Review: TOTAL RECALL (2012)

Menschelnde Replikanten auf Sinnsuche, Verbrechensbekämpfung per Präkognition, eine administrative Behörde, nach deren Plan sich der Fortlauf der Welt und einzelner „Schicksale“ entscheidet – hinter jeder guten SciFi-Idee der letzten Jahrzehnte steckt direkt oder indirekt der Name Philip K. Dick, unzweifelhaft der einflussreichste Genreautor vergangener und gegenwärtiger Dekaden. Den existenzphilosophischen Ansätzen, Skizzen zerstörter und neu errichteter Gesellschaftsstrukturen und der gedanklichen Fortentwicklung der Spezies Mensch wird in den diversen filmischen Umsetzungen der Stoffe des Amerikaners meist nur auf den ersten paar Metern gefolgt, ihr Grundgerüst entliehen, um daraus mehr (Blade Runner, Minority Report), minder (The Adjustment Bureau) oder überhaupt nicht gelungene (Paycheck, Next) SciFi-Plots mit hinzu addiertem Action Adventure framework aufzubauen. Zu den besten Dick-basierten Werken zählt die Adaption seiner Kurzgeschichte We Can Remember It for You Wholesale, eine Story um Traum und Realität, falsche und echte Erinnerungen, ein gewöhnlicher Mann namens Douglas Quail, in dessen Kopf sich eine zweite, gelöschte Identität verbirgt, umgemünzt in einen von Paul Verhoeven inszenierten Schwarzenegger-Kracher, Total Recall. Selbiger weit weg genug von vielen Punkten der Vorlage, um eine Neuverfilmung, beziehungsweise eine weitere Interpretation von We Can Remember It for You Wholesale zu rechtfertigen? Scheinbar ja! Total Recall in der 2012er-Version kommt vom ehemaligen property assistant sowie Underworld– und Live Free or Die Hard-Inszenator Len Wiseman, der einmal mehr beweist, dass er sein erstes Handwerk nie aus den Fingern und Augen verloren hat, sein zweites hingegen nur bedingt gut beherrscht.

Story

Ende des 21. Jahrhunderts ist ein Großteil der Erde vernichtet und unbewohnbar, einzig zwei Territorien schälen sich aus den Trümmern einer verseuchten und zerstörten Welt hervor: die United Federation of Britain und das ehemalige Australien, nur noch bekannt als die Kolonie. Wohnraum ist in dieser Zeit der Überbevölkerung der wertvollste Besitz und so türmen sich bizarre Gebäudeformationen in den Himmel. Der Fabrikarbeiter Douglas Quaid gehört als Bewohner der Kolonie zur zusammengepferchten Unterschicht und arbeitet im Auftrag der reichen UFB in deren Werkhallen, täglicher Transport in einem gewaltigen Gravitationsaufzug, dem sogenannten Fall, quer durch den Erdkern inklusive. Seit einigen Nächten nun wird Quaid von einem immer gleichen Traum verfolgt, in dem er mit einer Frau auf der Flucht ist. Tag für Tag plagt ihn das Gefühl, etwas wichtigeres im Leben leisten zu müssen, der frustrierenden Alltäglichkeit entkommen zu wollen. Eine zumindest willkommene Abwechslung verspricht die Firma REKALL, die täuschend echte Erinnerungen implantiert, vom Gehirn nicht von tatsächlich erlebter Realität zu unterscheiden. Trotz einiger Bedenken entscheidet sich Quaid für einen Eingriff und wählt als Spezialität und der Vorstellung aus seinem Traum entsprechend eine Geheimagentenerinnerung. Doch noch bevor die Implantation beginnt kollidiert das Programm mit einer realen Erinnerung in Quaids Hirn, der sich unversehens von einem schwer bewaffneten Einsatzkommando umzingelt sieht und bald schon nicht mehr weiß, wer er tatsächlich ist und welche Rolle er im Kampf des Widerstandes der Kolonie gegen den mächtigen UFB-Kanzler Cohaagen spielt…

Der Film


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Nach ein bißchen background establishment anhand von Grafik- und Textmaterial beginnt Total Recall parallel zum 1990er-Pendant, nämlich mit einer Traumsequenz. Die gleich mal alles zusammen summiert, was der Film so an Schlüsseln ins Schloss steckt, um dann bloß wummernde und knallende Fehlzündungen zu produzieren: Total Recall startet mit einer Actionszene, Maschinengewehrsalven knattern, ein Mann und eine Frau sind auf der Flucht vor Gestalten in weißen Rüstungen, audiovisueller Rabatz, der kein Interesse an der Geschichte dahinter weckt, wie es der kurzen, ruhigen Mars-Sequenz mit Schocker-Finish im Original gelang. Mysterien, Schein, Wahn, Geheimnisse? Bietet der neue Total Recall nur auf der vordergründigsten Ebene. Optisch zwischen Blade Runner (of course…), The Fifth Element, dem Coruscant aus den Star Wars-Prequels und dem Blöcke-zusammensetzen-Computerspiel Minecraft, dazu ein paar Leihverträge mit Versatzstücken aus Minority Report und Inception abschließend, präsentiert der einstige Requisitenassistent Wiseman eine toll anzusehende Dystopie, die sich Standbild für Standbild zu betrachten lohnen würde und die doch viel schneller übersättigt, als man ihre Eindrücke herunterschlingen könnte. Und sobald dieses visuelle Völlegefühl oder auch nur die Gewöhnung an Wisemans Umgang mit seiner Welt einsetzt bleibt Total Recall neben der Endlosaction nicht mehr viel und gar bedeutend weniger, als der sich ebenfalls irgendwann fast vollständig dem Schwarzenegger-Spektakel verschreibenden ersten Verfilmung der »what’s real, what’s recall?«-Idee.

