SISTERS: Kritik zur schrillen Party-Komödie mit Tina Fey und Amy Poehler (DVD)

Die Story

Die Schwestern Kate und Maura Ellis fallen aus allen Wolken, als ihre Eltern das Familienhaus in Florida verkaufen und sich in einer luxuriösen Seniorenresidenz einquartieren. Doch besonders für Kate geht es nicht nur um den sentimentalen Wert der Heimat ihrer Kindheit und Jugend: die unreife und einst von Partyrausch zu Partyrausch hoppende Mutter ist auch jenseits der Vierzig noch kein bißchen vernünftig geworden, hat gerade erst Job und Bleibe verloren und wollte sich eigentlich mit ihrer Teenager-Tochter Haley bei den Eltern einquartieren. Die verantwortungsvolle und im Vergleich zu Kate fast schon zwanghaft rücksichtsvolle und hilfsbereite Krankenschwester Maura hingegen erholt sich gerade von ihrer Scheidung und hat ihre wilde Seite bisher nie wirklich ausgelebt. Die Schwestern beschließen, sich angemessen von ihrem geliebten Heim zu verabschieden: mit einer rauschenden Party, die ihre Jugend wiederaufleben lassen soll!…

Die Filmkritik

Die besties Tina Fey und Amy Poehler, oder liebevoll Tinamy, sind eigentlich ziemlich großartig. Zwei eingespielte Comedy-Schwestern, die sich mit der Präzision von Weltklasse-Tennisspielerinnen die Bälle zuspielen, frech und smart, schlagfertig und zynisch, mal redundant mal relevant und immer überzeugend, weil die Brünette und die Blonde so herrlich unaufgesetzt miteinander und ihren Impro-Skills harmonieren. Ihre „Saturday Night Live“-Auftritte, die begnadeten Sarah Palin- und Hilary Clinton-Impersonations, Solos wie die Serien „30 Rock“ und „Parks and Recreation“ und natürlich nicht zu vergessen ihre unübertefflich spitzen Golden Globe-Moderationen, dazu die herbe Sexyness des Duos ohne Püppi-Allüren und Jugendwahn – alles ziemlich großartig. „Sisters“ allerdings, der dritte Leinwandauftritt von Tinamy nach „Mean Girls“ und „Baby Mama“… well, that’s a different kind of story…
Tina Fey und Amy Poehler in SISTERS
Fey und Poehler sind sicher keine reinen Sketch-Nudeln, die nur im fünf bis zehn Minuten-Format funktionieren, das haben ihre Serien oder Filme wie „Admission“ bewiesen, und die beiden haben auch in „Sisters“ mehr Mathe als ‘ne Gleichung und mehr Chemie als abgepacktes Gemüse, aber ob Tomate oder Gurke in der Packung lagert macht kaum einen Unterschied: die „what’s my age again?“-Prämisse mit den gegensätzlichen Hauptfiguren, die wie in jedem Feierfilm ihren Lebensmittelweg zwischen Party Hard und Party Fart finden müssen, würde als Frat Pack-Comedy mit Vince Vaughn und Owen Wilson, als Vehikel der Apatow Gang mit Seth Rogen und James Franco oder, Gott behüte, als Auswurf der Happy Madison-Crew mit Adam Sandler und David Spade kaum anders aussehen. Tausche Mumu- gegen Puller-Gags und Haha, selber Film!

„Sisters“ hat im ganzen Raunchy-Ramsch der R-Rated- und Party-Comedys keine eigene Identität, Busen oder Brusthaar und das die Hauptdarstellerinnen schwer postpubertierende Vierzigerinnen und keine knüppelgeilen Kids sind ist für die klischeebeladene coming of age-Story unerheblich und macht letztlich nur eine Verschiedenheit in den geschlechtsmerkmalischen Begrifflichkeiten aus. To be clear: Vaginas und Brüste sind ‘ne schöne Sache, Tina und Amy aber in überlangen fünfundvierzig Minuten und überstreckten Szenen über ihre Poehlers und Feyfeys diskutieren zu hören, sie in Assimode stecken und quetschen zu sehen und mal direkt, mal verklausulierter von ihrem Einsatz zu berichten und darauf zu hoffen – nääääääähhh, so steif…ähhhhh steil…ähhhhh, ich meine… ach, Latte…
Amy Poehler und Ike Barinholtz in SISTERS
Permanentes primäres und sekundäres Geschlechtsteilbenennen ist allein noch keine gute Comedy, viel mehr liefert „Sisters“ aber nicht: die Schwesten sind als Figuren nicht sonderlich sympathisch, ihr Benehmen extrem ego driven, die nostalgisch-sentimentale Seite des Films über den Verlust des zu Hauses fällt darüber zu dürftig aus, als dass Kate und Maura und ihre letzte große Fete vor dem Verkauf des Heims etwas einladendes hätte. Der Film braucht außerdem viel zu lange, bis er sich überhaupt an diese Stelle gewälzt hat, bis dahin ziehen improvisierte Sketch-Nummern die Laufzeit unnötig in die Länge, wie eine Szene im Beauty-Studie, in der es Maura nicht gelingt, den Namen der asiatischen Nagelpfeilerin richtig auszusprechen. Mit fast zwei Stunden ist „Sisters“ mindestens eine halbe zu lang und die erste Hälfte ist wie ein Mittelfeldspieler, der den Ball verschleppt und Tempo rausnimmt, wenn er das Spiel schnell machen müsste.

