Review: THE PURGE – DIE SÄUBERUNG

Story

Die Vereinigten Staaten im Jahr 2022: kurz vor dem finanziellen und gesellschaftlichen Kollaps hat in Gestalt der „Neuen Gründerväter Amerikas“ ein Regierungsumschwung das Land vor wirtschaftlichen Unausweichlichkeiten gerettet und reformiert. Die Straßen sind frei von Verbrechen, Armut und Arbeitslosigkeit keine grundlegenden Probleme mehr, das Volk ist zufrieden gestellt – erreicht wurde dies allerdings durch einen radikalen Kniff: in einer bestimmten Nacht des Jahres ist es den Bürgern genau zwölf Stunden lang gestattet, jede Form von Verbrechen zu begehen, ohne Konsequenzen hinnehmen zu müssen. Mit Mord und Totschlag reagiert sich das Land an Unterpreviligierten und Ausgestoßenen ab und säubert so in dieser sogenannten Purge-Nacht seine Seele und die Straßen Amerikas. Sicherheitstechnikentwickler James Sandin hat für sich und seine Familie mit dem Verkauf von Schutzeinrichtungen für Haus und Hof ein kleines Vermögen verdient und sticht mit seiner Villa selbst noch aus einer ohnehin piekfeinen Vorortsiedlung heraus. Als die nächste Purge-Nacht ansteht steht die Sicherheit seiner Frau Mary und ihrer beiden Kinder Charlie und Zoey für Sandin außer Frage. Alle Eingänge sind abgeschottet, die Überwachungskameras positioniert. Doch als Charlie einen verwundeten und vergeblich um Hilfe flehenden Fremden auf den Monitoren entdeckt und diesen ins Haus lässt bricht der Horror der Säuberung über die Sandins herein…

Der Film

Für einen Film ärgerlicher als schlechte oder gar keine Ideen sind eigentlich nur noch gute Ideen, die schlecht umgesetzt werden. Filme, deren Aufhänger enorm was versprechen und es dann bloß halbgar einlösen. So ein Fall ist James DeMonacos Überraschungshit The Purge – Die Säuberung, der mit einem läppischen $3-Millionen-Budget, aber einer radikal-vielversprechenden Prämisse stolze $87 Millionen einspielte und dessen Sequel bereits wenige Tage nach Kinostart angekündigt wurde. Mehr als ordentliche Zahlen für einen in Bezug auf Storyaufbau und Logik höchst unordentlichen Film, der seine Prämisse allzu bald an bekannte Genremechanismen verspielt. Der zum Auftakt durch Nachrichten- und Überwachungskamerabilder kontinentalisierte Horror der Purge-Nacht mit mordenden Wutbürgern wird komplett in die vielräumige Villa der Sandins verlegt, maßstabsmäßig bietet The Purge also nur den Kickertisch statt das Fußballstadion. Im Schwanken zwischen so beißender wie plakativer Hypersatire und dem aufschwellenden Moraldrama der Familie Sandin gelingt es DeMonaco nicht, seiner Dystopie eine Substanz zu verleihen, die über die Bilder hinaus vermittelt, was da in den USA des Jahres 2022 in der Nacht vom 21. auf den 22. März und den übrigen 364 Tagen des Jahres abgeht.


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So radikal die Idee zunächst klingt, straffreie 12 Stunden und komplette Narrenfreiheit für die Massen auszurufen, so wenig fällt dem Film letztlich dazu ein. Da schleicht sich zum Beispiel kurz bevor die Sandins ihr Heim verriegeln Henry, der ungewollte ältere Freund von Tochter Zoey ins Haus. Was hat er vor, will er die bis dahin vielleicht koppulationsunwillige Teenagerin etwa in der Purge-Nacht vergewaltigen? Das wäre doch ein moralischer Grenztest für die Sandins, die an der Säuberung gut verdienen, aber kein Bedürfnis verspüren, aktiv damit zu tun zu haben. Doch nein, Regisseur und Autor DeMonaco sieht das Ausmaß seines Purge-Einfalles einzig in Waffengewalt und so versucht Henry, Zoeys Dad James zu erschießen, da dieser seinen Segen verweigert. Die Nummer, und alles was danach im Film folgt, sind nun wirklich zu kurz gedacht, denn ob Purge oder nicht Purge: wieso zur Hölle sollte sich Zoey nach Verstreichen der Nacht noch mit dem Mörder ihres Vaters abgeben?!?

Gut, DeMonacos bissiger Ansatz mag lauten »hey, wir Amerikaner sind so ein pervertierter Haufen, wir würden sogar unsere Teenie-Komödien-Konflikte mit der Waffe lösen, wenn wir dürften!«, nur ist das im Falle von Schwiegerpapis Ungünstling nicht bissig sondern blöd. Ihr Moraldilemma bekommen die Sandins immerhin noch in Gestalt des namenlosen Fremden aufgebürdet, den creepy Sohnemann Charlie in einer so empathischen wie im Kontext grenzidiotischen Tat ins Haus einlässt. Dies lockt eine Gruppe abgedrehter Purge-Narren an, die den Flüchtigen nur allzu gerne ausgeliefert hätten und ansonsten damit drohen, nicht nur ihn, sondern auch die unfreiwilligen Inobhutnehmer umzubringen, sobald sie die gar nicht so unüberwindbare Sicherheitsanlage des Hauses überwunden haben. Die Frage für die Sandins und besonders für Papa James: den Unschuldigen zum Wohle der eigenen Familie ausliefern, oder einen Rest Ethik im kranken Auswuchs der Purge-Nacht bewahren? Dieser Kampf ums Gewissen wird nur selten wirklich intensiv ausgetragen, während die maskierten Säuberungsjünger um die inzwischen stromlose Villa schleichen wird sich im Inneren auf die Suche nach dem Fremden begeben, dem ein weiteres Mal der unverbeserliche Charlie zur Hilfe kommt und dem Publikum nebenher einen Wissenvorsprung verschafft, der den Spannungsbogen in den Keller drückt.


