Stars im Portrait: RUSSELL CROWE

Portrait

Der Neuseeländer, der zum Australier wurde. Der Australier, der es über Serienrollen zum Filmstar brachte. Der Filmstar, der mit unglaublicher Hingabe und Intensität zum Oscar-Preisträger wurde. Der Oscar-Preisträger, der mit einem Telefon nach einem Hotelangestellten warf und wegen seiner Wutausbrüche berüchtigt ist. Seinen Ruf als zu Aggressionen neigendes Rauhbein hat Russell Crowe sicher nicht zu unrecht weg und man kann nicht sagen, dass er diesbezüglich um Korrekturen seines Images bemüht wäre. Sein überragendes Schauspieltalent stellt Crowe so oft höchstpersönlich in den Schatten, aber wahrscheinlich benötigt er die rücksichtslose Grobkörnigkeit seiner Persönlichkeit, um sich derart bedingsungslos in die Figuren, die er zum Teil mehr lebt als spielt, hineinbegeben zu können. Crowe geht mit sich selbst nicht viel rücksichtsvoller um, als er sich seiner Umwelt präsentiert und bei allen Fragwürdigkeiten, die seine Umgangsformen aufwerfen dürften, ist er einfach unbestreitbar einer der besten, vielseitigsten und eindringlichsten Schauspieler überhaupt.

Nach der Übersiedlung der Familie Crowe von Neuseeland nach Australien kam der vierjährige Russell aufgrund der Catering-Tätigkeit der Eltern früh mit der Filmbranche in Berührung und absolvierte mit 6 Jahren seinen ersten TV-Auftritt. Das Interesse des heranwachsenden Crowe wandte sich allerdings eher der Musik zu. Nach abgeschlossener Highschool trat er, zurück in Neuseeland, als DJ „Russ Le Roq“ auf und veröffentlichte eine Single mit dem (wegweisenden?) Titel „I Wanna Be Like Marlon Brando“. Außerdem gründete er die Band Roman Antix, ernstzunehmender (wenn auch kaum erfolgreicher) verlief seine Sängerkarriere mit 30 Odd Foot of Grunts, deren Frontmann Crowe von 1992 bis 2005 war.



Bereits in den 1980ern arbeitete Crowe am Theater und tourte mit den Musicals Grease und The Rocky Horror Picture Show durch Australien und Neuseeland. Beinahe zum Standartprogramm eines Akteurs aus DownUnder gehört der Auftritt im Sereindauerbrenner Neighbours, den Crowe folgerichtig im Jahr 1987 leistete. Im Kriegsdrama Blood Oath, sowie dem Drama The Crossing (beide 1990) an der Seite seiner späteren Ehefrau Danielle Spencer, trat er erstmals in Kinoproduktionen in Erscheinung, die allerdings weder in, noch außerhalb Australiens besonderen Erfolg hatten. Diesen erlangte Crowe 1991 mit Proof, für den er vom Australian Film Institute als Bester Nebendarsteller geehrt wurde, vor allem aber mit dem umstrittenen Romper Stomper (1992). Für seine Darstellung eines Neonazis wurde Crowe mit mehreren Auszeichnungen als Bester Hauptdarsteller bedacht, der Film selbst für seine Gewaltdarstellung aber auch teils massiv kritisiert. Dennoch erlangte Crowe dank seiner vielschichtigen Performance als Skinhead internationale Aufmerksamkeit und nach der Tragik-Komödie The Sum of us (1994) spielte 1995 unter der Regie von Sam Raimi und auf persönlichen Wunsch von Kollegin Sharon Stone im Spätwestern Die Schnellen und die Toten in seiner ersten US-Rolle. Den endgültigen Durchbruch, nach den eher belanglos-misslungenen Das Yakuza Kartell, Virtuosity und Wilder Zauber (alle 1995) brachte ihm schließlich die Rolle des aufbrausenden Cops Bud White in Curtis Hansons Klassiker L.A. Confidential (1997). Die impulsive Glanzleistung in dem vielfach prämierten Film (unter anderem ein Chlotrudis Awards für Crowe) wurde hoch anerkannt.



