STAR WARS: THE FORCE AWAKENS – Kritik zum SciFi-Abenteuer mit Daisy Ridley und Adam Driver

Die Story

Dreißig Jahre, nachdem die Rebellion den zweiten Todesstern vernichten, den Imperator auslöschen und das Imperium entscheidend zurückschlagen konnte: die Republik herrscht wieder über weite Teile der Galaxis, doch aus den Trümmern des einst übermächtigen Imperiums erhebt sich die Erste Ordnung unter dem finsteren Anführer Snoke. Geleitet von Generälin Leia Organa formiert sich der Widerstand, doch ist es in dieser ungewissen und zunehmend von der dunklen Seite überschatteten Zeit umso schmerzlicher für die Republik, dass der letzte Jedi-Meister Luke Skywalker vor Jahren spurlos verschwand, als sein einstiger Schüler Kylo Ren der dunklen Seite und Snokes Einflüsterungen verfiel. Doch auf dem abgelegenen Wüstenplaneten Jakku ist ein alter Verbündeter der Republik im Besitz einer holographischen Karte, die zu Lukes verborgenem Aufenthaltsort führen soll. Der Widerstandspilot Poe Dameron und sein treuer Droide BB-8 werden nach Jakku entsandt, jedoch von der Ersten Ordnung und Kylo Ren abgefangen. Die Karte allerdings kann im Besitz von BB-8 vor dem Zugriff der dunklen Seite geschützt werden. Der Droide entkommt dem Angriff und trifft auf die junge Schrotthändlerin Rey, die seit ihrer frühen Kindheit auf Jakku festsitzt. Beide zusammen begegnen schließlich dem abtrünnigen Sturmtruppler Finn, der mit den Gräueltaten der Ersten Ordnung nichts mehr zu tun haben will. Rey und Finn beschließen, BB-8 bei seiner Mission zu helfen, die Sternenkarte in den Besitz des Widerstands zu bringen. Doch die Erste Ordnung und Kylo Ren haben ihre Fährte aufgenommen…

Die Filmkritik

Daisy Ridley als Rey und BB-8 in STAR WARS THE FORCE AWAKENS
Original-Trilogie-Nostalgiker versöhnen, Prequel-Verfechter nicht verprellen, Expanded Universe-Ausgeschlossene rumkriegen, eine neue Generation von Kinogängern anlocken und im Idealfall auch noch bisherige Verweigerer vom Ersaufen überzeugen, wenn sie nicht mit ins Boot steigen – J. J. Abrams hätte sich mit einem Megaphon auf den Mond stellen und die Erdbevölkerung zum Weltfrieden brüllen können, die Erfolgsaussichten wären größer gewesen, als mit „Star Wars: The Force Awakens“ sämtliche Nebenquests zu erfüllen, die Disney ihm für das große Revival der Sternensaga nach der milliardenschweren Rechteübernahme mit auf den Weg gegeben hatte. Die Hauptquest, nämlich Asche machen und das Franchise in eine rentable Zukunft führen, erledigte sich mit dem Erwachen der Macht wie von selbst, kommerziell erfolgreichster Film aller Zeiten in den USA, dritterfolgreichster aller Zeiten weltweit – und dennoch erfasste „The Force Awakens“ ein Phänomen, das auch bei der heute verhassten Episode I „The Phantom Menace“ zu beobachten war: im unmittelbaren Rausch waren alle begeistert und mit ein bißchen Abstand und nach zehn weiteren Sichtungen häuften sich die Stimmen der Enttäuschten und Vergrätzten.

