ROBOCOP: Kritik zum Remake des Verhoeven-Klassikers mit Joel Kinnaman & Gary Oldman (Blu-ray)

Story

Die Welt im Jahr 2028: Megakonzern OmniCorp hat weltweit die Kriegs- und Sicherheitstechnologie mit Kampfdronen und Robotern revolutioniert und erwirtschaftet gewaltige Gewinne. Doch ausgerechnet der Heimatmarkt USA lässt sich für OmniCorp und den Firmenvorsitzenden Raymond Sellars nicht erschließen, da der Einsatz von Robotern in militärischem und exekutivem Einsatz hier per Gesetz verboten bleibt. Bis Sellars eine Idee kommt: man muss einen Menschen mit einer Maschine verbinden, dem Roboter ein Gesicht geben, um der Bevölkerung Vertrauen in die Technologie zu schenken. Da kommt Sellars und dem Kybernetikexperten Dr. Dennett Norton das Schicksal des aufrechten Detroiter Cops Alex Murphy gerade recht. Murphy ist dem Waffenhändler Vallon und einem Korruptionsfall im Police Department auf der Spur, als eine Autobombe seinen Körper so stark zerfetzt und schädigt, dass ihm nur ein aufwendiger kybernetischer Eingriff ein lebenswertes Leben erhalten kann. Murphys Frau Clara willigt ein – und Monate später erwacht ihr Mann in einer Cyborghülle. Als RoboCop soll er in Detroit für Ordnung sorgen und OmniCorps Pläne zur Robotisierung voran treiben, doch als Murphys Emotionen immer wieder in Konflikt mit der Effektivität seiner Programmierung geraten fordert Sellars den widerwilligen Norton zur kompletten, kontrollierbaren Entmenschlichung des RoboCop auf…

Der Film

Wenn Filme eine Seele hätten, wäre José Padilhas „RoboCop“ schon Monate vor Kinostart labil und deprimiert in eine Ecke gesunken und hätte nur noch vor sich hin gewimmert. Nach der kaum sehenswerten „Total Recall“-Neumache mit Colin Farrell wollte kein Fan ein weiteres hingeschnoddertes Remake eines Kultklassikers des Niederländers Paul Verhoeven. So wurde das Redesign des Blechbullen verrissen, sein neues Bike verspottet und als bekannt wurde, dass das 2014er Model im Gegensatz zum ultrabrutalen und hierzulande jahrelang indizierten Original mit einer PG13-Freigabe in die Kinos kommen würde knallten endgültig alle Sicherungen durch. Denn wo der Fan des klassischen Horrorfilms es verabscheut, dass heutzutage der Torture Porn das Genre regiert und alles immer nur noch extremer und härter ausfallen muss, wird anderswo panisch auf das rote FSK-Siegel bestanden… Na ja, whatever. Padilhas Film jedenfalls ist soooo grenzsprengend schlecht gar nicht; wenn man so tut, als würde er nicht „RoboCop“ sondern „CyborgOfficer“ oder „MechaFuzz“ heißen, bekommt man einen Man in the Machine-Streifen, der ganz andere Schwerpunkte als der Verhoeven-Vorgänger setzt. Das macht „RoboCop“ 2014 natürlich nicht zum besseren Film gegenüber dem Original, aber sicher auch nicht automatisch deshalb zum schlechteren, weil er weniger brutal oder die Robo-Rüstung jetzt schwarz statt graublau ist.



Der Distanz von fast dreißig Jahren zwischen beiden Filmen angemessen sind viele Dinge in „MechaFuzz“ längst Realität geworden, die damals in „RoboCop“ noch Vision waren, das Militär ist global durch einen Megakonzern privatisiert, Dronen und ED-209s sind in Kriegs- und Krisengebieten im Einsatz. Für’s Regulieren der Außenpolitik ist dem amerikanischen Volke die Technisierung ihrer Einsatzkräfte gerade recht, der Feldzug der USA gegen den Terror wird auf ihrer „guten“ Seite entmenschlicht und verlustneutral gehalten, richtet sich aber weiterhin GEGEN „böse“ MENSCHEN. Und „da drüben“ ist dann das Hauptargument eines robophobischen Senators gegen die Cyberisierung der USA ungültig: die Frage, ob einer Maschine nicht das Fühlen und Empfinden fehlt, wenn es seine kalte Analyse und seine Waffen gegen ein Kind erhebt. In dieser Doppelmoral findet sich in „CyborgOfficer“ am ehesten ein kleiner Treppenabsatz jener satirischen Ebene, auf der Verhoevens „RoboCop“ hauptsächlich und seine Story und Figuren dem unterordnend funktionierte. Insgesamt wählt Padilha aber mehr einen emotional-philosophischen Ansatz für seine Geschichte vom zerschmetterten Menschen, der in einer Maschine wiedererwacht.