Auch die anschließende Party, wenngleich die unterhaltendere Halbzeit von „Sisters“, macht wenig aus wenig: dass hier statt aufgedrehten Teens die schnarchig gewordene Ü40-Generation die Sau von der Kette lässt nutzt der Film bis auf wenige Momente und Sprüche kaum komödiantisch aus, zumal für’s Publikum kein Referenzwert für das Feiervolk gegeben ist. Eine Rückblende in die Jugendjahre der Ellis-Schwestern zu Beginn hätte „Sisters“ geholfen; die beiden als Party Bitch und Party Mom vorstellen, dazu eine Kerngruppe von vier, fünf prägnanten Nebenfiguren, die man später in ihrer um hundertachtzig Grad verkerhten Haltung auf der Feier wiedertrifft, sie beim Abgewöhnen der eingeschlagenen Spießergewohnheiten und Ausrasten verfolgt – mit einem solchen einfachen Kniff hätte man „Sisters“ in der ersten Hälfte bedenkenlos um mehrere Wiederholfrequenzen der Eigenschaften der Hauptfiguren kürzen und in der zweiten mehr Interesse für ihre Gäste aufbringen können.
Tina Fey und Amy Poehler machen Party in SISTERS
So sieht man halt willkürlichen Menschen auf einer zunehmend wilder werdenen Party zu, auf die man sich nicht eingeladen fühlt. Haha, die eine da ist irgendwie so mittelalt und zieht ihr Oberteil aus, öhmm, witzig…?!?! Oh, ihr Mann hat ‘n krummen Lümmel, too much information, gal! Haha, der sozial inkompatible laute nervige Dicke ist dick, nervig, laut und sozial inkompatibel, COMEDYYYYYY!!! Im Laufe der durchzechten Nacht lernen die Schwestern ihre Lektionen (Kate: ich muss mal Verantwortung für mein Leben und meine Tochter übernehmen: Maura: ich muss weniger hilfebietend und mehr hilfebedürftig sein, damit mich der heiße Nachbar knallt…), alles in erwartbaren Rahmen abgesteckt, Persönlichkeitskatalyse durch Partyrausch und ‘n emotionalen Weckruf zur rechten Zeit, kräftig am Eierstock gepackt, einmal durchgerüttelt und die Reifeprüfung ist endlich bestanden.

Doch erst der gefühlige Schluss transplantiert in den Film, was ihm vorher gefehlt hat und was Partyfilme brauchen, um nicht bloß Katerstimmung zu wecken: Herz. Gute Partyfilme haben Herz. Da muss etwas fühlbar hinter den Figuren stecken, dem ihr Gehabe, dem ihr Geprolle und die derben Sprüche wie ein Schutzschild vorstehen, etwas das sie und ihre Feier-Quest liebenswert macht. Das haben die „Sisters“ nicht und die Ansätze dazu sind billig. »Stop it! We are fed up. We have no energy for this goddamn shit!« machtwortet am Ende der Dad der Schwestern James Brolin und rechnet den Film gut zusammen. Die Fresse hat man schnell voll von den Ellis-Bitches, egal wie gut Tinamy miteinander können, one note-comedy und -characters bleiben one note-comedy und -characters, wenn das Herz fehlt.
Tina Fey und John Cena als Pazuzu in SISTERS
Die beste und befriedigendste Szene in „Sisters“ ist dann auch die, in der Tyrion Lannister dem kleinen Drecksack Joffrey Baratheon eine knallt. Da steckt der richtige »Jawollo!«-Schmackes drin. Ein mehr direkt an den Film gekoppeltes Highlight ist außerdem ein knochentrockener Gastauftritt von WWE-Kleiderschrank John Cena als drogenvertickender, tätowierter Pazuzu. Cena war 2015 ja auch als Amy Schumers Rammelpartner in „Trainwreck“ zu sehen und scheint ‘ne Nische als Muskelprotte neben weiblichen Comedygrößen für sich entdeckt zu haben. In „Sisters“ kommt der Doctor of Thuganomics so geil rüber, dass ich sofort ein Pazuzu-SpinOff will, in dem der fünfzehnfache World Heavyweight Champion inmitten der absurdesten Situationen schweigsam-stählern dasteht und auf Ansprache coole Oneliner raushaut. »Do you have any kids?« »I’m sure I do.« That’s comedic gold! Also let’s go Cena! »CENA SUCKS!« Huch, wo kam das denn her?

