STRANGER THINGS 2: Kritik zur zweiten Staffel der Mystery-Serie mit Winona Ryder & David Harbour (Netflix)

„Stranger Things 2“ – Die Story

Oktober 1984, die Kleinstadt Hawkins im US-Bundesstaat Indiana: knapp ein Jahr ist es her, seit der dreizehnjährige Will Byers aus dem Upside-Down gerettet werden konnte, einer düsteren alternativen Dimension, die parallel zu unserer Welt existiert und in die ihn ein grässliches Monstrum, der Demogorgon, verschleppt hatte. Seitdem versuchen Will, sein älterer Bruder Jonathan und ihre Mutter Joyce, die in dem Elektrofachhändler Bob einen neuen Partner gefunden hat, ihr Leben normal weiterzuführen. Auch im Kreis seiner besten Freude Mike, Lucas und Dustin ist Will um Normalität bemüht, doch wird er fortwährend von Visionen aus dem Upside-Down gequält, die ihm eine neue Bedrohung in Gestalt eines gigantischen, schattenhaften Wesens in den Wolken offenbaren. Unterdessen wird der örtliche Polizeichef Jim Hopper auf seltsame Phänomene aufmerksam, die sich auf den Bauernhöfen von Hawkins ereignen, die rund um jene geheime Regierungsanlage liegen, in der ein Portal zum Upside-Down offensteht…

„Stranger Things 2“ – Die Kritik


Nostalgie-Nerds vom Nordpol bis Neapel nahmen Habachtstellung ein, als sich im vergangenen Jahr beim Streaming-Giganten Netflix das Carpenter-King-Spielberg-80er-Wohligkeits-Destilat „Stranger Things“ ankündigte. Was die acht Episoden der Mystery-Schauer-Show allerdings für eine überwältigend-positive Resonanz nach sich ziehen würden, davon hatten die kreativen Köpfe hinter der Serie, die Duffer-Brüder Matt und Ross, wohl höchstens im Upside-Down zu träumen gewagt. Der kunstfertig gewobene Flickenteppich aus so ziemlich jeder grundlegenden und bedeutenden Idee und erzählerischen Finesse der goldenen 1980er gab in Kombination mit ihren eigenen Einfällen und einer herausragenden Darstellerriege mit dem hochtalentierten Nachwuchs um Finn Wolfhard und Millie Bobby Brown ein liebesvolles und detailverliebtes Gesamtkunstwerk ab. Der Hype und die Erwartungen an die zweite Season schnellten entsprechend in kaum messbare Höhen und der größte Stolperstein für „Stranger Things 2“ hätte es nun sein können, kein „hmmm, joa, könnte ganz nett werden…“-Geheimtipp mehr zu sein, sondern selbst ein ausgewachsenes Popkulturphänomen voller Bedienpflichten.

Die gute Nachricht ohne falsche Fährten und stressige Cliffhanger gleich vorneweg: „Stranger Things 2“ hält das Niveau der ersten Staffel, nutzt gekonnt deren Fundamente für Weiterführungen und Shake-ups und wie in den ersten acht Folgen gelingt es auch in diesen weiteren neun, die eigene Geschichte nicht im Nostalgierausch zu ersaufen. Obwohl gleich die Auftaktfolge „MADMAX“ (deutscher Titel: „MAD MAX“) nach der Titlecard in ihrer ersten Viertelstunde überquillt vor 80s-Referenzen: in der Arcade-Halle versuchen die Jungs „Dragon‘s Lair“ zu knacken, im örtlichen Kino ist genau einen Tag vor Handlungsbeginn James Camerons „The Terminator“ angelaufen, aus dem Autoradio des ganzkörperjeansgewandeten Vokuhila-Bully-Beaus Dacre Montgomery plärrt „Rock You Like a Hurricane“ von den Scorpions, auftoupierte Haarspray-Tonsuren bestimmen die Kopfmode der Jugend und zig weitere aktive wie passive Kleinigkeiten ergänzen das Diorama.

