SPIDER-MAN: HOMECOMING – Kritik zu Marvels Teenie-Superhelden-Action mit Tom Holland (Blu-ray)

Die Story

Einige Monate, nachdem Iron Man Tony Stark ihn in den Konflikt mit Captain America Steve Rogers verwickelt hat, ist High School-Teenager Peter Parker zurück in der Normalität aus Schülerleben und nachbarschaftlichem Superheldenalltag. Zwar hofft der eifrige Nachwuchs-Avenger jeden Tag auf eine neue große Mission an der Seite seiner Idole, vorerst muss er sich als Spider-Man aber mit Fahrraddiebstählen und Wegweiserdiensten seine Sporen verdienen. Doch als Peter eines Abends Zeuge eines Banküberfalls wird, bei dem die Räuber mit zerstörerischen Alien-Tech-Waffen vorgehen, scheint die Chance gekommen, sich auf der größeren Bühne zu beweisen: er kommt einem gefährlichen Schwarzmarkthandel auf die Schliche, bei dem allerhand Überbleibsel der Avengers-Schlachten gegen die Chitauri und Ultrons Roboterarmee von einem bedrohlichen Typen im Geieranzug an sich gebracht, umgebaut und gegen hohe Summen den Kriminellen der Stadt überlassen werden…

Die Filmkritik

Robert Downey Jr als Tony Stark und Tom Holland als Peter Parker in SPIDER MAN HOMECOMING
Neulich in der Redaktion: »Leudde, schnell, wir brauchen ‘ne Einleitung zu Marvel-Lieferung Nummer 19-16-9-D-E Strich Y!« »Welcher ist das?« »Der mit dem Spinner!« »Captain America?« »Nein, der andere in blau und rot, bei dem ein anderes Studio die Markenrechte verkackt hat!« »Hulk?« »Ghost Rider?« »Nein!« »Fantastic Four?« »X-Men?« »Nein, nur ein Typ in blau und rot!« »Superman?« »Der ist nicht Marvel!« »Meinst du den mit Garfield?« »Nein, der ist orange und ‘ne Comickatze!« »Quatsch, der ist mit Emma Stone zusammen.« »…« »Emma Stone war in „Birdman“ und der eine aus „Birdman“ ist jetzt auch bei Marvel dabei!« »Ja, Edward Norton. Der war der Hulk, sag ich doch.« »Um den geht‘s aber nicht! Blau und rot, nicht grün und wütend!« »Ahhhh, Thor!« »Hemsworth war nicht in „Birdman“! Der war in „Im Herzen der See“ mit Holland und Holland ist jetzt auch bei Marvel!« »Zur WM fahr‘n die nicht, aber Marvel nimmt se…« »Hab gehört, Arjen Robben spielt den Blatant Diver. In blau und rot!.«…

Kann schonmal verwirrend werden mit den ganzen Comicverfilmungen, den Rechtslagen und ihren unzähligen Querbezügen. Besonders rund um Marvels ungebrochen populärste Solofigur Spider-Man gab‘s in der vergangenen Dekade mehr Verhedderung als roten Spinnenfaden, gerade für all jene, die den Morgen nicht auf zwanzig Filmseiten und mit MCU-Frühstückszerealien starten. Nach „Spider-Man 2“ von 2004 (nebenbei immer noch eine der besten Comic-Adaptionen überhaupt) ging das Gezerre um den Netzkopf los, die Sony-Bosse mischten sich in „Spider-Man 3“ ein und zwangen Sam Raimi den Auftritt Venoms auf, statt zu „Spider-Man 4“ kam es anschließend zum Bruch zwischen dem „Evil Dead“-Macher und dem Studio, das mit Marc Webbs „The Amazing Spider-Man“ ein Reboot anschob und dessen Sequel in fünfzehn Handlungssträngen zu weiteren Fortsetzungen und Spin-Offs wie „Sinister Six“ zu pushen versuchte, die über miese Fan- und Kritiker-Reaktionen jedoch eingestampft wurden. Und Mama Marvel sah die Chance gekommen, den verlorenen Sohn zurück an ihre Brust zu holen…
Marisa Tomei als Tante May und Tom Holland in SPIDER MAN HOMECOMING
…und wir bekamen mit Tom Holland den dritten Spidey in fünfzehn Jahren. Der gab ein steiles Debüt im MCU-Clash „Captain America: Civil War“ und nach dieser spektakulär verknoteten Einleitung kommt‘s nun endlich zum Punkt, nämlich zu „Spider-Man: Homecoming“, dem mehrdeutig betitelten Solo für die Spinne innerhalb des Marvel Cinematic Universe. Also dann, ähm, ja, der Film ist… gut. Richtig gut sogar! Vom klassischen 1960er-Cartoon Theme über das MCU-Intro gelegt an ist das ein richtig guter und nah an den Comic-Wurzeln gelegener, vorlagentreuer Webslinger-Wohlfühler, in dem der energiegeladene Holland nach Tobey Maguire und Andrew Garfield am aller bestigsten von allen die Balance zwischen dem schüchternen Nerd Peter Parker und dem Netze und Quotes verschießenden Jerk im Strampler findet. Rechts und links von „Spider-Man: Homecoming“ ist das MCU zuletzt mit „Doctor Strange“, „Guardians of the Galaxy Vol. 2“ und „Thor: Ragnarok“ so richtig in die Vollen und Weiten gegangen, andere Existenzebenen, fremde Planeten und abgedrehte Welten, das Arachniden-Abenteuer hingegen ist der am wenigsten phantastische Film des Franchise seit dem ersten „Iron Man“ und der nachbarschaftlichste, der Superheld-von-nebenan‘igste von allen.