Im Unterschied zu Alex Murphy in „RoboCop“ kommt Axel Murray ( 😉 ) in „MechaFuzz“ mit klarem Eigenbewusstsein zurück in die Welt, er ist Mannmaschine und nicht Maschinenmann und die Macher richten ihr Augenmerk auf die Frage, wie viel humaner Rest und verbliebene Gefühlswelt sich mit Prothesen, Technik und Programmierung aufrecht erhalten lässt und wo das eine an die Grenzen des anderen stößt, wo freier Wille und Selbstbestimmung enden und der kalkulierte Code übernimmt. „MechaFuzz“ betrachtet den Storyschnipsel, den „RoboCop“ einst übersprang und kümmert sich um die Fragen, die Verhoeven nicht stellte, weil der den zusammen gelöteten Bullen schneller auf der Straße haben wollte. Dieser Umwegsschlenker, dem der ganze Mittelteil gewidmet ist, ist das Alleinstellungsmerkmal von „MechaFuzz“ und Padilha fängt da durchaus ein paar sehr prägnante Bilder ein, wenn Murphy…ähhh…Murray zum Beispiel Dr. Norton zu offenbaren bittet, was von ihm übrig geblieben ist, die RoboRüstung zur Seite gleitet und ihr schockierendes Inneres offenbart. Das ist eine Betrachtungsweise, für die Verhoevens Hypersatire keinen Platz einräumte und man kann „CyborgOfficer“ da zumindest schwerlich die Ambition absprechen, mit dem Thema etwas eigenes machen zu wollen, statt es nur plump zu kopieren.



Leider handhabt der Film diese Betrachtungsvariante zu oft über erklärige Austauschdialoge, da treffen sich die beiden Interessenparteien Norton und Sellars, der eine formuliert den Ist-Zustand, »MechaFuzz ist jetzt hier-und-da effizient und reagiert emotional soundso und dies und jenes führt zu was und welchem«, der andere fordert den Soll-Zustand, »MechaFuzz soll aber hier-und-da effizienter sein und emotional soundso nicht mehr reagieren und dies und jenes soll zu was und welchem führen«. Und dann wird das so gemacht und wieder rekapituliert, unter Berücksichtigung von ein paar Variablen wie Murphys…ähhh, verdammt, Murrays Frau und seinem Sohn, Nortons Gewissen und Sellars’ Profitrechnungen. Aber: Michael Keaton und vor allem Gary Oldman spielen diesen Part des Films sehenswert aus und er ist zumindest interessanter als alles, worin „MechaFuzz“ den direkteren Vergleich mit „RoboCop“ antreten muss, alles, worin er ihn nicht oder zum schlechteren variiert. Angefangen damit, dass der Boddicker/Kurtwood Smith-Ersatz Vallon/Patrick Garrow überhaupt nicht greift bis dahin, dass der Film kein Stück die Unabdingbarkeit eines RoboCop auf den Straßen Detroits vermittelt, ist das Konzept viel zu lasch umgesetzt, sobald der Film die philosophische Ebene verlässt. Hier geht es nicht prinzipiell um eine gewalttätigere Darstellung, sondern ganz grundlegend um eine klarer umrissene, motivatorisch antreibendere Story. Das Original war ohne lange Charaktereinführung klar und schlicht, aber in gleichem Maße motiviert: nach seiner geradezu biblischen Hinrichtung wünschte man Peter Wellers Murphy den Ausbruch aus der Programmierung und seine Rache, was ja auch zu den wahnsinnig geschickt arrangierten Spiegelebenen Verhoevens gehörte – wer grausam richtet, soll noch grausamer gerichtet werden, ein Gebot des Actionfilms der 1980er.

