WANDERLUST: Kritik zur Nudisten-RomCom mit Jennifer Aniston und Paul Rudd

Die Erfolgsgeschichte des einstigen Stand-up-Comedians und jetzigen Writer/Director/Producer-Ein-Mann-Triumvirats Judd Apatow ist seit Mitte der 2000er eine ganz steile: The 40 Year-old Virgin machte der New Yorker in seiner Dreifachfunktion zum Millionenhit, genau wie Knocked Up oder die unter seiner Apatow Productions-Fuchtel erschienenen You Don’t Mess With the Zohan und Bridesmaids. Das Apatow’sche Comedyversum setzt dabei auf zuverlässige Dauerkollaborateure wie Seth Rogen, Leslie Mann, Will Ferrell, Jonah Hill, Jason Segel oder Kristen Wiig und Trademarks wie sophomorischen Sex- und Klohumor, Improvisation, aber auch meistens auf den ehrlichen Versuch eines Dramaeinschlags ohne Moralfabelei. Die Verantwortung, plötzlich Vater zu werden, die Seth Rogen in Knocked Up aufgebürdet wird, die niederschmetternde Diagnose Leukämie für Adam Sandler in Funny People, usw. Der 2012er Auswurf Wanderlust mit Jennifer Aniston und einem weiteren Darsteller aus der Stammmannschaft, Paul Rudd, gliedert sich da nahtlos ein. Abzüglich des Kassenerfolgs, denn die Nudisten-RomCom spielte weltweit gerade einmal ¾ ihres $34 Millionen-Budgets ein, ist entgegen dieser Publikumsverschmähung aber keines der schlechteren Apatow-Produkte und eines der besseren Jenniston-Vehikel, was viel Luft nach unten wie nach oben lässt, womit auch schon die 5/10er-Wertung gerechtfertigt wäre.

Story


George und Linda Gergenblatt sind ein an sich glückliches New Yorker Ehepaar, haben mit dem Kauf eines überteuerten micro-Lofts allerdings ziemlich daneben gegriffen. Kein Problem, solange George seinen öden Bürojob behält und die beruflich bislang unentschlossene Linda ihre neueste fixe Idee, das Drehen von Dokumentarfilmen, zu lukrativen Ergebnissen bringt. Doch ihre deprimierende Arbeit über hodenkrebskranke Pinguine findet wenig Anklang bei den Produzenten vom Fernsehsender HBO, während George im selben Moment gekündigt wird. Ausgerechnet sein ätzender älterer Bruder, der mit einer Bauklofirma erfolgreich ist, scheint ihr zwischenzeitlicher Krisenausweg zu sein, doch auf dem Weg nach Atlanta legen die beiden zunächst einen Zwischenstopp im Elysium ein – laut Routenplaner eine Herberge, in Wahrheit aber eine Kommune voller alternativer Hippies und Nudisten. Wider Erwarten finden die gestressten Städter unter den offenherzigen Baumumarmern zu sich selbst, zunächst vor allem George, später auch die zurückhaltende Linda. Das spirituelle Oberhaupt der Kommune, der mit allem im Reine Seth, meint’s dann allerdings für Georges Geschmack recht bald zu buchstäblich mit der freien Liebe und seiner Zuneigung zu Linda…

Die Filmkritik

Vier Lebensmodelle treffen in Wanderlust aufeinander. Da ist George, der sich mit seiner Erwachsenenpflicht notgedrungen arrangiert hat und in Anzug und mit Köfferchen seinen Bürojob antritt. Da ist Linda, die sich unentschlossen einer Phantasterei nach der anderen hingebt und im Verusch, sich kreativ zu verwirklichen, genau daran hängen bleibt: am Versuch. Dann ist da Georges neureicher Bruder Rick, ein sprücheklopfender Arsch mit Vorstadthäuschen, Riesenfernseher und gelangweilt-depressiver Ehefrau. Und dann ist da natürlich Elysium, eine Gruppe buntgekleideter (oder nackter) Blumenpflücker, Obstverkäufer, Plazentaaufbewahrer, Eintagsfliegenbeschützer, Fleischeslustausleber und dem Besitzbegriff abgeschworener Alternativer. Wanderlust startet mit Tempo, klaren Skizzen und satirischen Spitzen für diese grundsatzverschiedenen Auffassungen, wirkt mit seinen anfänglichen hier-hin-und-da-hin-Abstecherepisoden und Gesinnungsgeclashe ein bißchen wie die laute und pimmelbestückte Variante von Sam Mendes‘ flockigem Selbstfindungs-Road Movie Away We Go. Mit showstealenden Nebenfiguren: die TV-Produzenten, die Lindas Pinguin-Doku lieber mit Vampirsex und Gewalt hätten, der verabscheuenswerte Rick und Kommunenhäuptling Seth ziehen die Lacher eher auf sich, als die sehr in ihren Rollenroutinen festgewachsenen Rudd und Aniston.

