Review: THE KING’S SPEECH

THE KING'S SPEECH Filmkritik

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Story

Albert Frederick Arthur George, Herzog von York und zweitältester Sohn von König George V., ist nicht gerade traurig darüber, keine Aussichten auf die Thronfolge zu haben. Der öffentlichkeitsscheue Bertie leidet nicht nur unter Nervosität, diese wird auch noch bedingt von einem ganz elementaren Problem: er ist Stotterer. Gänzlich ungelegen kommt da der technische Fortschritt, der den Prinzen zu Ansprachen via Hörfunk zwingt. Als letzten Schritt, nachdem Ärzte und Logopäden versagt haben, kontaktiert Berties Gemahlin Elizabeth den Sprachtherapeuten und Gelegenheitsschauspieler Lionel Logue, der für seine unorthodoxen Methoden bekannt ist. Anfangs hält Bertie gar nichts davon, sich auf seine unkonventionelle Behandlungsart einzulassen, doch mit der Zeit und trotz einiger Widerstände entwickelt sich zwischen den beiden eine ehrliche Freundschaft. Nach dem Tod ihres Vaters sind schnelle Fortschritte gefragt, als Berties älterer Bruder David nach wenigen Monaten Regierungszeit abgedankt und vom europäischen Festland aus der Zweite Weltkrieg seine Schatten voraus wirft…

Der Film

Selbst der eingefleischteste Fan der britischen Krone denkt wohl nicht zuerst an die ungewöhnliche Freundschaft zwischen einem Stotterer und seinem Sprachtherapeuten, wenn es um die Verdienste König George VI. geht. Der Großvater von Prinz Charles regierte das Königreich von 1936 bis 1952, seine Reden machten dem Volk während des Zweiten Weltkriegs Mut und die Tatsache, dass er und Elisabeth London trotz des Bombenhagels der Deutschen nicht verließen, einte die Monarchen und ihre Untertanen. Doch bis dahin war es für den unsicheren Bertie ein langes Bemühen, das Tom Hoopers The King’s Speech nicht sehr ausführlich, aber anhand der wichtigsten Weg- und Wendepunkte nachzeichnet. Drehbuchautor David Seidler, aufgrund eines während des Zweiten Weltkriegs erlittenen Traumas selbst Stotterer, hatte bereits über dreißig Jahre vor Kinostart mit den Recherchen begonnen, auf ihr persönliches Bitten hin nahm er das Projekt allerdings erst 2005, nach dem Tod Elisabeth‘ (bekannt als Queen Mum), wieder auf.



Bereits die Eröffnungsszene von The King’s Speech stellt das Problem des Herzogs von York vor und ganz ohne falsches Mitleid ist man tatsächlich sofort davon ergriffen. Prinz Albert Frederick Arthur George, von seiner Familie kurz Bertie genannt, tritt im Jahr 1925 im altehrwürdigen Webley Stadion vor die versammelte Menschenschar, um erstmals eine vom Hörfunk übertragene Ansprache zu halten. Doch sein Stottern zwingt ihn und seine Worte nach nur wenigen Silben in die Knie. Colin Firth ist bereits bei seinem ersten Auftritt schlicht grandios. Sein Mund, seine Lippen, sein Unterkiefer, die zittern und sich verkrampfen, die Hilflosigkeit in seinen Augen, das Unvermögen, Herr seiner Sprache zu werden, dieses grässliche rote On Air-Lämpchen, das ihn zusammen mit tausenden Augenpaaren anstarrt, die sich nach kurzer Zeit beschämt von ihm abwenden… Man kann es ruhig ein zweites Mal sagen: Firth ist grandios in dieser Situation, obwohl (wahlweise auch weil) man seinen Bertie in einem Moment der größten Schwäche kennenlernt interessiert einen diese Figur und ihre Geschichte, sofort ist da der Schauspieler vergessen, der nur so tut als ob. Im übrigen ein Orden, den sich alle drei Hauptdarsteller anheften können.