Wertung & Fazit

Action: 1/5

Party-Action halt.

Spannung: 0.5/5

Alles vorhersehbar, auch der Irrsinn der ausartenden Party bietet nicht die ganz krassen Überraschungen.

Anspruch: 0/5

Kurz über einen halben Gnadenpunkt nachgedacht, aber nee: die Morallehren sind plump und altbekannt und recht lieblos in den Film gewoben.

Humor: 1/5

Viel Leerlauf, viele Gags und Attribute, die gnadenlos und lange über die Pointe hinaus totgeritten werden, dafür ein saucooler John Cena-Cameo.

Darsteller: 3/5

Fey und Poehler verstehen sich, daran lässt „Sisters“ überhaupt keinen Zweifel aufkommen. Ihr Figuren bleiben aber anstrengend und nicht sehr sympathisch.

Regie: 2/5

Jason Moore lässt in der ersten Hälfte ein gutes Gespür für’s Tempo vermissen, in der zweiten wird halt Partyexzess abgebildet.

Film: 3/10

„Sisters“ bietet viel bewährte Tinamy-Chemie, kanalisiert das aber nicht zu guter Comedy. Der Partyfilm macht selten richtig Spaß, lässt Herz und Gefühl vermissen und ist lauter als lustig. Aaaaaber, here is your winner and new comedy cameo champion, Jooooohhn Ceeeeeeeeeenaaaaaaa! 😀

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2 Kommentare

  1. Na, jetzt muss ich ein bisschen widersprechen. 😀

    So rein persönlich teile ich deine Meinung und deine Kritik an dem Film.

    Allerdings muss ich anmerken, dass ich deine Bewertung nicht teile, denn mit einem:
    “„Sisters“ hat im ganzen Raunchy-Ramsch der R-Rated- und Party-Comedys keine eigene Identität, Busen oder Brusthaar und das die Hauptdarstellerinnen schwer postpubertierende Vierzigerinnen und keine knüppelgeilen Kids sind ist für die klischeebeladene coming of age-Story unerheblich und macht letztlich nur eine Verschiedenheit in den geschlechtsmerkmalischen Begrifflichkeiten aus.”
    rast du auf der Überholspur am Kern der Sache vorbei.

    Der Film doch ist ein bedeutender Teil der aktuellen Empowerment-Bewegung der US-Comedy, die sich NATÜRLICH der MIttel bedient, die männliche Humorschiene zu kopieren – nicht aber mit dem Ziel statt mit Schniedelwitzchen jetzt mit Mumuwitzchen dasselbe Publikum zum Lachen zu bringen, sondern hier geht es gerade auch darum, in männliche Domänen einzudringen und sie sich anzueignen und für ein weibliches Publikum zu öffnen.

    Wer das als Mann nicht witzig findet, weil er das ja schon auswendig kennt, übersieht, dass das weibliche Publikum (welches möglicherweise die von dir für ausgelutscht erklärten Pimmelwitzchen schon seit vierzig Jahren nicht komisch findet) eben nie durfte und nie hatte, und der Akt an sich schon eine bejubelnswerte Aktion ist.
    Frauen waren in dieser Form von Komödien nie präsent, bis vor wenigen Jahren (etwa um BRAUTALARM rum), sondern mussten sich immer mit Schnulzkomödien, die um jennifer Aniston herumgestrickt waren. Komödien von Männern für Frauen. Harmlos, züchtig, verliebt, nur bitte nicht anrüchig oder unter der Gürtellinie, das ist unweiblich, das gucken eh nur Männer.

