Review: THE EXPENDABLES 2

Wirklich viele Argumente, um seinen Titel zu widerlegen, lieferte The Expendables vor genau zwei Jahren nicht. Regisseur/Autor/Hauptdarsteller Sylvester Stallone positionierte ein halbes Dutzend Actionstars neben sich, überließ aber einzig dem derzeit angesagtesten, dem cranken Transporter Jason Statham, mehr als zehn Minuten Leinwandzeit neben sich und juckelte ansonsten durch einen als Überactioner versprochenen Lahmling, der mehr plätscherte als pulverte und erst zum halbstündigen Showdown aus der Alters(und OP-)starre erwachte, die Stallones Gesicht mimisch gefangen hält. Entgegen allen Erwartungen an das fette 80ies-Kracherrevival gerieten die Expendables, nun ja, verzichtbar halt, egal ob in der Kinofassung oder dem später nachgeschobenen, längeren und umgeschnittenen Director’s Cut. Viel Leerlauf zwischen den Krach-Wumm-Sequenzen, der Teamgedanke über weite Strecken ungenutzt (Terry Crews und Randy Couture verschwinden zwischendurch komplett), doofe, aber nie erinnerungswürdige Dialoge – reichlich Luft nach oben also, um mit dem Sequel alles besser zu machen, mit noch mehr Actionstars von damals und heute endlich die Prämisse einzulösen. Frische Mitglieder für die Expendables, ein neuer Schurke, mit Con Air– und The Mechanic-Macher Simon West ein solider Regisseur: also los, nun aber her mit der ultimativen Actionsause, mit der Mama und dem Papa aller Krawallfilme!

Story

Nach einem explosiv-erfolgreichen Job in Nepal erwartet die Expendables zurück in der Heimat ein alles andere als gern gesehener alter Bekannter: der zwielichtige Bundesagent Mr. Church fordert von Barney Ross und seinen Mannen die Begleichung einer Schuld ein, die die Söldner bei ihrem vernichtenden Einsatz auf der Insel Vilena angehäuft haben. Der Zwangsauftrag führt die Truppe gemeinsam mit der Technikexpertin Maggie Chan ins tiefste Albanien, wo der hochbrisante Inhalt eines Safes aus einem abgestürzten Flugzeug geborgen werden soll. Was für die erfahrenen Expendables zunächst wie ein Spaziergang aussieht gerät zur knallharten Bewährungsprobe, als sie an den Söldnerführer und Waffenschieber Jean Vilain geraten. Der nimmt Ross und seinen Jungs nicht nur die sichergestellte Beute ab, sondern tötet zudem einen der ihren. Doch natürlich hat Vilain sich mit den Falschen angelegt, denn auf ihrem Vergeltungsfeldzug kennen die Expendables nun kein Erbarmen mehr…

Der Film



Klingt der „Story“ des ersten Teils gar nicht unähnlich, dort eine militärisch-diktatorisch besetzte Insel, hier ein geknechteter Landstrich in Südosteuropa, gewürzt mit einer Idee von »This time it’s personal« – doch egal, wo da Ähnlichkeiten sind, es gibt keinen Vergleich zwischen beiden Filmen, den das Sequel nicht für sich entscheidet. The Expendables war vor zwei Jahren die Made, die sich am Speck ihrer Versprechungen und am Ruf der Actionikonen labte, sich aber nicht daran satt fraß, sondern sich selbstzufrieden und schwerfällig darin herum wälzte. The Expendables 2 nun IST der Speck, ein riesiges saftiges Stück mit dickem Fettrand. Oder, um mal von blumigen Metaphern wegzukommen: oh my 80ies movie gods of sheer awesomeness, ist dieser Film geil! Was für eine Granate! Was für ein fleischiges, blutiges, unaufhaltsam vorwärts trümmerndes, ironisches Stück Überactionkino! Alles, was der Vorgänger bot (das halbstündige Showdown-Highlight inbegriffen) ist ’ne gewöhnliche Stulle mit Wurst und Käse im Vergleich zu dem orgiastischen Buffet, das The Expendables 2 allein in seiner Pre Title-Sequenz ausrollt. Die Jungs um Sylvester Stallone und Jason Statham zu Lande, zu Wasser und in der Luft, die dicksten Kanonen killen die gesichtslosesten Gegner, Terry Crews ist mit seiner super sick Shotgun zurück, Jet Li kickt ass wie zu besten Zeiten, Dolph Lundgren raunzt sich durch das Szenario… Just great! Reinstes Actionvergnügem auf höchstem Level.

