Review: THE KIDS ARE ALL RIGHT

THE KIDS ARE ALL RIGHT Filmkritik

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Story

Die Ärztin Nic und die angehende Landschaftsarchitektin Jules sind ein seit Jahren glücklich verheiratetes lesbisches Paar, das mit seinen Kindern in einem kalifornischen Vorort lebt. Die achtzehnjährige Joni wird das Elternhaus demnächst Richtung College verlassen, während der fünfzehnjährige Laser herausfinden möchte, wer ihr biologischer Vater ist. Nachdem Joni den Samenspender ausfindig machen konnte treffen sie sich zunächst heimlich mit dem lässigen, charmanten Paul, der ohne feste Bindungen und ganz Lebemann ein Bio-Restaurant führt. Schließlich lernen ihn jedoch auch ihre Mütter kennen und zumindest Nic ist wenig begeistert, zumal die Kinder alsbald Freundschaft mit Paul knüpfen. Als dieser zudem Jules‘ erster Auftraggeber wird, indem er sie seinen Garten gestalten lässt, beginnt es in der Beziehung der Frauen zu bröckeln…

Der Film

Was unterscheidet eigentlich eine Indie- von einer Mainstream-Produktion? Das lässt sich nicht immer, im Falle von The Kids Are All Right scheinbar aber ganz einfach beantworten. In einem hochbudgetierten Major-Streifen wird man wohl nie einem lesbischen Hauptdarstellerpärchen dabei zusehen, wie es sich, während zur Luststeigerung ein Gay Porno läuft, oral und mit Vibrator befriedigt. Selbst wenn das nur unter der Bettdecke stattfindet. So einfach kann das sein. Aber ist nun Lisa Cholodenkos Film einer dieser Vertreter, die sich was total randgruppiges suchen und dann johlen »Look at me, I’m so different, my main actresses play lesbians, LESBIANS!«? Nein, The Kids Are All Right ist kein so auf »different« gebürsteter und damit verkrampft offensichtlicher Film. »natürlich«, »warmherzig«, »echt«, »wunderbar« sind Schlagwörter, die sich in verschiedenen Kritiken wiederfinden und damit ist’s ziemlich gut beschrieben.



The Kids Are All Right zielt nicht darauf, einen Blick auf DAS lesbische Lebensgefühl zu werfen, Cholodenko und Co-Autor Stuart Blumberg wollen keinem konservativen Heterosexuellen die Vorzüge gleichgeschlechtlicher Liebe näher bringen und unternehmen schon gar keine Rechtfertigungs- oder gar Entschuldigungsversuche. Das Thema der lesbischen Mütter wird im Prinzip überhaupt nicht darüberhinaus vergegenständlicht, als dass es einfach als natürlich gezeigt wird. Nic und Jules sind ein über lange Jahre gefestigtes Paar, ihre Kinder Joni und Laser von keinerlei Entbehrung durch die Abwesenheit einer männlichen Hand im Haushalt betroffen; das sind ebensowenig die Themen von The Kids Are All Right, wie es das Ausstellen irgendwelcher homosexuellen Eigenheiten oder sonstwas ist. Der Film verkauft sich nie darüber als originell, dass da Frauen einander küssen und begehren, auf der anderen Seite ist die Geschichte nie so universell, dass das Lesbische zum austauschbaren Gimmick wird. In einem Wort: The Kids Are All Right ist natürlich.

Allerdings passt »natürlich« noch in einem anderen, nicht ganz so positiv behafteten Zusammenhang, denn der Handlungsverlauf provoziert es ein ums andere Mal. Nachdem die Kinder den selbstbewussten Paul kennengelernt haben ist natürlich klar, dass die um die Ankennung Nics ringende Jules an ihm Gefallen finden wird. Paul, der Praktiker, schätzt ihre Händearbeit, ihren Handlungsdrang, den Nic eher belächelt, ihn zwar mitfinanziert, aber die Tätigkeiten einer Landschaftsarchitektin, einer Gärtnerin, und Jules‘ Ambitionen an sich nicht wirklich ernst nimmt. Paul schätzt alsbald auch Jules‘ Hintern und die beiden stürzen sich in eine unbedachte Affäre. Natürlich ist mancher Gag aus einem Pointenhandbuch von vor sechzig Jahren. Da folgt auf das ernste Gespräch zwischen Paul und Jules, in dem sie beschließen, nicht mehr miteinander zu schlafen, natürlich direkt die Szene, in der sie doch wieder nebeneinander im Bett liegen. Die von Pauls Präsenz zunehmend angegangene Nic, die ihre Kinder, ihre Familie an den lockeren Kumpelkerl zu verlieren fürchtet, steigert sich natürlich in vermehrten Alkoholkonsum und irrationale Überbehütungsanfälle.



Das ist alles nix neues, aber: The Kids Are All Right nimmt all das Bekannte weder zum Anlass für das große pseudo-tragische Drama, noch lappidarisiert er die Probleme der Figuren zur Nichtigkeit. Denn Cholodenko gelingt es nicht nur, ihre Charaktere stets begreifbar zu machen, so dass einem keine Handlung unnatürlich vorkommt, darüberhinaus ist ihr Film von einer einnehmendem Wahrherzigkeit, die sich schwer in Adjektive und Verben verpacken oder kühl daher analysieren lässt – und die, wenn sie das zuließe, wohl auch nicht vorhanden wäre, einen so aber den gesamten Film lang ummantelt. Freilich ohne dass The Kids Are All Right neue feel good-Standarts definiert, der unverschämt locker-beschwingten ersten Hälfte steht eine wesentlich gefastere zweite gegenüber, in der sich den Konsequenzen gestellt werden muss. Lobenswerterweise ist es weder ein Ansinnen des Films, dem zwanglosen Macho Paul die values of family and love beizupulen, noch die Lesbe Jules die advantages of dicks erfahren zu lassen, um dann zur ultrakonservativen Lösung zu gelangen.

