Review: THE GREY

THE GREY Filmkritik
KLICKEN ►mehr zum Film

Vergleicht man Regisseure mit Bürobedarf (Lynch die Software, die keiner versteht, Russ Meyer der Tittenstrahldrucker, Paul W. S. Anderson der vollgestopfte Mülleimer) dann wäre der kalifornische Writer/Director Joe Carnahan auf den ersten Blick ein Kopierer. Guy Ritchie debütierte 1998 mit dem schwarzhumorigen Gangster-Thriller Lock, Stock & Two Smoking Barrels, Carnahan mit einer schwarzhumorigen Actionkomödie namens Blood, Guts, Bullets and Octane. Mit dem Thriller Narc machte Carnahan im dirty cop-Genre weiter, einer Filmgattung, die alles von vorwärts nach rückwärts und zurück bereits erzählt hat. Dann, nachdem künstlerische Differenzen mit Tom Cruise ein Mitwirken an Mission: Impossible III verhindert hatten, folgte Smokin’ Aces, auf Kult getrimmte Gewalt-Actionkomödie, bei der jeder sofort »Tarantino!« schrie. Und schließlich nahm sich Carnahan dem A-Team an, einer misslungenen und gefloppten Serienadaption. Das klingt nun tatsächlich alles nicht origineller, als das Resultat eines Kopierers. Aber: Carnahan ist Unrecht getan, wenn man ihn auf vorhandene oder aufoktroyierte Vorbilder beschränkt, die sich da aus zufälliger Titelähnlichkeit, Genreausgelutschheit, Zutatengleichheit und Hollywood’schem Ideenrecycling ergeben. Carnahan besitzt Sinn für eine unique, dreckig-düstere Bildsprache, die Narc zu seinem stärksten Film machte – zumindest bis The Grey kam, ein psychologischer Survival Thriller, Mensch gegen Natur, auch thematisch nix Neues, aber sauspannend, defätistisch und brettmosphärisch.

Story

Inmitten der unwirtlichen, verschneiten Weiten Alaskas bereiten die Arbeiter einer Ölgesellschaft ihren Heimflug nach einer wochenlangen Schicht vor. Unter ihnen ist der schweigsame Ottway, dessen Job es ist, mit einem Scharfschützengewehr die Kollegen vor den Angriffen von Wölfen zu schützen. Am letzten Abend legt der deprimierte Jäger den Lauf der Waffe in seinen Mund, findet in seiner Existenz keinen Sinn mehr, seit er von seiner Frau verlassen wurde. Doch Ottway entscheidet sich schließlich doch für den Weg zurück in die Heimat – der allerdings jäh unterbrochen wird. Mitten in der Wildnis legt die Maschine eine Bruchlandung hin, nur sieben der Arbeiter überleben, um sich sogleich einem noch unerbittlicheren Feind gegenüber zu sehen: der Natur. Und nicht nur die Eiseskälte macht den Männern zu schaffen, vielmehr ahnt Ottway nach einer ersten Begegnung, dass sie inmitten des Reviers eines Wolfsrudels abgestürzt sind. Als die Tiere in der Nacht ein erstes Opfer fordern übernimmt Ottway die Führung der Gruppe und versucht sie aus dem Gebiet der Wölfe Richtung Süden zu leiten. Ein Hoffen auf Rettung scheint jedoch ebenso aussichtslos, wie eine Flucht vor dem Rudel, das die Gruppe Mann für Mann zu dezimieren beginnt…

Der Film

»Once more into the fray…
Into the last good fight I’ll ever know.
Live and die on this day…
Live and die on this day…«

