ROBOCOP: Kritik zu Paul Verhoevens SciFi-Klassiker im unzensierten Director’s Cut

Story

Detroit, USA, in einer nicht allzu weit entfernten Zukunft: der aufrechte Cop Alex J. Murphy wird in einen der härtesten Teile einer von Kriminalität überzogenen Stadt versetzt. Während einer Streifenfahrt geraten er und seine neue Partnerin Anne Lewis in einen heftigen Schusswechsel mit einer Gangstergruppe, ehe sie diese in einem verlassenen Stahlwerk stellen können. Doch Lewis wird überwältigt und die Kriminellen unter Führung des Crime-Lords Clarence Boddicker überwältigen Murphy und schlachten den Cop bestialisch ab. Unterdessen plant der Großkonzern OCP das Einstampfen des alten Detroits zugunsten eines Projekts namens Delta City, wofür allerdings zuerst das Verbrechen von den Straßen gefegt werden soll. Angesichts der Machtlosigkeit der von OCP privatisierten Polizei soll der für Militäreinsätze konzipierte Kampfroboter ED 209 die Straßen mit unbestechlicher Feuerkraft reinigen. Als die Präsentation der Maschine jedoch in einer Fehlfunktion und mit einem getöteten Vorstandsmitglied endet, greift OCP stattdessen auf die Ideen des ehrgeizigen Bob Morton zurück: aus den Überresten des getöteten Murphy schaffen Techniker einen Cyborg, den sogenannten RoboCop, der mit einer unfehlbaren Programmierung fortan die Kriminalität in Detroit eindämmt. Unerwartet dringen jedoch Erinnerungsschnipsel aus Murphys früherem Leben in das Bewusstsein des Maschinenmenschen ein, der plötzlich seiner eigenen Direktive zu folgen beginnt, um seine Mörder auszulöschen…

Der Film



»I like tits and ass. Mostly tits.« Und Gewalt nicht zu vergessen. Seine (Mehrdeutigkeit voraus) niederländischen Vorlieben haben dem Amsterdamer Regisseur Paul Verhoeven, wer würd’s vermuten, nicht nur Freunde gebracht. Gerne verschrieen als pornographisch-obszöner Aussteller graphischer Sexualität und Brutalität haben Verhoevens Werke mehr als einmal Konflikte mit Sittenwächtern, Freigaberegularien und Indizierungsbehörden verursacht. So auch sein Hollywood-Debüt „RoboCop“, das sich bei der Nacktheit bis auf ein paar blanke Brüste dezent hält, dafür aber die Gewaltschraube umso weiter aufdreht. Pünktlich zum Release des im Vorfeld bereits scharf verurteilten PG13-Remakes hat es Verhoevens ultrablutige Hypersatire nun tatsächlich und über 25 Jahre nach Erscheinen vom Index geschafft und der Unrated Director’s Cut erscheint in aufwändiger 4k-Abtastung auf Blu-ray. Würdige Umsetzung eines Genreklassikers, der auf seiner oberflächlichsten Betrachtungsebene zwar gnadenlos überaltert ist, mit seiner Subtext- und Deutungsvielfalt weit über die bloße Ballerorgie hinaus aber zeitlos überzeugt.

Der bis dahin SciFi-ungeübte Verhoeven, der das „RoboCop“-Script zunächst ablehnte, hält sich zumindest gestalterisch nicht mit der großen Zukunftsvision auf, keine „Blade Runner“-Panoramen, keine groß auffällige Übertechnisierung, das nicht konkret datierte Detroit ist in den 80ern zu Hause und Verhoeven ordnet es nach einer begrenzten Menge unterschiedlicher Interessensinstanzen an. Der übermächtige Konzern OCP, die hilflose Polizei, das auf den Straßen allgegenwärtige Verbrechen, die schrille Medienberichterstattung, woraus Verhoeven eine pikaresk-parodistische bis brutalisiert-berstige Satire ableitet, gleichsam Gegenwartsparabel und dystopische Entwicklungsvorhersage. Visionär sind bei „RoboCop“ also weniger die Betrachtungsebenen mit Sets und Ausstattung, sondern die politsoziologischen, ökonomisch-globalen Wechselwirkungen eines Stadtteils und einer Welt im Kriegs- und Ausnahmezustand. Eine insolvente Stadt wird vom Megakonzern Omni Consumer Products mit der einen Hand getätschelt, mit der anderen im Würgegriff gehalten, während es der zweite Mann der Firma, Richard Jones, lange vor Halliburton und co. auf militärische Expansion abgesehen hat, um auch diesen Sektor fortschreitend und ertragreich zu privatisieren.