Und längst nicht so trügerisch wie im Vorgänger, der ja auch nicht gerade mit einer Kaffee- und Teerunde eröffnete, danach aber das Team voneinander trennte und in eine laaaaange Phase der Nichtigkeit zurücklehnte, als bräuchten die altgedienten Recken erstmal Zeit zum Durchschnaufen, zum Eisbad und zur Rheumasalbe. Sowas gibt’s in The Expendables 2 nicht. Zwar lässt auch der es nicht fortwährend dermaßen krachen und rummsen wie in der ersten Viertelstunde, aber hier ist viel mehr Zug im Geschehen. Die Expendables sind diesmal wirklich ein Team, ein mit Schießpulver gepuderter und in Blut, Schweiß und Öl gebadeter verschworener Haufen, der sich seit unzähligen Jahren und Einsätzen gemeinsam durch Gegnerhordern metzelt. Das Teamwork sitzt, die Sprüche zünden, anders als im Vorgänger treffen hier nicht bloß ein paar einander unbekannte und nicht miteinander aufgewärmte Schauspieler Schrägstrich Ex-(Kampf)Sportler aufeinander, die dahocken und sich hohle Sprüche über und um die Ohren improvisieren, nein: diese Expendables sind, was sie vorgeben zu sein, ein gut aufeinander abgestimmter brockenharter Haufen Kerle, einander schätzend und schützend, ein Kriegsrudel in Formation, das sich nicht ständig voneinander abspaltet und in Kleinstgruppe um Mittelpunkt Sylvester Stallone herum schwirrt, sondern fast den gesamten Film im gemeinsamen Einsatzmodus bestreitet. Keine Tattoositzungen bei Stechmeister Tool, kein ausschweifendes Geblubber mehr über verlorene Seelen und schwarze Herzen, kein »where the fuck are Crews and Couture?!«, keine Nebenplots um basketballspielende Freundinnenverprügler, DAS HIER sind die Expendables!



Der etwas ruhigere Part nach dem (I know, I’m repeating myself) urgewaltigen Opener geht an eine neue Beziehung innerhalb der Gruppe. Jüngstes Mitglied der Verzichtbaren ist der Scharfschütze Billy „The Kid“’ Timmons, ein desillusionierter Afghanistan-Veteran, von Barney Ross unter seine adernübersähten Fittiche genommen, gespielt von Thors Bruder Liam Hemsworth. Der stellt mit seinem Sniper-Gewehr nicht nur eine starke Ergänzung des Expendarsenals dar, sondern trägt so ein paar Meter weit das Thema des vom Land und seinen Kriegen enttäuschten modernen Soldaten in den Film, einer der sein Inneres noch nicht vollständig mit Kälte und Zynismus ausgestopft hat, wie sein Mentor Ross und dessen Söldnertruppe es getan hat. Billy ist noch kein abgestumpfter Haudegen, er ist nicht weniger Profi, in seiner jugendlichen Agilität den gebrechlichen Altherren sogar deutlich voraus, in ihm gärt allerdings ungleich stärker dieser typische soldatische Wunsch des nach Hause kommens, die Aussicht auf ein Leben jenseits des Tötens, mit einer liebenden Frau an seiner Seite. Billy fällt in The Expendables 2 eine enorm wichtige Rolle zu, ein motivatorischer Auslöser, der dem ersten Teil ebenfalls beinahe vollständig gefehlt hat, beziehungswiese da über eine Moralrede des hier absenten Mickey Rourke eingeleitet werden musste, und Hemsworth sorgt dafür, dass diese Funktion aufgeht.

The Expendables 2 löst JEDES Versprechen ein, das der Vorgänger nicht einhielt, die Action, die Sprüche, die (sehr ausgedehnten) Cameos, alles wird besser platziert, die Gastauftritte werden in einer Art zelebriert, wie sie den alten Recken gebührt: Schwarzeneggers erste Szene, Van Dammes erster Auftritt im Nebel und dann der Chuckster himself, the living Roundhouse-Kick, der Vollbart des Actionkinos – Chuck Norris. Ohne zuviel zu verraten: Norris‘ Auftauchen in The Expendables 2, unterlegt mit Ennio Morricones Il buono, il brutto, il cattivo-Theme, ist die Soße zum Fleisch, die geschmackliche Abrundung, an Selbstironie nicht zu toppen, ein Jubelsturmauslöser im Kinosaal, die Krönung innerhalb dieses majestätisch-brachialen Eventfilms, der einfach ein Fest für jeden ist, der auch nur ein Bruchstück seiner (Film)Vergangenheit mit den glorreichen Actionfilmen der 1980er Jahre und ihren Stars, ihren Rambos und Terminators, ihren McClanes und Braddocks, ihren City Cobras und Karate Tigern verbindet. Das einzige, was nicht volle Granate einschlägt, ist der Schurke. Das nicht deshalb, weil die muscles from brussels Jean-Claude Van Damme den selbigen nicht überzeugend liefern könnten – genau das Gegenteil ist der Fall: Van Dammes Dauersonnenbrillenträger Jean Vilain(=Villain. Herrlich :D) ist larger than life-Attitüde pur, nur sind die Auftritte des Spagatkünstlers viel zu selten; der nach Vorbild des Vorgängers zu erwartende Extended Cut MUSS da (neben dem Auftritt des serbischen Tennisprofis Novak Djokovic) unbedingt mehr JCVD bieten.