MechaFuzz’ Feldzug hingegen bekommt kaum Gewichtung, da der Film über seine theoretischen Debatten und Ausführungen zum Thema Technik und Gefühle vergisst, die Schurken über Bezeichnungen wie „Waffenhändler“ und „korrupt“ hinaus aufzubauen. Bei Verhoeven trauten sich die Cops kaum auf die Straße, betrauerten wütend die getöteten Kollegen, drohten mit Streik ob der unzumutbaren Arbeitsbedingungen in einer sich selbst auffressenden Stadt. Der RoboCop als letztes Mittel und vielleicht entscheidender Vorteil gegen ein Verbrechen ohne Hemmschwelle. Davon findet sich NICHTS in „MechaFuzz“, die Titelfigur ist lediglich Gegenstand eines Gedankenspiels und gerade so noch eines Familen-Dramas, nicht aber gewichtiger Teil einer eigenen Handlung. Murrays Abrechnung und die Eliminierung seiner Henker ist unfassbar klein und unbedeutend gemessen daran, was ihm angetan wurde (auch wenn das hier nicht annähernd so abartig und verabscheuenswert wie 1987 geschieht). Erst dem Schluss entgegen scheint der Film aufzuschrecken und sich zu erinnern, dass da noch ein Main Villain und ein actionreicher Abschlussfeldzug zu veranstalten sind, bevor die Credits rollen. Dabei mag der CyborgOfficer die bedeutend agilere und funktionalere Figur abgeben und der maschinalisierte Mensch somit zweckgerichteter und praktikabler ausfallen, der klobige Stapfmann von damals war dennoch mehr Bestandteil des eigenen Films.



Die Geschwätzigkeit über Murrays Emotionen und seine Programmierung müsste fließend in seinen Storybogen übergehen, das tut sie aber nicht; spätestens wenn er die Straßen von Detroit betritt ist Murray als Figur zu Ende erzählt, „MechaFuzz“ hätte den Cop lieber verunfallen lassen sollen, um sich an ihm abzutheoretisieren, wenn der Racheplot schon so wenig interessiert und problemlos und bloß der Bringschuld wegen weggehandelt wird. Und noch eine Änderung hätte es dringend gebraucht: Joel Kinnamans Schauspiel. Dem fehlt vor seinem Umbau in den CyborgOfficer gut ein halbes Dutzend Szenen, in denen er als Murray aufbrausend, impulsiv, emotionsgesteuert ist, in denen sein liebevolles Zusammenspiel mit Sohn David und seine Leidenschaft für Frau Clara viel deutlicher werden, überhöhen, überidealisieren hätte man diesen Cop wohlmöglich müssen, Kinnaman den angedeuteten Sex mit Abbie Cornish durchziehen lassen sollen und DANN hätte viel mehr Kraft in den philosophischen, aber auch körperlichen Konflikten des Films stecken können. So wirkt Kinnaman die meiste Zeit ausdrucks- und emotionslos, ob ihm nun gerade der Dopamin-Spiegel in den Keller gesenkt wird oder nicht. Würde doch nur ein Nicholas Cage in der „MechaFuzz“-Rüstung stecken…

Wertung & Fazit

Action: 2,5/5
Hier und da mal ein netter visueller Einfall, insgesamt wirkt die Action aber ein bißchen, als fühle der Film einen ungewünschten Zwang, sie überhaupt zu bringen.
Spannung: 1/5
Als Kriterium kaum der Rede wert, die Story um Murphys mehrmalig geplante Ermordung (bzw. Abschaltung) ist total unspannend.
Anspruch: 1/5
Die philosophische Ebene der Maschinisierung des Menschen wird betreten, letzlich aber untererforscht. Der satirische Subtext ist nicht halb so brisant, wie einst bei Verhoeven.
Humor: 0,5/5
Keine Spaßveranstaltung.
Darsteller: 2,5/5
Joel Kinnaman darf viel öfter sein Gesicht zeigen, als Peter Weller im Original, fängt mit diesem Vorteil aber nur wenig an, obwohl der Film gerade das eigentlich bedingen würde. Gary Oldman ist sehenswert wie immer, Michael Keaton geht auch klar, Abbie Cornish darf bangen und jammern und Samuel L. Jackson spielt auch mit.
Regie: 2/5
Padilha und sein Team haben Ideen für das Konzept „RoboCop“, über den Ansatz hinaus reichen sie aber nicht. Außerdem ist alles, was mit diesem Ansatz nichts zu tun hat und damit näher am Original platziert ist selbigem komplett unterlegen.
Fazit: 4/10
Padilhas „MechaFuzz“ zeigt ein paar gute Ansätze, die in Verhoevens „RoboCop“ keine Rolle spielten, setzt diese aber unzureichend um und versagt in den Passagen der direkten Vergleichbarkeit natürlich ziemlich kläglich. Trotzdem nicht so erbärmlich schlecht, wie der Film lange vor seinem Start gemacht wurde, zumindest nicht unbedingt aus den dafür angeführten Gründen.

Mehr zum Film

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