Review: THE IDES OF MARCH

THE IDES OF MARCH Filmkritik
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Story

Der idealistische junge Kampagnenmanager Stephen Meyers ist mit dreißig Jahren bereits ein erfahrener Könner auf seinem Gebiet und arbeitet unter der Führung des erfahrenen Paul Zara für das Wahlkampfteam des demokratischen Präsidentschaftskandidaten Mike Morris. Meyers identifiziert sich voll und ganz mit dessen politischen Zielen und Ansichten und macht dies auch Tom Duffy, dem Wahlkampfmanager des anderen demokratischen Kandidaten Pullman, deutlich, als dieser ihn zu einem Treffen überredet und abzuwerben versucht. Doch von Duffy erfährt Meyers einige für sein Team ungünstige Prognosen im Duell des Gouverneurs aus Pennsylvania gegen den Senator aus Arkansas um die Wählerstimmen des emminent wichtigen Bundesstaates Ohio: es scheint, dass Morris den Kampf um den Senator Franklin Thompson und seine stattliche Anzahl Delegierter verliert und damit so gut wie sicher auch die Wahl. Während Morris auf seinen Prinzipien beharrt und Thompson kein wichtiges Amt im Gegenzug für seine Unterstützung zuzusagen bereit ist, beginnt Meyers eine Affäre mit der zwanzigjährigen Praktikantin Molly Stearns. Durch Zufall stößt er über sie auf ein Geheimnis, das seinen Glauben an Morris, all seine Ideal und letztlich den gesamten Wahlkampf erschüttert…

Der Film



Das Poster zu The Ides of March gehörte im letzten Jahr zu den besten Motiven und ist mehr als nur eine Andeutung der Story und eines der zentralen Aspekte des Films: hinter dem Mann, dessen Gesicht am Ende die Zeitungscover zieren wird, stehen andere, die ihn dorthin gebracht haben. Und wie Ryan Goslings verrutschte Krawatte im Gegensatz zu George Clooneys akkurat sitzender zeigt: hinter der glatten, einstudierten, gestellten Fassade, die das politische Geschäft nach außen trägt, verbirgt sich ein rauer Kampf um Wählergruppen, Stimmen – und nicht zuletzt die eigene Integrität. Warum das Poster eines der besten, der Film aber „nur“ ein aussichtsreicher Kandidat für das gehobene Mittelfeld des Kinojahres 2011 ist, erklärt sich allein schon darin, dass er der Vielschichtigkeit und der Aussagekraft dieses Motives ein sehr grob gemahlenes Bild politischer Ränkespiele nachstellt. Ein-Mann-Fantastic Four George Clooney bestätigt als Produzent, Autor, Regisseur und Darsteller alle seine Talente auf diesen Gebieten, an sein Meisterwerk Good Night, and Good Luck reicht The Ides of March aber in Kraft, Botschaft und Relevanz nicht heran. Angenehm zwar, dass der Film nicht hinter seinen Ambitionen zurück bleibt, schade aber, dass diese von zu selbsterklärender Natur sind.

Wie zuvor bei Confessions of a Dangerous Mind und Good Night, and Good Luck (der wenig tolle Screwball-Versuch Leatherheads bleibt mal höflich ausgeklammert) nutzt Clooney seinen Stoff nicht, um sich selbst in dessen Mittelpunkt zu inszenieren. Den Top Spot besetzt in The Ides of March der Hot Spot Ryan Gosling, der getrost »Meins!« hinter das Filmjahr 2011 schreiben darf und der mit beeindruckender darstellerischer Vielfalt zwischen RomCom (Crazy, Stupid, Love.), hartem Action-Thriller (Drive) und eben Politdrama wechselte. Aber auch neben Gosling sehen die ersten Minuten der Adaption des Theaterstückes Farragut North von Beau Willimon aus wie ein Clip mit Oscar-Nominees, wenn da nacheinander Philip Seymour Hoffman, Paul Giamatti, Marisa Tomei, Evan Rachel Wood und eben Clooney ihre ersten Szenen absolvieren. Die Charakterisierungen sind dabei so schnell und so klar gesetzt, wie Schauspieler solcher Güte das eben zulassen (und wie sie deren type casting halt auch zufallen): Hoffman gibt den abgezockt-zynischen Allwassergewaschenen, Giamatti ein verschlagenes Wiesel, Tomei die resolute »sell my body for story, if necessary«-Journalistenemanze, Wood die anziehende Praktikantinnenlolita und Clooney den großen Charismatiker voll standfester moralischer Integrität.