Kurz darauf ist Bertie bei einem von vielen (aber dem einzigen im Film gezeigten) Therapieversuchen zu sehen. Zigarettenqualm tief inhalieren, um den Kehlkopf zu entspannen, und dann ein klassicher Ansatz aus dem alten Griechenland: sieben kleine Glaskugel in den Mund und anschließend vorlesen – nicht nur Elisabeth ist skeptisch, auch Bertie verliert über die gutgemeinten Ratschläge des Doktors ziemlich schnell die Ruhe (»I… nearly swallowed these bloody things!«). The King’s Speech drückt also längst nicht nur auf die Tragik- oder sonstige Tr…-Drüsen, sondern geht seinen stotternden Königssproß durchaus auch mit Humor an. Für den ist vor allem gesorgt, nachdem Elisabeth sich als letzten Versuch an den Australier Lionel Logue wendet. Helena Bonham Carter und Geoffrey Rush sind dem breiten Publikum in den letzten Jahren in eher schräg-schrullig-spleenig-exaltiert-überzeichneten Rollen aufgefallen, Bonham Carter zum Beispiel in den Harry Potter-Streifen, als menschliches Abbild von Killercomputer Skynet in Terminator Salvation oder als großköpfige Rote Königin in Tim Burtons Alice im Wunderland, Rush gab als Captain Barbossa das eigentliche Highlight der Pirates of the Caribbean-Reihe. The King’s Speech verlang beiden nun natürlich etwas ganz anderes ab. Die vornehme Zurückhaltung, gepaart mit einem feinen Sinn für Ironie und ihre Rolle als Berties großer Rückhalt fragen nach einer Bonham Carter außerhalb überdrehter Freakmodi und bekommen diese auch, während Rush die Schrauben der Gestik und Mimik etwas fester zieht, dadurch kein übergroßes, aber ein ungemein präzises, nuanciertes und absolut vergnügliches Spiel bietet, das immer in den rechten Momenten von der Geschichte und dem Ernst hinter Lionel Logue kontrastiert und noch bereichert wird.



Zur vollen Größe wächst das alles und der Film an sich an, wenn Firth und Rush einander begegnen. Die beiden bieten eine Schauspielkunst, die einen völlig in Beschlag nimmt, die fasziniert und fesselt, ohne das sich aus dem Verhältnis des Prinzen und des Therapeuten etwas Reißerisches entwickeln muss. Ihr erstes Aufeinandertreffen ist von Berties Skepsis und Logues Neugierde, aber auch seinem Willen zur Analyse des Patienten geprägt, die Wortgefechte des steifen Aristokraten und des trockenhumorigen Nicht-Doktors sind scharfschnittig (Lionel: »Do you know any jokes?« Bertie: »…Timing isn’t my strong suit.«), Logues Methoden entsprechen nicht wirklich den Vorstellungen des Prinzen. Der wird mit Musik beschallt und soll dabei aus Hamlet vortragen, während Logue ihn dabei mit der neuesten Schallplattentechnik aus den USA aufnimmt. Bertie gewinnt daraus nichts und verliert wieder nur die Ruhe. »Thank you Doctor. I don’t think this is for me«, meint er und verabschiedet sich. Wenigstens darf er die Aufnahme als Souvenir behalten. Die stellt sich als durchaus symbolhaft für das heraus, was The King’s Speech neben seinen überragenden Schauspielleistungen zu einem insgesamt nicht überragenden Film macht…

The King’s Speech rüttelt nicht an den sehr festgefahrenen Regeln der Dramaturgie, wenn es um die Darstellung einer ungewöhnlichen Freundschaft geht. Die Zweifel zu Beginn, die Annäherung, das Teilen eines tiefer gelegenen emotionalen Zustandes und die Festigung der Bindung, sowie deren Erschütterung durch ein kurzzeitiges Problem, das der eine oder der andere durch sein Verhalten auslöst – diese Abläufe hat man genau so dutzendfach gesehen und weder David Seidlers Buch noch Tom Hoopers Inszenierung stellen ihnen etwas entgegen. Es ist unumstößlich klar, dass sich Bertie die erhaltene Schallplatte, nach einem neuen Tiefschllag zwischendurch, wenige Szenen später anhören und erstaunt feststellen wird, dass er während ihrer Aufnahme nicht gestottert hat. Somit offenbart sich Logue natürlich doch als der richtige Mann und alles geht seinen Lauf. Die Sitzungen der beiden bleiben selbstverständlich weiterhin ein Hochgenuss, die urkomischen Lockerungsübungen, mit denen Logue Bertie die Steifigkeit nicht nur aus den Stimmbändern, sondern auch aus den Gelenken zu treiben versucht, oder ihr erstes Treffen nach dem Tod des Königs, bei dem Bertie von seiner traurigen Kindheit erzählt – überragend. Komisch und berührend und in dem Wissen, dass man es einfach nicht zu oft sagen kann, hier nochmals erwähnt: von Firth und Rush phänomenal gespielt. Bei den ganzen Filmpreisen, die die Ausnahmemimen während der 2011‘er Award Season erhielten, wäre eigentlich nur eine Auszeichnung gerecht: eine gemeinschaftliche, nur damit wäre ihrem perfekten Zusammenspiel die ihm zustehende Würde erwiesen (merk dir das, MTV, und führ’ den Movie Award für das Best On-Screen Duo wieder ein!).