Unterdessen, via Media break in die Handlung transportiert, droht die weiße Herrschaftsschicht in Südafrika der schwarzen Bevölkerung mit dem Nuklearschlag, sprengt im Zuge der Mexiko-Krise eine Rebellenallianz den Flughafen von Acapulco und die geplante Pressekonferenz des US-Präsidenten auf der „Star Wars Peace Orbital Platform“ wird von technischen Schwierigkeiten unterbrochen. Solcherlei beißende Zynismen brechen den Film immer wieder auf und dekomprimieren sein Setting, ein B-Movie-Plot, wie er rudimentärer nicht sein könnte, bekommt ein stützendes Exoskelett aus sarkastisch-pessimistischen Zustandsbetrachtungs- und Progressionsspitzen übergestülpt, zum Großteil entstanden aus den An- und Überforderungen des in den 1980ern frisch in Amerika eingereisten Verhoeven. Die USA und die Reagan-Äre, von innen nach außen betrachtet. Der „RoboCop“ selbst schließlich, die Mann-Maschine, eine weitere Instanz. Der Erlöser, unübersehbar und bewusst aufgeladen mit Jesus-Symbolik im american style: die Hinrichtung, die Wiederauferstehung und dann nicht die Vergebung, sondern Vergeltung. So liegen auch Motive eines klassischen amerikanischen Genres nahe, des Westerns selbstverständlich: „RoboCop“, ein neuer Sheriff in der Stadt. Murphys Genese ähnelt zum Beispiel jener von Clint Eastwood in „Hang ‘em High“, der wird aufgeknüpft, gerettet, in den Stand eines Gesetzeshüters erhoben und gerät in einen Konflikt im Kampf für Gerechtigkeit und seinem Sinnen nach Rache.

„Shoot ’em Down“ statt „Hang ‘em High“; der unerwartet seiner Vergangenheit gewahr werdende „RoboCop“ wird zum lone gunman und gleichzeitig zum mehrschichtigen Sinnbild justiziarer Eigenmächtigkeit, eine programmatische Unvorhersehbarkeit, ein exekutives Organ entzieht sich der Kontrolle seiner Schöpfer und des festgelegten obersten Zweckes seiner Erschaffung. Irgendwie so. Jedenfalls kein weiterer runtergesimpelter Ballerheld, wie es der Sequel-„Rambo“ jener Zeit oder ein John Matrix aus dem Schwarzenegger-Trash „Commando“ waren. Knackige Oneliner liegen dem „RoboCop“ dennoch näher als das aufwendige Verlesen von Rechten, die großkalibrige Automatikknarre wird der Handschelle unbedingt vorgezogen. Rein als Actionorgie haut die Cyborg-SciFi halt auch hin, spätestens aus heutiger Sicht nicht ganz ohne Limitierungen. Das der für den Einsatz in nicht für Ebenerdigkeit bekannte Krisen- und Kriegsgebieten vorgesehene Roboter ED 209 von einem Treppenhaus besiegt wird und die Vorzüge der „RoboCop“-Technik in einem 50/50-Verhältnis zu ihren Nachteilen stehen (Stichwort Dynamik…) schwächt das eigentliche Geschehen gegenüber seinem Subtext, macht die Handlung unwertiger, beziehungsweise mehr an den Erfüllungsgehilfenstand zu ihren umrankenden Bezüge gebunden. Ohne diese Bezüge würde „RoboCop“ auf seine Prämisse reduziert nicht viel taugen und wäre der Film, den Verhoeven aus seiner ersten Sichtung des Drehbuchs herauslas, ehe ihm von seiner Frau die Vielschichtigkeiten bewusst gemacht wurden.