Die müssen selbstverständlich auch etwas länger den Deckel auf ihren Lebensgeisterkochtöpfen behalten, ehe der Film sich ausführlicher dem Elysium-Treiben widmet; wenn schließlich gekifft, halluziniert und das Böse der Welt mit Urzeitgebärden vertrieben wird erblüht vor allem in der Jennisten die Freigeistflamme. Ohne dass Wanderlust wirklich witzig wäre, ist das zumindest doch unterhaltsam, wie Justin Theroux als Oberguru Seth den sich immer unbehaglicher fühlenden George mit Klampfenvirtuosität und Naturweisheiten (»I drink the nourishment that Gaia is feeding me through her cloud teats«) aussticht. Tropic Thunder– und Iron Man 2-Writer Theroux, schon letztes Jahr als Bösewicht Leezar in der Mittelalter-Stoner-Comedy Your Highness mit einer Highlight-Performance, geht hier erneut herrlich unverkrampft senkrecht, ist nicht nur die zitierwürdigste Figur des Films, sondern auch dermaßen charismatisch, dass er tatsächlich jede Sympathie auf sich und vor allem von Paul Rudds George wegzieht. Worüber Wanderlust an späterer Stelle allerdings heftig ins Stolpern gerät, da ihm irgendwann die Erkenntnis flöten geht, wer denn nun eigentlich sein Sympathieträger sein soll. Bis so recht gar keiner mehr übrig bleibt.

Trotz Schwengelgeschwinge, Busengeblitze und mal blumig umschmücktem, mal direktem Bummsvokabular schlägt Wanderlust alles andere als atypische RomCom-Routen ein, da muss ein kurzfristiger Bruch heraufbeschworen und kurz vor Abspann gekittet werden und für beides muss der Film Dinge mit seinen Charakteren anstellen, die seinen einfältigen Genrezielen nutzen, seinem Flair aber schaden. Rudds Gunstwerte knickt‘s brutal weg, Aniston verabschiedet sich für länger aus der Handlung und Seth muss noch auf richtig Böse gekrempelt werden, einigermaßen unerwartet zwar, aber auch dumpf. Wohin der Film bei alledem mit seiner (sofern vorhanden) Botschaft will scheint Regisseur und Autor David Wain indes nicht ganz klar zu sein, was störend auffällt, weil er die Story nicht wertoffen hält, sondern einiges an Konsequenz wohl schon moralisch über oder unter anderem anordnet, nur scheinbar den Überblick der eigenen Reihenfolge verliert. Freie Liebe und Fremdgehen auf arrangierter Vertrauensbasis, gut oder schlecht? Stadtleben mit geregeltem Einkommen oder natur- und mitmenschbewusste Freiheit, was ist erstrebenswerter? Sich Zeit lassen, bis man seinen Weg gefunden hat, oder die Verantwortung des Lebens annehmen, geht beides oder schließt sich das aus?

Wanderlust biegt das alles halbwegs zu einer Auflösung, die arm an Erkenntnis bleibt und den Rückblick auf den Wanderweg dorthin steiniger und länger erscheinen lässt, als er sich die meiste Zeit angefühlt hat. Erst im letzten Drittel offenbart sich das Problembild des Films, werden die Charaktere zu sehr von sich weggezerrt und die Witze zu ausgewalzt, was ja ein ganz typisches Symptom der Apatow’schen Konzept-Komödien ist: oft nicht zu wissen, wo der Gag aufhört und der Outtake anfängt. Rudd, der sich minutenlang vorm Spiegel darauf einschwört, gleich Sex mit Malin Åkerman zu haben – und dann im Angesicht des blonden Schwedenhappens nochmal minutenlang damit weitermacht: not funny. Genausowenig wie die Nudistenstampete in Zeitlupe, nur eines der Beispiele, wo Wanderlust seine R-Rating-Frivolität tatsächlich noch für einen ganz gewagten Tabubruch hält. Gut eine Stunde lang ist’s aber ein immerhin unterhaltsamer, wenn auch nie ausgereizter und selten über eine längere Gagstrecke am Stück wirklich witziger Film, bei weitem besser als Jenniston-Rohrkrepierer wie The Bounty Hunter oder Just Go with It. Trotzdem weit davon entfernt, sich unter den Top-Komödien der letzten Monate wie Bridesmaids oder 21 Jump Street einzureihen, dazu fehlt einfach der letzte Pfiff und die mehr als nur über partielle Nacktheit definierte Abkehr üblicher RomCom-Mechanismen. Und wo ist eigentlich die aus dem Trailer bekannte Szene mit der lesbischen Gruppennummer geblieben?!

Wertung & Fazit

Action: 1/5

Wenig, büßt nach dem flotten Auftakt auch ordentlich an Tempo ein.

Spannung: 0.5/5

Erst nicht so richtig, dann aber volles Mett klassische RomCom-Muster.

Anspruch: 0.5/5

Not much, so ein bißchen modern days-Reflexion über Menschen mit Geldsorgen und so.

Humor: 1.5/5

Unterhaltsam, ohne jemals so witzig zu sein, wie man sich das Szenario vorstellen könnte.

Darsteller: 3.5/5

Paul Rudd und Jennifer Aniston spielen ihr Ding, Nebendarsteller wie Justin Theroux, Alan Alda, Malin Akerman oder ein Ray Liotta-Cameo sorgen für den Spaß.

Regie: 2.5/5

Ganz und gar durchschnittliches Apatow-Vehikel nach den üblichen Mustern.

Film: 5/10

Nie so gut und witzig, wie man zwischendurch die Ahnung bekommt, dass es der Film sein könnte, dennoch besser als erwartet und insgesamt vor allem wegen der Nebenfiguren ganz unterhaltsam.

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