An der Wiseman und sein Autoren-Duo Kurt Wimmer und Mark Bomback sowieso kein sonderlich großes Interesse haben und kein annähernd so geschicktes Spiel mit den Wahrnehmungsebenen hinbekommen wie der vor Finesse strotzende Verhoeven. Die Verwirrung um Traum und Realität wird in Total Recall 2012 angepfiffen und nach ein paar Ballkontakten abgebrochen, der Film ist mehr wie The Bourne Identity im Jahr 2084, The Bourne Dystopia if you will, nichts ist Hinweis, alles ist Klarheit, der Film lässt nur das nötigste an Raum um die Frage offen, ob Douglas Quaid dieses Abenteuer nun wirklich erlebt, oder ob alles nur Teil der Erinnerung ist, die ihm bei REKALL ins Hirn gepflanzt wird. Das macht Total Recall in ausnahmslos allen Szenen, in denen er das Original zitiert, schwächer als selbiges: der Besuch bei REKALL, das hier wie ein Thai Puff statt wie ein modernes Reisebüro aussieht, die Verhandlung zwischen Quaid und einem angeblich in sein Hirn gesandten „Unterhändler“, das Aufeinandertreffen mit dem Widerstand, das bleiben alles Stichpunkte, an denen der Film eine Bedienpflicht abarbeitet, ganz ähnlich dem Spider-Man-Reboot, ohne einen stimmigen eigenen Akzent oder wenigstens innerhalb seiner eigenen Storyinterpretation eine Relevanz zu finden, die etwas originäres in einem ansonsten rein auf Komparation beschränkten Spektakel anzubieten hätte.


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Womit nicht gesagt sein soll, dass dieses Steigerungsprinzip von einem Film überhaupt keinen Reiz besäße und ebensowenig, dass der Vergleich zum Original seine größte Crux wäre. Die Gestaltungskraft seiner Welt ist Total Recall schwerlich abzusprechen, der zur rechten Zeit für Abwechslung sorgende Bruch bleibt halt dadurch aus, dass der Mars nur in einem Nebensatz erwähnt statt besucht wird, dennoch bietet der Film bestaunenswerte Designs und Sets und verwendet diese für alles andere als abnutzungsresistente, aber zumindest eine Zeit lang aufregende Actionsequenzen, deren ständiges Konzept und Betonen von Höhe, Tiefe, Sprüngen und Fallen einen durchaus mal zweckhaften 3D-Einsatz angeboten hätte, der der Produktion aber erspart geblieben ist. Natürlich ist Total Recall 2012 mit Weichspüler behandelt; wo das Original sich gerade erst von zwanzigjähriger Indexierungshaft befreit hat geht Wiseman den sicheren Weg, lässt Quaid statt gegen Menschen überwiegend mit einer Armee synthetischer Cops ins Duell gehen, die wie das Paarungsergebnis eines Stormtroopers mit einem I, Robot-Robot aussehen. Blutige Kopfschüsse und berstende Knochenbrüche bleiben aus, trotzdem ist eine gewisse Grundhärte vorhanden – vor allem, wenn Kate Beckinsale ins Geschehen eingreift, die sich wahrscheinlich absätzeweise in ihrem Ehevertrag mit Len Wiseman hat zusichern lassen, unter seiner Regie immer die dominierendste ass kickerin zu sein. Obwohl ihre Auftritte immer seltener werden, je häufiger der Hauptschurke seinen Platz im Plot beansprucht: die Beckinsale owned den Film.