Nachdem die Prequels nicht „Star Wars“-Formel genug waren war „The Force Awakens“ auf einmal zu viel „Star Wars“-Formel, der Plot zu bekannt, die Heldin ‘ne Mary Sue, der böse Bube zu sehr Emo Bubi, sowieso alles zu disneyfiziert und aus der Nostalgiekuh abgemolken und den ganz verkalkten war schon im Vorhinein auch noch der Sturmtruppler zu schwarz. Und was haben wir auf Cellurizon bisher zur Diskussion beigetragen? Gar nix. Keine Kritik, keine Meinung, kein Tweet zu „The Force Awakens“, gar nichts. Kurz ins Subjektive übergeschwenkt: ich kam vor zwei Jahren schon direkt nach dem Film mit Enttäuschung aus‘m Kino. Größerer Enttäuschung, als nach irgendeiner der drei Prequel-Episoden. Wo ein instant all time favorite und ganz viel Liebe hätte seien müssen herrschte nur das Geflöte und Georgel von nerdiger und rationaler Gehirnhälfte, ‘ne formulierfähige richtige Meinung zum Film schien nicht möglich und eine Kritik wäre zu der Zeit nichts anderes als ein quengeliger „von Hölzchen auf Stöckchen auf Ästchen auf Bäumchen auf Wäldchen auf Rodung“-Rant über die Dinge geworden, die in „The Force Awakens“ anders und besser hätten sein sollen, damit sie mir mehr gefallen hätten.
John Boyega als Finn und Oscar Isaac als Poe Dameron in STAR WARS THE FORCE AWAKENS
Aber für sowas gibt es Fanatiker-Foren und die unmoderierten Kommentarspalten der sozialen Netzwerke, drum kommt unsere offizielle und höchst brägenprofessionalisierte Kritik zu „Star Wars: The Force Awakens“ eben erst jetzt, viele Sichtungen später und pünktlich zum Kinostart von Rian Johnsons Sequel „The Last Jedi“. Also, „Das Erwachen der Macht“ ist… okay…isch. Alles, was J. J. Abrams‘ Film an eigenerdachten Dingen in den Kontext der Saga implementiert funktioniert gut bis herausragend, alles was der Film hingegen an bekannten Motiven und Formeln wiederholt zieht ihn runter. Ob man es nun mit Watte ummantelt eine Neuaufbereitung für die nächste Generation, ein Soft Reboot oder etwas härter ein Remake nennt, mit Schaum vorm Mund auf inspirationsloses Nachgemache schimpft oder es mit George Lucas hält, laut dem sich die Sage ohnehin wie Poesie reimt (dessen Zitat »You see the echo of where it all is gonna go« umgeschrieben zu »You see the echo of where it all comes from«): am Ende fühlt sich „The Force Awakens“ zu wenig wie die organische Weiterführung einer zusammenhängenden epischen Geschichte an.

Lucas‘ „Star Wars: A New Hope“ ist „Star Wars“, bevor es zur Formel wurde, eine an alten Mythen und Vorbildern angelehnte, aber radikal umgesetzte eigene Vision, an die vor vierzig Jahren kaum jemand glauben wollte. Handlungsprogress und Figurenkonstellation von „The Force Awakens“ jedoch sind an den höchsten Ausschlägen eines »DAS ist „Star Wars“, DAS ist populär bei Fans und DAS gehört damit in den Film«-Balkendiagramms aus vierzig Jahren eigenem Popkulturmythos orientiert, längst ist Strategie und Kalkül geworden, was bei Lucas noch Spontanität und Improvisation war. „The Force Awakens“ ist wie eine Fußballmannschaft mit hochveranlagten Top-Talenten im Sturm, gestandenen und beliebten Stars im Mittelfeld, aber übermüdeten Ü40-Kickern in der Defensive, die nie wieder das Niveau ihrer großen Tage erreichen: vorne wird furios gewirbelt und kombiniert, aus der Mitte weniger spritzig als früher, aber immer noch solide zugeliefert, von hinten heraus hingegen werden höchstens bieder und ohne Esprit die Grundtugenden von damals abgerufen.
Rey, BB-8 und Finn auf der Flucht vor der Ersten Ordnung in STAR WARS THE FORCE AWAKENS
„A New Hope“ stellte 1977 simple, aber dramaturgisch zeitlos effektive Gleichungen auf; drei plus zwei ist fünf, zwei plus sieben ist neun, drei plus drei plus zwei ist acht. „The Force Awakens“ dagegen liefert Eckdaten, von denen er nicht weiß oder aus post-Marketing-Gründen verschweigt, wie er dazu gekommen ist. In der Ur-Trilogie waren die Battlefronten klar, ein von den Zentren der Galaxie bis in die Outer Rim-Territorien allherrschendes oder zumindest einflussstarkes und militärisch hoch überlegendes Imperium gegen eine hoffnungslos unterlegene Rebellion, die am Ende against all odds triumphiert und die Neue Republik ausruft, plain and simple. „The Force Awakens“ unterlässt es nun, die über dreißig Jahre an Handlungslücke mit einem interessanten Hintergrund auszufüttern und stellt die gleichen Parteien unter anderem Namen in den selben Konflikt, ohne für eine geografische und politische Dimension zu sorgen. Die Galaxie scheint an einer einzigen Seitenstraße lang zu laufen und jaaaaahhhaa: politisch! Die Prequel-Trilogie mag keine ganz günstige Origin-Story für Anakin Skywalker/Darth Vader sein und die Senatsdebatten gehören nicht zu den Sternstunden des Sternenkrieges, aber „The Phantom Menace“, „Attack of the Clones“ und „Revenge of the Sith“ setzen ein kraftvolles Mahnmal der Unterwanderung demokratischer Systeme durch ein totalitäres System, entzündet von Intrigen und Zwietracht über etwas so banales wie die Besteuerung einer Handelsroute.

