Review: WOLVERINE – WEG DES KRIEGERS (OT: The Wolverine)

Den fast 1,90 Meter großen Australier Hugh Jackman kann man eigentlich kaum übersehen und trotzdem kannte den Mittvierziger bis vor dreizehn Jahren kaum ein Mensch, ehe Terminkonflikte während des Drehs von Mission: Impossible II den Schotten Dougray Scott zur Absage bei einer Comicverfilmung namens X-Men zwangen. Den krallenbewährten Selbstheilungskünstler Wolverine hätte Scott spielen sollen und in buchstäblich letzter Minute vor Drehstart sprang der Musical- und Bühnendarsteller Jackman ein – und was folgte hat etwas von der Story des ersten und bis heute populärsten James Bond-Darstellers Sean Connery. Genau wie die Brusthaar-Ikone gelangte auch Jackman mit einer einzigen Rolle an weltweite Bekanntheit und knüpfte seine Karriere langfristig daran, wo aber Connery zwischendurch seinen Doppel-Null-Durchhänger hatte ist Jackman nun seit über einem Jahrzehnt mit einem Eifer bei der Sache, wenn es um den adamantiumverstärkten Loner aus Kanada geht, wie man das selten erlebt. Nächstes Jahr, wenn X-Men: Days of Future Past an den Start geht, wird Jackman ganze sieben Mal als Wolverine zu sehen gewesen sein, so oft wie Connery als Bond. Vorerst aber gibt’s Jackmans sechste Vorstellung, The Wolverine, nach der X-Men-Trilogie, seinem Cameo in X-Men: First Class und dem grottig geratenen ersten Solo X-Men Origins: Wolverine sein zweiter stand alone-Auftritt. Schafft Jackman nun endlich, was er schon mit Origins zu erreichen versuchte und meilenweit verfehlte, gelingt ihm und Regisseur James Mangold DER Wolverine-Film?

Story

Nach den Kämpfen an der Seite von Professor Charles X. Xaviers X-Men und dem Tod der zum zerstörerischen Phoenix aufgestiegenen Jean Grey durch seine Klauen hat sich der alptraumgeplagte Mutant Logan in die verschneiten Berge Kanadas zurückgezogen. Getrieben von Schuld und gequält von seiner Unsterblichkeit hat er sein Leben als Wolverine hinter sich gelassen, bis ihn die Japanerin Yukio aufsucht und ihn in ihr Heimatland bittet. Dort liegt der schwerreiche Geschäftsmann Yashida im Sterben und will Logan vor seinem Tod noch ein letztes Mal dafür danken, dass dieser ihm während des Atombombenabwurfs auf Nagasaki einst das Leben rettete. Doch Yashida will mehr als nur einen Abschiedsgruß senden und unterbreitet Logan ein überraschendes Angebot, indem er behauptet, er könne seine Mutantenkraft nichtig und ihn sterblich machen. Als der alte Mann kurz darauf stirb und es bei der Beerdigung plötzlich ein Killerkommando auf seine Enkelin Mariko abgesehen hat begreift Logan, dass er in mehr hinein geraten ist, als den letzten Wunsch eines sterbenden Mannes. Gänzlich ungelegen kommt es da, dass seine Selbstheilungskräfte ihm nach einer Begegnung mit der mysteriösen Viper den Dienst versagen…

Der Film



James Mangolds The Wolverine basiert auf der 1982er limited series Wolverine von Autor Chris Claremont und Zeichner Frank Miller… obwohl… genauer drüber nachgedacht… Nee, eigentlich doch nicht. Eingefleischte Fans einer der populärsten und besten Wolverine-Storys dürft’s hier ebenso vergraulen, wie Freunde von Barry Windsor-Smiths Weapon X-Arc, den Origins so ungekonnt wie nur was durch den Wolf drehte. Das Japan-Abenteuer des Adamantium-Mutanten spinnt sich seinen ganz eigenen Plot zusammen und erinnert in einigen Momenten schmerzlich an seine behauptete Vorlage, wenn sich einige Übernahmefragmente vollkommen missgedeutet und auf glatt gekrämpelt wiederfinden (die Grizzly-Szene gleich zu Anfang…). Ansonsten gilt für die Geschichte von The Wolverine: business as usual. Nach den obligatorischen Origins– und Begins-Storys kennen die Superhelden zum jetzigen Stand der Dinge nur zwei Richtungen, die Suche nach/zu sich selbst und die Suche nach Erlösung. Natürlich vorgebetet von Christopher Nolans Fledermaus-Trilogie Batman Begins, The Dark Knight und The Dark Knight Rises und alle äffen sie es mehr oder minder stark ausgeprägt nach, begins-falls-rises, begins-falls-rises, immer wieder, mal über die gesamte eigene Trilogie gespannt, mal auf ein Teilstück verteilt und im Falle Wolverines eben über ein Sextett von Filmen ausgehandelt.