Dafür fühlt sich The Kids Are All Right und das, womit er sich beschäftigt, viel zu echt an, echt genug, um zwar versöhnliche, aber keineswegs allumfassende Happy End-Töne anzuschlagen. Obwohl man, und das ist ein Verdienst (oder die Krux) der nicht fass- sondern nur fühlbaren Warmherzigkeit, den Film am Schluss fast schon anflehen möchte, seinen Figuren (und einigen ganz bestimmten) noch ein wenig mehr zu gönnen. Doch ganz ähnlich, wie es wohl schon jeder im echten Leben einmal getan hat, so verabschiedet auch The Kids Are All Right einige Figuren einfach ins Ungewisse. Neben dem leading Quintett finden vor allem Nebencharaktere wie Lasers nichtnutziger Kokskumpan Clay, Jonis Schwarm Jay, ihre nuttige Freundin Sasha und Pauls aufreizende Bettgespielin Tanya ihr abruptes Ende, liefern aber zuvor sehr wesentliche zusätzliche Impulse.



Das angesprochene Quintett hingegen ist schlicht wunderbar. Als Sohnemann Laser die Mütter fragt, warum sie sich zur Stimulation ausgerechnet Schwulenpornos ansehen, erklärt Jules unter anderem, dass Pornos mit Lesben mit ihren eigentlich heterosexuellen Darstellerinnen mangels Authentizität zu vernachlässigen sind. Darum muss sich The Kids Are All Right keine Gedanken machen. Da, wie erwähnt, kein lesbisches Lebensgefühl gezwungen vermittelt werden soll, ist es gar nicht Annette Benings und Julianne Moores Qualität, als Lesben zu überzeugen, sondern als Paar. Jederzeit glaubt man ihnen die jahrelange Vertrautheit, man nimmt ihnen ab, wie sehr sich diese verschiedenen Frauen sowohl zueinander hingezogen fühlen, als auch die Gründe, die sie voneinander weg treiben. The Kids Are All Right gelingt mit zwei bestens aufgelegten Ausnahmedarstellerinnen ein wunderbares Beziehungsportrait, das ohne Abgegriffenheiten auskommt. Mia Wasikowska und Josh Hutcherson bringen die Konflikte der Kinder nicht weniger auf den Punkt. Einer der zuverlässigsten Zuarbeiter der letzten Jahre, dessen diesjährige Oscar-Nominierung als Best Supporting Actor nicht verdienter sein könnte, steht dem ebenfalls in nichts nach: Mark Ruffalo spielt mit ungemeinem rotzbübischen Charme, wie er sich zum Beispiel einen grinst, als die Lesbe Jules ihn zum ersten Mal küsst. Doch auch die aufkeimende Beziehung zu den Kindern transportiert er perfekt, den Typen würde man sich tatsächlich als Vater wünschen.

The Kids Are All Right – »natürlich«, »warmherzig«, »echt«, »wunderbar«.

Wertung & Fazit

Action: 0/5
Kein Kriterium.
Spannung: 2/5
Auch nicht wirklich ein Kriterium, die Geschichte hat ihre Vorhersehbarkeiten, bleibt aber jederzeit involvierend.
Anspruch: 3,5/5
Ohne das ganz große Drama heraufbeschwören zu müssen lotet The Kids Are All Right die Zustände seiner Protagonisten feinfühlig und durchaus tiefgründig aus, trotz bekannter Konflikte.
Humor: 2,5/5
Ungezwungen lustig und vor allem nie zotig.
Darsteller: 5/5
Durch die Bank toll gespielt und völlig zu Recht bei diversen Filmpreisen mit Auszeichnungen und Nominierungen bedacht.
Regie: 4,5/5
Es ist nicht das neueste, originellste oder bedeutendste, was Lisa Cholodenko da schrieb und inszenierte, aber wie sie es macht, das ist bestechend.
Fazit: 8,5/10
Wunderbar gespieltes und, wenn auch teils nah an konventionellen Mustern orientiert, ebenso erzähltes „feel good or however“-Movie.

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8 Kommentare

  1. Die Rezensionen des Films scheinen ja fast alle so im Bereich von 6-8 Punkten zu liegen. Das allein würde mich noch nicht reizen, die Thematik und die Hauptdarstellerinnen (sowie die wunderbare Mia Wasikowska) tun es dann aber doch. Mal schauen.

    1. Jup, ich seh das auch auf keinen Fall negativ. Solang’s ehrlich ist darf’s so konventionell sein wie’s will. Das wahre Leben geht ja auch nicht immer um alle Ecken und auf originellen Pfaden 😉

  2. “Was unterscheidet eigentlich eine Indie- von einer Mainestream-Produktion?” — Mainestream-Produktionen basieren meines Wissens meistens auf einer Vorlage von Stephen King, der seine Romane bekanntlich gern in Maine spielen lässt. 😉

    Sorry, aber der musste einfach raus! 🙂 Auf den Film freue ich mich jedoch schon gewaltig.

    1. Mach dir keine Sorgen! Das passiert mir ständig. Ich wurde bloss noch nie erwischt, weil meine Einträge so lang sind, dass sie eh keine Sau zu Ende liest. 😉

    2. Das ist kein mir fremdes Phänomen, macht sich nur nicht bezahlt, wenn die Fehler gleich in der Einleitung stecken. Aber keine Sorge, ich mach mir keine Sorgen 😛

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