The Grey schafft eine ähnlich eng geschnürte Athmophäre, wie einst Ridley Scotts Ur-Alien, John McTiernans Predator oder, vom schnee’igen Setting her noch ein bißchen näher liegend, Carpenters The Thing. Natürlich alles Science Fiction-Horror/Thriller, dem Prinzip und der Umsetzung von Carnahans fünftem Spielfilm, dem die Fiction näher steht als die Science, aber nahe. Um mal eine der berühmtesten Star Trek-Lehren auf eine narrative Ebene umzumünzen: the needs of the plot outweigh the needs of the logic. Die Wölfe in The Grey, Ottways vage Erklärungen ihrer Verhaltensmuster beim Austesten und der Jagd auf die Gruppe, das ist nicht Tierdoku, sondern reinrassiger und von einer Filmdramaturgie und weniger von den Regeln der Natur diktierter Creature Horror, die Bedrohung der Bestien wird so und da eingesetzt, wie und wo der Film sie braucht, um ein möglichst effektives, aussichtsloses Schreckens- und Spannungsbild vom Kampf der Männer gegen das Rudel reißender Kiefer zu zeichnen – eben ganz ähnlich, wie es die genannten Filme mit ihren extraterrestrischen Metzelkillern taten.



Wo der Schrecken des Viechs für gewöhnlich als trashig-ironische Goregranate (Piranha 3D) oder ranzige Billiggurke mit Tricktechnikmurks (Mega Python vs. Gatoroid, etc.) umgesetzt wird ist Carnahan aber nicht bloß oder überhaupt nur an blutigem Gekröse gelegen; der Überlebenskampf seiner Protagonisten ist kein reiner Fleischtransport ins human slaughterhouse Alaskas, die Wölfe sind nicht der eigentliche Star des Films, ihre Auftritte nicht dessen gröhlend abgefeierter Höhepunkt. The Grey ist ein fieser Film, der weiß, wie er eine Urangst so zu inszenieren hat, dass man die nächste Attacke fürchtet, statt sie als Highlight mit Trinkspiel zu zelebrieren. Die ersten beiden Nächte, die die Absturzopfer zunächst beim Wrack ihres Flugzeugs, dann im vermeintlichen Schutz der Wälder verbringen, nähren keine Wünsche nach Blut und Wolfsaction, sondern nach genau dem, was auch die ausgelieferten Ölbohrarbeiter herbeisehnen: Tageslicht. Da sind ein paar ungemein berstige Szenen und Momente, in denen die Suspensekurve brutal steil geht, etwa als Ottway nahe des Wracks eine Stewardess entdeckt, die nur auf den ersten Blick überlebt hat, oder als die Wölfe die bereits dezimierte Gruppe in den Wäldern einkesseln und ihr Heulen von allen Seiten wie die Vorahnung eines bestialischen Todes hereinbricht. Bis zum angeekelten Abwenden ausgereizt auch die Szene, in der Diaz, das herablassende Arschloch unter den Männern, rupfend und reißend und sägend einem erlegten Wolf zum Machtbeweis gegenüber dem Rudel den Schädel abtrennt. Bbbbwwaarrr!

Licht aus, Wolf an ist aber ebenfalls nicht alles, was The Grey liefert: die wenig glorreichen sieben Überlebenden bedienen sich in ihrer Rollenanlegung zwar ausgiebig im Klischeekatalog, für Liam Neeson könnte der Film glatt der Prolog seines Charakters aus Batman Begins sein, und doch schält Carnahan aus jedem im Laufe der Zeit und im Angesicht der hoffnungslosen Unterlegenheit gegenüber den Kräften der Natur eine Emotion heraus, die die Grenzen reiner Stichwortfiguren durchbricht. Diese Männer nehmen in ihrer zusammengezwungenen Gemeinschaft einfach ohnehin gewisse Rollenbilder ein, ob sie nun an einem der abgelegensten Orte der Welt miteinander arbeiten, oder irgendwie zu überstehen versuchen, was ihnen in freier Wildbahn aufgelastet wird, und dennoch macht Carnahan sie als Menschen begreiflich, die ein Leben jenseits dessen führen, was sie sich untereinander zu sein entschieden haben. Ein Leben mit Frauen und Kindern, für die sie den harten Job auf sich nehmen und in deren Arme sie sich zurück sehnen. Das ist nicht psychologisch komplex, aber man begegnet schließlich im Leben wahrscheinlich mehr „gewöhnlichen“ als „besonderen“ Menschen und die Männer in The Grey als Stereotypen abzuurteilen wäre ungerecht kurz gegriffen. Carnahan schafft es mit grundlegenden Regungen, der Gruppe das Überleben zu wünschen und umso unerbittlicher ist ihr Sterben, von ergreifend-schlicht über brutal-endgültig bis bitter-süß inszeniert er den Tod und das in den direkten Momenten nahezu meisterlich.