Dennoch, längst nicht alles an The King’s Speech verdient so viel der Ehre. Neben der durchschaubaren Dramaturgie, die die üblichen Hindernisse bloß vor dem Hintergrund royal-historischer Kulisse aufwirft, können auch die kleineren Handlungsstränge neben der Männerfreundschaft nicht so sehr überzeugen. Und „kleinere Handlungsstränge“ umfasst hier immerhin eine Verfassungskrise, die Abdankung Eduards VIII. im Jahre 1936 und die Vorwehen des Zweiten Weltkriegs. Der von Guy Pearce zwar nicht schlecht, aber im Rahmen seiner Rolle etwas trivial gespielte Eduards VIII. bleibt farblos, das angespannte Verhältnis zwischen ihm und Bertie und auch zum Vater, gespielt von Michael Gambon, banal. Ebenso der aufziehende Krieg. Den muss man zwar nicht groß erklären und als Thema des Films nicht zentralisieren, die Lage der Nation, für deren Befinden die Ansprache des Königs so wichtig ist, bleibt allerdings ebenfalls dahinter verborgen, dass WWII halt nur ein Begriff des Films bleibt, um den Kontext einordnen zu können. Da zeichnen sich auf diesem Gebiet schon eher Ausstattung und Kostüme aus. The King’s Speech schwelgt dabei nicht in majestätischem Pomp und Glanz, die teils sehr reduzierten Sets wirken absolut authentisch, drängen sich aber nie mit möglichst viel Aufwand vor die Geschichte. Ein wenig merkt man ihnen, Hoopers Regie und Danny Cohens Kamera auch an, dass David Seidler sein Skript nach dem ersten Entwurf auf Anraten seiner Gattin zum Theaterstück umgeschrieben hatte. So manche Szene und Perspektive lässt sich wie auf einer Bühne aufgeführt beobachten, ohnehin geht es ja um das wichtigste Material eines Theaterschauspielers: seine Stimme. Dem unterwirft sich sehr bewusst auch Alexandre Desplats Score, seine schlicht-schönen Streicher- und Piano-Arrangements kommen selten zum Einsatz, dramatisieren und emotionaliseren aber oft etwas über das hinaus, was sie untermalen.

In Firth‘ und Rushs gemeinsamen Szenen gehört The King’s Speech ohne Zweifel zu den besten Filmen des Jahres 2010, ohne Übertreibung kann man ihn von der Leistung seiner überragenden Hauptdarsteller her sogar zu den besten der vergangenen Dekade zählen. Und das, obwohl der Film die beiden nicht in der vorteilhafteren Duellkonstellation zeigt (wie zum Beispiel Michael Sheen und Frank Langella in Frost/Nixon), sondern behutsam eine unsentimentale, dafür berührende Freundschaft aufbaut. Deren Stationen man während der fast zweistündigen Laufzeit allerdings fast nach Minutenzahl voraussagen kann. Da die Zwischenräume zudem mit nicht wirklich interessanten Nebenfiguren und teils sehr gestreckter monarchischer Langatmigkeit gefüllt sind, ist The King’s Speech dann „nur“ ein guter, kein großartiger Film, kein Meisterwerk. Wenn im Angesicht des Zweiten Weltkrieges ein König zu seiner Stimme findet und er damit vor dem Hintergrund der bevorstehenden Gräuel einen persönlichen, vom Volk gefeierten Triumpf erringt, dann ist das zwar durchaus bewegend, es verdeutlicht aber auch den Anekdotencharakter des Films. An einer Stelle sehen sich Bertie und Familie eine Übertragung des große Reden schwingenden Adolf Hitler an. »What’s he saying?« fragt seine Tochter. »I don’t know«, antwortet Bertie. »but… he seems to be saying it rather well.«. Banalisiert, könnte man das nennen. Sympathisch unaufgeregt trifft’s aber besser.