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Warum sich die maskierte säuberungswillige Gruppe während ihrer nächtlichen Tour auf ein einzelnes Tötungsopfer versteift, warum Papa James nach dem Einfallen der Invasoren in sein Haus lieber weiterhin zur schwerfälligen Shotgun greift, statt einem erlegten Gegner das situativ praktikablere Maschinengewehr abzunehemen, warum die derangierte Bande in „bester“ Slashermanier jede günstige Gelegenheit zur Tötung der Familienmitglieder verstreichen lässt und somit ständig irgendwer irgendwem im aaaaaallerletzten Moment retten kann? Nun, das sind alles so Dinge, die es wahnsinnig erschweren, die Ignore-Funktion eingeschaltet zu lassen und The Purge einfach hinzunehmen wie er präsentiert wird. Die wenigen wirklichen Ideen sind bis hierhin längst aufgebraucht und DeMonaco holzt mit seinen Bildern und der leidlichen Spannungsdramaturgie durch einen längst abgerodeten Wald und schnitzt mit seiner Axt bloß noch ein paar Kerben in die Baumstümpfe. So gerade noch guckenswert macht The Purge der gute Ethan Hawke, als übersteigert-ultraaalglatter Intellektuellenyuppie führt ein recht überzeugend diabolischer Rhys Wakefield sein seltsames Trüppchen an, die tough-ass’ige Lena Headey (Dredd) hingegen wird komplett verschenkt. Wer die in seinem Film hat, sie dann aber nur mulmig dreinschauend mit der Taschenlampe im Anschlag durch ihre Behausung irren lässt, der kann auch gleich einen Lampenschirm mit ihrem Konterfei darauf durch die Sets schieben. Alle Schauspieler gemeinsam tragen die Last, DeMonacos teils elends-doofes Dialoggut aufsagen zu müssen, das Familienabendessen der Sandins wirkt so authentisch wie ein Pappaufsteller, während das religiös-sektuöse Geschwurbel der Purge-Jünger seine Satire-Ziele weit verfehlt. Und das der größte Creep des Films Sohn Charlie mit seiner entstellten motorisierten Babypuppe ist, wohingegen die Irren von draußen einfach nur wie auf ‘nem ganz schlechten Trip drauf wirken, wie sie da machetenschwingend über die Wiesen tollen – das kann’s ja irgendwie auch nicht sein…

Wertung & Fazit

Action: 1,5/5
Das große Spektakel entbrennt nicht in der Villa der Sandins, die Schusswechsel, Keilereien und Stichwerkzeugeinlagen sind ok, aber nüscht besonderes.
Spannung: 1,5/5
Viel Herumgeirre in der dunklen Villa, wenig bis keine echte Nervenzerrer.
Anspruch: 1/5
Will viel sein, schafft aber wenig: DeMonacos Gesellschaftskritik verpufft in flachen Satireelementen und zu kurz gedachten Ansätzen.
Humor: 0/5
Höchstens unfreiwillig komisch, wenn da wie benebelt wirkende Blumenmädchen wehenden Kleides und geschwungener Machete durch die Gänge hüpfen und das Ganze dann auch noch gruselig sein soll.
Darsteller: 3/5
Hawke und Headey sind zwar unterfordert, halten The Purge aber auf einem „gerade noch sehenswert“-Level.
Regie: 2/5
Die Idee war gut, die Umsetzung ist es nicht.
Fazit: 3,5/10
Die Prämisse verlangt natürlich geradezu eine so gelungene wie schockierende Gesellschaftsabrechnung, die Umsetzung lässt aber beides nicht zu: DeMonacos satirische und kritische Einschläge sind arg plakativ, die Purge-Nacht weder atmosphärisch dicht, noch wirklich ideenreich. Potenzial auf’s reichlichste verschenkt. Da der Minimalbudget-Horror aber ziemlich sicher in Serie gehen wird darf man fast ein bißchen gespannt drauf sein, ob die nächsten Säuberungen mehr zu bieten haben.

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2 Kommentare

  1. Ich habe mir den Film heute angesehen und bin (Gott sei Dank) nicht im Kino gewesen. Die Idee ist herausragend und hätte so viel Potenzial geboten – leider wird wirklich alles verschenkt. Ich bin bei Filmen nicht extrem anspruchsvoll, aber in diesem Fall ist es bedauerlich, was letztendlich aus der unverbrauchten Prämisse gemacht worden ist. Ich kann nur hoffen, dass Teil 2 wesentlich besser ist. Deine Kritik finde ich berechtigt, was ich schade finde. Dieses Thema so zu verhunzen, gehört eigentlich nach Purge-Manier bestraft. 😀

    1. Wesentlich besser ist leider auch Teil 2 nicht geworden. Aber schon unterhaltsamer. Die Prämisse bleibt aber weiterhin unausgereizt, egal ob DeMonaco sie nun als vergnüglichen Action-Trash verkaufen oder als Gesellschaftssatire ausfeilen würde.

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