Dem Imperium als vorher einfach feststehende Institution des Bösen fügt die Prequel-Trilogie jede Menge hinzu, und es kann sein, dass der Uprise der Ersten Ordnung und die Gründung eines Widerstandes, obwohl doch die Neue Republik weiterhin herrscht, in Episode 6.5-Comics oder Büchern oder in EAs aktuellem Lootbox- und Mikrotransaktions-Ärgernis „Star Wars: Battlefront II“ oder zumindest in diversen Wookie- und Jedipedia-Artikeln erklärt und detailreich beleuchtet wird – aber für „Star Wars Episode VII“, die Fortführung der Kernsaga, sollte man nicht erst tief ins Expanded Universe abtauchen müssen, um die politische Landschaft klarer einordnen zu können, wenn der Film schon auf die alte Ordnung zurückdreht. Das ist ein Problem, weil es nicht wie homogener Handlungsfortschritt in der galaxy far far away erscheint, seit wir sie zuletzt besucht haben, sondern allein wie das Kalkül, dem neuen und dem nostalgieverbundenem Publikum die gleiche Geschichte nochmal anzudrehen; das ist gewohnt, das ist komfortabel, das geht auf Nummer sicher, niemand muss umdenken, jeder versteht es. Egal, ob es die stringente Entwicklung eines Universums hemmt, das längst zig offizielle und Fanfiction-Autoren, Romane und Geschichten anders und wagemutiger weitergedacht haben.
TIE-Fighter gegen Millenium Falcon in STAR WARS THE FORCE AWAKENS
Die Überlegung dahinter ist allerdings so feige und so wenig Vertrauen in casual Publikum und Fanbase setzend, wie sie aus Studiosicht nachvollziehbar ist: die alten Helden können nicht mehr im Zentrum der Erzählung stehen und wenn man schon das Risiko eingeht, den Zuschauern ganz neue Figuren „zuzumuten“, dann wenigstens in den bequemstmöglichen und erprobtesten Mustern. Was der wohl größte Enttäuschungsquell von „The Force Awakens“ ist, denn gerade die neuen Figuren wären eigentlich gut genug, um „Star Wars“ mit ihren eigenen Geschichten weiterzuschreiben, statt durch die Anschlagpunkte der Formeln gehetzt zu werden. Die Einführung von Heldin Rey etwa ist ein inszenatorisches Meisterstück von Abrams, der ganz ähnlich wie damals Lucas auf prägnante, sprechende Bilder, John Williams‘ Score und nicht auf Infodump setzt, um die Figur in ihrer derzeitigen Position und in ihren Sehnsüchten und Wünschen klar zu machen. Der fordernde und wenig ertragreiche Alltag als Schrottsammlerin in der unwirtlichen und kargen Einöde von Jakku, ihre Isolation und Angst, dort für immer festzusitzen, das Hoffen der Zurückgelassenen, eines Tages wieder abgeholt zu werden und zu den Sternen aufzubrechen – das alles erzählt Abrams vor den gewaltigen Panoramen abgestürzter Sternenzerstörer in stillen, persönlichen Momenten…

