SIN CITY: A DAME TO KILL FOR – Kritik zur Graphic Novel-Adaption mit Josh Brolin & Eva Green (Kino)

Story

Willkommen in Basin City, der Stadt der Sünde. Ein Moloch voller Korruption, Verbrechen, Schlägertypen, Nutten und Dreckskerlen. Inmitten dieses Höllenpfuhls schlägt der gewiefte Zocker Johnny auf, dessen Glückssträhne kein Ende findet. Jeden gottverdammten Laden und Kartenspieler in Sin City hat er ausgenommen, bis es nur noch ein Ziel gibt: ein Hinterzimmer in einer der bekanntesten und berüchtigtsten Bars der Stadt, dem Kadie’s. Hier treffen sich die hohen Tiere zur abendlichen Pokerrunde und hier stellt Johnny sein selbstüberzeugtes Können und unverschämtes Glück im Kartenduell mit dem mächtigen und ruchlosen Senator Roarke auf die Probe… Auch der Privatdetektiv Dwight McCarthy findet sich im Kadie’s ein, doch aus ganz anderen Gründen: seine Ex-Geliebte, die verführerische Ava Lord hat um sein Erscheinen gebeten, doch ihr Flehen um Vergebung und Avas scheinbare Notlage in ihrer Ehe mit dem schwerreichen Damian Lord und die Misshandlungen durch dessen Folterknecht Manute lassen Dwight zunächst kalt. Bis er Avas betörenden Reizen einmal mehr erliegt und er in eine dreckige Intrige verwickelt wird… Vier Jahre, nachdem sich der aufrechte Cop John Hartigan zu ihrem Schutz umgebracht hat, sinnt die Stripperin Nancy Callahan auf die überfällige Rache an Senator Roarke, dessen perverser Spross sich einst brutal an ihr zu vergehen versucht hatte, ehe Hartigan das Schlimmste hatte verhindern können…

Der Film



Mit nüchternem Zynismus, saxophongetränkten Film noir-Motiven und einer hyperstilisierten Schwarz/Weiß-Optik, im visuellen Übertrag von Frank Millers Zeichnungen auf die Leinwand teils Panel für Panel aus den Graphic Novels nachgestellt, sorgte Robert Rodriguez‘ „Sin City“ 2005 für einen Knall zwischen all den herkömmlichen Comicadaptionen, die ihm vorangingen und folgten. Nur die zweite große Miller-Adaption, Zack Snyders Spartiaten-Schlachtfest „300“, konnte in Sachen Präsentation zwei Jahre später nochmal ähnlich herausstechen. Die Fortsetzungen zu beiden Filmen hätte man sich, noch im ästhetischen Rausch der Bilder (und der Manipulationsmechanismen der Narrationen) gefangen, locker schon am nächsten Tag geben können, doch sowohl mit „300: Rise of an Empire“, als auch mit „Sin City: A Dame to Kill For“ sollte es bis 2014 dauern. Neben Miller haben die Pre-/Se-/Sidequels (reinrassige Fortsetzungen sind beide Filme nicht) die nackten Brüste Eva Greens gemeinsam, doch ansonsten stellt sich Noam Murros navaler Griechen/Perser-Clinch tatsächlich als die gelungenere Erweiterung gegenüber dem Revisit Basin Citys heraus.

„Sin City: A Dame to Kill For“ basiert hauptsächlich auf dem gleichnamigen zweiten Band aus Millers Schreib- und Zeichenfeder, ergänzt um den Appetizer „Just Another Saturday Night“ und die speziell für den Film ersonnenen Episoden „The Long Bad Night“ und „Nancy’s Last Dance“. Richtig in Schwung kommt keines der Segmente: „Just Another Saturday Night“ ist ein Fanpleaser, starr im Versuch, nach überlanger Wartezeit von neun Jahren die passende Stimmung einzuschaukeln, ein willkürlich motivierter Auftritt für den reibeisengesichtigen Marv, der seinerzeit die lautesten Pops erntete und der sich hier mit einer Gruppe sadistischer Studenten anlegt, die gerade Purge-Nacht feiern. Ganz nett, aber nur eine wiedergekäute Aufbereitung der prägnantesten Marv-Moves (der kann sich an nichts erinnern, hat seine Pillen vergessen, springt durch Windschutzscheiben,…). „Sin City: A Dame To Kill For“ kommt nicht nur weniger überraschend, er kommt weniger echt als der Vorgänger rüber, nicht was den Look angeht, sondern das Ambiente.



