SPUREN: Kritik zum Outback-Abenteuer mit Mia Wasikowska und Adam Driver (Blu-ray)

Story

Australien im Jahr 1975: die junge Aussteigerin Robyn Davidson kommt in Alice Springs an, nahe dem geographischen Zentrum des Kontinents gelegen, weit ab von sämtlichen Großstädten. Von hier aus plant sie einen verwegenen Marsch: zivilisations- und menschenmüde will sich Robyn auf den über dreitausend Kilometer langen Weg in westlicher Richtung und bis hin zum Indischen Ozean machen und dabei das nahezu unendliche und nur sporadisch besiedelte Outback durchqueren. Begleiten sollen sie dabei lediglich ihre geliebte Hündin Diggity und ein paar Kamele mitsamt ihrem Gepäck. Mit einem Job beim Farmer Kurt Posel und dem afghanischen Züchter Sallay Mahomet verdient sich Robyn das nötige Geld, wichtiger aber noch das Wissen um den Umgang mit Kamelen. Notgedrungen wendet sie sich mit ihrem außergewöhnlichen Vorhaben außerdem an den National Geographic, der ihr den letzten finanziellen Zuschuss ermöglicht und im Gegenzug den Fotografen Rick Smolan schickt, der ihre Reise in Wochenabständen an verschiedenen Punkten dokumentieren soll. 1977 bricht Robyn schließlich auf…

Der Film

Der Traum, einfach mal alles hinter sich zu lassen, den Alltag zu vergessen und zu sich selbst zu finden. Oder anders: mit Aussteiger-Romantik zum Bestseller. Das gelang dem deutschen Entertainer Hape Kerkeling mit seinem Bericht „Ich bin dann mal weg“ über seine Pilgerreise den Jakobsweg entlang nach Santiago de Compostela, und das gelang auch der Australierin Robyn Davidson mit „Spuren“, den auf Buchformat erweiterten National Geographic Magazine-Artikelaufzeichnungen ihrer Erlebnisse auf der Wanderschaft quer durch den halben Kängurukontinent im Jahr 1977. Sechsunddreißig Jahre nach dem Aufsehen erregenden Trip der damals siebenundzwanzigjährigen Davidson erreichte ihr nicht um des Abenteuers Willen unternommenes Abenteuer die Leinwände. Aus der Outback-Odyssee leitet Regisseur John Curran einen Film von spröder Schönheit und ohne aufgezwungene Erhellungsgestik ab und kann sich dabei auf die natürliche eskapistische Wucht des Schauplatzes Australien und eine großartige Mia Wasikowska in der Hauptrolle verlassen, die Faszination der Reise „From Alice to Ocean“ (so der Titel der fotographischen Dokumentation von Rick Smolan) erfasst er jedoch nur selten.


SPUREN Mia Wasikowska Adam Driver


Wasikowska, einst eine schrecklich farblos-apathische Fehlbesetzung in Tim Burtons „Alice in Wonderland“, hat sich mittlerweile in Filmen wie „The Kids Are All Right“, „Jane Eyre“, „Lawless“, „Stoker“ oder jüngst David Cronenbersg „Maps to the Stars“ bewiesen. Mit „Spuren“ aber muss sie die wohl bislang größte schauspielerische Herausforderung ihrer Karriere bewältigen und die Outback-Wanderung trotz mehr Nebendarstellern, als man anhand der Geschichte vermuten mag, über ganz lange Strecken ebenso allein tragen, wie die Last ihrer Unternehmung bei Robyn Davidson selbst lag. Doch Wasikowskas natürliche und komplett allürenfreie Ausstrahlung, die sie im CG-Blockbuster untergehen ließ, fügt sich mit ihrer etwas entrückten Art (den Blick scheinbar immer in eine Richtung und zu etwas hin richtend, das die Kamera nicht erfassen kann) wunderbar in die Kulisse Australien, deren Vorzüge ja ähnlich gelagert sind, zumindest in jenem unberührten Gebiet, durch das Davidsons Weg sie führt.