…die Rey unmittelbar zu einer Sympathieträgerin machen, mehr noch als den jungen Luke seinerzeit, denn der war anfangs ein crybaby, während Rey sich unter weit härteren Bedingungen durchzuschlagen versteht. Auch der zweite Handlungsstrang um den abtrünnigen Sturmtruppler Finn erweist sich (anfangs…) als tragfähig, bricht mit Gewohntem und gestattet perspektivische Shifts alteingeordneter Sichtweisen auf die kanonenfuttrigen Helmköppe. Mit Finn, Rey, dem Draufgängerpiloten Poe Dameron und Quietschekugel BB-8 fährt „The Force Awakens“ einen absolut überzeugenden Kader neuer Helden auf, lange bevor einer der Altvorderen der Reihe sich die Ehre gibt. In den modernisierten, teils flapsigeren „was geht?!“-Sprachgebrauch der neuen Generation muss man sich allerdings etwas reinhören, Ur-Trilogie und Prequels (und die nicht nur wegen Lucas‘ furchtbarer Romantikdialoge) klangen mehr nach far far away. Mit der „für die gute Sache superwichtiges Kartenmaterial inmitten eines Angriffs in einem Droiden verstauen und den auf einem Wüstenplaneten auf eine abenteueroffene Waise treffen lassen“-Eröffnungsnummer treibt „The Force Awakens“ seinen Plot zwar sofort auf „A New Hope“-Kurs…
Der Oberste Anführer Snoke, Kylo Ren und General Hux in STAR WARS THE FORCE AWAKENS
…aber der Film ist im ersten Akt temporeich und vom ganzen „Star Wars“y-Feeling her passend genug, um diese Parallele (oder in Lucas‘ Worten diesen Reim) nicht als störend zu bemerken. Das Rätsel um Luke Skywalkers Verschwinden, der coole Poe, die großartige Comic Relief-Robos-Ergänzung BB-8, die kieferaufklappende Macht-Demonstration von Kylo Ren, der einen fuckin‘ Blasterschuss mitten in der Luft aufhält – da sitzt und atmet sehr schnell sehr vieles, möglicherweise alles, aber mindestens mehr, als man zu hoffen gewagt hätte. Am wichtigsten: „The Force Awakens“ fühlt sich echt, fühlt sich „Star Wars“ im Sinne der Ur-Trilogie an; die Sets sind von Hand errichtete Bauten und keine CGI-Tapeten und wenn CGI benutzt wird ist es natürlich-unauffällig oder atemberaubend wie im Falle des halb vom Sand verschluckten Sternenzerstörers. Props und Kreaturen sind physisch anwesend und einfallsreich in ihrem Design, Jakku ist zwar ähnlich sandig, aber doch spürbar anders als Tatooine und die Rückkehr zur Spärlichkeit, zur unwirtlichen Kargheit gegenüber den überladenen Pompbildern der Prequels und den Verschlimmbesserungen der Special Editions der alten Trilogie ist visuell genau der Weg, den „Star Wars“ zur Wiedereinführung einschlagen musste.