„Sin City“ hatte Schocker, der war unbequem, die ungefilterte „Realität“ des fiktiven Drecklochs an der US-Westküste, ein ungemütlicher Neo Noir-Thriller mit Kinderschändern, Menschenfressern und Frauenprüglern, eine böse Form der Unterhaltung mit tiefschwarzem Humor und ätzender Satire. „A Dame to Kill For“ ist nun auch keine plüschige Streichelwiese, dennoch wirkt der Film in seiner Stimmung bedachter auf eine einbettendere Publikumswirkung, wie einmal durch den Katalysator gehauen, seine Schadstoffe rausgefiltert, der konsekutive Aufbau der Storys näher am narrativen Regelsatz, dafür ohne die starken Kontraste einer unausweichlichen Zielführung: ein Begriff von Ehre und Pflichtgefühl, dieser wenigstens vage Heldenethos, der den Cop Hartigan, Schläger Marv und Nuttenrächer Dwight in „Sin City“ auf den Weg brachte, fehlt „A Dame to Kill For“. Wodurch das Paradoxon entsteht, dass der viel publikumsbewusstere Film viel weiter am Publikum vorbei zielt, denn die Welt von „Sin City“ verlangt nicht nach mehr Grau, sondern klaren, harten Schnitten: der aufrechte Cop gegen den abartigen Pädophilen, der ehrliche Schläger gegen den bestialischen Kannibalen, der coole Haudegen gegen ein rücksichtsloses Bullenschwein, das sind Figuren, denen man durch so eine Welt folgt.

Joseph Gordon-Levitt als aufsässiger Gambler Johnny in der filmexklusiven Geschichte „The Long Bad Night“ ist so jemand nicht; diese gesplittete Episode um ein verhängnisvolles Pokerduell mit dem mächtigsten Mann des Staates (der seiner Zockerleidenschaft ausgerecht in einer der am dichtesten von Figuren auf seiner Feindesliste frequentierten Bar nachgeht) kreist um Nichts und führt zu Nichts, der Twist am Ende des ersten Parts ist schwachbrüstig und ob Gordon-Levitt nun mit seinen Kartentriumpfen an der Pokerreputation des dämonischen Senators kratzt oder nicht – who cares? Einzig Powers Boothe wird hier als schweinskorruptes Überböses, als verachtenswertestes Seuchengeschwür der ganzen sündigen Stadt zu Profilschärfe verholfen. Den Hauptteil im diesmal sehr viel unausgewogener umgesetzten Episodenkonstrukt bietet indes die verstandsverdrehende Lady in nude: doch da kann sich Eva Green noch so oft und ausgiebig nackig und mit aquatischer Grazie in ihrer vollkommenen Weiblichkeit durch diverse H2O-Auffangbehälter von Pool bis Badewanne aalen, die Episode mit der titelgebenden „Dame to Kill For“ zieht sich wie die Speichelfäden ihrer lechzenden Verehrer.



Augen, Lippen, Brüste und Po der Femme fatale werden zum gröhlenden Event, der Mittelteil des Films ein Happening aus Negligées und Nippelschau, verruchter Indoktrination im Flüsterton des Begehrens und der Bedürftigkeit, die Rundungen der Green ein Schleudertrauma inmitten einer stillstehenden Geschichte, die ihre Noir-Motive auf die spitzen Brustwarzen einer reizverlockenden Optik treibt, während der Film in die blanke zyklisch-kontextuelle Marginalie weggleitet. Oder klarer gesagt: die Green ist so geil, dass Titten und Arsch darüber wegtäuschen (sollen), wie langweilig die „A Dame to Kill For“-Episode eigentlich ist, auch bedingt dadurch, dass Josh Brolin keinen so coolen Dwight wie Clive Owen gibt und die sinnverwirrte und komprimiert dargebotene Blödheit der Schwanzdenker in Greens Nähe irgendwann einfach lächerlich ist, ebenso wie ihre Schusswaffenqualitäten mit einem lapidaren »Ich kann nicht gut zielen« abzutun, wenn sie Dwight aus einem Meter Entfernung kein Loch durch den Brägen gefräst bekommt. Penetrieren dürfen eben doch nur die harten Kerle.

