THE DIVIDE: Kritik zum Endzeit-Bunker-Thriller mit Lauren German und Michael Biehn

Story

Wie aus dem Nichts bricht die völlige Zerstörung New Yorks herein: nukleare Explosionen erschüttern die Stadt, niemand weiß, wer der Angreifer ist, niemand kennt seine Motive, als die Feuerwalzen alles vernichten. Verzweifelt kann sich eine Gruppe von Leuten, einander mehr oder weniger unbekannt, in den Luftschutzkeller eines Gebäudes retten. Schnell übernimmt der herrische Hausmeister Mickey das Kommando über die Gruppe und verhindert vor allem deren vereinzelte Versuche, den Keller zu verlassen. Sehr zum Missfallen des rebellischen Josh und seines Freundes Bobby und des an Rettung von draußen glaubenden Delvin. Doch von jenseits der Tür dringt schließlich etwas ganz anderes in den Keller ein. Ein kleiner Trupp bewaffneter Männer in Strahlenschutzanzügen tritt den Überlebenden entgegen, entführt die elfjährige Tochter der verzweifelten Marilyn und verwundet Joshs Halbbruder Adrien schwer. Mickey und Delvin gelingt es allerdings, zwei der Eindringlinge zu töten, deren Waffen und einen unversehrten Anzug an sich zu nehmen. In der Folge spitzt sich die Lage in der Beengtheit des Kellers jedoch immer weiter zu. Die Vorräte beginnen knapp zu werden und das Misstrauen gegenüber Mickey wächst, die geistige Gesundheit der unfreiwillig Gefangenen leidet zusehends und alsbald bricht ein Psychokrieg zwischen ihnen aus, der schlimmer als der Tod im atomaren Höllensturm scheint…

Die Filmkritik

»The Lucky Ones Died In The Blast« lautet die Tagline zu Xavier Gens‘ The Divide und machte im letzten Jahr zusammen mit einem packend-beklemmenden Trailer klar: die Hölle findet nicht da statt, wo die Menschen im Feuer verbrennen, sondern an dem Ort, an dem einige von ihnen überleben. Bar jeder Vorrede steigt Gens mit dem Ende ein, also nicht mit dem chronologischen Ende seines Films, sondern mit dem der Welt. Im Auge der erstarrten Eva spiegelt sich die glühende Vernichtung New Yorks, ehe sie gepackt und nach unter gezerrt wird, wo sich in einem Bunker die kataklysmischen Ausmaße eines endgültigen Angriffs in ihren und in die Köpfe von acht anderen Überlebenden fressen. Gens spaltet die Gruppe vom Anfang ihres Zusammentreffens untereinander voneinander ab, beginnend schon damit, dass Hausmeister Mickey versucht, bereits vor ihrem Eindringen in sein Refugium die Tür zuzudrücken, er teilt sie in ein Dreieck, zwei Pärchen und zwei Einzelgänger, die kaum einen Anflug davon zeigen, sich miteinander arrangieren zu können oder nur zu wollen. Vormachtsstellungen werden nicht akzeptiert, Diskussionen werden hitzig geführt und enden in Streit und Schreierei, Interessen und Beistand knüpfen sich überhaupt nur da aneinander, wo ein Stück übrig gebliebener Vernunft sich irgendwie einen Weg heraus zu bahnen wagt, um nicht alles über sich oder einen der anderen ergehen zu lassen.

