.J. Abrams auch ein Fanboy. Das sieht man ihm schon irgendwie an: diese geekige Brille, die Frisur, der Klamottenstil, die Begeisterungsfähigkeit – mit Abrams könnte man nahtlos Johnny Galeckis Rolle des Leonard Hofstadter in The Big Bang Theory umbesetzen. Zu Abrams‘, 1966 geboren, Einflüssen und Vorbildern gehört natürlich das gedankenverlorene Träumerkino der 70er- und 80er-Jahre, zu dem Steven Spielberg als Regisseur und Produzent magischer Werke wie Close Encounters Of The Third Kind (1977), E.T. (1982) und The Goonies (1985) einen Löwenanteil leistete. Abrams‘ Super 8 ist nun sowas wie der viel konsequentere Abschluss zu Spielbergs inoffizieller Alien-Trilogie, die er nach Close Encounters und E.T. mit dem Weltuntergangsspektakel War of the Worlds (2005) weit weg vom Schauplatz früheren Leinwandzaubers beendete. Super 8 geht da weiter, wo die 80er aufgehört haben, knüpft an eine Zeit an, wo Kino und Film nicht nur auf Zelluloid gebrannte Bilder waren, sondern ein Wunder, eine Entdeckung. Ein Kino des kindlichen Staunens, des Explorativen, erlebbar durch die Augen seines Machers, der dies in seinem Blick und seiner Art zu Erzählen bewahrt hat. In Abrams‘ Fall zumindest einen halben Film lang.



Super 8 ist anfangs großartig. »How to recover a long lost movie-making spirit« könnte als Arbeitstitel und oberste Vorgabe an sich selbst auf einem frühen Drehbuchentwurf Abrams‘ gestanden haben; das dieses Unternehmen im Film nicht „entworfen“ wirkt ist den Regiequalitäten des Lost-(Co-)Masterminds zu verdanken. Super 8 ringt nicht nach der Luft seiner Vorbilder, er verströmt deren Atem, das Setting, die Plotentwicklung, der nach ruhigem Beginn und Charaktereinführung anschwillende Spannungsbogen und die milden Schockmomente – Abrams rekonstruiert diese Elemente nicht bloß im Zweck und Stile der 80er und müht sich wie ein Handwerker daran ab, sondern setzt sie so liebevoll würdigend wie inszenatorisch handlungssicher ein, als hätte es den Abstieg des Begriffes Blockbuster in Richtung niederer-durchkalkulierter Unterhaltung nie gegeben. Wer selbst auch nur einen Faden breit Bindung an das Hollywood-Kino von vor fünfundzwanzig Jahren besitzt, der muss sich eigentlich auf den ersten Blick in Super 8 verlieben. Dieses abenteuerliche Entdecken an der Seite einer Gruppe von Freunden, wie bei den Goonies oder Stand by Me, diese zu jener Zeit wunderbar echten Geschichten über das „ein Stückchen erwachsener werden“ der jugendlichen Helden, die gleichermaßen verstanden und ernst genommen wurden und Spaß machten, und jeder für sich tolle Figuren waren – Super 8 schließt sich anfangs genau diesen Herzstücken involvierenden, erinnerungweckendem wie –schaffendem Storytellings an.