Zumindest bis die finale Episode „Nancy’s Last Dance“ ansetzt, direkte Fortsetzung von „That Yellow Bastard“ aus dem ersten Teil. Keine Ahnung, woher Jessica Alba den Zugang zu ihrer Figur der vor Rachedurst abhängig und wahnsinnig werdenden Stripperin findet, aber immerhin gelingen ihr ein paar Momente, in denen sie tatsächlich mal wie eine Schauspielerin und nicht wie jemand beim Versuch zu Schauspielen wirkt. Trotzdem ist auch diese abschließende Story dünne Suppe und weder Miller als Autor noch Rodriguez als Regisseur beweisen hier auch nur annähernd die Form früherer Tage.[Sündiger SPOILER voraus, zum Lesen markieren]Wenn am Ende nichtmal der Oberschurke einen würdigen Abgang bekommt, sondern mit dem finalen Schuss zur Schwarzblende und dem Abspann übergeleitet wird, offenbart sich, dass die Händchen der beiden ähnlich malträtiert wurden, wie die Geberhand von Gordon-Levitt in der „The Long Bad Night“-Episode. Im Vorgänger war selbst unbedeutenden, aber treffend eingesetzten Neben- und Randfiguren ein denkwürdiger Kill garantiert…[SPOILER Ende]Und immer, wenn die Geschichten in „Sin City: A Dame To Kill For“ mal nicht weiterwissen, halten Miller/Rodriguez stets ein Allheilmittel parat, einen billigen Cheat: Marv. Für den hat der Film nach dem Prolog keine eigene Story parat und drum hüpft er schoßhundmäßig auf Befehl jedem an die Seite, der ohne seine schlagkräftigen Fäuste grade nicht weiterkommt. Marv, das Maskottchen.



„Sin City: A Dame to Kill For“ ist wie schlechte Fan-Fiction zum ersten Teil, weniger krank, weniger pervertiert, dafür geifernder und masturbatorischer auf die eigene Neigung, was man bei „Sin City“ und von den Figuren sehen will, ausgelegt. Schienen „That Yellow Bastard“, „The Hard Goodbye“ und „The Big Fat Kill“ wie die spritgeladene Essenz des Miller’schen Werkes, kommen „The Long Bad Night“, „A Dame To Kill For“ und „Nancy’s Last Dance“ bloß wie ein wässriger Aufguss daher. Neben der visuellen dritten wird dem Film keine weitere Dimension hinzugefügt, die Off-Kommentare der wechselnden Protagonisten kreisen diesmal ziellos um einen Machismus, dem manipulative Laszivluder, wehrhafte Huren und austickende Gören, die sich dem Lustideal mit Selbstverstümmelung widersetzen, nur scheinbar widersprechen. Der Style von „Sin City: A Dame to Kill For“ ist zwar ein Leckerbissen wie 2005, doch sobald man sich da wieder rein- und daran satt gesehen hat stehen einem lange 100 Minuten bevor…

Wertung & Fazit

Action: 2,5/5
Nicht härter und weniger spezifisch als der erste Teil, wenn es an Strikes und Kills geht. Dafür explodiert mehr.
Spannung: 1/5
Will gar nicht aufkommen, da es gefühlt um Nichts geht.
Anspruch: 0,5/5
Seitenhiebe auf sakrale Vertuschung usw. bleiben aus, „A Dame to Kill For“ ist ein recht dumpfes Spektakel.
Humor: 1/5
Der Zynismus des ersten Teils kommt diesmal weniger scharf und beißend rüber.
Darsteller: 2,5/5
Wenn’s nicht nur um nackte Tatsachen geht spielt sich hier niemand groß hervor.
Regie: 1,5/5
Sequels in Zukunft lieber bleiben lassen, lieber Robert Rodriguez: nach „Machete Kills“ fruchtet auch die zweite Zusammenarbeit mit Frank Miller nicht.
Fazit: 3,5/10
„Sin City: Ashamed To Thrill More“. Die überfällige Fortsetzung war das Warten nicht wert, hat nichts Neues zu bieten und für mehr vom Alten kann man auch den Vorgänger nochmal in den heimischen Player schmeißen. Der hat nämlich die klar stärker kontrastierten Motive und damit die besseren Geschichten innerhalb des „Sin City“-Universums zu bieten.

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3 Kommentare

  1. Mmh… die Kritiken sind ja nirgends wirklich gut, gefloppt ist er ja im Endeffekt auch schon… eigentlich schade, dass die da nicht mehr aus dem Stoff gemacht haben. Vielleicht liegt’s daran, dass nicht mehr so viel von den Comics drin ist, sondern mehr “neu erfundene” Geschichten. Ich find’s auch nach wie vor schade, dass die Story mit Josh Hartnett aus dem ersten Teil keine Fortsetzung findet.

    Naja, am Wochenende werde ich mir das Ding wohl trotzdem mal anschauen.

    1. 😀 Na jetzt wird’s spannend. Aber du hast vermutlich Recht. Ich kann mir da auch durchaus 5 bis 6 Punkte vorstellen. Naja… abwarten 😉

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