SAN ANDREAS: Kritik zum katastrophalen Katastrophenfilm mit Dwayne Johnson (Kino)

Story

Der erfahrene Chief Ray Gaines ist Helikopterpilot beim Los Angeles Fire Department und war bislang an über sechshundert Rettungs- und Bergungseinsätzen beteiligt, die Ehe mit seiner bald-Ex-Frau Emma konnte er nach dem traumatisierenden Unfalltod ihrer jüngeren Tochter allerdings nicht retten. Dennoch bemüht sich Ray um ein gutes Verhältnis, gerade im Sinne ihres zweiten Kindes Blake. Die steht kurz vor ihrem Eintritt ins College und wird dafür von Emmas reichem Lebensgefährten Daniel nach San Francisco gebracht – ausgerechnet, als Kalifornien und die gesamte US-Westküste von einer nie dagewesenen Erdbebenkatastrophe erschüttert werden. Die über eintausend Kilometer lange San-Andreas-Verwerfung gerät in Wallung und in kurzer Aufeinanderfolge werden die Hoover-Talsperre in Nevada, Los Angeles und San Francisco von gewaltigen Beben in Mitleidenschaft gezogen. Während Ray Emma in L.A. gerade noch retten kann, versucht sich Blake mit den britischen Brüdern Ben und Ollie durch die Vernichtung im Norden zu schlagen. Doch der Seismologe Professor Lawrence Hayes ist sich aufgrund der Messungen seines kurz vor der Katastrophe in Kraft getretenen Frühwarnsystems sicher: das erste große Beben war nur der Anfang…

Die Filmkritik

Sechs Jahre sind seit Roland Emmerichs Desaster „2012“ vergangen und seitdem ist im Blockbusterkino zwar unzähliges zu Bruch gegangen, aber ein reinblütiger Katastrophenfilm, in dem die Natur und nicht Superhelden, Roboter oder Aliens für die Zerstörung sorgen, startet erst jetzt mal wieder mit Brad Peytons „San Andreas“. Der Film, den Emmerich inszeniert hätte, wenn er „2012“ nicht bereits gemacht hätte. Es ist eigentlich schwer zu verstehen, warum nach der ganzen Kritik an den immer gleichen Schwächen bei den Weltuntergangsspektakeln des Schwaben eine Produktion wie „San Andreas“ überhaupt so zu Stande kommen kann, wie sie sich nach dem Verschleiß von sechs Drehbuchautoren nun in finaler Form präsentiert. Obwohl die Trailer einen grimmigeren Ton verhießen, allein durch Sias „California Dreamin“-Gesäusel, ist Peytons Erdbebenerguss der emmerichste Film, den Emmerich nicht zu verantworten hat, und das nur im schlechtesten Sinne.
Dwayne The Rock Johnson als Ray Gaines in SAN ANDREAS
Nach „2012“, der Mutter aller Zerstörungsfilme, kann man das Genre mit Bildern von Verwüstung und Destruktion nicht mehr toppen, da wäre es ja angebracht gewesen, wenn „San Andreas“ sich vorrangiger an einnehmende Charaktere und eine packende Story gesetzt hätte, sich also alter Stärken des Prä-CGI-(Katastrophen)Kinos besonnen hätte. Doch diese Hoffnung verfliegt nach wenigen Minuten, sobald der Emmerich-Baukasten aufgeklappt ist und „San Andreas“ sich reichlich daraus bedient hat: der gutmeinende Daddy mit der Ex, die mit ihrem schmierigen Neuen, die zur Frau herangewachsene Tochter dazwischen, irgendwoanders ein Experte, auf dessen Warnungen zunächst niemand eingeht, dann das umwälzende Ereignis, woraufhin Daddy ins Herz der Katastrophe zieht, um sein Kind zu retten – das ist „The Day After Tomorrow“ minus Eis und mit mehr Gewackel plus „2012“ in weniger global.

