Stars im Portrait: STEVE McQUEEN

Portrait

Ein Leben auf der Überholspur – eine vielverwendete Floskel, um sich dem Gedanken von Rebellentum, Unangepasstheit, oder auch Unvernunft und Rücksichtslosigkeit irgendwie annähern zu können. Ganz so, als wäre sie für Steve McQueen persönlich erdacht worden, denn dermaßen wortwörtlich bestritt kein zweiter Star Karriere und Privatleben mit durchgetretenem Gaspedal. Gegner auf Rennstrecken überholte er dabei ebenso, wie sämtliche Schauspielkollegen seiner Zeit, wurde unter anderem wegen der Vielzahl an höchstselbst durchgeführten Stunts zu einem der magnetisierendsten und kassenträchtigsten Darsteller der 1960er und 70er Jahre und zum Inbegriff der Coolness. Einer von der bequemen oder gar lammfrommen Sorte war McQueen nie, auf sein Mitwirken hätte dennoch kein Produzent oder Regisseur verzichten wollen, denn das, was der King of Cool auf dem Weg zum Ruhm einforderte, gab er mit voller Hingabe an Projekte und Rollen zurück. Und jede Figur, die es verdiente, konnt sich glücklich schätzen, von Steve McQueen gespielt zu werden.

»It took me a long, long time to learn my elbow from a hot rock.« (Vin, Die glorreichen Sieben)
Terrence Steven McQueen wuchs unter recht unbeständigen und problematischen Familienverhältnissen auf. Sein Vater William, als Stunt Pilot tätig, verließ seine alkoholkranke Frau Julia und den gemeinsamen Sohn, als dieser sechs Monate alt war. 1933 brachte die zur Erziehung ihres Kindes unfähige Julia Steve zu seinen Großeltern, die im Zuge der großen Depression zu seinem Großonkel Claude auf dessen Farm in Slater, Missouri zogen. Von einem Dreirrad, das ihm Claude zum vierten Geburtstag schenkte, sagte McQueen später, dass es sein Interesse am Rennfahren geweckt hätte. Seine Mutter nahm ihn später zu sich und ihrem neuen Ehemann, woraufhin McQueen sich einer Jugendgang anschloss, kleinere Verbrechen beging und schließlich wieder bei seinem Großonkel in Slater landete. Dieses Hin und Her vollzog sich ein weiteres Mal, nachdem McQueen gegen seinen nächsten Stiefvater rebellierte, der sich in Gewalttätigkeiten gegenüber ihm und seiner Mutter erging. Im Alter von vierzehn verließ McQueen Claudes Farm endgültig, schloss sich kurzzeitig einem Zirkus an und wurde in Los Angeles, nach der Rückkehr zu Mutter und Stiefvater, von der Polizei wegen Diebstahls verhaftet, Julia übergeben und von ihrem Ehemann verprügelt. Dieser konnte Julia schließlich übereden, McQueen in ein Heim für schwer erziehbare Jungen einweisen zu lassen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten lebte McQueen sich dort gut ein und machte einen deutlichen Reifungsprozess durch. Im Anschluss an den Heimaufenthalt nahm er verschiedenste Jobs an und ging 1947 zum United States Marine Corps. Dort rettete er unter anderem fünf anderen Marines bei einem Einsatz in der Antarktis das Leben und wurde 1950 ehrenhaft entlassen.



»That’s what makes it rough – when they love you.« (Rocky Papasano, Verliebt in einen Fremden)
Zur Schauspielerei kam Steve McQueen 1952. Er studierte in New York am Sanford Meisner’s Neighborhood Playhouse und verdiente sich Geld mit Motorradrennen. Nach einigen Theaterauftritten, seinem Broadway-Debüt A Hatful of Rain (1955) und Komparsenrollen beim Film und Fernsehen erhielt er 1956 eine Rolle in Robert Wise‘ Somebody Up There Likes Me mit Paul Newman. Seine diversen Fernsehauftritte, besonders in The Defender (1957), machten den Manager Hilly Elkins auf McQueen aufmerksam und er wurde für Never Love a Stranger, den Grusel-Klassiker The Blob (beide 1958) und The Great St. Louis Bank Robbery (1959) engagiert. Gesteigerte Aufmerksamkeit brachte ihm der TV-Pilot Trackdown (1958) und die daraus resultierende WildWest-Serie Wanted: Dead or Alive (’58 – ’61). Um seinen Ausstieg aus der Serie zu erzwingen, damit er für John Sturges‘ Western-Meisterwerk Die glorreichen Sieben (1960) vor die Kamera treten konnte, verursachte McQueen mit seiner ersten Ehefrau Neile Adams auf dem Beifahrersitz einen Unfall. Trotz des Streits mit Hauptdarsteller Yul Brynner ob seiner Geltungsbedürftigkeit brachte Die glorreichen Sieben für McQueen den Durchbruch, wobei er neben Brynner auch mit dem deutschen Co-Star Horst Buchholz aneckte, dem er dessen Rolle neidete. Nur zwei von vielen Beispielen, bei denen die Zusammenarbeit mit McQueen als bestenfalls schwierig bezeichnet wurde.