Die Figuren sind schnell vorgestellt und werden dann allesamt in solchem Maße variiert, wie man sich das zusammenreimen kann – entweder gar nicht oder radikal. Natürlich macht die junge labile Praktikantin aus der erzkonservativen Familie Ärger, natürlich kennt die Journalistin keine Freunde, wenn ihr die skandalträchtige Schlagzeile zuwinkt und natürlich hat der liberale Blütenweißpolitiker, der in jeder Debatte die „richtigen“ Standpunkte vertritt, doch ein paar Schandflecken unter dem Sakko. All dies und noch viel mehr tritt in Interaktion mit Ryan Gosling und seinem smarten, öffentlichkeitsgeschickten Idealisten Stephen Meyers, der, ob auf Basis eigener Fehler oder einfach der allgemeinen Geschäftsbedingungen der Politik, verraten und hintergangen und von den Machenschaften seiner Mit- und Gegenspieler korrumpiert wird, immer einen Schritt tiefer in den stinkenden Sumpf des Wahlkampfes hinabgetrieben wird – und ihm moralisch besudelt, aber vorteilsbewusst entsteigt. Im Wesentlichen zeichnet Clooney also den Weg eines weiteren guten und aufrichtigen Mannes nach, den die Politik und ihre Machenschaften menschlich nach und nach immer weiter entwerten, bis er sich (dies sei natürlich noch nicht endgültig verraten) entweder als Teil dessen akzeptiert oder dem entsagt – nothing new.

Das liest sich soweit sicher gehässiger und negativer, als es das filmische Erleben von The Ides of March ist. George Clooneys vierte Regiearbeit und sein Komplottkompott lassen auch in den Momenten härterer Wendungen den richtig pfeffernden Thrill vermissen, genau wie das wirklich schwere Gewicht hinter den Aussagen, die spürbare Fallhöhe für die Charaktere und den ganz ganz tiefen Schnitt im Leben und Handeln des Protagonisten Meyers. Der Film betreibt so ein bißchen „dirty politics for dummies“, jedem muss hier jeder Winkelzug ganz genau vorgerechnet werden, zum Beispiel in jener Szene, in der Paul Giamattis Tom Duffy den inszwischen von Clooneys Morris erschütterten Gosling über die wahren Hintergründe eines Abwerbungsangebotes aufklärt und Giamatti das überoffensichtliche nochmal und nochmal artikuliert. »We’re all just a bunch of sneaky fuckers, you know…« So, nachdem auch dieser Absatz bis jetzt wenig Gutes enthielt aber mal zum Positiven: The Ides of March ist gut und ansehenswert, nur eben nicht so unbedingt wichtig, wie er hätte sein können. Der Film ist ein Korrelat zur Betrachtungsweise Vieler bezüglich der amerikanischen Politik, im Land selbst wie außenstehend, eine edel gefilmte Bestätigung für alle, die eh längst wissen, dass Machterwerb bereits auf Senatoren- und Gouverneursebene, erst Recht aber sobald in Richtung Präsidentschaftsamt zielend über Leichen geht. Und, selbstverständlich, Praktikantinnen.



Dennoch ist George Clooney ein zu versierter Schaffer und Könner hinter der Kamera, als das The Ides of March zu einem vollumfänglich gescheiterten Film zu verschreien wäre. Den ethischen Niedergang des Kampagnenmanagers Stephen Meyers bannt Clooney in einige herausragende Einstellungen, wenn sich etwa der auf die Frontscheibe seines Autos niederprasselnde Regen furchenhaft über Goslings Gesicht legt, es verzerrt und weder der Scheibenwischer, noch Meyers gegen die Wut, die Enttäuschung und die Trauer ankommen, die ihn der Bahn entreißen. Auch mit Schattenspielen sorgt Clooney immer wieder für Atmosphäre und kann sich zum einen glücklich schätzen, was er und sein Kompagnon Grant Heslov für tolle Dialogduelle aus der Vorlage Beau Willimons destilliert haben und sich zum anderen freuen, solch großartige Schauspieler verpflichtet zu haben: wie erwähnt typ-, aber eben auch idealbesetzt holt jeder von ihnen aus vielen Szenen und dramatischen Entwicklungen mehr raus, als diese eigentlich zu bieten haben. Besonders Evan Rachel Wood handhabt die extrem undankbare, weil stigmatisierte Rolle der blutjungen seduktiven Praktikantin mit unverzichtbarer Klasse. Auch Goslings Wandel wird viel mehr vom Spiel des Kanadiers, denn von der Rollenzeichnung getragen, charming Clooney indes hat man seit From Dusk till Dawn nicht mehr so einschüchternd gesehen, obwohl sein Mike Morris letztlich zu sehr von der Behauptung seiner politischen Identität und Qualität lebt und Clooney in der reinen Quantität seiner Performance fast schon zu viel Feld an Gosling abgibt.