„San Andreas“ müht diese heiser gebrüllten Stereotypien und Storymuster in einer infantil-tugendhaften Haltung herunter als gäbe es sie gar nicht und so verbringt man quälend lange Einstellungen mit dem hadernden Ray und dem ahnenden Seismologen, unterlegt von Andrew Lockingtons zusammenrecyceltem Score, der Gefühle und Gefahren zu verkaufen versucht, die der Film und seine Hohlfiguren nicht im Angebot haben. Das ist Wort für Wort und Szenenausgang für Szenenausgang so vorhersagbar wie Klischeekaraoke in der angesagten „Catastrophia“-Bar, in der der Stuttgarter Barkeeper benebelnde Drinks wie den „Rollenden Rubel-Roland“ ausschenkt: schmeckt wie bei Emmerich, also kauft und schluckt’s! Aber mal ehrlich Leute, dieser lasche Cocktail aus durch tausend Mäuler gespültem Familiengesuppe und geologischem Stichwort-Waka Waka ist zum Kotzen und wird kaum besser, wenn das Geschüttel einsetzt.
Dwayne Johnson und Carla Gugino in SAN ANDREAS
Einen Großteil seiner Money Shots hat „San Andreas“ bereits in Trailern und Clips verballert und die Panoramen zusammenbrechender Pixel lassen völlig kalt, weil der Film bis dahin nur nervt mit seiner blaupausalen Scheidungsfamilie, weil die beklemmende Dominanz der unverhandelbaren Naturkatastrophe sich aber auch auf ein paar wenige wirklich druckvolle Momente beschränkt. Ansonsten kommt das verheerendste Erdbeben seit Menschen sowas messen gefühlt wie eine Lappalie rüber, als würde Roland Emmerich den Dachboden entrümpeln: legt euch hin, haltet euch fest, rennt nach oben und nicht nach unten, God help us all und dann wird’s schon, die San-Andreas-Verwerfung beißt nicht, die bellt nur. Familienfreundlicher Kataklysmus, der noch eines der unangenehmsten Emmerich-Elementteilchen übernimmt: inmitten des Todes von Hundertausenden sind es vier, fünf Personen, um deren Wohl gebangt werden soll, denen das Desaster auf den Fersen ist (hier nicht ganz so extrem wie im in dieser Hinsicht völlig absurden „2012“) und die der Film durch das aufregende Abenteuer Apokalypse scheucht, während rechts und links von ihnen die Kollateralmassen erschlagen, in den Tode gerissen oder weggeschwemmt werden.

Doch selbst das lässt „San Andreas“ lediglich mit der Bedeutungsschwernis umknickender Grashalme passieren, nicht nur holt sich die Katastrophe mit der Zielgenauigkeit eines Slasherkillers die unsympathischen Arschfiguren und verkauft’s als gerechte Strafe für Dummheit und Schwanzeinzieherei, der Film besteht außerdem auf eine elendsleugnende und restaurative »och, klar gibt’s Opfer, aber das packen wir schon!«-Botschaft, die nur bei der gewaltigen Tsunami-Sequenz zu Anfang des letzten Drittels mal kurz schlucken muss, aber rechtzeitig zum Happy End ihren banalen Optimismus wiederentdeckt. [SPOILER im Anmarsch!]Denn wat machste, wenn eine hochhaushohe Killerwelle San Francisco ein paar Stokwerke tiefer gelegt und‘s die Golden Gate Bridge umgeruppt hat, die Überlebenden Heim und Habe verloren haben und die Toten zu zehntausenden durch die gefluteten Straßen treiben? Genau, hängste erstmal ’ne Flagge an die Trümmer und faselt’s einen vom Neuaufbau, hooray USA![SPOILER Ende!]
Boobs und Brit-Boys - Alexandra Daddario in SAN ANDREAS
Sowas doofdreistes, sowas brutal schlecht geschriebenes muss dieses Jahr erstmal einer unterbieten, sowohl was Storyintelligenz wie auch ethisches Verständnis angeht. Von Plotlöchern, Logikkrücken und begünstigenden Zufällen muss man hier jetzt nicht groß anfangen, aber natürlich funktioniert das Mobilfunknetz aus einer Tiefgarage inmitten der Zerstörungsorgie genau so lange wie es muss und natürlich begegnet einem am aufgespaltenen und unpassierbaren San Andreas-Graben auch zur rechten Zeit ein rüstiges Rentnerpaar, das noch ein Flugzeug in der Nähe übrig hat. Der Film hängt nicht am seidenen Faden der Schwervereinbarkeit von Entertainment-Allüren und ernsthaftem Erdbeben-Thriller, sondern zerreißt ihn mit einem Ruck, kloppt an den unpassendsten, situations- und charakterdemontierendsten Stellen dämliche Sprüche raus, ein traumatöses Wirken der Ereignisse auf die Figuren stellt sich nur für Sekunden mal ein, dann hat der altkluge Britbengel Ollie den nächsten altklugen Spruch parat, während sein Bruder Ben mit der katastrophenkompetenten Blake eine ♫hey, I just met you♫-Romanze beginnt.

