Review: THE BAYTOWN OUTLAWS

Woran erkennt man einen Meister? An der Menge seiner Nachahmer. Nicht unbedingt an deren Qualität. Einer der meistzitierten Filmemacher der letzten zwanzig Jahre ist ironischerweise selbst ein Meister des Zitats: die Rede ist natürlich von Quentin Tarantino, der seit seinem zum Überkult geschrienen Pulp Fiction jedes Mal als Vergleichsmuster herhalten muss, sobald ein Film zynische Gewalt mit schrägen Charakteren und wortwitzgewaltigen Dialogen kreuzt. Things to Do in Denver When You’re Dead, The Boondock Saints, The Way Of The Gun, I Kina spiser de hunde, Smokin‘ Aces, Guy Ritchies Portfolio (das selbst reichlich Nachahmer beeinflusste) usw. könnte man alle mehr oder minder als Epigonen des Videothekennerds mit der Maschinengewehrschnauze verschreien. Ob gerechtfertigt oder nicht, zugeben würd’s trotzdem kaum einer, was unter anderem ein Unterschied zu Tarantino ist, der seine eigene Zitierwut nicht verschleiert und in seinem Werk offensichtlicht huldigt, wem er gehuldigt haben will. Und nun zum Abschlussfilm des Fantasy Filmfests 2012, Barry Battles‘ The Baytown Outlaws. Aka: The Baytown Disco. Aka: The most obvious and self-aware Tarantino rip off ever without admitting it. Oder so.

Story

Die Oodie-Brüder, drei Outlaws aus dem tiefsten Süden der USA, werden von der sexy Chica Celeste angeheuert: ihr Ex-Mann Carlos, seines Zeichens psychopathischer Krimineller, hat ihren Patensohn Rob entführt. Für eine stattliche Summe erklären sich die Oodies bereit, den Jungen zurück zu holen. Doch was nach simpler Sache klingt wird natürlich zum bleihaltigen Trip. Außerhalb des Schutzes von Sheriff Henry Millard, der die Rednecks in Alabama selbst auf der inoffiziellen Gehaltsliste hat und sie unliebsame Dealer und anderes Kruppzeugs aus dem Weg räumen lässt, laufen die Oodies allzu offen ins Visier des Bundesagenten Anthony Reese, der unbequeme Fragen zu stellen beginnt. Doch das Gesetz ist nichtmal die erste Sorge von Familienoberhaupt Brick, dem stummen Wrestler Lincoln und Ex-G.I. McQueen: den körperbehinderten Rob können sie zwar Carlos‘ Griff entreißen, vergessen dabei aber, den rachsüchtigen Gangster auszuschalten. Und so hetzt Carlos ihnen eine Schar illustrer, aber tödlicher Gestalten hinterher, von aufreizenden High Heel-Assassininnen bis hin zu erbarmungslosen Skalpjägern…

Der Film

Auch dreckige kleine Garagenproduktionen, irgendwo im Hillbillysüden der USA entstanden, spulen selbstverständlich die ewig gleiche PR-Masche ab und natürlich spricht im MakingOf zu The Baytown Outlaws vom Autoren-Duo Barry Battles und Griffin Hood über die Produzenten bis hin zu den Darstellern jeder davon, wir originell und unique und »something I’ve never read before« doch das Script des Southploitation-Actioners sei. Wie unschwer zu erraten sein dürfte: kann eigentlich alles gar nicht sein. The Baytown Outlaws ist wild, unfokussiert, durchgeknallt, überlaut und von der Kette gelassen irrsinnig, sicher. Aber in all dem so voll mit Referenzen an Referenzen an Referenzen, das der Film da bisweilen einen Schulterklopfer für verdient, etwa wenn die Oodie-Brüder in eine ranzige Kneipe einfallen und im Fernsehen irgendein dialoggleicher, aber billig abgekupferter C-Terminator statt des Originals von James Cameron läuft. Überhaupt, diese ganze Bar-Szene, die irgendwie Near Dark, irgendwie Death Proof, Kill Bill, Machete-Grindhouse-Shice ist und so tatsächlich von Tarantino selbst oder Robert Rodriguez stammen könnte: das ist so eine von denen, für die man The Baytown Outlaws anerkennend zunicken möchte, dafür dass diese southern whip-ass extravaganza dermaßen frech, dermaßen rotzig ihre Vorbilder durchkaut, mit der eigenen Spucke vermengt und rausfeuert.