Bestie Mensch schlägt also voll zu und trotz dessen, dass einige sie erst gar nicht in den Keller mitgebracht haben, ist Gens natürlich immer noch genügend Spielraum geboten, um Sitte und Anstand verfallen zu lassen. Mehrere Ereignisse in The Divide knacken die Schalen der Menschlichkeit bei einer genügenden Anzahl der Figuren auf, um die wenigen Vernünftigen den Neid auf die Toten zu lehren. Nach dem Eindringen des Soldatentrupps in den Bunker bleiben zwei Leichen zurück, die zu verwesen beginnen und der aufrührerische Josh versucht mit einem der Strahlenschutzanzüge heraus zu finden, was draußen vorgeht, entdeckt ein Labor und die im Zuge von Experimenten scheinbar getötete kleine Wendi. Deren Mutter Marilyn fällt dem Wahnsinn ebenso anheim, wie der Josh hörige Bobby, der mit einer Axt die unerträglich stinkenden Leichen entsorgt und Josh selbst, der bei seiner Erkundung eine Strahlendosis abbekommen hat und zusehends zerfällt. Der verwundete Adrian, der sensible Anwalt Sam und seine Freundin Eva versuchen, die Menschlichkeit irgendwie aufrecht zu erhalten, während Josh, Bobby und die paralysierte und sich in der Trauer um ihre Tochter in sexuelle Unterwerfung flüchtende Marilyn mehr und mehr alle Grenzen überschreiten.

The Divide ist hart, abstoßend und widerlich, eines aber ist er nicht: differenziert. Die Entwicklung der Figuren von Überlebenden zu derangierten Fratzen der Entmenschlichung wird von Frontière(s)-Macher Xavier Gens und dem Autoren-Duo Karl Mueller und Eron Sheean zwar einerseits mit erbarmungsloser Härte durchgezogen und in teils schwer verstörende Szenen gepackt, andererseits aber ist The Divide darin wenig clever, wenig im Zwischenton ausgespielt, sondern mehr mit der Trommel eingehämmert und in seiner extrem reduzierten Figurenzeichnung an einige wenige Kerncharakteristika geknüpft, die einfach in ihr extremes Gegenteil verkehrt oder auf eine widerwärtige Spitze getrieben werden. Wenn sich letztlich ausnahmslos jede Figur dorthin entwickelt, wo man sie bereits nach wenigen Minuten Film zum Ende hin vor sich sieht, dann sind selbst die schockierendsten Momente eben kein generisches Abbild zerbrechender Gesellschafts- und Gruppenstrukturen, keine magenverschnürende Sezierung psychologischer Prozesse im Angesicht von Stress, Trauer, Wut und Ängsten – es ist einfach nur die matte, degoutante, verabscheuungswürdige Aneinanderkettung einer klar herauszulesenden Drehbuchlogistik. Push das Weichei to the limits und es wird sich unerwartet heftig wehren, lass den lockeren Typen es sich zutrauen, eine Leiche zu zerhacken und er wird danach komplett durchdrehen, gib der Frau eine harte Vergangenheit und als einzige wird sie Zukunft haben, usw.

The Divide metaphorisiert, paraphrasiert und allegorisiert seine schockierenden Ereignisse auch immer wieder zu Zerrbildnissen jüngerer US-amerikanischer Geschichte und Volkes Gefühlslage. Der wutzuckende Mickey vermutet hinter dem vernichtenden Atomanschlag immer wieder islamistischen Terror, er selbst ist ein 9/11-Traumatisierter, dessen Stimme niemand hören will und dessen Tragik auch dann niemanden interessiert, als er auf Fotos mit Frau und Kind zu sehen ist, während Josh und Bobby im Angesicht des Grauens jedes Gewissen verlieren, reuelos und mit brutaler Lust zu foltern, zu erniedrigen, sexuell zu dominieren beginnen und nicht erst, als sie sich symbolisch die Schädel kahl rasieren, vom Film zu einer Art Vertreter der Generation „jung, labil, Soldat“ erklärt werden, die im Bunker quasi einige der unfassbaren Kriegsverbrechen nachspielen, die von US-Truppen seit 2001 begangen wurden (der Abu-Ghuraib-Folterskandal etc.). Martialisch wird zum Beispiel außerdem ein Zeitungsschnipsel mit Ex-Präsident George W. Bush und seinem Ruf nach Vergeltung ins Bild gerückt und auch im Luftschutzkeller bleibt kein Platz mehr für Kompromisse und Verhandlungen, nichtmal unbedingt das Gesetz des Stärkeren gilt – sondern die Hand dessen, der sich am weitesten zu entmenschlichen bereit ist.