So spiegelt die Schroffheit der weiten Landschaften einen Teil ihres Inneren und das Maß ihrer selbstauferlegten Strapazen zugleich und Wasikowska spielt subtil an den Klischeefallen vorbei, die darin lauern. Es wird nicht ausstellerisch gehadert und gelitten, sondern weitergegangen und ertragen; umso heftiger und stärker für ihre Robyn Davidson sind dann die Gefühlsausbrüche, wenn sie aus Wasikowska heraus wallen. Doch dabei ist das geographische Ziel ihrer Wanderung stets näher, als das spirituelle: ihre Motive und Ziele sind von einer Art vager Konkretheit, auf den erklärbaren Wegen hat sie ihr Glück nicht gefunden, also entscheidet sie sich für einen unerkärlichen Marsch, den ihr niemand zutraut und niemand versteht; das Spüren vollständiger Einsamkeit, um den Wert der Mitmenschen nach einem schmerzlichen Verlust wiederzuerfassen? Trotz ihrer spröden Art ist Robyn Davidson keine gesellschaftliche Randmarke, da beeindruckt mehr an ihr, als nur diese auf den ersten Blick irrsinnige Idee, doch in einigen feinen Szenen veranschaulicht „Spuren“ ihre Isolation in Gruppen, unter Menschen. Dennoch wirkt Robyns Wanderung durch’s Outback bei aller Mühsal ein bisschen wie eine Reise am Lineal entlang.


SPUREN Mia Wasikowska


Das liegt natürlich auch an der Erwartungshaltung im Kontrast zur Unaufgeregtheit des Films, hinter solchen Geschichten (erst recht, wenn man von deren Tatsachen unbeleckt ist) vermutet man Überlebenskampf, Leid in der Wildnis, Mensch gegen Natur, Verlust und Opfer. Doch auf sowas setzt „Spuren“ nicht, da röhren zwar mal wilde brünstige Kamelhengste an, der Kompass geht mal verloren oder eine Schlange windet sich über die schlafende Robyn – aber statt Panik gibt’s dann Pragmatismus. Oder einen Schnitt und gar nichts ist passiert. Das ist anders, als man solche Survival Dramen kennt, deswegen natürlich nicht folgerichtig schlechter, es werden immerhin nicht minder bedeutende (spirituelle) Narben und Male hinterlassen, der gleichströmige Fluss des Films trägt wohl aber dazu bei, dass „Spuren“ sich ab der Mitte etwa zu ziehen beginnt. In einige Shots und ihre Komposition ist Regisseur Curran mit seiner Kamerafrau Mandy Walker außerdem so verliebt, dass er wieder und wieder darauf zurückgreift und auch wenn dabei die Landschaft variiert nutzt sich das irgendwann zwangsläufig ab, Australien zum drölfzehnten Mal per isometrischem Schwenk zu betrachten. Eine wunderbare Kulisse und eine schöne Geschichte bleibt’s trotzdem.

Wertung & Fazit

Action: 0/5
Kein Kriterium, nichtmal die „Angriffe“ wild gewordener Kamelhengste sind hier in einem Actionsinne zu nennen.
Spannung: 1/5
Kaum mal dramatische Zuspitzung, ein bedachtes Erzähltempo, jedoch ohne zu langweilen.
Anspruch: 2,5/5
Der Existenztrip der Robyn Davidson bleibt ein abstraktes Unterfangen, dessen Psychologie der Film nicht groß nachzuspüren vermag.
Humor: 0/5
Sicherlich ist „Spuren“ alles andere als ein Downer, Humor ist dennoch kein wirkliches Kriterium.
Darsteller: 4,5/5
Mia Wasikowskas One Woman Show ist absolut sehenswert, auch wenn sie öfter und mehr Beistand erhält, als es die Prämisse verspricht.
Regie: 3,5/5
John Curran war bislang nicht gerade für Referenzwerke bekannt, liefert hier aber seine wohl fraglos beste, wenn auch nicht vollständig runde oder gar feherfreie Arbeit ab.
Fazit: 7/10
Nach Flugzeugabsturz mit Volleyball in „Cast Away“ und Ang Lees „Schiffbruch mit Tiger“ nun also Wüstenwanderung mit Kamel: „Spuren“ reiht sich nicht ganz vorne bei solchen Survival Dramen unter Extrembedingungen ein, weil „Survival“ und „extrem“ hier klar hinter der geistgen und seelischen Sinnsuche einer freiwilligen Aussteigerin zurück stehen, der Film diesen Kern jedoch nicht vollends trifft. Trotzdem angenehm unaufgeregter, schöner Film vor tollem Hintergrund und mit starker Hauptdarstellerin.

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