Fighting fire with fire, fighting earthquakes with The Rock? Von wegen, selbst ein Naturphänomen und Charmebolzen wie Dwayne Johnson („Fast & Furious 7“, „Hercules“) ist in einem Szenario wie in „San Andreas“ nur Nebendarsteller und obwohl der Ex-WWE Champ eigentlich wie geschaffen scheint, um den Katastrophenfilm zu rockvolutionieren und gegen das Erdbeben als solches anzutreten, so vonwegen Lithosphärenplatten mit bloßen Händen zusammenhalten, sitzt er hier bloß die meiste Zeit am Steuer wechselnder Vehikel und rettet mal zwischendurch genau so viele Leben wie es braucht um erleichtert aufzuatmen. Puh, alles halb so wild… Ansonsten kann auch Pfundskerl Johnson hier nichts ausrichten, holzt selbst reichlich blöde Sprüche ab und darf seine Ex bei einem waghalsigen, triumpftrompetenumtönten Fallschirmsprung ins zerstörte San Francisco endlich wieder so richtig zum Schreien bringen. Rock’n’shake it, Dwayne the Man! Carla Gugino und Alexandra Daddario unterdessen müssen mit eng umtoppten, üppigen Oberweiten für massig boob shots herhalten und so ist zumindest der weibliche Sex Appeal in „San Andreas“ höher als in den sterilen Emmerich-Desastern.
Zerstörtes San Francisco in SAN ANDREAS
„San Andreas“ ist schlecht. Katastrophal schlecht. Ein grottiges Gerüttel, bei dem ein Leben auslöschendes Großereignis nur der Hintergrund eines extremen Abenteuerwochenendes mit wiedervereinigendem Zweck für die Familie Gaines ist (to gain = erlangen, gewinnen, erreichen, erhalten, get it?); eine Hubschrauber-, Flugzeug-, Boots- und Tauchtour durch das Earthquake-Funland, während nebendran alles umkracht und wegbricht. Hauptsache, wir haben uns alle wieder lieb, die Toten zählen wir dann nächste Woche. Den Machern muss ordentlich die Birne gebebt haben beim Entschluss, das so umzusetzen. Also alle unter den Tisch, „San Andreas“ aussitzen und dann lieber in die Kiesgrube gehen und Geröll beim Rieseln zusehen. Oder einfach nochmal „Mad Max: Fury Road“ gucken…

Wertung & Fazit

Action: 3/5

Rummst und knallt, aber das hat man bei Emmerich einfach alles schonmal gesehen und das meiste mindestens eine Nummer größer.

Spannung: 0.5/5

Nicht eine Sekunde überraschend oder originell. Klischees ohne Ende, die alle gemütlich bedient werden, Mitbangen ist bei den hölzernen Figuren eh ausgeschlossen.

Anspruch: 0/5

Zur seismologischen Akkuratesse müssen sich andere äußern, Story und Charaktere jedenfalls übertrumpfen sich in ihrer Einfallslosigkeit.

Humor: 0.5/5

An den unpassendsten Stellen werden hier hohle Sprüche rausgehauen, so das überhaupt keine Stimmung für das Desaster entsteht.

Darsteller: 2/5

Bei aller Sympathie für Dwayne Johnson: hier kann nichtmal er etwas ausrichten.

Regie: 1/5

Brad Peyton stellt Roland Emmerich in seinen schlimmsten Eigenschaften nach – und das auch noch schlecht!

Film: 1.5/10

Dreist-desaströser Katastrophenfilm, dumpf bei Emmerich abgekupfert. Aber immerhin: schlechter dürfte es im diesjährigen Blockbuster-Sommer nicht mehr werden…

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2 Kommentare

  1. So viel Glück in so einemScheissfilm kann man nur belächeln. Dafür Millionen ausgeben ist der Hohn. Entwicklungshilfe mit dem Geld wäre angebrachter.

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