Der allerdings verschenkt sich in seinem letzten Drittel von solide an redundant: sobald die Pläne des skrupellosen Kanzlers Cohaagen offen liegen unterscheidet Total Recall nichts mehr von einem x-beliebigen Film in dem ein x-beliebiger Held eine x-beliebige »oh no, millions are gonna die!«-Katastrophe abwenden muss. Dazu wird der Konflikt zwischen reicher Föderation und dem armen Widerstand kaum darüber hinaus getragen, dass es ihn halt gibt und viel zu plötzlich und unplausibel ein »wipe them out«-Device aus dem Ärmel des unteranwesenden Cohaagen geschüttelt. Aus dem kann Bryan Cranston noch weniger machen, als der im Original schon kalkwandblasse Ronny Cox, und muss sich im Showdown für ein lächerliches Messerstecherhandgemenge hergeben, was nochmals deutlich macht, wie sehr es Total Recall an Finesse und Doppelbödigkeit fehlt und es nicht mal gelingt, die bad guys und girls bemerkenswert abtreten zu lassen. Der Rest sind Verweise und direkte Zitate aus dem Verhoeven-Original, teils abgewandelt, teils wortwörtlich übernommen, einige Charaktere aus dem Mars-Abenteuer werden zusammengeschmolzen (Beckinsals Lori equals Michael Ironsides Richter) und ein paar charakteristische Situationen werden ein- und umhergeschoben (die dreitittige Nutte,…), hinzu kommen einige nette eigene Ideen (Telefon in der Handfläche,…), die aber alle früh im Film abgebrannt werden. Colin Farrell ist fraglos mehr Schauspieler als Arnold Schwarzenegger, nur nutzt Wiseman diese Tatsache nicht, um den identitätsfremdelnden Quaid in eine tiefer psychologisierte Krise zu stürzen, sondern verlangt dem Iren im Verhältnis sogar noch deutlich weniger ab, als vom Österreicher gefordert war.


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Total Recall kann man sich ansehen. Die bei allen offensichtlichen Anleihen vorhandene Kreativität, die hinter der Gestaltung seiner dystopischen Zukunft steckt, lohnt den Kinobesuch, auch dann, wenn man die 1990er-Version liebt und verehrt, die man aber empfehlenswerterweise so gut es eben geht ausblenden und die Neufassung mehr als eine zweite Interpretation der We Can Remember It for You Wholesale-Short Story annehmen sollte. Was allerdings wenig daran ändert, dass mehr als erlebenswerte Optik und einige gute Actionszenen nicht geboten sind und der finale Akt in den Trümmern seines völlig verzimmerten Aufbaus liegt. Nichtmal der große Bryan Cranston kann einen enorm schwachen Antagonisten ausbügeln, nichtmal dem großen Bill Nighy reicht ein 2-Minuten-Auftritt, um einem Widerstandsführer das Profil zu verleihen, das ein Widerstand eben braucht, um die durch ihn vertretene Sache plausibel und involvierend zu machen. Kate Beckinsale zeigt begeisternd, wie sie Ärsche treten kann, ihr Auftritt ist der einzige Hauch von einer übersteigerten Realität und einem Verwischen der selbigen, ansonsten, obwohl er sich physisch weit ausschweifender im Raum bewegt, ist Total Recall ein verboten linearer Film, ein Schlauchshooter, wo es eine Open World-Mechanik gebraucht hätte. An Paul Verhoevens Total Recall denkt man heute noch gerne. Len Wisemans wird man vergessen haben, ziemlich bald schon.

Wertung & Fazit

Action: 3,5/5
Powervoll, aber wechselt irrwitzig oft von ruhigeren Momenten in eine dröhnende Dauerbeschallung. Anfangs noch gut anzusehen mit gelungener Einbindung der gestalterischen Merkmale (Höhe, Tiefe), irgendwann aber in eher lästiges Dauerfeuer mündend, ermüdender noch, als im Original, dessen rüde und satirische Brutalität den Actionüberfluss immer wieder aufbrach.
Spannung: 1,5/5
Das Rätsel um Traum und Realität ist hier ein kaum verschlüsseltes, wo der 1990er Film seinen Fortgang an einigen Stellen vorausschauend kommentiert und trotzdem die Spannung hält versumpft Total Recall 2012 in einer umfassenden Beliebigkeit.
Anspruch: 0,5/5
Kaum. Schichtentrennung ist nur ein Plotvorwand, ansonsten ohne jede psychologische oder philosophische Finesse.
Humor: 0/5
Ein paar Anspielungen ans Original können wohl für Schmunzler sorgen, dessen satirische Überhöhung fehlt aber komplett, insgesamt bleibt’s jederzeit ein arg humorfreies Spektakel.
Darsteller: 3,5/5
Denen kann man nicht vorwerfen, wie wenig das Script mit ihnen anzufagen weiß. Farrell ist gut, die Beckinsale einschüchternd hart, die Biel nur ein Opfer, der Rest unglaublich verschenkt.
Regie: 2/5
Den property assistant hat Len Wiseman nie abgelegt, den Regisseur nie richtig angenommen. Handwerklich und gestalterisch alles grün, Narration eher mangelhaft.
Fazit: 4,5/10
Total Recall ist 2012 nur noch visuell von Wert und um darin zu genügen versaut der Film zu viel in seinem Schlussakt. Das Zukunftsbild und die trittfeste Beckinsale sind die Highlights, der schwach und unzureichend umgesetzte Plot die Schwachstelle.

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5 Kommentare

  1. sry aber irgendwie glaub ich du hast nen anderen film gesehen… total recall (2012) hat alles was ein heutiger blockbuster braucht.. genug action, ne gut erzählte und ein wenig verworrene geschichte ,gute schauspieler und das gefühl am ende das sich derartige sachen irgendwann ereignen können ( same inception)

  2. Bin ich wohl tatsächlich der einzige, der diesen Film wirklich gut fand 😉 Mir hat’s auf jeden Fall gefallen. Beide Filme!

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