Review: TAKE SHELTER

Story

Die ländliche Kleinstadt Elyria, Ohio: Bauarbeiter Curtis LaForche wird seit einigen Tagen von apokalyptischen Alpträumen geplagt. Ein gewaltiger Sturm, der am Horizont heraufzieht, ein seltsamer öliger Regen, Menschen, unbekannte und nahe stehende, die ihn angreifen – die nächtlichen Visionen werden immer heftiger. Doch als Curtis auch tagsüber beunruhigende Dinge zu sehen und zu hören beginnt, Vogelschwärme in wirren Formationen und grollenden Donner, keimen in ihm Entschluss und Zweifel zugleich. Er beschließt, den Tornadoschutzbunker hinter’m Haus auszubauen, um sich, seine Frau Samantha und die gehörlose kleine Tochter Hannah schützen zu können, fürchtet aber auch um seinen Verstand angesichts der Vorgeschichte seiner vor fast zwanzig Jahren an Schizophrenie erkrankten Mutter. Aber noch viel weltlichere Probleme türmen sich vor dem Mittelstandsvater auf, denn die finanziellen Risiken, die er für die Erweiterung des Bunkers auf sich nimmt, drohen die ohnehin am Rande ihrer Möglichkeiten entlang treibende Familie in den Ruin zu stürzen, während Curtis‘ merkwürdiges Verhalten auf seine Frau immer befremdlicher wirkt. Doch weiterhin und immer fester ist er davon überzeugt, dass ein vernichtender Sturm kommen wird, wie die Welt ihn noch nicht erlebt hat…

Der Film



»Fear… Fear attracts the fearful. The strong. The weak. The innocent. The corrupt. Fear… Fear is my ally.« Nicht etwa ein Auszug der düsteren Poesie Edgar Allan Poes, sondern Voiceover des Darth Maul/One Truth-TV Spots zu Star Wars Episode I und wohl mit das hintergründigste, das irgendetwas rund um die Prequel-Trilogie von sich gegeben hat. Aber was hat ein schillernd-verschenkter Lichtsäbelschurke mit Jeff Nichols‘ ruhigem Psychodrama Take Shelter zu tun? Not much, und dennoch die Wahrheit der Worte dieses Spots. Die Angst schreckt vor niemandem zurück und Take Shelter ist ein suggestionsstarker, mehrdeutiger und umfassender Film über das Thema Angst und ihre Formen und Ausprägungen, ihren Weg, den sie sich aus dem Verstand heraus in Herz und Handeln bahnt, ihre Dornen, die sie tief in Bewusstsein und Seele treibt und ein Leben aus seinen stabil und wetterfest geglaubten Fundamenten reißt. Ein Sturm als Vorbote kataklysmischer Veränderung, ein Schutzbunker als Enge eines in sich gefangenen Geistes, Liebe und Freundschaft als Furcht vor der Verdammnis und Hoffnung zugleich. Take Shelter, so viel kann man vorwegnehmen, ist einer der besten Filme diesen Jahres, ein psychologisches Drama intensivster Art, verstrickt mit nadelspitzen Horrorelementen und vorgetragen von herausragenden Schauspielern.

Einen ganzen Korb voll elementarer und existenzialistischer Ängste schnallt Autor und Regisseur Nichols seinem Hauptdarsteller Michael Shannon um, benennt einige immer wieder konkret, deutet andere an, hält manche allgemeingültig und verortet einige im eher aktuellen Zeitgefühl: die Phantomschmerzen der Wirtschaftskrise, der drohende Verlust von Hab und Gut, das ausbeuterische Gesundheitssystem (fast $50, die Curtis für ein einfaches Beruhigungsmedikament zuzahlen muss), und dazu die usual suspects der keep the people frightened-Show, die Angst vor Terror und infektiöser Verseuchung. Das alles heruntergebrochen auf das Leben eines einzigen Mannes, eines Familienvaters, der im ländlichen Ohio versucht, seine Lieben zu versorgen. Take Shelter ist ein arrangierter Film, die Punkte mit der gehörlosen Tochter, dem Paar, das sich gegenseitig die Körperlichkeit ihrer Ehe zu entziehen, zu verwehren scheint, mit der schizophrenen Mutter im betreuten Wohnheim, dem Ausleihen von Arbeitsgerätschaften zum Ausbau des Schutzbunkers und die Konsequenzen daraus – diese Punkte sind präzise und planvoll gesetzt, um Curtis LaForche Manifestation und möglicher Ursprung seiner Ängste zu sein und um die Fährtenkarte für den Zuschauer zu legen: hat der Mann grausame prophetische Visionen, die sich bewahrheiten werden, ist er der Noah des US-amerikanischen Nordostens, oder ein Erbopfer der Anlagen seiner Mutter…?