♫I Just Want To Celebrate♫ dröhnt die Detroiter Rockband Rare Earth während des Abspanns und sprechen’s damit aus: einen abfeierungswürdigeren Film als The Expendables 2 kann es für Actionfans und Anhänger der sprücheklopfenden, waffen- und muskelstarrenden 80er-Ikonen gar nicht geben. Das Sequel toppt den Vorgänger wo es nur kann, das ist begeisterndes Bombastogasmuskino, wie es sein muss und mit Simon West hat sich sicher kein überragend versierter Regisseur gefunden, sehr wohl aber einer, der die Prämisse dieser Orgie in Blei, Blut und Explosionen voll begriffen hat. Der Film entfesselt einen Wirbelsturm denkwürdiger Actionmomente (Schwarzengger, Stallone und Willis Seite an Seite mit knatternden Wummen gegen eine läppische Übermacht an Schurken, OH MY GOOOOODNESS!), entfesselt ein zynisch-augenzwinkerndes Höllenchaos aus selbstreflexiven Sprüchen, Neckereien, signature moves (fuck it, wie geht denn bitte Jason Statham ab!?!) und gewohnt ultrabrutalen Dauerkills (was sollte denn eigentlich dieses Pussygetue rund um’s Rating?). Jeder bekommt seine Szene, seinen Moment, und obwohl die Charaktere nach wie vor mehr vom Image derer leben, von denen sie gespielt werden, wirkt The Expendables 2 viel runder, ausüberlegter und nicht einfach nur wie einen neben den anderen gestellt. Genau dieses Spektakulum hat man sehen wollen, DAS ist die Welt der Verzichtbaren, die keine überflüssigen Storyversuche unternimmt, sondern lediglich einen Teller hinstellt, auf dem schnörkellos angerichtet wird, was dieser Film und diese Truppe hör- und sehnervbetäubender Vorruheständler an Megakrawall zu bieten hat. Herrlich. Ein Film zum Schwärmen.

Wertung & Fazit

Action: 5/5
Fünf Punkte sind noch zu wenig, allein der Opener verdient das Doppelte. Fette Explosionen, heftiges Geballer, toll choreographierte Fights, ein brutalst-geiler Showdown – Oberklasse.
Spannung: 3/5
Viel mehr Zug drin, als noch im hüftsteifen Vorgänger. Nicht spannend im Sinne von »oh, wie wird das wohl ausgehen?«, sondern eher wegen des ständigen »whhhoooha, was und wer kommt als nächstes?!?«.
Anspruch: 0/5
Ganz ehrlich, der Film hat Stallone, Schwarzenegger, Willis, Norris – was soll der also mit Anspruch?
Humor: 3,5/5
Es sitzt zwar immer noch nicht jeder Spruch, aber: Selbstironie to the edge, herrliches Spiel mit Images und Klischees und in all seiner testosterongetränkten Übertreibung ein Funactioner alter Schule.
Darsteller: 4,5/5
And the Oscar goes to… none of them. Aber wer braucht schon goldene Statuen, wenn man selbst so sehr Ikone ist und das diesmal so wunderbar in every way auf die Leinwand bekommt?
Regie: 4/5
Simon West lässt sich voll auf das Konzept ein und schöpft es bedeutend weiter aus, als Stallone beim Vorgänger. Sauber gefilmte Action, nahezu perfektes Tempo.
Fazit: 9/10
Kein Zwiespalt, kein Hirn an/Hirn aus-Nonsens diesmal, sondern klare Ansage: The Expendables 2 ist ein Brett. Genau das, was der Vorgänger schon hätte sein sollen. Action ohne lange Pausen, herrlichst selbstironisch, sich immer wieder an sich selbst und seinen Actionikonen ergötzend und diese Begeisterung direkt ins Publikum tragend. Bester Actionfilm 2012.

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4 Kommentare

  1. Bin scheinbar einer der wenigen, die den ersten Teil mehr mochten. Den fand ich viel mehr Brett als das hier, die ganzen Norris-, Willis- und vor allem Arnie-Paradien wollten nicht so recht zünden, die beiden Endkämpfe enttäuschten. Das Opening war nett, der Dresscode der Expendables, aber am Ende fand ich Teil 1 weitaus runder und homogener.

    1. Na das war ja klar… ;D
      Mir hat dieser (selbst)parodistische Ansatz im ersten Teil viel zu sehr gefehlt. Klar, “ironischer Bruch” konnten die geistigen Brüder in den 80ern auch nicht buchstabieren, aber ich hatte ihn beim ersten Teil definitiv erwartet, quasi so als “Scream” unter den Actionern. Hab mir vorgestern Teil 1 nochmal im Director’s Cut angesehen und fand den zwischendurch einfach wahnsinnig lahmarschig und das Team als solches eben viel zu selten präsent. Das ist hier alles anders und nach meinem Empfinden somit besser.

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