Dennoch schwillt der Spannungsbogen nach den ersten beiden Nächten leicht ab, das survival of the fittest-Prinzip greift dann eher auf bekannte Szenarien zurück, wie die für den Höhenangstgeplagten unüberwindliche Schlucht oder den reißenden Fluss. Die Wölfe sind zeitweise nicht mehr die primäre Bedrohung, die Anlegung der Natur an sich wird neben der allgegenwärtigen Kälte zum obersten Feind, während die Tiere einigermaßen willkürlich auftreten. Was The Grey bleibt, ist eine reue- und kompromisslose Studie über Voluntarismus vs. Fatalismus, den unbedingten Willen gegen das unabänderliche Schicksal. Mit einem Liam Neeson, der wohl in keinem seiner nach dem Tod seiner Frau Natasha Richardson im Jahr 2009 fast im Monatsrhythmus erschienenen Filme näher an einer persönlichen Trauerbewältigung gespielt hat und der zwischen den ganzen wuchtbrummenden Effektspektakeln wie Wrath of the Titans oder Battleship eine beeindruckende Performance abruft. Die Tierschutzorganisationen PETA und WildEarth Guardians waren mit The Gray naturgemäß nicht so einverstanden, aber auch ihre punktuell nichtmal unnachvollziehbaren Proteste gegen die Darstellung des Canis lupus (wenngleich deren gezeigte blutrünstige Monstrosität nichts Selbstzweckhaftes hat) ändern nichts daran, dass der Survival Thriller Joe Carnahans bislang bester Film ist. Nach dessen fanbegeisternder sizzle reel seiner Version des Comichelden Daredevil steht da vielleicht demnächst ein Reboot an, also wieder mal was auf den Kopierer Gelegtes – nur das hinten trotzdem ein Original mit JC-Signatur rauskommt.

Wertung & Fazit

Action: 1,5/5
Ruhige Passagen wechseln dramaturgisch gekonnt mit Spannungs- und später relativ herkömmlichen Survival-Szenarien.
Spannung: 4/5
In den Nächten geradezu erdrückend spannend, tagsüber etwas weniger, da genereller in seinen Suspensemomenten.
Anspruch: 3/5
The eternal struggle for survival: der Mensch gegen die Natur als Studie über Willen und Aufgabe.
Humor: 0/5
Kein Kriterium.
Darsteller: 4/5
Neben dem alles beherrschenden Liam Neeson wird die Luft dünn, dennoch setzt der Film auf Schauspieler, nicht bloß lückenbüßende Abschlachtware.
Regie: 4/5
Nach der Blockbusterschlappe mit The A-Team zieht’s Carnahan erfolgreich und höchst überzeugend zurück in abgründigere Gefilde. Tolle Bilder und bekannte Versatzstücke des Survival Thrills enorm wirkungsvoll umgesetzt.
Fazit: 8/10
Fieser Survival Thriller und zwar nicht allzu komplex ausgehandelte, aber erfreulich düstere und pessimistische Studie über des Menschen ew’gen Kampf mit der Schwäche seines unspezialisierten Wesens.

Mehr zum Film

IMDb Link moviepilot Link

Liken/Teilen

6 Kommentare

  1. Ich fand ihn auch großartig! Aber das ist auch nicht schwer, ich liebe ja Filme mit eisigem Setting. Außerdem hat The Grey den realistischsten Flugzeugabsturz, den ich je in einem Film gesehen habe, und dass wir ihn uns damals in einem eiskalt temperierten Kino angesehen haben, trug auch maßgeblich zur Atmosphäre bei 😀

    1. Uhhh, böse, ich bin ja ‘ne Pussy bei solchen Filmen und war drum froh, den im gemütlich warmen Wohnzimmer und keinem runtergedunkelten und kalten Raum zu sehen 😉

    2. Uhhh, böse, ich bin ja ‘ne Pussy bei solchen Filmen und war drum froh,
      den im gemütlich warmen Wohnzimmer und keinem runtergedunkelten und
      kalten Raum zu sehen 😉

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.