Die Story der enthusiastischen Nachwuchsfilmer ist dabei voller größerer und kleinerer Ver- und Hinweise; die Poster und Figuren in den Zimmern der Jungs, die Unterbringung eines der bekanntesten Zitate aus der Star Wars-Saga, die in ihrem Film für die Zombifizierung der Einwohner verantwortliche Firma Romero Chemicals,… Hinter der Leidenschaft und Problemwelt (ERST der Film, DANN alles weitere) von Jungregisseur Charles lässt sich jederzeit der junge Abrams, der junge Spielberg, der junge Werauchimmerfilmemacher herauslesen. Dazu gibt’s in Super 8 einen der süßesten und unaufdringlich-aufrichtigsten „Love“ (halt was vierzehnjährige darunter verstehen) Story-Plots seit langem, begleitet von einigen wunderschönen Szenen zwischen Joel Courtney und der tollen Elle Fanning (ihr Zombiewalk, seine Reaktion auf ihren ersten Probeauftritt vor der Kamera,…). Auch das Einfallen des Fremden und Unerklärlichen ins Gewohnte (quasi das Stephen King-Patent) verarbeitet Super 8 anfangs noch sehr ansprechend. Die Hintergründe des Zugunglücks, dessen Verursacher und das Geheimnis um die Kreatur, die dabei entkam, entsenden genügend Lockstoffe, um bei der häppchenweisen Auflösung mitzufiebern und die kleinen (vorausahnbaren) Schocker nicht achselzuckend passieren zu lassen. In der Tradition des Jugendfilms bleibt die Welt der Erwachsenen eine verständnislose und tendenziell wenig wohlgesonnene, von der zickigen Beautyqueen-Schwester zum Alkoholikervater und später bis hin zu den Militärs werden aus den Ü20ern fast ausschließlich „Feind“bilder generiert, was die relativ typischen, aber auch nicht überpräsenten Figuren neben den Kindern angemessen bedienen.



Soooooo, Super 8, nach dem bis hierhin vielmaligen Gebrauch des Wortes „anfangs“ muss nun aber dessen Verwendungsgrund folgen. Leider verblasst die Schwärmerei für J.J. Abrams‘ Retro-Blockbuster im weiteren Verlauf der 107 Minuten und macht dem dann üblichen Phänomen Platz: der Ernüchterung. Wenn Super 8 Actionszenen bietet (was er zugegebenermaßen gut dosiert tut), dann übertreibt der Film diese so maßlos, dass man sich eben doch ganz schnell und unsanft im Kinojahr 2011 wiederfindet, wo Super 8 neben Transformers 3 und unzähligen effektlastigen Comicspektakeln läuft. Der Zugcrash, der im Teaser Mitte 2010 den Hype entfachte (im Film allerdings ganz anders aussieht), ist sowas von überzogen und genauso bar jeden Sinns wie der im späteren Verlauf stattfindende Einmarsch der Armee ins kleine Lillian, um da völlig unkoordiniert und ziellos das hilflose Städtchen auseinander zu ballern. Da windet sich Super 8 plötzlich mit blinder Gewalt heraus aus seinen sorgfältig und so gut passend angelegten Fesseln und verfällt in laute Hektik und vergisst vor lauter Krach auch nur einen der so gelungen aufgebauten Konflikte mit ähnlich feiner Zeichnung aufzulösen. Die Kinder turnen in den Actionszenen beliebig durch wild umherwirbelnde Wagons oder an von Panzern geplätteten Schaukeln vorbei und ein bißchen ließe sich das Ausmaß des Brimboriums durch die Perspektive des Films erklären: durch kindliche Augen betrachtet mag das alles einfach noch viel gewaltiger und abgehobener aussehen, als es tatsächlich passiert, wofür auch spricht, dass einer der Jungs sogar die Frage in den Raum wirft, wie ein bloßer Pick-Up Truck einen tonnenschweren Güterzug SO zum Entgleisen bringen kann.

Aber für solche Erklärungen, mögliche Intentionen von Macher Abrams oder reines Meta-Bla rückt Super 8 den Fokus ab dem Zugcrash eigentlich zu weit weg von den Kindern, speist sich nicht mehr oder nicht mehr nur aus deren Abenteuern, sondern stellt die Ermittlungsarbeit von Deputy/Dad Jackson Lamb daneben, der nach dem Tod seiner Frau in der Verantwortung für die Stadtbewohner mehr aufgeht, als in jener für seinen Sohn. Für Plot- UND emotionale Entwicklung bekommt der sympathische Kyle Chandler dann aber doch deutlich zu wenig Raum und seine Figur steht den Kindern indirekt mehr im Weg, da sie zur Story letztlich nichts leistet, das nicht von diesen selbst kommen könnte. Trauerbewältigung und –überwindung, konfliktreiche Vater-Kind- und Vater-Vater-Beziehungen – keinen dieser Substränge leitet Super 8 in zufriedenstellende Konklusionen über. Vergleichsweise erwartbarer gilt dies auch für das Monster, seine Ziele und seinen groben Hintergrund. Sowas fällt gewohnheitsgemäß enttäuschender aus, als das Getue im Vorfeld es verschleiern will, je mehr Geheimnis gelüftet wird, desto uninteressanter wird es. Das Super 8-Viech kombiniert die mitleiderzeugende Verängstigung und das Heimweh E.T.‘s auf der motivischen Seite mit der Destruktivität und dem Killerinstinkt des Cloverfield-Monsters auf der exekutiven Ebene, was ungefähr so gut zusammengeht, wie ALF mit zwei Äxten in der Hand Jagd auf die Tanners statt auf Lucky machen zu lassen.