Als Reflexion über eine weltliche und umweltbestimmte Natur der Angst ist Take Shelter schon stark, überwältigend aber ist er als Psychogramm der inneren Ängste, als Verhandlung über diesen unbestimmten Begriff Verstand und die Furcht vor dessen Verlust, davor, die Kontrolle über den Geist an einen Wahn abtreten zu müssen, der keinen Beginn, keinen Ursprung und keinen Ausweg hat. Nicht gerade Gegenstand weniger Filme, selten aber so ruhig, mit solcher Intensität, so hypnotisch bebildert vorgetragen gesehen. Der Himmel, an dem sich gewaltige graue Wolkenfronten auftürmen, dazwischen ein gelbes Feld, darunter ein grüner Rasen, darauf die orangehaarige Jessica Chastain in rosafarbenem Oberteil und Blue Jeans – nur eines von vielen wunderbar komponierten Panoramen. Nichols und Kameramann Adam Stone suchen nicht im Extravaganten die Visualisierung des Wahns, sie finden sie in der stillen Kraft ihrer Bilder, in einer nur leichten Verschiebung zu etwas Absonderlichem, wie dem ölig-gelblichen Regen, den unnatürlichen Flugformationen der Vögel, doch für das wahre Erdrücken eines entrückenden Verstandes genügt ihnen ein Schwenk und ein Blick, ausgetauscht zwischen einer regennassen Frau und einem von einer Ahnung befallenen Mann. Eine Szene, die einem nicht die Kehle, sondern gleich die Lungenflügel zusammenpresst.

Lange Zeit wagt es Curtis nicht, sich seiner Frau Samantha zu offenbaren; die Operation ihrer gehörlosen Tochter steht bevor, die Geldsorgen sind nicht existenzbedrohend, aber dennoch nicht eben gering; was für ein Mann wäre er da, sie mit Träumen zu behelligen, Furcht einzugestehen, ihr zu offenbaren, dass seine Visionen einen solchen Schrecken auslösen, dass er ihr Ehebett durchnässt. Eine weitere Unterform der Angst, die Take Shelter bedrückend skizziert: die, sich anzuvertrauen. Schwäche einzugestehen. In denen, die man liebt, nur weiteren unbedingten Willen nach eigener Stärke finden zu können. Wie besessen einen Bunker anzulegen, um sie zu schützen. Die Antwort auf die Frage, warum Curtis all das tut, seinen geliebten und treuen Hund nach draußen sperrt, nachdem dieser ihn im Traum angefallen hat, seinen besten Freund von der Arbeit fallen lässt, nachdem dieser ihn im Traum attackiert hat und trotz der Befürchtung, wie seine Mutter im fast gleichen Alter den Verstand zu verlieren und trotz Arzt- und Therapiebesuches aus eigenem Willen heraus – weiter zu machen. Das Gras unter dem Himmel zu öffnen und die Zuflucht in der Tiefe zu errichten. Um, wie bewusst es ihm auch sein mag, das etwas mit ihm nicht stimmt, seine Familie zu schützen. Ein so klares und eigentlich gutes Motiv degeneriert zum Ausdruck des Wahnsinns.



Am Schluss lässt Take Shelter vieles offen, wagt ein Ende, dem man ungläubig hinterherschaut, als plötzlich die Credits über den Bildschirm rollen, ein Ende, das man für einen billigen Twist halten mag, dem aber wie ein guter Lynch nur interpretativ, nicht endgültig nahe gekommen werden kann. Es ist ein Ende, das (imo) seine Hauptfigur(en) in einen Moment der Hoffnung entlässt, auch wenn es überhaupt nicht danach aussieht. Kein gewagter Schluss um des gewagt Seins wegen, kein Shyamalan’scher Augenöffner und Storyumkrempler, sondern einfach der imaginäre Sonnenstrahl am wolkenverhangenen Verstandshorizont des Curtis LaForche. Mehr zu verraten wäre gespoilert und sicher kann man das ganz anders sehen, den Film vielleicht sogar durch dieses Ende als missraten bezeichnen – für mich hat es Take Shelter (zugegebenermaßen nach einer Nacht drüber schlafen) noch größer gemacht, nachdem ich unmittelbar danach zunächst meine Fußböden im ratlosen Auf- und Abwandern ein bißchen dünner gelaufen hatte. Wie auch immer: Take Shelter ist ein, wenn auch deutlich arrangierter, herausragender und –fordernder Film über innerste Ängste und deren äußerliche Einflüsse, von Michael Shannon, Jessica Chastain, David Wingos Score und einer Ruhe getragen, die tiefer greifen, als jedes effektgewaltige Katastrophenszenario oder die Art von Ängsten, mit denen schreiendes, folterndes und monströses Horrorkino so gerne spielt.

Wertung & Fazit

Action: 0/5
Kein Kriterium.
Spannung: 4,5/5
Zig Momente, die einen jump scare geradezu herausfordern, für die sich der Film aber nie hergibt und in seiner umschlingenden Ruhe ohnehin um so vieles wirkungsvoller ist.
Anspruch: 4,5/5
Das Arrangement ist offensichtlich, die Auslotung reicht nicht bis auf den Grund, dennoch ein überwältigend präzises Portrait einer zerbrechenden Psyche.
Humor: 0/5
Kein Kriterium.
Darsteller: 5/5
Michael Shannon, der durch sein komisches Gesicht sowieso schon etwas entwirklichtes an sich hat, ist als dem Wahn anheim fallender Familienvater überragend, Jessica Chastain nicht minder, wenn auch in ihrer Rolle beschränkter.
Regie: 4,5/5
Nach mehreren Kurz- erst Nichols zweiter Spielfilm und nicht nur deshalb von beachtlicher inszenatorischer Kraft und Sicherheit.
Fazit: 9/10
Ein Sturm zieht auf, meint der deutsche Untertitel martialisieren zu müssen, was ein so großartig subtiler Film ist, ein eindringliches Portrait der Angst vor der Angst, vor Verlust und Offenbarung. Groß. Nur knapp am Prädikat „Meisterwerk“ vorbei.

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