»Yeah, okay… wow.« (Jake Holman, Kanonenboot am Yangtse-Kiang)
Den ihm, besonders seiner eigenen Meinung nach, zustehenden Karrieresprung hatte Steve McQueen hingelegt und auch wenn ihm einige große Rollen aus unterschiedlichen Gründen durch die Lappen gingen (etwa in dem Rat Pack-Gegauner Ocean’s Eleven, 1960; oder Breakfast at Tiffany’s, 1961), landete er mit dem hochkarätigen The Great Escape (1963) seinen nächsten Hit. Für seine Zusage machte er eine ausgedehnte Motorradjagd samt spektakulärem Sprung über eine Absperrung zur Bedingung, wobei er den Großteil der wilden Fahrt selbst bestritt. Spätestens jetzt war das Adjektiv „cool“ gleichzusetzen mit dem Namen McQueen. Mit der romantischen und fünffach Oscar-nominierten Dramödie Love with the Proper Stranger (1963) erweiterte er sein Spektrum und glänzte in einer sensibleren Rolle ebenso, wie zuvor als draufgängerischer Outlaw und Actionheld. Anschließend war er im Spieler-Drama The Cincinnatti Kid, dem Selbstjustiz-Western Nevada Smith und dem Kriegsdrama Kanonenboot am Yangtse-Kiang (alle 1966) zu sehen, für letzteren erhielt er (nach Love with the Proper Stranger) die zweite GoldenGlobe- und erste und einzige Oscar-Nominierung.



»Look, you work your side of the street, and I’ll work mine.« (Frank Bullitt, Bullitt)
Neben seiner unübertrefflichen Coolness und Leinwandpräsenz war Steve McQueen nicht die Art von Schauspieler, dem eine grenzenlose mimische und emotionale Vielfältigkeit zur Verfügung steht. McQueen ging vielmehr mit oft minimalistischer, aber nicht minder nachhaltiger Präzision zu Werke, woraus sich jene Mischung aus Gelassenheit und Konzentration ergibt, für die seine beiden nächsten Filme beispielhaft sind. Das Heist-Movie Thomas Crown ist nicht zu fassen und der Großstadt-Krimi Bullitt (beide 1968) zählen nicht nur cineastisch und darstellerisch zu McQueens Höhepunkten, mit seinem Status als Leading Man setzte er zudem Modetrends, ob als eleganter Gauner Thomas Crown, oder den Rollkragepulli in Kombination mit Sakko reaktivierender Cop Frank Bullitt. Accessoires wie Sonnenbrillen und der 1968er Ford Mustang, den McQueen in Bullitt in einer der besten Verfolgungsjagden der Filmgeschichte durch San Fransisco preschen lässt, wurden zu Verkaufsschlagern. Nach seiner wiederum mit einer GoldenGlobe-Nominierung bedachten Performance in der Romanverfilmung Der Gauner (1969), zollte McQueen seiner Rennsportleidenschaft mit Le Mans (1970) Tribut. Nachdem in den 1960ern ein gemeinsames Formel 1-Projekt mit Regisseur John Sturges gescheitert war, geht es im Film, basierend auf einer Idee McQueens, um das traditionsreiche 24-Stunden-Rennen von Le Mans, an dem er selbst gern teilgenommen hätte, was ihm jedoch nicht gestattet wurde. Beim 12-Stunden-Rennen von Sebring hingegen gewann McQueen gemeinsam mit seinem Teamkollegen Peter Revson in der 3-Liter-Klasse.

»Somestimes you have to say goodbye to the things you know and hello to the things you don’t.« (Boon Hogganbeck, Der Gauner)
Nach Sam Peckinpahs Western-Drama Junior Bonner (1972) ließen sich Neile Adams und McQueen scheiden, doch schon ein Jahr später ehelichte McQueen die Schauspielerin Ali MacGraw, mit der er gemeinsam im Action-Road Movie The Gataway (1972), ebenfalls inszeniert von Peckinpah, zu sehen war. Eine seiner besten Leistungen zeigte er an der Seite von Dustin Hoffman im autobiographischen Gefängnisdrama Papillon (1973), im boomenden Genre des Katastrophen-Thrillers landete er mit Flammendes Inferno (1974) einen weltweiten Hit. McQueen war in dieser Zeit zum bestbezahlten Schauspieler Hollywoods aufgestiegen – und zog sich einige Jahre fast völlig zurück. 1976 hatte er einen kleinen Gastauftritt in Lee Frosts Dixie Dynamite, ehe er ’78 in der Adaption eines norwegischen Theaterstücks, An Enemy of the People, mit Vollbart in ungewohnter Rolle auftrat. Der Scheidung von MacGraw folgten McQueens letzte beiden Filme, der Spätwestern Tom Horn und der Thriller The Hunter (beide 1980), während dessen Dreharbeiten ein Mesotheliom diagnostiziert wurde. Eine Form von Krebs, die Jahrzehnte nach wiederholtem Einatmen von Asbeststaubpartikeln auftritt, in McQueens Fall auf seine Zeit bei der Marine zurückzuführen.



»Hey you basterds, I’m still here.« (Henri Charrière, Papillon)
Im November 1980 in Mexico, zehn Monate nach seiner dritten Hochzeit mit dem Model Barbara Minty, starb Steve McQueen nach einer Operation an einem Herzinfarkt. Als einen der prägendsten und besten Schauspieler seiner Zeit hat man ihn bis heute nicht vergessen. Abgesehen vom unumstößlichen Erbe, das McQueen mit seinen Filmen hinterlassen hat, wird noch immer mit seinem Stil geworden, so etwa in einem 1997er Spot der Firma Ford, der einige Szenen aus Bullitt mit solchen eines neuen Fahrzeugmodelles kombinierte, wodurch der Eindruck entstand, McQueen führe dieses. Doch besonders sind es die tiefen, melancholischen Blicke, die mal bedachten, mal rastlosen Bewegungen McQueens, seine Risikobereitschaft, sein raubeiniger Charme und seine Unangepasstheit, die einem im Gedächtnis bleiben und mit deren Einsatz er zu einem jener ganz seltenen Schauspielern wurde, deren Anwesenheit allein einen Film bereits erlebenswert macht.
Mit Filmen und Leben auf der Überholspur, Ladys and Gentleman, Mr. Steve McQueen…

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