Letztlich verpufft so viel Bedeutungsträchtigkeit aber dahinter, dass The Divide einen Teil seiner Figuren zu grotesken Freaks hochjazzt und der andere Teil farblos egal bleibt, was in dieser Kombination zu keinem Ergebnis führt, das auch nur halb so weit mitreißen könnte, wie es das sollte und müsste, um den wirklich umnagelnden Apokalypsen-Horror-Thriller zu bieten, der The Divide sein will. Der Film besäße einige sich verflucht tief einbohrende Szenen, wenn es denen nur gelingen täte, die Worte und Seiten des Scripts vergessen zu machen, mit denen sie konstruiert wurden. Ein wenig mehr Hintergrund für die Charaktere, ein weniger schematisch ablaufender und an einigen Stellen subtilerer und (blödes Wort angesichts des Settings, aber sei’s drum:) überraschenderer Einfall und Ausbruch des Irrsinns und dessen Manifestierungen… The Divide hätte so eine Hirnkralle werden können, die einen über Tage nicht mehr loslässt. Was auch die Leistungen der Schauspieler hergegeben hätten. Ob Michael Biehn, Milo Ventimiglia, Michael Eklund oder Rosanna Arquette, die gehen wahrlich bis ans körperlich und seelisch Äußerste, um dieses Fallout-geschädigte Sammelsurium des eskalierenden Wahnsinns und der Phrenesie glaubhaft ihrer Unweigerlichkeit entgegen zu treiben. Auch den übrigen Darstellern Lauren German, Courtney B. Vance, Iván González und Ashton Holmes ist diesbezüglich nichts vorzuwerfen, nur nützt halt die beste und hingebungsvoll-entrückende Schauspielleistung nichts, wenn die Figuren bei aller emotional sickness und mental illness derart planbar bleiben.

Der Schlussakt lässt schließlich alle Anspannung und alles an Grauen erlebte in eine Erruption der Gewalt münden, ist in seiner Auflösung, wer sich gegen wen richtet, so alphabetär, wie in seiner Intensität dadurch abgemildert, dass der Film mit recht unpassenden Kamerakaspereien anfängt, die sich in der sonstigen, nur selten auf solche Weise unterbrochenen Unter- und auf’s wesentliche gerichteten Stilisierung und Dreckigkeit von The Divide nicht richtig anfühlen. Irgendwelche Guy Ritchie- oder David Fincher-Panic Room-Gedächtnismätzchen hätt’s nicht gebraucht. Besser macht’s Jean-Pierre Taiebs Musik, die trotz wiederkehrender Themen mehr Charakter als einige der Figuren ausweist, nicht bloß Horror- und Psychosenklänge runterrezitiert, sondern in vielen Momenten das pure Gefühl der Verzweiflung heraushebt und es als solches stehen lässt, ohne es gleich in wie auch immer ge- oder entartete Form der (Un)Tat zu übersetzen, wie der Film es ansonsten tut. Ein bißchen öfter in diese leisere Richtung gedacht, ein bißchen mehr an Persönlichkeit und Empfindung für die Figuren aufgebaut und sich nicht bloß darauf verlassen, dass Menschenverächter und Zyniker das schon in ihrer »ja ja, wir Menschen, schlimm, schlimm…«-Haltung abnicken – The Divide hätte einen nächtelang verfolgen können. Tut es so aber nur bis zum nächsten Morgen und dem Ende dieser Kritik, das hiermit dann auch erreicht wäre.

Wertung & Fazit

Action: 1/5

Zu Anfang gleich DIE Ultraexplosion, danach mit ein paar Schießereien/Kloppereien, aber was gern psychologischer Horror wäre setzt natürlich zu Recht nicht zu oberst auf Action in derartigem Sinne.