Clayne Crawford als Brick Oodie in THE BAYTOWN OUTLAWS


Aber: diese Anerkennung verdient sich The Baytown Outlaws längst nicht für alles, was er während seiner anderthalb Stunden so anstellt. Im erwähnten MakingOf sprechen Battles und Hood neben ihren Marketingsprüchen auch über ihre Arbeitsweise des abwechselnden Schreibens und des Diskutierens über die bestmögliche Idee für ihr Script. Und genau danach sieht The Baytown Outlaws häufig aus: nach durchdiskutierten Ideen, Reißbrettabsurdität. Etwas, wo sie über die gesamte Länge eines Films alle gegen Tarantino abstinken, eben ein Meister der minutiösen Plansequenz und des schwarzhumorigen Irrwitzes. Angemerkt sei aber, dass der quasselstrippige Knoxville’ianer nicht Battles’ einziges Vorbild für sein Spielfilmdebüt bleibt, Jonathan Hensleighs The Punisher, Snatch oder Mad Max sind hier ebenfalls nicht weit, genau wie *surprise surprise* das A-Team, zu deren Redneckvariante die Oodie-Brüder im sequelandeutenden Ende aufgetrumpft werden. Woher hingegen ganz konkret dann wieder eine eingeflochtene animierte Sequenz und die Besetzung von Stuntfrau Zoë Bell als knapp bekleidete Bikerbraut kommen, dürfte klar sein, gell?

Immerhin ist Battles aber nicht bloß ein Replikateur, sondern ein durchaus nicht unfähiger Regisseur. Sein parallelweltiges, sepiagesättigtes Südstaatenportrait mit den verschwitzten, ungepflegten Oodie-Antihelden, den Killerkommandos, dem Recht der Straße, aus dem die Polizei ihre Gesetze vornehm raushält, das hat schon genügend Tempo, Abwechslung und zumindest einen teilweise originären Reiz, wenn’s auch zu selten so gekonnt überzeichnet wird, wie in den brutalen Actioneinlagen und in der Darstellung der biker chicks from sexy hell, den schwarzen Goldzahnpiraten mit ihrem Straßenschlachtschiff und den pirschenden Rothäuten, die zum Showdown losgelassen werden, zu dem die Oodies sich ausgerechnet auf einem stillgelegten Campingplatz in tipiförmigen Hütten verschanzen. Einige eher emotionale Momente muten zwischen soviel Kautabakcharme und brachialen Shoot Outs eher befremdlich an, wenn die Oodies Brick und McQueen sich über Gott unterhalten oder ihr Herz für den behinderten Rob entdecken. Das wirkt gar nicht mal allzu aufgesetzt, nur hemmen solche Momente, in denen die Brüder ihre eigene Lebenstragik reflektieren, ein bißchen den reinen Exploitationspaß weg.


Zoë Bell und ihre Biker Chicks in THE BAYTOWN OUTLAWS


Mit den kaum groß bekannten Clayne Crawford, Travis Fimmel und Daniel Cudmore (der Colossus aus den X-Men-Filmen) in den Rollen der Oodie-Brüder hat Battles sich jedenfalls für die drei richtigen Typen entschieden; wirkt das Gespann anfangs noch durchweg so klamotten- wie kopfranzig und vollkommen asozialisiert und triebgetrieben, entwickelt sich im Laufe der Handlung tatsächlich Sympathie für den hitzköpfigen Brick, den zurückgebliebenen McQueen und für die Dampframme Lincoln sowieso. Billy Bob Thornton spielt als Carlos seinen Standart-Psycho an der Grenze zur Abgewracktheit, Vampire Diaries-Star Paul Wesley und Andre Braugher katzebalgen sich als aalglatter Regierungsbeamter und beide Augen zudrückender Sherriff um Recht und Ordnung, Eva Longoria trägt unten kurz und oben eng, während Zoë Bell mit knackiger Hinter(n)ansicht glänzt. Tarantino wird’s gefallen. Insgesamt eine runde Runde, die sich da durch The Baytown Outlaws kloppt, ballert und arschwackelt. Der Film selbst hätte ruhig noch irrer sein können, statt einprägsam-cooler Dialoge und Oneliner setzt Battles zu oft auf wildes Geschnatter und eine Gefühligkeit mit einem Hauch Gesellschaftskritik und Tragik, die mit den schurkenzerschießenden und genickbrechenden Actioneinlagen keine ganz schmackhafte Verbindung eingeht.

Wertung & Fazit

Action: 3,5/5
Berstig-blutige Shoot Outs und car chases, die das kaum vorhandene Budget mit einer guten Portion Dynamik, Abwechslung und halt Härte wettmachen.
Spannung: 1,5/5
Tempo hat der Film, Spannung aber nicht wirklich.
Anspruch: 0,5/5
Immer mal wieder versucht sich Battles an einem kritischen und hinterfragenden Zwischenton.
Humor: 1/5
Das richtige für Freunde von übertriebener Balleraction im Expendables-Stil, aber natürlich weit von deren Maßen entfernt. Die Sprüche hingegen zünden selten.
Darsteller: 3/5
Ordentlich, vor allem das Brüder-Trio überrascht sehr positiv.
Regie: 3/5
Besser gut geklaut als schlecht erfunden: seine Exploitation-Prämisse zieht Battles einigermaßen konsequent durch.
Fazit: 5/10
The Baytown Outlaws ist Dank einiger gelungener Einfälle und Setting-Eigenheiten keine allzu abgenudelte Raubkopie des Tarantino-Werkes, mengt aber nicht alles so geschickt ein, wie ein paar der herausstechendsten Verweise. Hätte insgesamt gerne noch mehr over the top sein dürfen.

Mehr zum Film

IMDb Link moviepilot Link

Liken/Teilen

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

code