Dafür ist Spidey berühmt und beliebt, ein Normalo-Nobody mit flinkem Hirn und Superkräften, aber den notorischen Nöten des Jedermanns, sozial unbeholfen, kein Schlag bei den Frauen, ständig klamm und überfordert darin, Privatleben, Schule/Beruf und verantwortungsbewusstes Heldsein unter eine Maske zu kriegen. Die Raimi- und Webb-Interpretationen der Spinne hielten sich mit den High School-Tagen Peter Parkers nicht lange auf, im Korsett des MCU hingegen liegt darauf und auf den ganz jungen Ursprüngen des Spinners der Fokus: „Spider-Man: Homecoming“ fühlt sich an wie eine Teen-Dramedy mit den außergewöhnlichen Ausschlägen eines Superheldenfilms, ein „Breakfast Club“, ein „Weird Science“, ein „Ferris Bueller’s Day Off“, ein „Sixteen Candles“, kurzum: ein Film im Geiste John Hughes‘, dessen Werk Watts seinen Jungstars um Holland zum Rollenstudium empfahl. Dadurch wirkt der dritte „Spider-Man“-Neustart frisch und völlig anders als seine Vorgänger, Raimis Verkitschung und Emotionalität und das inkonsistente Düstergebrühte der ersten Webb-Fassung kontert Watts mit einer schwungvoll-unterhaltsamen Erdigkeit.
Laura Harrier als Liz und Tom Holland in SPIDER MAN HOMECOMING
Peter Parker traut sich noch nicht heraus aus Queens, deshalb gibt es in „Spider-Man: Homecoming“ kein Wolkenkratzergeschwinge, sondern Vorgärten und Hinterhöfe, Lagerhallen und Fähren, das High School-Terrain und andere Orte, an denen Spidey mit seinen Signature Skills wortwörtlich nicht weit kommt – das sind für den Spinner mal ganz andere Kampfareale, als die ewigen Hochhausschluchtenschlachten der Vorgänger und „Homecoming“ nutzt das für angenehm runtergedrosselte Action Set Pieces, denen es dennoch nicht an Aufregung und vor allem nicht an Humor fehlt, wenn Spidey zum Beispiel beim noch etwas unbeholfenen Schwingen ein Baumhaus runtereißt oder eine Poolparty crasht. Watts hält den Film konsequent in der Perspektive eines einfachen fünfzehnjährigen Jungen aus Queens verankert, der von Iron Man Tony Stark in einen Konflikt weit jenseits seiner Begreifenskraft verwickelt wurde und nun versucht, dieser Heldendimension nachzueifern, für den die eigenen Kräfte und die weite Welt aber noch lange viel zu groß sind. Peter stürzt sich mit Begeisterung und Einsatzwille, aber weit ab jeder Selbstverständlichkeit und mit einer ordentlichen Portion Ehrfurcht und blanker Angst in seine Superheldenmissionen.

