Stars im Portrait: SANDRA BULLOCK

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Portrait

Nett, süß, aber nicht zu offensiv mit ihrem gewissen Sexappeal umgehend und immer das Gefühl vermittelnd, auch für einen Durchschnittstypen erreichbar zu sein. Auf überzeugende Weise Heldin einer romantischen Komödie zu sein ist nicht unbedingt der leichteste Job, den die Filmindustrie zu vergeben hat, vor allem, da ihre eigenen fragwürdigen Gesetzmäßigkeiten dem Rollentypus eigentlich widersprechen. Überikonisierte Symbole der Weiblichkeit wie Angelina Jolie sind dem Romantischen ebenso fern, wie die reihenweise auftauchenden Skandalnudeln mit wöchentlichem Termin beim plastischen Chirurgen. Natürlichkeit verströmende Damen wie Audrey Hepburn, Doris Day, oder in jüngerer Vergangenheit Meg Ryan hingegen lächelten einem über Jahre auf genau die richtige Art entgegen. Doch gerade seitdem Ryan die vierzig überschritten hat und auch vor ihr die Hollywood’schen Gesetze nicht Halt machten klafft eine Lücke, die beispielsweise Jennifer Aniston oder Katherine Heigl nur sehr mäßig ausfüllen. Aber da gibt es ja noch die nette, süße Sandra Bullock, die sich in 2009, dem Jahr ihres 45. Geburtstages, frech grinsend neben dem Romantischen wohl auch endgültig im Dramatischen etabliert und mit rekordverdächtigem Kassenerfolg über geltendes Reglement hinweggesetzt hat. Und bei der man jetzt erst recht davon ausgehen kann, dass sie das noch einige Zeit unwiderstehlich tun wird.

Als Tochter einer deutschen Opernsängerin und eines amerikanischen Gesangslehrers wurde Sandra Annette Bullock in den USA geboren, lebte aber bis zu ihrem zwölften Lebensjahr in Nürnberg und anderen europäischen Städten. Mit Mama Helga ging sie auf deren Opern-Tourneen und sang im Kinderchor. Zurück in den Staaten besuchte sie die Washington-Lee High School und trat dort in Theaterstücken auf. Die East Carolina University in Greenville, North Carolina, verließ sie 1986, um nach einem Umzug nach Manhattan die Schauspielkarriere voranzutreiben. Doch bevor es an die Millionengagen ging mussten es vorerst Jobs als Kellnerin und Hundefrisörin tun. Nebenbei nahm Bullock Schauspielunterricht an der Neighborhood Playhouse School of the Theatre, die zum Beispiel auch von Steve McQueen, Diane Keaton und Mary Steenburgen besucht wurde.



Nach einigen Studentenfilmen überzeugte Sandra Bullock durch ihren Auftritt im Off-Broadway-Stück No Time Flat den Regisseur Alan J. Levi, der sie im TV-Film Bionic Showdown: The Six Million Dollar Man and the Bionic Woman (1989) neben Sechs-Millionen-Dollar-Mann Lee Majors und Sieben-Millionen-Dollar-Frau Lindsay Wagner besetzte. Nach weiteren TV-Auftritten in Starting from Scratch, The Preppie Murder, sowie den Komödien Who Shot Patakango? und Religion, Inc. (alle 1989), spielte sie 1992 in Love Potion No. 9 in einer romantischen Komödie, die bei Kritik und Publikum gleichermaßen wenig gut ankam. Als Entführungsopfer in The Vanishing (1993), einem Remake des niederländischen Thrillers Spoorloos (1988), überzeugte Bullock hingegen neben Kiefer Sutherland und Jeff Bridges. Ersten größeren Erfolg feierte sie anschließend als vergangenheitsversessene Zukunftspolizistin im SciFi-Actionkracher Demolition Man (1993) mit Sylvester Stallone und Wesley Snipes. Im Rentner-Drama Wrestling Ernest Hemingway sah man sie ihm gleichen Jahr neben Robert Duvall, Richard Harris und Shirley MacLaine.

Ihren internationalen Durchbruch feierte Sandra Bullock schließlich mit Jan de Bonts Schweißtreiber Speed (1994), in dem sie einen explosionsgefährdeten Bus halsbrecherisch durch den Verkehr L.A.‘s zwängt und nebenbei uneitel-charmant mit Keanu Reeves anbandelt. Ihre herzerwärmende Performance als Möchtegernverlobte eines Komapatienten in Jon Turteltaubs Während Du schliefst… (1995) bescherte ihr den nächsten großen Hit. Bullock bewies ihr Everybody’s Darling-Potenzial, mit dem sie selbst einen hochkarätigen Cast unbeschwert anzuführen weiß. Zudem lieferte Während Du schliefst… mehr als nur eine Andeutung ihres Talentes, sowohl durch Mimik und Dialogwitz, als auch durch kleinere Slapstickeinlagen Pointen zu setzen, was ihr die erste GoldenGlobe-Nominierung einbrachte. Keinen Wert auf Komik legte sie im PC-Thriller Das Netz (1995), der auch prompt eher durchwachsen ankam, allerdings längst nicht so derbe floppte, wie die Rückkehr zur Komödie Two if by Sea (1996) mit Denis Leary, der in den USA gerade einmal 10 Mil. einspielte