    Wer sich die Art der Kritiken anschaut, die weibliche Ghostbuster (der in dieser Hinsicht ungemein wichtig ist und wird!) oder weibliche Fußballkommentatorinnen hervorrufen, versteht vielleicht besser, welche Notwendigkeit tatsächlich dafür besteht, dass Frauen überhaupt mal Filme drehen, die bis zum Rand mit dämlichen Mumuwitzen vollgestopft sind. Da steckt eine reflexive Metaebene ebenso drin wie ein wichtiger Empowerment-Schritt. Von daher kommst du, für meine Begriffe, hier leider nicht aus deiner männlichen Perspektive raus.
    Der Film ist mit Sicherheit kein Highlight, und selbst als Mumufötzchen-Kracher nicht das beste, aber das Genre ist eben neu und eine Identität muss sich erstmal finden, auch durch ausprobieren. Das jetzt mit “altbekannt” abzustrafen würgt doch einen wichtigen Entwicklungsschritt ab, auf dem man Fehler machen dürfen muss.

    Und abschließend sei noch angemerkt, dass deine Verbesserungsideen dem Film zwar wirklich geholfen hätten, unterhaltsamer zu sein, aber am Ende eben auch nur ein weiteres Klischeeklistier ausgequetscht hätten … Just sayin’. 😀

    Aber wie gesagt, deiner Kritik stimme ich ja zu, nur nicht unbedingt deiner Bewertung!

    1. Weiß nicht. Vieles ist ja richtig was du ansprichst. Aber manches sehe ich schon anders. Das “Ansiton und Konsorten”-Schnulzenkino “von Männern für Frauen” oder im größeren Begriff der romantische Frauenfilm kam und kommt prägend ja eher von RegisserINNEN wie Nora Ephron und Nancy Meyers, während “Sisters” hier oder “Bridesmaids” zwar mit Frauen besetzt und von Frauen geschrieben sind, aber von Männern inszeniert.

      Davon ab: mich würde die Humorschiene des Films als feminine Antwort auf eine bis dato maskuline Genreausprägung per se überhaupt nicht stören (ich mochte z.B. “Bridesmaids”), aber die vollständige Gleichmachung von “Sisters” (ob das alles noch in einem Experimentier- und Identitätsfindungsstatus ist oder nicht) nach Mustern des Partyfilms und mit Muschi- statt Pimmelsprüchen kann doch nicht im Sinne der Sache sein, schon gar nicht mit begabten Damen wie Fey und Poehler in den Hauptrollen.

      Nimm mal “Sex and the City” und den dortigen Umgang mit “Titten, Muschi, Sex”-Dialogen, das hatte Identität UND Herz und das sind die zwei Dinge, die mir an “Sisters” vor allem fehlen. Was Story, Figuren und Entwicklung angeht ist das hier alles altbekannt, durchaus von ähnlichen sexistischen Klischees des männlichen R-Rated-Kinos geprägt und für mich ist das nicht der Schritt, den Kino mit Frauen gehen müsste. Warum muss Frauenkino sich in diese Richtung öffnen? Und inwieweit WILL das denn ein weibliches Publikum (meine Frau etwa steht weder auf Schniedel-, noch auf Mumu-Gags). Warum muss es überhaupt diese doofe Unterscheidung zwischen Männer- und Frauenfilmen geben?

      Was das “Ghostbusters”-Reboot und die widerwärtigen Reaktionen auf Claudia Neumann angeht, wo Frausein in einer vermeintlichen Männer-Domaine allein des Frauseins wegen abgestraft und (vor)verurteilt wird: das finde ich zum Kotzen, nur falls der “Ghostbusters”-Film scheiße ist und die Neumann beim Fußball Quatsch erzählt oder abgenutzte Phrasen drischt, dann schützt die Weiblichkeit auf der anderen Seite auch nicht vor Kritik.

      Ebensowenig “Sisters”. Der wäre mit Rogen/Franco, Sandler/Spade oder Vaughn/Wilson in den Hauptrollen der selbe Film mit den selben Problemen und das sind halt zum Großteil die altbekannten Genre-Klischees und -Muster, die sich kein Stück dadurch variieren, um welches Geschlechtsteil es dabei geht. Wenn Frauen sich das dann mit Fey/Poehler in den Hauptrollen eher angucken und auch darüber lachen können: meinetwegen, da gilt wie immer: jedem das seine. Ob das dann von einer filmhistorischen Wichtigkeit ist ändert am Film als solchem aber erstmal nix.

      Und meine Verbesserungsvorschläge sind natürlich auch Klischees, aber eben hilfreiche 😉

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