»I’m the best there is at what I do, but what I do best isn’t very nice.« Logans Catchphrase debütierte in der Claremont/Miller-Story und diesen Satz hat bisher niemand rund um das X-Franchise wirklich verstanden oder verstehen wollen, nicht die Macher und scheinbar auch nicht Hugh Jackman. Es sind, erneut, die falschen Ecken und Winkel im Charakter des animalischen Antihelden, die The Wolverine zu durchleuchten versucht, wieder schafft es nicht der berserkerhafte, instinktgetriebene Fleischwolf auf die Leinwand, sondern der streichelfreundliche Knuffelwuschel. Viele weinerlich-selbstmitleidige Traumsequenzen, viel schweißgebadet-schreiendes und klauengezücktes Hochschrecken, verdammt Jackman, ist es das, was du in Wolverine seit einem halben Dutzend Filmen siehst, einen Bettwäsche zerschreddernden Kopfkissentiger? Wie viele aufgeschlitzte Laken braucht es denn noch, um diesen ach so tiefen inneren Schmerz auszudrücken? Und wie viel verlorener Liebe hinterher jammern kann der Comicfilm generell und Wolverine speziell eigentlich noch vertragen, bevor sich Rosamunde Pilchers Literaturgut endgültig zum Crossover aufdrängt? Das sich Logan nach Kayla Silverfox im Origins-Murks und Jean Grey in der X-Trilogie nun auch auf seinem Fernost-Abstecher in die attraktivste Frau vor Ort verguckt ist der Vorlage entfernt treu, in der Umsetzung wird daraus allerdings bloß eine typsiche fish out of water-Geschichte: der Comic-Wolverine kennt Japan, spricht die Sprache, respektiert und achtet Kultur und Traditionen, das sind die Grundlagen, die Claremont/Miller eine vielschichtige Erzählung über Ehre, Würde, Liebe und Verrat ermöglichten. Wovon dem Film in voller Ausprägung natürlich nichts zur Verfügung steht, weil die bisherige Kontinuität es nicht hergibt.



The Wolverine generiert die doomed romance zwischen Logan und Mariko aus dem Nichts, nachdem er sich ohne hinreichende Entwicklung zu ihrem Beschützer aufschwingt, dem Handlungsbogen beliebiger B-Actioner gleich. Die Kämpfe gegen ihre Gegner, Attentäter und Entführer, interessieren nicht groß, da der Film keinen wirklichen Bösewicht aufbaut, nicht die Viper, nicht den „Freund oder Feind?“-Ninja Harada, nicht Marikos Vater Shingen, nicht ihren Zwangsverlobten Noburo (alle vier im Vergleich zur Comicvorlage heftig um- und fehlgedeutet). Lange intrigiert und twistet The Wolverine wirr drum herum, wer der wahre Drahtzieher ist, ehe sich dieser wenig überraschend zu erkennen gibt. Als hätten The Dark Knights Rises und Iron Man 3 nicht nachhaltigst gelehrt, dass Schurkenentblößungen kurz vor Schluss ein dramaturgischer Schuss ins Bein sind. An Wolverines Unzerstörbarkeit und seinen Selbstheilungskräften herum zu pfuschen, die ihn im Prolog gar eine Atomexplosion überstehen lassen, findet keine Verankerung in der Figur: der Wunsch nach Sterblichkeit war bisher nie ein Thema der Filme, seine Verluste erlitt Wolvie durch fremde und eigene Gewalt, nicht durch die Zeit, die er alterslos durchschritt. Das alte Highlander-Thema vom entbehrenden Unsterblichen, das der Russell Mulcahy Fantasy-Klassiker und Queens Who Wants To Live Forever kongenial umsetzten, hat für die Charaktermotivation Logans in keinem der bisherigen X-Filme eine Rolle gespielt oder spielen müssen und nun muss er sich auf einmal kryptische Prophezeiungen über seinen baldigen Tod, sein Schicksal und seine Deprivationen reinwürgen lassen, der Krieger ist immer auf der Suche nach einem ehrenvollen Ende und für was sich die Unsterblichkeit zu leben lohnt und Rhabarber Rhabarber…

Das wirkt alles unsinnigst zusammen gezwungen und wird von Logan höchstselbst mehr als einmal mit abfälligen Blicken und geraunzten Sprüchen quittiert, wenn ihm da grad mal wieder jemand ungebeten die Karten liest, die er nie gespielt hat. The Wolverine versucht unbedingt Tiefe in seinen Helden zu pressen, obwohl Ambivalenzen gefragt wären, da gibt es zum Beispiel eine Sequenz im Claremont/Miller-Comic, in der Wolverine vor Marikos Augen ein Killerkommando zerschnetzelt und sie sich voller Entsetzen von der wutrasenden Bestie abwendet, die er in diesem Moment rauslässt. Sowas traut sich der Film nicht, obwohl es hier längst nicht so handzahm wie in Origins zugeht, auch mal Blut fließen darf und für den Heimkinostart bereits eine härtere Fassung im Gespräch ist bleibt Wolverine ein beinahe blütenweißer Recke für Gutes und Gerechtigkeit im allgemeinverständlichen Sinne. Kein unkontrollierter Rage-Mode, keine unberechenbaren Zornausbrüche, stattdessen darf er seiner Jean hinterher weinen und sich von seiner neuen Gespielin Mariko erneut mit einer komischen Märchengeschichte besänftigen lassen, in der irgendwelche Gestalten mit seltsamen Namen vorkommen. Klar, der PG13-/FSK12-Blockbuster hat seine Restriktionen, aber seit wann bedeutet das denn, dass die inneren Dämonen einer Figur und ihr ganzer Trieb so lange kastriert werden müssen, bis da nur noch romantische und aufgepfropfte westentaschenpsychologische Konflikte aus dem Nolan’schen Ratgeber zur seelenanalytischen Comicverfilmung um die Gunst des Publikums buhlen?!