Furchtvoll erwähnt Peter, noch nie zuvor so weit oben gewesen zu sein, als ihn ein dramatischer Rettungseinsatz auf die Spitze des Washington Monuments führt – und selbiges würde es mit seinen knapp einhundertsiebzig Metern Höhe nicht mal in die Top 100 der höchsten Gebäude New Yorks schaffen. „Spider-Man: Homecoming“ zeigt noch nicht DEN Spider-Man und in Anbetracht der fünf vorhandenen Filme mit Maguire und Garfield und der Aussicht, dass Holland deren zusammengenommene Einsätze zahlenmäßig vermutlich toppen wird, ist das genau der richtige Ansatz, um den Charakter innerhalb so kurzer Zeit zum dritten mal zu (re)introducen. Wiederum seit dem ersten „Iron Man“ war noch kein Held so unfertig. Folgerichtig erwartet einen in „Homecoming“ nicht der nächste beam of light in the sky, keine weltbedrohenden Armeenaufmärsche – sondern mit Michael Keatons Adrian Toomes ein facettenreicherer blue collar-Schurke, der, genau wie Spidey, den street level zu den sky high-stakes-Kämpfen der Avengers abbildet: ein Schrottsammler, der hinter den Helden den Dreck und die Zerstörung beseitigt und der von Tony Stark aus dem Geschäft gedrängt wird, als der beschließt, die Verwertung von Chitauri- und Ultron-Überresten zu monopolisieren.
Spinne im Einsatz - Tom Holland als Spider-Man in SPIDER MAN HOMECOMING
Bis zum Ende ist es nicht Toomes‘ Ansinnen, mit den Avengers in Konflikt zu treten oder aus Rache das Ende der Welt einzuläuten, nein, der Mann will bloß eine faire Chance, um über die Runden zu kommen, sieht sich als einer dieser „vergessenen Amerikaner“, denen ein gewisser New Yorker Goldhochhausbesitzer mit orangenem Teint ihr Stück vom Kuchen des Establishments versprach. „Spider-Man: Homecoming“ wächst zwar nicht zur politischen Parabel aus, das Licht, in das der Film die Toomes-Figur und Stark rückt, wirft aber einige interessante graustufige Schatten, die Marvel auf der Schurkenseite meist eher nicht zu bieten hat. Keatons Toomes/Vulture ist kein bloßer Kräfte-Spiegel des Helden, wie Marvel ihn gerne einsetzt, er ist vielmehr ein spannender Sprenkel, eine Nebenwirkung der Mammutereignisse des MCU, ein Kommentar zum im großen Scope angelegten Superheldentum, getrieben von grundlegenden, existentialistischen Bedürfnissen, für die vor lauter Götterreichen, außerirdischen Bedrohungen und Großstädte crushenden Vernichtungsapparaturen sonst kaum ein Auge bleibt. Ein moralisches Gegengewicht zu Spider-Man, an dem sich am Ende vielmehr die menschlichen Qualitäten des Peter Parker messen lassen und auch das ist 1a-umgesetzer Spidey-Comic Lore.

Das davon nach Fan-Meinung (wobei Fan hier meint: »mimimi, ich hab die Raimi-Trilogie gesehen und da war‘s aber soundos und das will ich wieder!«) viel auf der Strecke bleibt sorgte hingegen für einige Kritik an „Spider-Man: Homecoming“. Aber wollten die echt zum dritten Mal innerhalb von anderthalb Jahrzehnten den Spinnenbiss, den Tod Onkel Bens, den aus »großer Kraft folgt große Verantwortung«-Schwur und die Aunt May‘schen Lebensweisheiten sehen? Leute, Spidey hat seit den 1960ern eine der unumstößlichsten Origin-Storys der Comicbuchwelt, JEDER weiß, woher seine Kräfte kommen, JEDER kennt die Geschichte mit Onkel Ben. Und May ist euch hier zu jung und zu „auf sexy gemacht“? Marisa Tomei ist zweiundfünfzig Jahre alt und spielt die Tante eines Einundzwanzigjährigen, der einen Fünfzehnjährigen spielt. Die Tanten von Fünfzehnjährigen sind in der Regel nicht Achtzig und drüber. Sie ist Aunt May. Nicht Granny May. Marisa Tomei ist eine großartige Schauspielerin und man kann sich drüber beschweren, dass sie in „Homecoming“ sträflich underused und tatsächlich ein bisschen auf „scharfe Tante“ reduziert ist, aber keine Sorge, genau wie Holland wird sie dem MCU noch lange erhalten bleiben und irgendwann wird diese natürlich-attraktive und nicht künstlich hochgesexte Frau dann schon euren asexuellen Vorstellungen der Figur entsprechen 😉
Michael Keaton als Volture Adrian Toomes in SPIDER MAN HOMECOMING
Auf das »zu viel diversity!«-Gejaule um die Besetzung der Kids um Holland mag man eigentlich gar nicht eingehen, wer mit einem philippinischen Sidekick, einem dunkelhäutigen come and gone-love interest, einem guatemaltekischen Flash Thompson und einer nichtrothaarigen möglicherweise-MJ ein Problem hat darf den Kopf auch gern zurück in den Hintern stecken und seinen Protest da hinein schreien. Denn über keinen der Darsteller kann man sich ob ihrer Darstellung beschweren; Jacob Batalon ist witzig und kommt ohne awkward fatty-Klischees aus, Laura Harrier ist sweet und smart und ihre Rolle nicht völlig out of his league angelegt und zündet als kleines Romanzchen mit Peter Parker. Tony Revolori ist mehr verbaler als körperlich einschüchternder Bully, aber beim Bullying, und da fängt der Film ein modernes und eben nicht das Bild der 60er ein, geht‘s nicht um die Gewalt physischer Überlegenheit, sondern mentalen Missbrauch und aus diesem Grund kann auch ein körperlich unterlegener Flash Thompson einen Peter Parker Prä- und Post-Spinnenbiss einschüchtern. Und Zendaya Coleman? Die stiehlt immer wieder den Film als angenervte Michelle!