Hyperbewusst bis in der Spitze eng mit eigenparodistischen Zügen kokettierend ist das und die crowd awareness der Macher erreicht Höchstwerte, wenn zum Beispiel die zweite Folge „Trick or Treat, Freak“ (dt.: „Süßes oder Saures, Freak“) auf Ray Parker Jr.‘s „Ghostbusters“-Theme endet. Das mag manchem endgültig zu viel Anbiedern an die Kultisten der Achtziger sein, aber es zeigt doch vor allem, wie gut die Duffers neben ihrem Publikum den Geist ihrer Figuren verstehen: gerade die offensivsten Referenzen reflektieren auf ganz natürliche Weise wunderbar die Erlebniswelt der Kinder, die begeisterungsfähigen Ursprünge einer bis ins Erwachsenenalter andauernden Verehrung für die Einflüsse der Popkultur, die in „Stranger Things“ präsent ist wie Product Placement in einem 200-Millionen-Blockbuster. Das mag dem U20-Nostalgie-Noob nur einen müden Blick vom Smartphone weg entlocken und narrativ weder von Nöten, noch unbedingt hilfreich in Relation zum reinen Erzählen der eigenen Geschichte sein, aber: die Duffers geraten nur ganz selten ins Trudeln und Flattern auf einem ansonsten herrlichen Gleitflug durch Erinnerungen und Unschuld, durch das Suchen, Finden und Formen von Identität in Film und Musik und den eskapistischen Wert des Fiktivem, das vor unseren Augen, in unseren Ohren beginnt und im Herzen vor Anker geht.

Dieses Empfinden für eine Welt der Heranwachsenden, in der Songtexte und aus Filmen gezogene Botschaften mehr geben können, als eine elterliche Perspektive, die auch in „Stranger Things 2“ wieder ahnungslos und selbstvergessen neben dem Erleben der Kinder, so jenseits ihrer Welt wie das Upside-Down, stattfindet. Das eint Protagonisten und Publikum in einem einvernehmlichen Bündnis, eine der Stärken der Serie. In anfangs stetig-gemäßigtem Erzählfluss entwickeln die Duffers und ihre Crew aus Regisseuren und Autoren die Figuren konsequent und nachvollziehbar weiter, mehr noch: sie arrangieren in den beiden Auftaktepisoden alles mit der Präzision eines zur Perfektion getriezten musikalischen Wunderkindes. „Stranger Things 2“ hat keinen Misston, jeder Charakter des nochmals vergrößerten Ensembles seine Stimme und die Macher sprechen und verstehen ihre Sprache, sei es die der Kids, der älteren Geschwister oder die des grummelig-entschlossenen Polizeichefs Hopper. Alles strebt zu Beginn nach Rückkehr zur Normalität in Hawkins, Panik-Mom Joyce Byers datet mit Bob dem Elektrofachhändler den langweiligsten Normalo der ganzen Stadt, Mikes Schwester Nancy und Freund Steve versichern sich ihre Liebe, Dustin und Lucas albern rum…

Doch hinter all dem rumort etwas, Geheimnisse liegen verborgen und Gefühle wallen auf, die weniges unumstößlich verankert lassen, was die erste Staffel an komplexen Geflechten gesponnen hat. „Stranger Things 2“ nimmt sich den Raum, um Konstellationen bekannter und neuer Charaktere mit aller Sorgfalt und sensibler Hand auf teils überraschende Weise an- und umzuordnen. Alles darf seinen Platz finden, der mal nur Millimeter vom Bekannten abrückt, mal Fundamente umstürzt. Drum ist auf der Storyebene nicht unmittelbar Zug drin, die Bedrohung aus dem Upside-Down ist noch da, hat es erstmal aber lediglich auf Agrarerzeugnisse und Will(s Verstand) abgesehen. Es bricht nicht gleich die große Dringlichkeit aus, mit der die erste Season startete und am Ende ihrer dritten Folge zu Peter Gabriels Cover der David Bowie-Hymne „Heroes“ einen emotionalen Punch setzte, den „Stranger Things 2“ während der ganzen Staffel zumindest in dieser Form nicht erreicht. Dafür ist deutlich mehr Witz drin, eine leichtfüßig-unverschämte Spritzigkeit, die vor allem von Gaten Matarazzo als inzwischen bezahntem Lockenkopf Dustin und seiner Bengeligkeit hochgefahren wird. So geht liebenswert-lustiger Comic Relief.