Wertung & Fazit

Action: 0/5
Kein Kriterium.
Spannung: 1,5/5
Nicht das herausragende Merkmal. Sehr angenehmer Erzählrhythmus, aber auch absolut durchschaubar.
Anspruch: 3/5
Der historische Hintergrund bleibt genau das: ein flacher, eindimensionaler Hintergrund. Die sehr tolle Ausstattung sorgt aber für eine sehr akkurate Umsetzung zum darin eintauchen.
Humor: 2/5
Kein verstocktes Monarchenstück, sondern angenehm ironisch und in einigen Szenen besonders durch das Zusammenspiel der Hauptdarsteller urkomisch.
Darsteller: 5/5
Die Kronjuwelen des Films: Colin Firth und Geoffrey Rush verdienen das eingeheimste und bevorstehende Lob in jeder Minute, ebenso Helena Bonham Carter
Regie: 3,5/5
Top Hooper erlaubt sich nichts ausgefallenes, Konzentration und Fokus ruhen auf der ungewöhnlichen Männerfreundschaft. In Anbetracht der Darsteller gut so. Drumherum zwar durchaus versiert, allerdings mit einigen Längen inszeniert.
Fazit: 7/10
Die Darsteller sind großartig, der Film an sich ist es nicht ganz. Letztlich eine durchweg sympathische Geschichtsstunde ohne viel Originalität.

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12 Kommentare

  1. “The king´s speech ist “kein!” Meisterwerk, aber dennoch ein guter Film, dem es in letzter Konsequenz an der fehlenden emotionalen und dramatisch Dichte mangelt bzw. der sich ein wenig zu vorhersehbar im großen und ganzen zeigt.

  2. So! Jetzt habe ich den Film auch gesehen und bin schwer, schwer enttäuscht. Also wenn der Film tatsächlich den Oscar für Bester Film und Beste Regie bekommt, dann… tja, dann weiß ich auch nicht. Firth und Rush sind zwar echt gut (wobei ich Rush noch besser finde als Firth), aber dem Film fehlt es an jeglicher Spannung und Dramatik. Es passiert einfach zu wenig, um wirklich aufregend zu sein.

    1. Oha 😉
      Ganz so schlecht, oder vielmehr enttäuschend, hab ich ihn dann wohl doch nicht gesehen, aber ich kann das nachvollziehen. Neben den Darstellern bleibt wrklich nicht so wahnsinnig viel. Was die Oscars angeht: ich rechne da in beiden Kategorien eher mit The Social Network. Hoopers Nominierung finde ich schon nicht unbedingt angebracht. Da hätte Nolan hingehört

  3. Joa. Darsteller sehen wir ja wie angekündigt ähnlich herausragend. Ich habe den Film nur einmal (im O-Ton) geguckt und da kann es natürlich sein, dass die Hauptdarsteller doch die ein oder andere schwächere Szene überschatten konnten. Nichtsdestotrotz ein gelungener (aus meiner Sicht hervorragender) Film, der durch seine Schauspieler aus der Masse heraussticht.

    1. Tut er durch die Schauspieler zweifellos. In manch anderer Hinsicht versinkt er aber auch darin. Nun denn, trotzdem ein guter Film, darauf kann ich mich problemlos einigen 😉

  4. Schöne Review! Das erste Mal, dass ich tatsächlich etwas kritischere Töne zu dem Film höre. Aber die meisten Reviews beziehen sich immer mehr auf die Schauspieler und vernachlässigen alles andere. Was so eine “kleine” Oscar-Nominierung doch alles ausmacht! 😉

    Da bin ich dann doch froh, dass ich mir “127 Hours” zuerst angeschaut hab – der übrigens sehr, sehr empfehlenswert ist. 😉

    1. Danke!
      Wenn ich’s denn schaffe, werd ich mit 127 Hours auch die Tage noch ansehen.
      Ja, ein bißchen scheinen Firth und Rush die (nicht sehr gravierenden, aber sehr wohl vorhandenen) Schwächen des Films zu überdecken. Ist angesichts ihrer Leistungen zwar verständlich, mir fielen dann aber gerade (und zweifellos auch durch zwei Sichtungen bedingt) in ihren getrennten Szenen die genannten Mängel auf

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