Bevor er für Michael Manns The Insider seine erste Oscar-Nominierung erhielt, spielte Crowe im australischen Thriller-Drama Heaven’s Burning, neben Salma Hayek in der harmlosen Liebeskomödie Breaking Up (beide 1997), sowie in der höchst durchschnittlichen Sportkomödie Mystery, Alaska (1999). Auch wenn er zwischen seinen unbestrittenen Glanzlichern also stets eine Reihe von Stromausfällen zu verbuchen hatte, bewies Russell Crowe mit seiner Rollenauswahl doch stets ein vielseitiges darstellerisches Spektrum und den Willen, dieses auch auszuloten. Seine geniale Performance in The Insider, für die er, um die maximale Authentizität für die Rolle als Wissenschaftlers Jeffrey Wigand zu erreichen, 20 Kilo Körpergewicht zulegte und Japanisch lernte, hievte Crowe in den Status eines der ganz großen Charakterdarsteller seiner Zeit. Den unverständlicherweise nicht zugesprochenen Oscar holte er sich im folgenden Jahr. In Ridley Scotts monumentaler Wiederbelebung des historischen Films, Gladiator (2000), überzeugte Crowe mit vollstem Körpereinsatz und einer so schieren, mitreißenden Leinwandpräsenz, wie sie die wenigsten besitzen.

Proof of Life machte ebenfalls im Jahr 2000 hingegen weniger durch cinematorische Qualität auf sich aufmerksam, sondern durch Russell Crowes Affäre mit Co-Star Meg Ryan, die für den Neuseeländer Ehemann Dennis Quaid sausen ließ. Crowe gab erneut einen sensiblen Action-Helden, erreichte aber nicht die Tiefe des Gladiator. Öffentliche Eskapaden kosteten ihn im folgenden Jahr den zweiten Oscar in Folge, für den er als schizophrenes Mathematik-Genie John Nash in Ron Howards Bio-Pic A Beautiful Mind nominiert wurde. An Crowes subtil-eingängiger Darstellung dürfte es kaum gescheitert sein. Mit nuancierter Genauigkeit in jeder Bewegung gefiel er 2003 und 2005 auch in Peter Weirs detailversessenem Seefahrer-Abenteuer Master & Commander und der Boxer-Ballade The Cinderalla Man. Bei der seichten, aber schön bebilderten Provence-Romanze Ein gutes Jahr (2006) und neben Denzel Washington im chicen Thriller American Gangster (2007) arbeitete Crowe erneut mit Ridley Scott zusammen, zwischendurch lieferte er sich mit Christian Bale ein packendes, schauspielerisch hochwertiges Psychoduell im Western-Remake 3:10 to Yuma (2007). Für den Polit-Thriller Body of Lies (2008) und seine für 2010 geplante Robin Hood-Interpretation wurde er wiederum von Scott verpflichtet. Vorher war Crowe noch in der Filmfassung der BBC-Miniserie State of Play (2009) als Journalist der alten Schule neben Ben Affleck und Rachel McAdams zu sehen.



Russell Crowes Filmografie weist nicht weniger Höhen und Tiefen auf, als er sie im Privatleben hinter sich bringt und gebracht hat. Die Ehe mit Danielle Spencer, geschlossen im April 2003, und die zwei gemeinsamen Kindern können sein Temperament vermutlich früher oder später zur Ruhe bringen. Inwieweit Crowe seine innere Wut und das gelegentliche Ablassen für sein Schauspiel benötigt, wird sich ebenfalls zeigen, doch hat er es bereits jetzt geschafft, einen Status zu erreichen, der sein darstellerisches Vermögen als nahezu unantastbar gelten lässt. Mag er als Mensch eine der größten Arschgeigen in ganz Hollywood sein – als Schauspieler ist er charismatischer, ungekünstelter, fassbarer und gleichzeitig überwältigender, als jeder glattpolierte und rundgeschliffene Möchtegern-Star. Da dürfen dann auch ruhig noch ein paar Telefone durch die Gegend fliegen.

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