Saga-typsich zieht der Film zu einer schwungvollen und gut austarierten Ereignisfolge an, bei der die Action den Figuren nicht die Sprache verschlägt (anders als im „Rogue One“-Spin Off), Daisy Ridley und John Boyega versprühen Energie und ansteckende Aufregung angesichts dessen, was um sie herum geschieht, dazu darf eine geliebte alte Schrottmühle unter Reys leichtsinnig-gekonnter (und natürlich unbewusst machtgesteuerter) Piloterie ein paar wahnsinnige Manöver hinlegen und direkt über einer Planetenoberfläche hat man das den Millennium Falcon ja eh noch nie machen sehen, ergo grundsatz-awesome! Der Auftritt von Han Solo und Chewbacca an Bord ihrer heruntergekommenen fliegenden Heimat lässt dann eine ganze Garnison innerer Cheerleader frei, die anschließende Hatz mit fiesen Space-Gangsterbanden (eine davon die „The Raid“-Crew) und noch fieseren Rathtaren durch die Gänge eines Frachtschiffs ist so ein „Star Wars“-typischer Querschlenker, der nichts für den eigentlichen Plot oder die Charaktere leistet, aber mit Excitement von einem Handlungsgleis aufs benötigte nächste übersetzt.
Kylo Ren und die Knights of Ren in STAR WARS THE FORCE AWAKENS
Und dann schleicht es sich ein, das ganz miese Gefühl: mit der Landung auf dem waldigen Planeten Takodana und dem Abstecher in den Mix aus Schloss, Bar und Requisitentempel der schrumpeligen und über tausend Jahre alten Piratin Maz Kanata macht sich das fatale des ausgebliebenen World (weiter) Buildings, der safety first-Narration und des „A New Hope“-Zitierens fortwährend irritierender bemerkbar. Die Plotbeat für Plotbeat-Nachstellung von „The Force Awakens“ macht den Aufhänger der Geschichte, die Jagd auf Informationen über den Aufenthaltsort des verschwundenen Luke Skywalker, zum Nebenereignis des nächsten Auftritts einer weltenvernichtenden Megawaffe: jetzt hängt da halt wieder so ‘n Ballerball, von dessen sicherlich mammutös aufwendigem Bau niemand aber mal irgendwas mitbekommen hat, obwohl das Ding in direkter Linie und Schussdistanz zu den Horten der Republik hängt. Sicher, Domhnall Gleesons speichelleckerischer General Hux hält eine herrlich widerwärtige Nazis in Space-Rede und der große Auftritt der Starkiller Base übertrumpft den Abschuss Alderans durch den ersten Todesstern in Bildgewalt und Dramatik um ein vielfaches – nur die Integration dieses Death Planets in den Film, sein Vorhandensein geschieht so wenig aus einer gut durchdachten und nachvollziehbaren galaktischen Entwicklung zwischen „Return of the Jedi“ und „The Force Awakens“ heraus und so sehr aus einem Mangel an Wagemut und Risiko, dass es dem Film das Becken bricht.

Guckt man die Episoden IV bis VII back to back enden drei von vier Filmen mit dem Angriff einer unterlegenen Flotte auf ein überproportionales, kugelförmiges Massenvernichtungsinstrument. Und nie war das dramaturgisch marginaler als in „The Force Awakens“. Während der zweite Todesstern in „Return of the Jedi“ aus Sicht der imperialen »wir knacken die Rebellion schon«-Arroganz und Vorausplanung noch absolut Sinn hatte (die Idee des parat habens einer derart einschüchternden Präventivwaffe wird mit der Zerstörung der ersten solchen ja nicht grundlegend hinfällig und sonst beschwert man sich meist eher darüber, dass Schurken einen fast perfekten Plan nicht um seine Unzulänglichkeiten bereinigt nochmal durchziehen, bis es eben klappt) und wo der erste Todesstern den gesamten Film über als Hauptbedrohung galt und als Schauplatz eng mit Luke Skywalkers Heldenreise verknüpft wurde, ist die Starkiller Base in ihrer Übertölpelbarkeit keine absolute, sondern eine absolut dürftige Waffe. Beiläufig eingeführt, beiläufig zum Bedrohszenario aufgebaut, beiläufig aus dem All gesprengt, die dritte Kerbe für die Rebellion/den Widerstand im Abschießen von Todessternen/-planeten.
Letzte Umarmung - Carrie Fisher als Leia und Harrison Ford in STAR WARS THE FORCE AWAKENS
Der X-Wing-Angriff auf die Starkiller Base wird so zum langweiligsten und gleichgültigsten Scharmützel in der gesamten „Star Wars“-Historie und man kann argumentieren, dass die ganze Nummer eben nur der Hintergrund für die Wege der Figuren auf und in der Starkiller Base ist, aber die Todessterne waren so viel enger an die Handlung, an die Dringlichkeit des Kampfes der Rebellen gegen das Imperium geknüpft (eine Dringlichkeit, die mit „Rogue One“ ihren eigenen Vorfilm bekam!), da wurde gegen die endgültige Vernichtung und um die Seelen der Protagonisten im Gleichschritt gerungen und in „The Force Awakens“ wird kurz mal Captain Chrome bedroht und Pew Pew gemacht, nur um für das universelle Verständnis von „Star Wars“-Lunatics und -Noobs einen möglichst leicht verständlichen Plot Device für den Anschub des dritten Aktes zu haben. Was überhaupt nicht nötig gewesen wäre, weil es eine kleinere Infiltrationsmission zur Rettung der von Kylo Ren verschleppten Rey ohne großes Space-Geballer um so vieles besser getan hätte. Denn alles andere, das nichts mit der Starkiller Base als aufzuhaltende Zerstörungsapparatur zu tun hat, ist nahezu perfekt inszeniert und komponiert. Ausrufezeichen. Da sitzen jeder Shot, jedes Beleuchtungsdetail, das Framing ist ausgezeichnet (wie sowieso über weite Teile des Films), die Begegnungen sind dynamisch und emotional packend und die Gänsehautmomente können es mit den erinnerungswürdigsten Augenblicken der Saga aufnehmen.