An anderen, halt heutigen Standarts gemessen, ist Super 8 in seinen schwächeren Momenten immer noch zu gut gemachtes Blockbuster-Kino, um auf’s völlig falsche Gleis überzuspringen, dennoch verschenkt er seine Möglichkeiten in der Kombination aus Retro- und State of the Art-Produktion, sowohl als Hommage, wie auch als eigenständiger Film. Die wundervolle Stimmung des ersten Viertels verflüchtigt sich allzu schnell, da das große Abenteuer der jugendlichen Freunde immer wieder aufgrund unnötiger POV-Verschiebungen und des Verschleppens oder gänzlichen Ausbleibens von Entwicklung über die Exposition hinaus auf die stille Treppe geschickt wird. Die jungen Darsteller meistern den Film mit Bravour, besonders Joel Courtney und Elle Fanning, und Abrams findet für die Gruppe das annähernd ideale Mittel aus nicht zu erwachsen und nicht zu altklug-kindisch. Die Jungs und das Mädel hätten den Film mühelos gestemmt, auch ohne overquellende statt overwhelmende Effektausbrüche (denen man außerdem hier und da das schmale Budget ansieht), so bleibt J.J. Abrams‘ Super 8 aber doch nur der sehr löbliche Versuch eines Beweises, dass die goldene Zeit der Blockbuster noch keine abgelaufene ist.

Wertung & Fazit

Action: 2/5
Gut dosiert, wild durch die Gegend fliegende Güterwagons und plan- und ziellos drauflos panzernde und schießende Soldaten übertreiben’s aber um einiges.
Spannung: 3/5
Baut sich langsam auf und setzt ein paar steile Höhepunkte, fällt aber umso mehr ab, je deutlicher sich das Mysterium um die Kreatur lüftet.
Anspruch: 1/5
Reißt einiges an interessanten Themen ums Erwachsenwerden, erstes Verliebsein, Trauerbewältigung, etc. an, bringt davon aber nichts zufriedenstellend zu Ende.
Humor: 1/5
Weniger, als es hätte sein dürfen. Da sorgten andere Freundesgruppen für mehr Humordynamik.
Darsteller: 4/5
Tolle Jungschauspieler, Elle Fanning spielt wunderbar. Die Großen bekommen Stichwortrollen und füllen diese gut aus.
Regie: 3/5
Lens Flares! Abrams‘ Ansatz ist ein sehr schöner, seine Umsetzung streckenweise ebenso gelungen, aber dann doch nicht konsequent genug. Lens Flares!
Fazit: 6,5/10
Super 8 ist wohl DER Film 2011, den ich am gernsten noch viel mehr gemocht hätte. Aber Erinnerungen erst so freudig zu wecken, nur um sie dann schnell wieder zu vergessen… Betrüblich. Dennoch jederzeit sehr solides Entertainment.

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4 Kommentare

  1. Mmh… da hatte ich ja auf mehr Punkte erhofft. Für mich war “Super 8” tatsächlich die große Überraschung… aber ich glaube, das lag vor allem daran, dass ich mich durch die ganzen Teaser-Trailer gut auf eine falsche Fährte begeben habe und was ganz anderes erwartet habe.

    1. An der Erwartungshaltung mag das wohl gelegen haben: da ich den Film ja jetzt erst geschafft hab wusste ich durch diverse Besprechungen natürlich schon eher, in welche Richtung das geht und an welchen er leider vorbei zielt…

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