The Wolverine erfüllt am Ende nicht mehr als sein nötigstes Ziel: er ist weit besser als X-Men Origins: Wolverine. Der Film bewegt sich selten über einem mäßigen Unterhaltungsniveau, wird von einigen augenverdrehenden »boah, echt jetzt?«-Momenten immer wieder nieder gedrückt. Die ruhigeren Phasen sind nicht gleich langweilig, aber für den Hauptcharakter nicht zweckführend, die lauten Action-Szenen machen bisweilen gnadenloses Kamera- und Schnitt-Harakiri, der Train Fight bietet keine involvierende Kampfchoreographie und fühlt sich sowieso vollkommen unzugehörig zum Rest des Films an und von suboptimaler Tricktechnik und kontraproduktivem 3D sei mal gar nicht erst angefangen. Der Showdown, in dem der Silver Samurai verbraten wird, kommt wenigstens noch mit ein, zwei »huch, was haben die denn damit vor?«-Wendungen daher, ist ansonsten aber nur aufgewärmte Standartkost mit multiplen Kampfpaarungen, von denen keine wirklich was spektakulär erlebenswertes bietet. Hugh Jackman kann man darstellerisch nichts vorwerfen, abgesehen von seinen überzogenen »Drama, Baby!«-Momenten während der schlecht geschriebenen Jean-Traumsequenzen ist er an und für sich der gewohnt überzeugende Wolverine – nur sollte dieser unglaublich nett-adrette Australier nach dermaßen vielen gemeinsam verbrachten Stunden langsam mal den Kern seiner Leib- und Magenfigur erkennen und nicht länger das Risiko scheuen, ihn auch zu ergründen. Ob die ursprünglich für The Wolverine verantwortlichen Darren Aronofsky und Christopher McQuarrie da mehr rausgeholt hätten? Die Antwort gibt es im R-Rated-Paralleluniversum.

Wertung & Fazit

Action: 2,5/5
Ersäuft nicht in Dauerbombast wie zum Beispiel Man of Steel, bietet aber auch nichts wahnsinnig Tolles, wenn dann mal zum Klauenkampf angesetzt wird. Dabei sind hier Ninjas dabei… NINJAS!
Spannung: 1,5/5
Der Schurken-Twist ist absehbar und die Handlungsdramaturgie entspricht ungefähr den Verlaufpunkten jedes zweiten B-Actioners. Die inneren Konflikte sind zu behauptet, um für Spannung zu sorgen.
Anspruch: 0,5/5
Ach Burschen, lasst den Krallenjungen doch einfach mal zünftig rumberserkern… Um Tiefgang und Charakterergründung bemüht, nur leitet sich nichts wirklich zwingend und direkt aus der Wolverine-Figur ab.
Humor: 0,5/5
Den Oneliner-Anteil der ersten X-Filme fährt Jackman bei seinen Solos weiter drastisch zurück.
Darsteller: 2,5/5
Jackman kommt darstellerisch nicht wirklich weiter in seinem Bestreben, den Fans den ultimativen Leinwand-Wolverine zu bieten, macht das aber trotzdem weiterhin solide. Rest vom Fest: blass.
Regie: 2/5
Alle hatten sich auf Aronofsky und seine Interpretation einer Comicverfilmung gefreut, nun kommt sie stattdessen von Walk the Line-Regisseur James Mangold und der holt nicht viel Gutes heraus.
Fazit: 4/10
Man sollte sich langsam damit abfinden: als $100 Millionen teurer Blockbuster wird die Figur Wolverine unverfilmbar bleiben. Es ginge gar nicht darum, das Geschehen gewalttätiger und blutiger zu gestalten, sondern zu den wahren Konflikten vorzudringen, die eben nicht aus Rosamunde Pilcher-Dramantik bestehen, und Logan endlich die rohe unberechenbare Kraft entfalten zu lassen, die diesen innewohnt.

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2 Kommentare

  1. besser hätte man nicht schreiben können, bin auch völlig der Meinung.
    die meisten von uns sind mit dem Film aufgewachsen und sind auch nicht mehr 12.

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