„Spider-Man: Homecoming“ – not the reboot some people wanted, but the reboot we needed. Ein Film, der sich die Adjektive der diversen Comicreihen „spectacular“, „amazing“ oder „astonishing“ alle nicht verdient, der aber mit „lighthearted“, „neighbourly“ und „fresh“ auch sehr gut bedient ist. Holland macht sauviel Spaß im und außerhalb des Kostüms, wenn‘s bei selbigem auch gewöhnungsbedürftig ist, wie viel Gadgetfirlefanz Tony Stark da reingequetscht hat. Und dann auch noch die Stimme von Jennifer Connelly, die hier ihr MCU-Comeback nach ihrem Auftritt als Betty Ross in „The Incredible Hulk“ gibt und im echtem Leben außerdem mit Jarvis/Vision Paul Bettany verheiratet ist. Ahhhhhhhhh, die Querbezüge! Aber zurück zur Sache, high tech-Spidey suit ist ein bisschen so »…ehh, really?«, der erzsympathische John Hughes-Gedächtnis-Teeniefilm-Part ächzt manchmal narrativ und konsequenziell auch ein wenig unter dem Gewicht, einen Superheldenfilm abpflichten zu müssen, aber insgesamt hat Jon Watts beides gut und gleichermaßen unterhaltsam und angenehm geerdet im Griff. Swing on, Spider-Man!

Wertung & Fazit

Action: 3.5/5

Nicht der Allestopper, aber astrein gefilmte und angenehm „kleine“ Actionszenen, die auch dann noch überzeugen, wenn beim Flugzeug-Showdown kaum noch ein Bild nicht aus dem Computer kommt.

Spannung: 2/5

Wärmt die Raimi-Trilogie, das Webb-Doppel und die MCU-Formeln an einigen Stellen auf, bietet aber dennoch genug Frische und hält die Bedrohungslatte angenehm niedrig und persönlich, um das Spidey-Vulture-Duell an einigen Stellen schön intensiv zu machen.

Anspruch: 1/5

Keine künstliche Schwere, aber auch kein so konsequenzloses Rumgeblödel, wie es zuletzt vor allem „Guardians of the Galaxy Vol. 2“ befiel. Die Motivationen sind klar und durchaus mehrschichtig und grautönig.

Humor: 3/5

Siehe oben: kein dummes Rumgeblödel. Sehr natürlicher, angenehm dosierter Humor, der in fast jedem Fall den passenden Moment erwischt.

Darsteller: 4.5/5

Ohne Maguire und Garfield abzuwerten: Tom Holland ist bislang die beste Peter Parker/Spider-Man-Kombination. Der trifft für „beide“ Figuren die entscheidenen Punkte und wird sicher in den nächsten Jahren noch enger damit verwachsen. Michael Keaton ist ein starker Schurke, die Kids neben Holland sind ausgezeichnet.

Regie: 4/5

Jon Watts channelt John Hughes und wählt mit dessen Blick auf Teenager-Seelen den richtigen Winkel für seine Spider-Man-Interpretation.

Film: 8.5/10

The Perks of Being a Wallcrawler (ja, der ist von den Screen Junkies geklaut): „Spider-Man: Homecoming“ ist eine frische, beschwingte Version des Wandkrabblers, die mit ihrem Teen-Dramedy-Feel einen gut getroffenen und wunderbar anderen Ton als die ganzen Vorgänger anschlägt und Peter Parker einen vorlagengetreuen Start ins MCU bietet. Bester Spidey-Film seit „Spider-Man 2“ und einer der besten Einträge ins MCU.

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