Und das liegt neben der technischen Klasse von Abrams‘ Inszenierung vor allem an einem herausragenden „Schurken“. Von den Einflüsterungen der dunklen Seite über die Schwäche des Lichts und seinem Willen, sich mit seinen außergewöhnlichen Machtfähigkeiten der Dunkelheit zu beweisen, ist Kylo Ren zerrissen, wird verzehrt von Versuchungen beider Extreme und verbirgt sein haderndes, schwaches Selbst hinter der Kälte und Unnahbarkeit einer ehrfurchtgebietenden Maske. Wenn die fällt, so argumentierten viele, könne man Kylo Ren nicht mehr ernst nehmen, weil steckt ja nur ein emotional aufgewühlter Bubi-Schönling mit ausgeprägten Impulssteuerungsproblemen drunter. Guys, you totally missed the point. Erstmal: macht euch mal über Adam Driver schlau. Der ist nicht nur Ex-Marine und steckt euch eh alle ein, der ist auch ein exzellenter Schauspieler, hinter dessen physiognomisch abstrakter Fassade sich unendlich viel Abgrund ausdrückt. Und an dem Punkt fließen Star und Rolle ineinander, denn ein Abgrund muss nicht immer ins Dunkel stürzen, er kann auch ins Licht führen, und diese Schwäche und seine Zweifel will Ren nach Außen verbergen, damit er sie im Innern überwinden kann.
Duell im Schnee - Kylo Ren, Finn und Rey in STAR WARS THE FORCE AWAKENS
Das ist die mutigste, risikoreichste (und siehe da, viele haben‘s nicht kapiert…) und am besten umgesetzte Komponente, die „The Force Awakens“ von „A New Hope“ unterscheidet: der Film ist keine Hero‘s Journey – er ist eine Villain‘s Journey. Und in jeder Regung, mit und ohne Maske, meistert Driver das phantastisch. Die komplexeste und, um noch einen alle Hater triggernden Superlativ nachzuschieben, die am besten gespielte Figur in der gesamten „Star Wars“-Saga. Im Vergleich zu Drivers Schurken in Ausbildung fällt der böse Drahtzieher hinter dem Vorhang in „The Force Awakens“ gewaltig ab: Andy Serkis‘ Oberster Anführer Snoke lässt sich bei seiner Premiere lediglich als übergroßes Hologramm und auffällig schwach getrickstes CGI-Lovechild von Freddy Krueger und Lord Voldemort blicken und genau wie die ohne guten Grund zum orangen Gnom geschrumpfte Lupita Nyong’o als Motion Capture-Performerin für Maz Kanata stößt diese schwache Digitaleffektqualität neben dem praktischen Ansatz des übrigen Film sauer auf.