Tatsächlich schien die Leuchtkraft ihres Sterns nach zwei Hits und strategisch möglicherweise ungeschickt gewählten Folgeprojekten bereits wieder am abnehmen, denn nach der Nebenrolle in Joel Schumachers Die Jury mit Matthew McConaughey, Samuel L. Jackson und Kevin Spacey, blieben auch Richard Attenboroughs Epochendrama In Love and War (beide 1996) und besonders der gigantische Flop Speed 2: Cruise Control (1997) hinter den Erwartungen zurück, auch wenn Sandra Bullock für letzteren 11 Mil. kassierte und damit zu den bestbezahlten weiblichen Stars aufrückte. Auf das Desaster Speed 2 folgte eine ganze Reihe weiterer mittelschwerer bis großer Misserfolge. Weder Forest Whitakers unausgewogenes Drama Eine zweite Chance, die Hexenkomödie Zauberhafte Schwestern (beide 1998) mit Nicole Kidman, oder Auf die stürmische Art (1999) an der Seite von Ben Affleck konnten an Bullocks Highlights zum Karrierestart anknüpfen. Den Wechsel ins ernstere Fach, den sie mit der Hauptrolle im Alkoholismus-Drama 28 Tage (2000) antrat, nahmen ihr die Kritiker nicht ab und einmal mehr enttäuschten auch die Zahlen.

Wenn man so will ein Comeback gelang Sandra Bullock jedoch noch im Jahr 2000. Unter Donald Petries Regie überzeugte sie als manierenfreie FBI-Agentin, die an einer Misswahl teilnimmt in Miss Undercover. Die Krimikomödie brachte es weltweit auf beachtliche 212 Mil., Bullock heimste ihre zweite GoldenGlobe-Nominierung ein. Mit dem Thriller Mord nach Plan und dem Drama Die göttlichen Geheimnisse der Ya-Ya-Schwestern wandte sie sich abermals eher weniger leichten Themen zu, lieferte gemeinsam mit Hugh Grant aber auch eine weitere Vorzeige-RomCom, Ein Chef zum Verlieben (alle 2002). Im Jahr 2005 war sie in zwei sehr unterschiedlichen Filmen und Rollen zu sehen, zum einen gab sie erneut die Agentin Gracie Hart in Miss Undercover 2, zum anderen überzeugte sie als vorurteilsbelastete Staatsanwaltsgattin in Paul Haggis‘ oscargekröntem Episodendrama L.A. Crash. Während ersterer den Erfolg des Vorgängers nicht annähernd erreichte, gelang es Bullock durch letzteren endlich als überaus fähige Charaktermimin wahrgenommen zu werden. Gerade noch rechtzeitig, könnte man meinen, denn die schwarzmagische Vierzig wart nun überschritten und den Bedarf an Faltenromantik deckten in Hollywood Diane Keaton und Mery Streep ab.



Dass Sandra Bullock ihr erfolgreichstes Jahr noch bevorstehen sollte hätte nach Das Haus am See, der Capote-Alternative Infamous (beide 2006) mit Toby Jones und Daniel Craig, sowie dem übernaürlichen Drama Die Vorahnung (2007) wohl niemand vorauszusagen gewusst. Zusammen mit ihrem langjährigen Freund Ryan Reynolds gab sie in dem sympathischen Selbst ist die Braut ihre (nach eigenem Bekunden) Abschiedsvorstellung in Sachen RomCom und bewies in einer Nacktszene Mut zum (eigentlich gar nicht vorhandenen) Makel. Weit mehr erstaunte allerdings gegen Ende des Jahres das Sportlerdrama The Blind Side, das mit einem Einspielergebnis von über 200 Mil. in den USA der erfolgreichste von einer Frau angeführte Film aller Zeiten ist. Whatever that means… Für soviel Zugkraft erntete sie nicht nur die GoldenGlobe-Nominierungen drei und vier (für The Blind Side erstmals in der Drama-Kategorie, in der sie Anfang 2010 schließlich auch gewann), sondern wurde außerdem zum Star des Jahres gewählt, inklusive berechtigter Hoffnungen auf noch höhere Auszeichnungen im Laufe der Award Season 2010. Das die Komödie All about Steve mit Hangover-Star Bradley Cooper zwischendruch heftig gegfloppt ist: geschenkt.

Man gönnt ihr den Erfolg: der charmante Witz, den sie jederzeit versprüht, aber auch ihre Beharrlichkeit, sich jenseits von Komödien zu beweisen und dabei nicht auf Rechenschieberei oder fanatisches dem Schönheitsideal hinterherhecheln zu setzen machen Sandra Bullock vielleicht nicht mehr zum Everybody’s Darling, wohl aber zum Gewinn eines jeden, der eine Schauspielerin mehr zu schätzen weiß, als ein Titelseitenmotiv. Der eine Frau einem Erzeugnis vorzieht. Für jeden, der zwischen Schönheit und Geilheit kein Gleichheitszeichen setzt. Sandra Bullock macht sich auf roten Teppichen so gut, wie sie es im Morgenmantel in einem Hausflur täte, während man selbst schlaftrunken aus der eigenen Haustür gewankt kommt. Sie würde freundlich grüßen, einen erstaunlich schnoddrigen Witz reißen und den ganzen Tag könnte man davon zehren, ihr begegnet zu sein. Und wenn man nicht zufällig ihr Nachbar ist sieht man sich halt einen ihrer Filme an. Der Effekt kann durchaus der selbe sein.

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