Aus dem geschickten (wenn auch nicht immer ausgewogenen) Zusammenschluss der Vordergründigkeit eines straighten Knüppelhartactioners und einer hintergründigen in your face-Satire erwuchs aber ein Genreklassiker, der sich nicht auf seine Gewaltausbrüche reduzieren lässt. Hauptdarsteller Peter Weller leistet in Rüstung und Helm einen beachtenswerten Job, bleiben ihm anfangs nur wenige Szenen, um Alex Murphy nahe zu bringen, kann er sich bald lediglich auf seine Mundpartie und die Bewegungen von Troso und Gliedmaßen verlassen, schafft mit RoboCops abgehackter Gestik und Statik aber einen perfekten Mensch/Maschine-Hybriden. Allein mit den Lippen bringt er die späteren emotionalen Qualen des einstigen Familienvaters und bestialisch hingerichteten Cops überzeugend rüber. Die ihm gegenüberstehenden und über Leichen gehenden Corporate- und Straßengangster kennen auf der OCP-Führungsetage in Person von Ronny Cox und Miguel Ferrer bloß verschiedene Abstufungen von Arschlochtum, Kurtwood Smith und seine Goons hingegen bilden einen Haufen von Widerwärtlingen, die trotz ihrer Gräueltat an Murphy ein paar verbrecherische Freudenjauchzer zu schrill geraten. Als Murphys loyale Partnerin tappst Nancy Allen weder in die tough chick-, noch in die damsell in distress-Falle, gibt einen wehrfähigen Cop und trifft trotzdem einige ganz blöde Entscheidungen. „RoboCop“ selbst indes ist und bleibt eine gute Entscheidung und der Unrated Director’s Cut bekommt eine klare Kaufempfehlung.

Wertung & Fazit

Action: 4/5
Spannung: 2,5/5
Anspruch: 3/5
Humor: 1,5/5
Darsteller: 4/5
Regie: 4,5/5
Fazit: 8/10
Nach über 25 Jahren ballert sich „RoboCop“ vom Index frei und hat zumindest kein bißchen seiner satirischen Wucht und Weitsicht verloren. Die Story ist dem bisweilen untergeordnet, einige für doofe Szenen sorgende Effektkompromisse sind verzeihlich, die Action brettert trotzdem stramm und ultrabrutal drauflos. Your move, creep, kauf das Ding!

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4 Kommentare

  1. Uhh, sehr schön. Ich mag ja den Film sehr. Aber das erste Mal musste ich mir den ja auch mehr oder weniger “illegal” anschauen. Cool, dass der jetzt in ungeschnittener Version kommt. Ich habe einmal die geschnittene Fassung gesehen und das war schon ziemlich erbärmlich.

    Blu-Ray wird sich auf jeden Fall geholt – Klassiker muss sein 😉

    1. Ich kannte bislang schändlicherweise nur die Supermarkt-VHS. Um über zwanzig Minuten geschnitten und wahrlich unzumutbar, da ja nicht bloß um die expliziten Gewalteinlagen, sondern gleich die kompletten Szenen um die Gewalt herum gekürzt, so dass der Film kaum mehr nachvollziehbar ist. Aber die Blu-ray hier ist wirklich fein geworden 🙂

  2. Ist der Director’s Cut auf BluRay neu, oder generell neu? Welche Szenen haben sich dann verändert? Ansonsten kann ich hier jedem Punkt zustimmen, Paul Verhoeven ist aber auch ein echtes Original. Ich denke aber sein wahres Meisterwerk war der völlig zu Unrecht fehlgedeutete “Starship Troopers”, Satire at its best 😀

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