Neben Driver sind Ridley, Boyega und Oscar Isaac hingegen tolle und charismatische Ergänzungen für den „Star Wars“-Kanon, wie der Film sind ihre Rollen aber in einigen Details irgendwie Off. Boyegas Finn zum Beispiel, sein Leben lang auf Sturmtruppler konditioniert, will nach seinem ersten Kampfeinsatz vom Leben als Sturmtruppler nichts mehr wissen und nicht im Namen der Ersten Ordnung töten – mäht später aber jubelnd seine ehemaligen Gefährten weg, die auch nicht schuldiger als er an der Indoktrination durch die Erste Ordnung sind. Harrison Ford ist von der alten Garde mit der meisten Screentime bedacht und übernimmt den Mentor-Part von Alec Guiness‘ Obi-Wan Kenobi, das Wiedersehen mit Han Solo ist aber eine Mischmascherfahrung: wie schon im vierten „Indiana Jones“ schlüpft der alte Harrison Ford nie ganz in die Rolle des alten Han Solo, sondern ist einem zu sehr als der alte Harrison Ford präsent. Ford hat zwar sichtlich mehr Spaß an seiner Rückkehr zum Schmuggelschlitzohr, als er ihn an vielen anderen Projekten in den letzten fünfzehn Jahren hatte, aber mit der Agilität und Frische ist auch der Zauber von damals leider etwas verflogen.
Duell im Schnee - Kylo Ren gegen Rey in STAR WARS THE FORCE AWAKENS
Den kann „The Force Awakens“ insgesamt nicht wiedererwecken, dafür schwört der Film zu sehr auf das Bedienen von Mechanismen und setzt sich zu wenig dafür ein, ein einleuchtendes und organisches Sequel zu sein. Der Film ist das Gerüst von „A New Hope“ mit teurerem Make Up, traut seinen eigenen Impulsen nicht genug zu, obwohl er aus vielen davon mit die gelungensten Szenen gewinnt. Dazu die aufdringliche Geheimnistuerei: „The Force Awakens“ wirft viele Fragen nur deswegen auf, um zwei Jahre lang Spekulationen über die möglichen Antworten anzufeuern und die Marke im Gespräch zu halten und solche Mätzchen hatte George Lucas nie nötig. Unabhängig, wie die beiden Nachfolger in der Auflösung damit umgehen: der Auftakt der dritten „Star Wars“-Trilogie könnte merklich viel stärker, emotionaler und interessanter sein, wenn er nicht so marketingbewusst vage wäre, um tausend Clickbait-Artikel und -Videos mit Theorien über Reys Eltern und was nicht alles zu füllen. Und das macht etwas enttäuschendes aus einem Film, der großartig hätte sein können, der es in vielen Momenten auch ist, wenn der Fan Service einen wohlig erbeben lässt, wenn die neuen Figuren begeistern, wenn überragend inszenierte Einzelmomente einem den Atem rauben und alle Nerven gekitzelt werden, die „Star Wars“ seit vierzig Jahren zu stimulieren imstande ist.

Wertung & Fazit

Action: 4/5

Ausgewogen und alles gut umgesetzt, die Sequenz mit den Rathtaren ist etwas beliebig und die Luftschlacht um die Starkiller Base zu gleichgültig, dafür entschädigt der Showdown mit einem rau-brutalen Laserschwert-Duell ohne choreographierte Balletteinlagen.

Spannung: 1.5/5

Der Basisplot ist Episode IV, die vielen offenen Fragen machen den Film nicht spannender.

Anspruch: 1/5

Eine tolle, komplexe Schurkenfigur, aber zuviel Wiedergekäue altbekannter Muster und Formeln, die sich in ihrer Wiederholfreudigkeit nicht organisch nachvollziehbar aus der Reihe heraus ergeben.

Humor: 1/5

Angenehme Auflockerung, die meistens auch ins Geschehen passt. Einzig ein paar der lockeren Sprüche einer insgesamt jugendlicheren Sprache geraten etwas arg flappsig, sogar (oder erst recht) aus Han Solos Mund.

Darsteller: 4.5/5

Daisy Ridley überzeugt als klassisch in ein größeres Abenteuer verwickelte Heldin, in der die Macht erwacht, John Boyegas Rolle ist nicht ganz konsequent durchgedacht, aber der Kerl hat Charisma und Schwung, Adam Driver („Paterson“) ist großartig als Kylo Ren.

Regie: 3/5

Abrams durfte „Star Trek“ modernisieren, evolutionieren und im Blockbustergewand neu denken, „Star Wars“ darf er lediglich wiederholen. Das allerdings weitenteils mit dem inszenatorischen Geschick für Big Budget-Epik, das dem J. J. nunmal innewohnt.

Film: 6/10

Herausragende Einzelimpulse wie Adam Drivers großartiger Schurke im Werden, die sympathischen neuen Figuren und Darsteller, die technische Klasse (wenn die auch ihre Aussetzer hat) und Abrams’ handwerkliches Geschick im Heraufbeschwören einiger iconic moments – das rettet „The Force Awakens“ die Wertung. Aber der Film ist kein organisches Sequel der Sternensaga, „The Force Awakens“ ist ein Konzeptfilm, ersonnen, um eine möglichst breite Fanbasis zurück und neu zu gewinnen. Und darin ist er (fast) ärgerlicher als die Prequels…

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