Spannung: 2/5

Hier macht sich am schärfsten bemerkbar, dass die Figuren nicht detailliert genug sind und einem zu egal bleiben, um trotz aller Härte mitzufiebern. Für ausnahmslos jeden Charakter im Ausgang vorhersehbar, das Mysterium um die experimentierenden Soldaten bleibt zudem Randerscheinung und wartet auch nach dem Film auf seine Auflösung…

Anspruch: 1.5/5

Natürlich bemüht, radikale menschliche Verhaltensweisen und psychische Verwahrlosung und Verrohung in Extremsituationen zu zeigen – aber eben auch konstruiert und nie so richtig aus der Drehbuchseite heraus wachsend.

Humor: 0/5

Kein Kriterium.

Darsteller: 4.5/5

Anfangs herrscht noch viel Hysterie und Geschreie und vielleicht gar ein Hang zum Overacten, trotzdem gebührt den Darstellern jederzeit und besonders im Fortlauf der Handlung Respekt für ihre Opferbereitschaft und Leistung.

Regie: 2/5

Allzu schematisch strickt Gens seinen Schal nach vorhersehbaren Mustern, fängt die beklemmende Atmosphäre aber auch überwiegend erdrückend präzise ein, allerdings ohne damit die Hemmung der mäßigen Charakterzeichnung aufbrechen zu können. Ein paar überflüssige visuelle Spielereien, hier und da.

Film: 4/10

Müsste eigentlich ein Film sein, nach dem man erstmal Hasen streicheln, Blumen pflücken und Schokolade essen sollte, um die Seele zu beruhigen. Bei aller Härte und Abscheulichkeit aber zu schwachbrüstig bei seinen Figuren, um so richtig unverdaulich im Magen zu liegen.

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7 Kommentare

  1. Witzig! Ich habe mir den Film gestern auch angeschaut, gehe aber in meiner (noch zu schreibenden) Kritik weniger hart ins Gericht als du. Vielleicht liegt das daran, dass ich durch “Frontier(s)” vorgewarnt war (hast du den gesehen?), dass Subtilität nicht unbedingt Gens’ Stärke ist. Der Mann haut eher mit dem Hammer drauf!

    Von daher muss ich sagen, dass mir der Film wesentlich besser gefallen hat als dir. Nach so einigen Filmen, in denen Menschen nach irgendwelchen Katastrophen irgendwo eingesperrt sind, muss ich sagen, dass mir “The Divide” sogar recht gut gefiel. Endlich mal so ein klein wenig Psychoterror. Gut, es ist tatsächlich schon anfangs recht deutlich, wer hier wie ausrasten könnte. Aber das hat mich jetzt nicht weiter gestört.

    Ein wenig mehr hätte dann tatsächlich sein können, weniger 9/11-Gesülze auch… aber wahrscheinlich war das Pflicht, damit wohlwollende Kritiker da noch etwas rein interpretieren können 😉

    Der Film bleibt zwar tatsächlich nicht lange im Gedächtnis, aber ich finde das okay. Man muss ja nicht zu viel über die Bestie Mensch nachdenken 😉

    1. Nee, hab “Frontier(s)” nicht gesehen, bezweifle aber, dass der mir geholfen hätte, “The Divide” anders oder sogar besser zu sehen. Der Logik nach müsste ein Regisseur ja ohne jede Weiterentwicklung mit jedem weiteren schlechten Film trotzdem besser ankommen, weil man seine Fehler und Versäumnisse oder stilistischen Mängel gewöhnt ist bzw. man sie erwartet 😉

    2. Naja, so war das ja jetzt auch nicht gemeint! 😉 ICh wollte damit nur sagen, dass Gens halt seinen eigenen stil hat und der ist halt eher “Hau-drauf”. Unter einem anderen REgisseur hätte “The Divide” sicherlich tiefgründiger sein können, aber Gens macht daraus halt seinen Film. Und wenn man ihn als Regisseur kennt, dann findet man ihn auch darin wieder.

    3. Keine Sorge don, hab schon verstanden, wie du das gemeint hast, aber manchmal muss man sich halt mit Blödkram aus einer Diskussion rausquatschen, vor allem bei den aktuellen Temperaturen 😉

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