Mit dem Cliffhanger am Ende der dritten Episode „The Pollywog“ (dt.: „Die Kaulquappe“) und ab Folge Vier „Will the Wise“ (dt.: „Will, der Weise“) ziehen Spannung und Dramatik, Ekelszenen und Nervscratcher aber enorm an, die Schlingen sind ausgelegt, ab jetzt wird zugezogen. Gönnte sich die erste Staffel in den mittleren Episoden noch ein paar Hänger ist „Stranger Things 2“ im Mittelteil am intensivsten. Bei einem hochhaushohen Monster lovecraft‘scher Proportionen stellte sich im Vorhinein natürlich die Frage, wie vier radelnde Jungs, ein Kleindstadt-Cop und eine huschige Mutter ein solches Ungetüm bekämpfen sollen, doch die Duffers bedienen sich diesmal eine Kategorie düsterer im Fundus der SciFi-/Horror-Vorlagen und finden mit Besetzten- und Besessenen-Psycho-und-Body-Horror nach Vorbild von „Body Snatchers“, „The Thing“, „Evil Dead“, „The Fly“ oder „The Exorcist“ eine zufriedenstellende Lösung. Obwohl‘s schon schade ist, dass die Auftritte der im Verlauf der Staffel Mind Flayer getauften Kreatur so spärlich ausfallen, denn innerhalb der ersten drei Folgen sind sie die schauer-atmosphärischen Highlights.

Andererseits: jener Atmosphäre kommt jeder Pixel eingesparter Computer Generated Imagery eher zugute. „Stranger Things 2“ weist einen nochmals gesteigerten Produktionsaufwand auf und sieht bei Sets, Ausstattung und Kostümen phantastisch aus, dazu ist das Upside-Down visuell herausragend umgesetzt, auf die Creature Effekte hingegen trifft das nicht immer zu. Es ist im negativen Sinne bemerkenswert, dass eine so rückwärts gewandte Serie sogar dann nicht auf praktische Effekte setzt, wenn es die eindeutig vorteilhaftere Lösung für die Glaubwürdigkeit des Shots wäre und die Illusion kippt ein Stück in einigen „Aliens“-inspirierten Sequenzen der letzten paar Folgen. Da das Ziel im Vergleich zur ersten Staffel schwammiger formuliert und weniger emotional klar ist, bleibt der finale Episodendreier von „Stranger Things 2“ leicht hinter der Vorgäner-Season zurück, wobei Folge Sieben, „The Lost Sister“ (dt.: „Die verlorene Schwester“) am ehesten die Ausfall-Episode der Staffel ist: die schlägt einen unerwarteten Weg ein, bricht stark mit der Stimmung der übrigen Folgen und ist mit ihrem „Near Dark“-Vibe trotz starker Momente und ihrer Bedeutung für eine der zentralen Figuren das schwächste Glied der neungliedirgen Perlensammlung, auch ihrer ungünstigen Positionierung wegen.

Die achte Folge „The Mind Flayer“ (dt.: „Der Gedankenschinder“) und das Staffelfinale „The Gate“ (dt.: „Das Tor“) drehen dafür alle Hähne auf, bieten Spannung (mit ein paar Vorhersehbarkeiten) und Emotionen bis zu einem verdienten und wunderschönen Finish, das auf einen gänsehauterregenden Cliffhanger endet. Und das war „Stranger Things 2“ und es war wieder großartig. Einiges an Repetition zwar (das Haus der Byers wird erneut zum Schauplatz kreativer innenarchitektonischer Umgestaltung), kein so umwerfend für Suspense sorgender Einfall wie die Lichterkettenkommunikation und die Arcs sind durchweg weniger gewichtig, weniger mit- und herzzerreißend als in der Vorgängerstaffel, aber die Serie ist dennoch ein energiestrotzendes Vergnügen wohligen Gruselns voller feinfühliger Charaktermomente und drastischer Szenen, mit einer perfekt implementierten Mystery-Komponente und obendrauf der Synthie-Score und die tausendundzwei Referenzen. Herrlich zum Beispiel die will they/won‘t-they-Montage aus „Indiana Jones and the Temple of Doom“ in Episode Sechs, „The Spy“ (dt.: „Der Spion“) oder Lucas’ „Karate Kind“-Entrance in „The Pollywog“, Haarspray-Kunde mit Steve und Dustin, usw… Und die Darsteller sind natürlich wie gehabt ganz vorzüglich, so viel Leben, so viel Leidenschaft und Hingabe, wie hier jeder einzelne seiner Figur einhaucht. Noah Schnapp, der fast die komplette erste Staffel abwesend im Upside-Down verbracht hat, sticht in „Stranger Things 2“ heraus, Millie Bobby Brown wird irgendwann alle Filmpreise gewinnen, aber man dürfte eigentlich niemanden unerwähnt lassen, denn die Ensembleleistung ist einsame Klasse. Staffel Drei kann kommen. Am besten gestern.

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