Wertung & Fazit

Action: 0/5
Kein Kritierium.
Spannung: 1,5/5
Die (Re)Konstruktion eines moralischen Niedergangs voller von Anfang an feststehender Knack- und Wendepunkte. Langweilig wird’s in den knapp 100 Minuten aber dennoch nicht.
Anspruch: 2/5
Nicht kompliziert, nicht tiefgründig, eher eine Halbtagspolitexkursion, an deren Ende vorgeformte und bekannte Lehren stehen.
Humor: 0,5/5
Politik ist nicht zum Lachen, höchstens zum darüber lustig machen, aber das haben George Clooney und Grant Heslov natürlich nicht im Sinn. Zu Anfang hier und da für einen leisen Lächler gut.
Darsteller: 5/5
Ein Ensemble zum Niederknien, das uneingeschränkt überzeugt.
Regie: 3,5/5
Clooney kann’s besser. Seine Inszenierung ist achtsam und straff zugleich, sein Werk aber insgesamt nicht so prägnant wie seine beste Arbeit Good Night, and Good Luck. Tolles Auge für einzelne Einstellungen.
Fazit: 7/10
The Ides of March ist exzellent gespielt und jederzeit sehenswert, aber dem Intrigenspiel um Loyalität und Verrat fehlen die richtigen Augenöffner, die großen »wait, what…?!«-Momente.

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6 Kommentare

  1. Ich sehe, das Geschäft mit den Rezensionsexemplaren floriert 😉

    Für mich ist “Good Night, and Good Luck” nicht sonderlich weit von dem hier entfernt, wobei “The Ides of March” natürlich deswegen nicht weniger medioker wird, wie du es hier zum Ausdruck bringst. Schauspielerisch ohne Tadel, die Handlung eher….meh.

    1. Stimmt, tut es 😉

      “Good Night, and Good Luck” ist bei mir ‘n glatter und uneingeschränkter 10er (wobei mal ‘ne Zweitsichtung fällig wäre), gegen den war “Ides” für mich also fast schon ‘ne kleine Enttäuschung.

  2. Ich sehe, die Ryan Gosling-Woche ist angebrochen 😉

    Ich mochte, wie man ja unschwer an meinem Punkten sehen kann, den Film sehr. Was bei mir wohl aber hauptsächlich daran liegt, dass dies einer der ersten “Politik”-Filme ist, der mich nicht vollkommen verschreckt hat. Für gewöhnlich kann ich solchen Filmen ja wirklich nichts abgewinnen. Wenn ich Politik sehen will, dann schalte ich den Fernseher ein… aber so dieser Blick hinter die Fassade war schon ganz nett. Gut, die wirklichen “Augenöffner” packt Clooney ja ganz ans Ende für gefühlte zwei Sekunden… aber mir hat’s trotzdem gefallen 😉

  3. Ich sehe den Film leicht besser als du, was in meiner Wertung schon zum Ausdruck kommt. Ich war tatsächlich von der Prägnanz der Bilder und Einstellungen überrascht, die Clooney hinzaubert. IDES OF MARCH war mein erster Clooney-Film in der Rolle des Regisseurs, daran mag dieses bessere Bild vielleicht auch liegen.
    Über allem thront natürlich der grandiose Cast. Neben Ryan Gosling gefällt mir besonders Paul Giamatti. Der kann diese schmierigen Typen einfach perfekt spielen und hat sich in den letzten Jahren so still und heimlich zu einem meiner Lieblingsdarsteller hochgeackert.

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